{"id":157590,"date":"2026-10-15T13:00:18","date_gmt":"2026-10-15T11:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157590"},"modified":"2026-10-15T14:55:23","modified_gmt":"2026-10-15T12:55:23","slug":"ich-glaube-ich-hatte-nach-reue-gesucht-ein-arzt-aus-gaza-ueber-den-israelischen-film-naza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157590","title":{"rendered":"\u201eIch glaube, ich hatte nach Reue gesucht\u201c \u2013 Ein Arzt aus Gaza \u00fcber den israelischen Film \u201eNAZA\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Was geht in Menschen vor, die Zivilisten t&ouml;ten und anschlie&szlig;end einfach in ihren Alltag zur&uuml;ckkehren? Diese Frage besch&auml;ftigte den pal&auml;stinensischen Arzt Dr. <strong>Ezzideen Shehab<\/strong>, als er den israelischen Dokumentarfilm &bdquo;NAZA&ldquo; sah, in dem Angeh&ouml;rige des israelischen Milit&auml;r- und Geheimdienstapparats &uuml;ber ihre Taten in Gaza berichten. Seine ersch&uuml;tternde Reaktion auf den Film ver&ouml;ffentlichen wir hier in deutscher &Uuml;bersetzung. Von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 13. Oktober ver&ouml;ffentlichte der pal&auml;stinensische Arzt und Schriftsteller aus Gaza, Dr. Ezzideen Shehab, einen <a href=\"https:\/\/x.com\/ezzingaza\/status\/2110084346015015273\">Text auf <em>X<\/em><\/a> &uuml;ber seine Reaktionen als Pal&auml;stinenser auf den <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/529784.festivalfilm-gaza-dokumentation-feiert-weltpremiere-in-venedig.html\">Dokumentarfilm &bdquo;NAZA&ldquo;<\/a>. W&auml;hrend des Krieges arbeitete Dr. Shebab als Notarzt in Krankenh&auml;usern im Norden von Gaza und gr&uuml;ndete die Al-Rahma-Klinik, die Zivilisten kostenlos medizinisch versorgt.<\/p><p>Die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor beleuchten in &bdquo;NAZA&ldquo; die Mechanismen und Menschen hinter den israelischen Luftangriffen und dem T&ouml;ten von Zivilisten im Gazastreifen. Die Regisseure zeigen dazu anonymisierte Interviews mit 24 israelischen Geheimdienstmitarbeitern, in denen diese Einblicke in ihre Operationen geben.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/261014-NAZA-Bild-1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\n<small>Quelle: Screenshot Youtube<\/small><\/div><p>Der israelische Pr&auml;sident Benjamin Netanjahu fordert inzwischen die Strafverfolgung der Interviewten in Israel &ndash; nicht wegen der dort geschilderten Kriegsverbrechen, sondern weil diese durch ihre Zeugenaussagen &bdquo;Israels diplomatischen und sicherheitspolitischen Interessen&ldquo; geschadet h&auml;tten. Der Film hat in Israel f&uuml;r einen gro&szlig;en Skandal gesorgt, und auch au&szlig;erhalb Israels schlug und schl&auml;gt er gro&szlig;e Wellen. Die Reaktion von Dr. Shebab aus pal&auml;stinensischer Sicht auf den Film fand sehr gro&szlig;e Resonanz und wurde bis Redaktionsschluss bereits fast 300.000-mal auf <em>X<\/em> angesehen.<\/p><p>Wir ver&ouml;ffentlichen seinen Text hier in der deutschen &Uuml;bersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors:<\/p><p><strong>Gestern habe ich mir NAZA angesehen<\/strong><\/p><p>1\/<\/p><p>Gestern habe ich mir den Film &bdquo;Naza&ldquo; angesehen. Ich habe ihn mir nicht angesehen, um zu erfahren, was in Gaza geschehen ist.<\/p><p>Ich komme von dort. Ich bin eines der Opfer dieses Krieges, einer seiner Zeugen und einer derjenigen, die einen Preis gezahlt haben, der nicht enden wird, auch wenn der Krieg selbst endet.<\/p><p>Ich brauchte keinen Film, der mir erz&auml;hlte, wie ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht wurden, wie Wohnh&auml;user bombardiert wurden, w&auml;hrend sich die Menschen noch darin befanden, oder wie Familien gezwungen wurden, ihre H&auml;user zu verlassen, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollten.<\/p><p>Ebenso wenig brauchte ich jemanden, der mir von der Hungersnot erz&auml;hlte. Ich habe sie zweimal durchlebt, mit all ihren Dem&uuml;tigungen, bis ins kleinste Detail.<\/p><p>Oder von den hungernden Menschen, die get&ouml;tet wurden, als sie versuchten, die absurd als &bdquo;Lebensmittelausgabestellen&ldquo; bezeichneten Orte zu erreichen.<\/p><p>Ich wei&szlig; das alles. Ich war dort.<\/p><p>2\/<\/p><p>Ich ging mit einer anderen Frage im Kopf dorthin.<\/p><p>Wie k&ouml;nnen Menschen, die die Erinnerung an den Holocaust geerbt haben, so viele M&ouml;glichkeiten finden, um Gr&auml;ueltaten gegen ein anderes Volk zu rechtfertigen?<\/p><p>Wie kann jemand, der die Erinnerung daran geerbt hat, ein Opfer zu sein, dazu kommen, die Taten derer zu verteidigen, die Leid zuf&uuml;gen?<\/p><p>Empfinden sie jemals echte Reue? Verstehen sie, was sie getan haben? Sch&auml;men sie sich, wenn sie dar&uuml;ber sprechen?<\/p><p>Und wenn ich eines Tages einem von ihnen begegnen w&uuml;rde, w&uuml;rde er es wagen, mir in die Augen zu schauen?<\/p><p>Wie k&ouml;nnen sie nachts schlafen?<\/p><p>Wie schafft es ein Mensch, sein Gewissen so vollst&auml;ndig zum Schweigen zu bringen? Und genau deshalb ist der Film f&uuml;r mich so wichtig.<\/p><p>Die Welt h&ouml;rt schon seit Langem die Aussagen pal&auml;stinensischer Augenzeugen. Ich selbst habe einen Gro&szlig;teil dieses Krieges damit verbracht, den Menschen zu erz&auml;hlen, was ich miterlebt habe. Doch dieses Mal h&ouml;ren wir Menschen zu, die Teil des Milit&auml;rsystems selbst waren. Sie sprechen &uuml;ber ihre Entscheidungen, ihre Handlungen und die Art und Weise, wie sie unser Leben und unseren Tod betrachtet haben.<\/p><p>Deshalb stimme ich denen nicht zu, die den Film daf&uuml;r kritisieren, dass er israelischen Stimmen mehr Raum gibt als pal&auml;stinensischen.<\/p><p>Ich brauche keinen israelischen Soldaten, der mir sagt, dass das, was ich durchlebt habe, real war. Ich wei&szlig;, dass es real war. Ich war dabei.<\/p><p>Aber ich m&ouml;chte h&ouml;ren, wie er erkl&auml;rt, was er getan hat. Ich m&ouml;chte verstehen, wie er es schafft, es vor sich selbst zu rechtfertigen.<\/p><p>Die Aussage des T&auml;ters wird nicht wichtiger als die des Opfers, nur weil sie von ihm stammt. Aber sie kann etwas offenbaren, was das Opfer niemals h&auml;tte sehen k&ouml;nnen: Was auf der anderen Seite geschah, w&auml;hrend wir versuchten, am Leben zu bleiben.<\/p><p>3\/<\/p><p>Seit ich den Gazastreifen verlassen habe, versuche ich, mit den Erinnerungen zu leben, die ich von dort mitgenommen habe.<\/p><p>Ich versuche, ein normales Leben zu f&uuml;hren. Ich versuche, zu lernen, wie ich schlafen kann, ohne im Geiste dorthin zur&uuml;ckzukehren, wie ich unter Menschen sitzen kann, ohne die Gesichter derer zu sehen, die nicht mehr da sind, oder die Orte, die es nicht mehr gibt.<\/p><p>Doch w&auml;hrend ich den Film sah, wurde mir klar, wie sehr ich mich get&auml;uscht hatte, zu glauben, dass das Verlassen von Gaza bedeuten k&ouml;nnte, diese Erinnerungen hinter mir zu lassen.<\/p><p>Im Dezember 2023 befahl uns die israelische Armee, das Gebiet, in dem wir uns aufhielten, zu r&auml;umen. Es war nicht einfach nur eine Nachricht oder eine Warnung.<\/p><p>Granaten schlugen in die W&auml;nde unseres Hauses ein. Dann fielen sie auf die Stra&szlig;e vor uns, als meine Mutter und ich versuchten zu fliehen.<\/p><p>Wir wussten, dass wir gehen mussten. Was wir nicht wussten, war, wohin wir gehen konnten.<\/p><p>Die Armee schien &uuml;berall zu sein. Es gab keinen sicheren Weg und niemanden, der uns sagte, wohin wir uns wenden konnten.<\/p><p>Wir begannen zu rennen.<\/p><p>Alle paar Meter schlugen Kugeln in die Wand vor uns ein, und uns wurde klar, dass wir nicht weitergehen durften.<\/p><p>Wir lernten anhand der Kugeln, die auf uns abgefeuert wurden, wo wir gehen durften.<\/p><p>Niemand erkl&auml;rte uns etwas. Es gab keine Schilder, keine auf den Boden gezeichneten Linien. Wir mussten es schnell begreifen, denn ein einziger Fehler h&auml;tte uns das Leben kosten k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Erinnerung an jenen Tag kam so klar zur&uuml;ck, als einer der Soldaten im Film sagte, dass kein Tag verging, an dem nicht jemand get&ouml;tet wurde.<\/p><p>Er sprach von einer vereinbarten &bdquo;imagin&auml;ren Linie&ldquo;. Jeder der sie &uuml;berschritt, w&uuml;rde get&ouml;tet werden.<\/p><p>Yuval Abraham fragte ihn, woher die Menschen denn wissen sollten, wo diese Linie verlief.<\/p><p>Er antwortete, dass sie es &bdquo;auf die harte Tour lernen&ldquo;. Dass sie es durch Blut lernen mussten.<\/p><p>4\/ <\/p><p>Durch Blut!<\/p><p>Diese Worte blieben mir im Ged&auml;chtnis. Denn genau das war die Sprache, in der man zu uns gesprochen hatte.<\/p><p>Zum ersten Mal verstand ich aus der Perspektive der anderen Seite, was an jenem Tag mit uns geschehen war.<\/p><p>Wir waren durch die Stra&szlig;en gerannt und hatten versucht, unser Leben zu retten, w&auml;hrend es irgendwo Menschen gab, die glaubten, auf uns zu schie&szlig;en sei ein v&ouml;llig akzeptabler Weg, uns beizubringen, wo wir uns aufhalten durften.<\/p><p>F&uuml;r ihn war es eine imagin&auml;re Sicherheitslinie. F&uuml;r uns war es der Unterschied zwischen Leben und Tod, zwischen einen weiteren Schritt gehen und nie wieder einen gehen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Dann sprach derselbe Soldat von 140 Menschen, die get&ouml;tet worden waren. Er sagte, es seien allesamt Zivilisten gewesen.<\/p><p>Der Filmemacher fragte ihn erneut, fast so, als k&ouml;nne er nicht glauben, was er geh&ouml;rt hatte. Hatte keiner von ihnen eine Waffe bei sich gehabt?<\/p><p>Nein, antwortete der Soldat. Keiner von ihnen sei bewaffnet gewesen. Einhundertvierzig Menschen.<\/p><p>Ich musste immer wieder daran denken, wie oft wir nach einem Bombenangriff geh&ouml;rt hatten, dass die Armee eine &bdquo;Bedrohung&ldquo;, einen &bdquo;Verd&auml;chtigen&ldquo; oder ein &bdquo;Operationsgebiet&ldquo; ins Visier genommen habe.<\/p><p>Wie viele Menschen k&ouml;nnen hinter solchen Worten verschwinden?<\/p><p>Wie viele Leben k&ouml;nnen so dargestellt werden, als w&auml;ren sie nichts? <\/p><p>Dann kam die Geschichte von dem Kind. Der Soldat sagte, sie h&auml;tten durch ihre Kameras ein Kind gesehen, das in das verbotene Gebiet ging.<\/p><p>Sie wussten nicht, warum er dorthin gegangen war. Er tat nichts. Er war einfach nur da.<\/p><p>Und so erschossen sie ihn.<\/p><p>Ein Kind wurde get&ouml;tet, weil es nicht wusste, dass bewaffnete M&auml;nner eine imagin&auml;re Linie gezogen hatten und beschlossen hatten, dass jeder, der sie &uuml;berschritt, den Tod verdiente.<\/p><p>Er wurde nicht wegen etwas get&ouml;tet, das er getan hatte. Er wurde wegen etwas get&ouml;tet, von dem er nichts wusste.<\/p><p>Seit ich den Film gesehen habe, denke ich &uuml;ber dieses Kind nach.<\/p><p>Suchte er nach seinen Eltern? Hatte er sich verlaufen? Versuchte er, sein Zuhause zu finden? Wusste er &uuml;berhaupt, dass ihn jemand beobachtete, dass irgendwo jemand sein Leben mit einem Knopfdruck beenden konnte?<\/p><p>Keiner wei&szlig; das.<\/p><p>Aber ich kenne die Kinder von Gaza. Ich wei&szlig;, wie sie zwischen den Tr&uuml;mmern der H&auml;user umhergehen, auf der Suche nach Wasser, nach Essen oder nach jemandem, den sie verloren haben.<\/p><p>Und wenn ich daran denke, dass ein Kind get&ouml;tet wird, nur weil es zuf&auml;llig am falschen Ort war, finde ich daf&uuml;r kein anderes Wort als Barbarei.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/261014-NAZA-Bild-2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\n<small>Quelle: Screenshot Youtube<\/small><\/div><p>5\/ <\/p><p>Dann fragte Yuval nach den Leichen.<\/p><p>Die Leichen der Zivilisten, die in diesen Gebieten get&ouml;tet worden waren. Die Leichen von Menschen, die nicht gewusst hatten, wo die Stra&szlig;e, auf der sie gehen durften, zu Ende war.<\/p><p>Der Soldat schwieg einen Moment lang. Dann sagte er, dass Hunde sie gefressen h&auml;tten.<\/p><p>Er erkl&auml;rte, dass er es selbst nicht mit ansehen konnte, aber andere, die mit ihm dort gewesen waren, h&auml;tten gesehen, wie die Hunde die Leichen fra&szlig;en.<\/p><p>Der Filmemacher fragte, ob er nicht etwas h&auml;tte sagen k&ouml;nnen. Der Soldat antwortete, dass dies nicht seine Aufgabe sei.<\/p><p>Seine Verantwortung sei rein technischer Natur. Er sollte keine moralische Meinung &auml;u&szlig;ern.<\/p><p>Stellt euch das vor.<\/p><p>Zu wissen, dass Menschen get&ouml;tet werden, dass ihre Leichen den Hunden zum Fra&szlig; &uuml;berlassen werden, und zu glauben, dass der Einwand gegen so etwas au&szlig;erhalb der eigenen beruflichen Pflichten liege.<\/p><p>Ich konnte nicht aufh&ouml;ren, &uuml;ber seine Antwort nachzudenken.<\/p><p>Seit wann braucht ein Mensch die Erlaubnis seines Vorgesetzten, um ein Gewissen zu haben?<\/p><p>Ich dachte an die N&uuml;rnberger Prozesse und an die Worte, die die Welt nach den Verbrechen der Nazis h&ouml;rte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben nur Befehle befolgt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Worte reichten nicht aus, um die Menschen, die sie aussprachen, von ihrer Verantwortung zu entbinden. Und doch h&ouml;ren wir jetzt etwas noch Kaltbl&uuml;tigeres.<\/p><p>Ich bin f&uuml;r die technische Seite zust&auml;ndig. Die moralische Seite ist nicht meine Aufgabe.<\/p><p>Als ob ein Verbrechen dadurch weniger schwerwiegend wird, wenn es in kleinere Aufgaben aufgeteilt wird.<\/p><p>Einer beobachtet. Ein anderer w&auml;hlt das Ziel aus. Ein Dritter erteilt die Erlaubnis. Ein Vierter dr&uuml;ckt den Knopf. Und am Ende stirbt jemand.<\/p><p>Dann geht jeder von ihnen nach Hause, vielleicht in dem Glauben, nichts weiter getan zu haben als den kleinen Teil, um den er gebeten wurde. Aber der Mensch ist immer noch tot.<\/p><p>Und ich kann nicht umhin, mich zu fragen: Wer ist dann f&uuml;r seinen Tod verantwortlich?<\/p><p>6\/ <\/p><p>Es gab noch etwas anderes, das ich in ihren Zeugenaussagen zu finden gehofft hatte. Ich wollte wissen, was danach in ihnen vorgegangen war.<\/p><p>Haben sie an die Menschen gedacht, die sie get&ouml;tet hatten? Sind ihnen deren Gesichter jemals wieder in den Sinn gekommen? Haben sie diese Erinnerungen in ihren Alltag mitgenommen? Hatte sich irgendetwas in ihnen ver&auml;ndert?<\/p><p>Einer der Soldaten sagte, er habe einmal Polen besucht und sich gefragt, wie die deutsche Gesellschaft es geschafft habe, nach all dem, was sie getan hatte, weiterzuleben.<\/p><p>Sp&auml;ter, so sagte er, habe er entdeckt, wie einfach das sein k&ouml;nne.<\/p><p>Man k&ouml;nne einen Ort bombardieren und sich dann noch am selben Abend wieder Gedanken &uuml;ber eine private Verabredung machen.<\/p><p>Ein anderer sagte etwas, das ich wohl nie vergessen werde: &bdquo;Ich habe das Geb&auml;ude zum Einsturz gebracht und bin dann am selben Abend mit meinen Freunden auf ein Bier gegangen.&ldquo;<\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, wie ich in Worte fassen soll, was ich empfand, als ich ihn das sagen h&ouml;rte.<\/p><p>Ich habe noch nicht gelernt, auch nur eine einzige Nacht durchzuschlafen, ohne in Gedanken zum Krieg zur&uuml;ckzukehren. Und da sa&szlig; er und sprach davon, ein Wohnhaus zum Einsturz gebracht zu haben und anschlie&szlig;end einen ganz normalen Abend mit seinen Freunden zu verbringen.<\/p><p>Als w&auml;re nichts geschehen. Als w&auml;re niemand dort gewesen.<\/p><p>7\/ <\/p><p>Und pl&ouml;tzlich kam mir ein Gedanke, den ich nicht mehr loswerden konnte. K&ouml;nnte das Geb&auml;ude, von dem er sprach, das Haus meiner Familie gewesen sein?<\/p><p>Das Haus, das am 12. Oktober 2023 bombardiert wurde und in dem 42 Mitglieder meiner Familie ums Leben kamen?<\/p><p>K&ouml;nnte es sein, dass, w&auml;hrend wir unter den Tr&uuml;mmern nach unseren Angeh&ouml;rigen suchten, w&auml;hrend wir um die Verstorbenen weinten, derjenige, der sie get&ouml;tet hatte, irgendwo sa&szlig; und mit seinen Freunden Bier trank?<\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, wer das Haus meiner Familie bombardiert hat. Ich wei&szlig; nicht, was er danach getan hat. Aber der Gedanke, dass dies m&ouml;glich gewesen sein k&ouml;nnte, bereitete mir &Uuml;belkeit.<\/p><p>Hat er auch nur einen Moment lang dar&uuml;ber nachgedacht, was er hinterlassen hatte? Hat er sich jemals vorgestellt, dass es Familien gibt, die den Rest ihres Lebens damit verbringen w&uuml;rden, mit dem zu leben, was er in wenigen Minuten angerichtet hatte?<\/p><p>Meine Gro&szlig;mutter war in diesem Haus. Ebenso meine Onkel v&auml;terlicher- und m&uuml;tterlicherseits, ihre S&ouml;hne und T&ouml;chter sowie deren Kinder.<\/p><p>Es waren Menschen, die ich kannte. Menschen, die ich liebte. Menschen, mit denen ich Jahre meines Lebens verbracht hatte.<\/p><p>Ich erinnere mich noch immer an ihre Stimmen und ihre Gesichter. Ich erinnere mich an die kleinen Dinge, an die allt&auml;glichen Momente, die wir gemeinsam erlebt haben, an die Details, die f&uuml;r andere vielleicht nichts bedeuten, die ich aber nicht vergessen kann.<\/p><p>F&uuml;r denjenigen, der das Haus bombardiert hat, war es vielleicht einfach nur ein weiteres Geb&auml;ude, das zerst&ouml;rt wurde. Ein weiterer erfolgreich abgeschlossener Einsatz.<\/p><p>Aber f&uuml;r mich endete mit diesem Haus ein Teil meines Lebens.<\/p><p>Drei Jahre sind vergangen, und dennoch kehre ich immer wieder zu diesem Tag zur&uuml;ck. Noch immer versuche ich, zu lernen, mit ihrer Abwesenheit zu leben.<\/p><p>8\/ <\/p><p>Doch was mich noch w&uuml;tender machte als die Tatsache, dass sie zu ihrem normalen Leben zur&uuml;ckkehren konnten, war etwas anderes.<\/p><p>Einige von ihnen sprachen vom T&ouml;ten nicht als etwas, zu dem sie gezwungen worden waren. Sie sprachen davon als etwas, das ihnen Freude bereitete.<\/p><p>Einer der Teilnehmer sagte, dass Soldaten davon sprachen, wie viel Freude es ihnen machte, wenn es zu einer Eskalation kam. Dass es &bdquo;Spa&szlig;, richtigen Spa&szlig;&ldquo; machte.<\/p><p>Ich habe lange &uuml;ber diese Worte nachgedacht. Ich habe w&auml;hrend meiner Arbeit in den Krankenh&auml;usern von Gaza genug Tod gesehen. Ich habe Kinder vor meinen Augen sterben sehen. Ich habe gesehen, wie Familien verschwanden, und Menschen, die wir so verzweifelt zu retten versuchten, aber nicht retten konnten.<\/p><p>Ich habe mehr Leid gesehen, als ich jemals f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tte. Aber ich habe nie verstehen k&ouml;nnen, wie jemand daran Freude finden k&ouml;nnte. Einen anderen Menschen zu t&ouml;ten, ist schon schrecklich genug. Aber Freude daran zu haben, ihn zu t&ouml;ten?<\/p><p>Das ist eine Art von Grausamkeit, die ich nicht begreifen kann.<\/p><p>Was mich noch mehr beunruhigte, war die Aussage eines Teilnehmers, dass viele derjenigen, die diese Taten begangen hatten, keine Mitglieder der extremen Rechten waren.<\/p><p>Es waren Menschen aus Tel Aviv, Menschen, die der gem&auml;&szlig;igten Linken angeh&ouml;rten. Ich musste immer wieder dar&uuml;ber nachdenken.<\/p><p>Manchmal stellen wir uns vor, dass Menschen, die zu solchen Taten f&auml;hig sind, von Anfang an Extremisten gewesen sein m&uuml;ssen. Aber was, wenn es ganz normale Menschen sind? <\/p><p>Menschen, denen wir an der Universit&auml;t oder in einem Caf&eacute; begegnen k&ouml;nnten. Menschen, die uns vielleicht gegen&uuml;ber sitzen und die &uuml;ber Frieden, &uuml;ber Gerechtigkeit, &uuml;ber Menschenrechte sprechen.<\/p><p>Wie kann jemand freundlich zu seinen Freunden sein, seiner Familie gegen&uuml;ber liebevoll und an Menschenrechte glauben und dennoch akzeptieren, dass ein Kind get&ouml;tet werden darf, weil es eine Grenze &uuml;berschritten hat, die es nicht einmal sehen konnte?<\/p><p>Was geschieht mit dem Gewissen eines Menschen, wenn die Menschlichkeit eines anderen zu etwas wird, das er einfach beiseiteschieben kann?<\/p><p>9\/ <\/p><p>Ich verlie&szlig; den Film mit einer Wut, die ich schon sehr lange nicht mehr empfunden hatte. Ich war nicht hingegangen, um zu erfahren, was in Gaza passiert war. Ich war ja dort gewesen. Ich hatte genug gesehen.<\/p><p>Ich ging hin, weil ich verstehen wollte, wie die Menschen, die diese Dinge getan hatten, weiterhin mit sich selbst leben konnten.<\/p><p>Wie konnten sie das T&ouml;ten rechtfertigen? Wie konnten sie sich selbst davon &uuml;berzeugen, dass das, was sie taten, normal war? Und wie konnten manche von ihnen darin sogar Freude finden?<\/p><p>Ich glaube, ich hatte nach Reue gesucht.<\/p><p>Vielleicht wollte ich einen von ihnen sagen h&ouml;ren, dass er endlich verstanden hatte &ndash; auch wenn es zu lange gedauert hatte &ndash;, was er getan hatte.<\/p><p>Aber ich fand nicht die Antwort, nach der ich gesucht hatte. Stattdessen ging ich mit Fragen davon, die mir noch mehr Angst machten.<\/p><p>10\/ <\/p><p>Ich verlie&szlig; das Kino, konnte aber nicht in mein Leben zur&uuml;ckkehren. Ich lief mehr als f&uuml;nf Stunden lang durch die Stra&szlig;en von Madrid. F&uuml;nf ganze Stunden.<\/p><p>Ich wusste nicht, wo ich war oder wohin ich ging. Ich nahm die Stra&szlig;en um mich herum kaum wahr. Ich konnte vor mich schauen und sah dennoch nicht wirklich, was dort war.<\/p><p>Ich lief einfach weiter. Aber ich sah nicht Madrid. Ich sah Gaza. Ich sah den Dezember 2023 vor mir, als ich mit meiner Mutter unter Beschuss davonrannte, ohne zu wissen, wohin wir fliehen konnten.<\/p><p>Ich sah die Tage der Hungersnot vor mir, als wir nicht einmal einen einzigen Laib Brot finden konnten, den wir uns h&auml;tten teilen k&ouml;nnen.<\/p><p>Ich sah die Krankenh&auml;user und die Kinder, die ich nicht hatte retten k&ouml;nnen.<\/p><p>Und immer wieder kehrte ich gedanklich zum 13. Oktober zur&uuml;ck. Zum Haus meiner Familie. Zu den Menschen, die ich an jenem Tag verloren hatte.<\/p><p>Ich war aus dem Kino gegangen, aber den Film hatte ich nicht wirklich hinter mir gelassen. Und vielleicht hatte ich, in einem Teil von mir, Gaza &uuml;berhaupt nie verlassen.<\/p><p>11\/ <\/p><p>Seit ich Gaza verlassen habe, versuche ich, zu lernen, wieder zu leben.<\/p><p>Ich versuche, zu akzeptieren, dass ich jetzt drau&szlig;en spazieren gehen kann, ohne Angst zu haben, dass eine Granate einschl&auml;gt, dass ich Lebensmittel kaufen kann, ohne mein Leben zu riskieren, und dass ich nach Hause zur&uuml;ckkehren kann in der Gewissheit, dass mein Zuhause noch dort stehen wird, wo ich es zur&uuml;ckgelassen habe.<\/p><p>Das sind so allt&auml;gliche Dinge. Und doch lerne ich immer noch, an sie zu glauben. <\/p><p>Doch nach diesen f&uuml;nf Stunden Spaziergang durch Madrid wurde mir etwas klar, was ich mir seit meiner Ankunft in Europa nicht eingestehen wollte. Ich hatte Gaza nur mit meinem K&ouml;rper verlassen.<\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, ob ich jemals in der Lage sein werde, all das Geschehene hinter mir zu lassen. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das alles hinter mir lassen will.<\/p><p>Wie k&ouml;nnte ich Menschen vergessen, die ich geliebt habe? Wie k&ouml;nnte ich mich jemals damit abfinden, dass ihr Leben auf diese Weise endete?<\/p><p>Manchmal habe ich das Gef&uuml;hl, dass ich, wenn ich es schaffe, einen ganzen Tag zu &uuml;berstehen, ohne an sie zu denken, noch mehr von ihnen verloren habe.<\/p><p>Als ob das Vergessen, selbst f&uuml;r einen Tag, eine weitere Art von Verlust w&auml;re.<\/p><p>Und manchmal w&uuml;nsche ich mir nichts sehnlicher, als schlafen zu k&ouml;nnen, ohne sie zu sehen.<\/p><p>Ich wei&szlig; nicht, wie ich diese beiden Gef&uuml;hle miteinander in Einklang bringen soll. Sie leben jeden Tag mit mir.<\/p><p><em>Ezzideen Shehab ist auch Autor des Buches <a href=\"https:\/\/www.kulturkaufhaus.de\/de\/detail\/ISBN-9781917189705\/Shehab-Ezzideen\/Diary-of-a-Young-Doctor\">&bdquo;Diary of a Young Doctor&ldquo;<\/a> (&bdquo;Tagebuch eines jungen Arztes&ldquo;).<\/em><\/p><p><em>&Uuml;bersetzung aus dem Englischen von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Anas-Mohammed \/ Shutterstock<\/small><\/p><p>Screenshot YouTube<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was geht in Menschen vor, die Zivilisten t&ouml;ten und anschlie&szlig;end einfach in ihren Alltag zur&uuml;ckkehren? Diese Frage besch&auml;ftigte den pal&auml;stinensischen Arzt Dr. <strong>Ezzideen Shehab<\/strong>, als er den israelischen Dokumentarfilm &bdquo;NAZA&ldquo; sah, in dem Angeh&ouml;rige des israelischen Milit&auml;r- und Geheimdienstapparats &uuml;ber ihre Taten in Gaza berichten. 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