{"id":157608,"date":"2026-10-15T11:17:32","date_gmt":"2026-10-15T09:17:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157608"},"modified":"2026-10-15T12:37:54","modified_gmt":"2026-10-15T10:37:54","slug":"berliner-sondierungsgewuerge-wie-politik-zum-absurden-theater-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157608","title":{"rendered":"Berliner Sondierungsgew\u00fcrge: Wie Politik zum absurden Theater wird"},"content":{"rendered":"<p>Berlin scheint es ziemlich gut zu gehen. Zwar h&ouml;rt man ab und zu von ein paar kleineren Problemchen &ndash; wie etwa strukturelle Milliardendefizite im Landeshaushalt, kollabierender Wohnungsmarkt, marode Schulen, marode Infrastruktur und stetig steigender Armut &ndash; aber das sind f&uuml;r die Bildung einer neuen Landesregierung nur Petitessen. Bevor man sich mit denen besch&auml;ftigt, m&uuml;ssen zun&auml;chst Details zu Festlegungen in der f&uuml;r die Zukunft der Hauptstadt alles entscheidenden Frage erbittert ausgefochten werden: Dem Kampf gegen den Antisemitismus. Also gab es diesmal nach der Wahl zun&auml;chst keine Sondierungen zu einer m&ouml;glichen Koalition zwischen dem Wahlsieger Die Linke und den Verliererlisten SPD und Gr&uuml;ne, sondern &bdquo;Vorsondierungen&rdquo;, in denen gekl&auml;rt werden sollte, ob man &uuml;berhaupt sondieren will, um anschlie&szlig;end vielleicht sogar &uuml;ber die genannten Petitessen zu verhandeln. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie f&uuml;hrten dann trotz erheblichen St&ouml;rman&ouml;vern aus den Bundesspitzen und Politrentner-Brigaden von SPD und Gr&uuml;nen zu einem Ergebnis, der sogenannten <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/berliner-vereinbarung-die-rot-rot-gruene-antisemitismus-erklaerung-im-wortlaut_5d834d85-f302-4f0e-b90e-49f5127e136b.html\">&bdquo;Berliner Vereinbarung&ldquo;<\/a> Kernpunkte dabei: Die Anerkennung des Existenzrechtes des Staates Israel, Ablehnung jeglicher terroristischer Gewalt durch Organisationen wie die Hamas und ihren Verb&uuml;ndeten, umfassender Schutz und F&ouml;rderung j&uuml;dischen Lebens in Berlin.<\/p><p>F&uuml;r Teile der Linken, die sich einer sehr speziellen Form der &bdquo;Pal&auml;stina-Solidarit&auml;t&ldquo; verschworen haben, waren vor allem die Punkte 1 und 2 recht fette Kr&ouml;ten. Die aber geschluckt werden mussten, wenn das Projekt &bdquo;rot-gr&uuml;n-rot&ldquo; nicht sofort beerdigt werden sollte. Nagelprobe war dann die Konstituierung der neuen Linksfraktion im Abgeordnetenhaus am Montag. Dort wurde nach langer und laut Teilnehmern recht heftiger Diskussion eine <a href=\"https:\/\/www.linksfraktion.berlin\/fraktion\/gemeinsame-erklaerung-der-neuen-linksfraktion\/\">&ldquo;Gemeinsame Erkl&auml;rung&rdquo;<\/a> beschlossen und von allen 44 Abgeordneten unterzeichnet. Sie enth&auml;lt auch die oben genannten Kernpunkte der &bdquo;Berliner Vereinbarung&rdquo;, und betont dar&uuml;ber hinaus die Verbindlichkeit eigener Parteitagsbeschl&uuml;sse zu diesen Fragen, die Schutzrechte f&uuml;r Pal&auml;stinenser in der Stadt und die Legitimit&auml;t der Kritik am Terror der israelischen Regierung gegen die Bev&ouml;lkerung im Gaza-Streifen und im besetzten Westjordanland. Was sie nicht enth&auml;lt, ist das Bekenntnis zu einer &bdquo;st&auml;rkeren Rolle&ldquo; von Polizei und Verfassungsschutz beim Kampf gegen Antisemitismus, die Ablehnung von Boykottaufrufen gegen Israel und Sanktionsmechanismen gegen Abgeordnete, die gegen die Vereinbarungen versto&szlig;en.<\/p><p>Unterzeichnet wurde die Erkl&auml;rung auch von der in ihrem Neuk&ouml;llner Wahlkreis direkt gew&auml;hlten Abgeordneten Vanessa Emde, die als Exponentin des eher radikal &bdquo;pal&auml;stina-solidarischen&rdquo; Fl&uuml;gels der Partei gilt. Sie wurde demnach in die Fraktion aufgenommen. Was wiederum eines der Startsignale f&uuml;r SPD und Gr&uuml;ne war, weitere Sondierungen in Frage zu stellen und zun&auml;chst zu unterbrechen. Dabei beriefen sie auf eine angebliche informelle Zusage der Linken-Spitze, Emde nicht in die Fraktion aufzunehmen &ndash; was deren Spitzenkandidatin Elif Eralp vehement bestritt. Generell wurde kritisiert, dass die Fraktion die in den Vorsondierungen beschlossene &bdquo;Berliner Vereinbarung&ldquo; nicht einfach im Wortlaut &uuml;bernommen habe.<\/p><p><strong>Linke wird am Nasenring durch die Manege gef&uuml;hrt<\/strong><\/p><p>Es folgten &bdquo;kl&auml;rende Gespr&auml;che&ldquo; und am Mittwochabend schlie&szlig;lich eine vorl&auml;ufige Einigung. Die Causa Emde ist zun&auml;chst vom Tisch, und die Linke sicherte zu, dass die &bdquo;Berliner Vereinbarung&ldquo; in einen m&ouml;glichen Koalitionsvertrag aufgenommen werden kann. Die eigentlichen Sondierungen sollen jetzt z&uuml;gig fortgesetzt werden. Doch die Kuh ist noch lange nicht vom Eis, denn in allen beteiligten Parteien gibt es teilweise erheblichen Widerstand. Am wenigsten derzeit bei den Gr&uuml;nen, deren Berliner Spitzenpersonal sich erleichtert zeigte, und das Bekenntnis zu einer &bdquo;neuen Politik&ldquo; mit einer rot-gr&uuml;n-roten Regierung bekr&auml;ftigte. Heftige Quersch&uuml;sse aus der Bundesf&uuml;hrung scheint man ignorieren zu wollen.<\/p><p>Anders sieht das bei der SPD aus. So forderte die noch amtierende stellvertretenden B&uuml;rgermeisterin und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey eine sofortige Beendigung der Sondierungen. Und in einigen Kreisverb&auml;nden wird gefordert, auf eine Regierungsbeteiligung zu verzichten und die M&ouml;glichkeiten f&uuml;r die Tolerierung einer Minderheitsregierung aus Linken und Gr&uuml;nen zu pr&uuml;fen. Der Kreisvorstand in Reinickendorf hat bereits einen entsprechenden Beschluss gefasst, weitere k&ouml;nnten folgen.<\/p><p>Eher an der Seitenlinie steht die bei der Wahl heftig abgestrafte CDU, deren Spitzenkandidat Stefan Evers gebetsm&uuml;hlenartig betont, dass er jederzeit bereit f&uuml;r Gespr&auml;che mit SPD und Gr&uuml;nen &uuml;ber die Bildung einer &bdquo;Koalition der Mitte&ldquo; unter seiner F&uuml;hrung sei. Die h&auml;tte aber nur eine hauchd&uuml;nne Mehrheit, und st&ouml;&szlig;t vor allem bei Teilen der Gr&uuml;nen auf kategorische Ablehnung.<\/p><p>&Auml;u&szlig;erst ungem&uuml;tlich ist die Lage aber auch f&uuml;r Die LINKE. Die wurde jetzt von ihren potenziellen Partnern gen&uuml;sslich am Nasenring durch die Manege gef&uuml;hrt. Einen eigentlich f&uuml;r den morgigen Freitag geplanten Sonderparteitag zum Stand und Fortgang der Sondierungen hat die Parteif&uuml;hrung vorsichtshalber abgesagt, denn es bestand die reale Gefahr, dass dort den Regierungstr&auml;umen von Eralp&amp;Co ein j&auml;hes Ende bereitet worden w&auml;re. Doch das ist nur ein kleiner Zeitgewinn, denn wie unter diesen Voraussetzungen ein auch nur einigerma&szlig;en zustimmungsf&auml;higer Koalitionsvertrag zustande kommen soll, wei&szlig; derzeit wohl niemand. Denn SPD und Gr&uuml;ne haben in dem Streit um Formulierungen f&uuml;r den &bdquo;Kampf gegen Antisemitismus&ldquo; erneut eindr&uuml;cklich demonstriert, dass sie jederzeit den Stecker ziehen k&ouml;nnen, wenn ihnen was so richtig gegen den Strich geht. Was ja wohl auch der Sinn des ganzen Theaters war.<\/p><p>Denn jetzt kommen die richtig dicken Brocken auf den Tisch: Die Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungskonzerne und der Umgang mit dem stark defizit&auml;ren Haushalt. Wovon dann auch die oben erw&auml;hnten Petitessen wie marode Schulen und Infrastruktur, Armutsbek&auml;mpfung etc. betroffen sein werden. Aber schlie&szlig;lich geht es f&uuml;r alle Beteiligten vor allem um die jeweiligen Prinzipien, und nicht um die Zukunft der deutschen Hauptstadt.<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, mit k&uuml;nstlicher Intelligenz erstellt<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/5bebef84025a4cdbae5546f4dc306832\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin scheint es ziemlich gut zu gehen. Zwar h&ouml;rt man ab und zu von ein paar kleineren Problemchen &ndash; wie etwa strukturelle Milliardendefizite im Landeshaushalt, kollabierender Wohnungsmarkt, marode Schulen, marode Infrastruktur und stetig steigender Armut &ndash; aber das sind f&uuml;r die Bildung einer neuen Landesregierung nur Petitessen. 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