{"id":157739,"date":"2026-10-22T14:00:09","date_gmt":"2026-10-22T12:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157739"},"modified":"2026-10-22T12:31:17","modified_gmt":"2026-10-22T10:31:17","slug":"europas-atomarer-machtkampf-warum-paks-ii-auch-die-deutsche-industrie-betrifft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157739","title":{"rendered":"Europas atomarer Machtkampf: Warum Paks II auch die deutsche Industrie betrifft"},"content":{"rendered":"<p>Der Streit um Ungarns Atomkraftwerk Paks II ist l&auml;ngst kein lokaler Konflikt mehr, sondern zeigt das Grundmuster der westlichen Geopolitik: EU- und NATO-Erweiterungen dienen auch der Marktgewinnung und der systematischen Verdr&auml;ngung russischer Konkurrenz. Mittendrin steht die deutsche Industrie. Wie Sanktionen, Exportstopps und der Druck auf Rosatom Unternehmen wie Siemens Energy belasten &ndash; und was das f&uuml;r Europas Zukunft bedeutet. Ein Beitrag von <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong>, aus dem Ungarischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Atomkraftwerk (AKW) Paks II in Ungarn ist das wohl am st&auml;rksten kritisierte Bauvorhaben der vergangenen zehn Jahre. Weltweit gibt es kaum ein anderes Energieprojekt, gegen das mit so harten politischen, rechtlichen und kommunikativen Mitteln gek&auml;mpft wurde. Darauf verwies im Februar dieses Jahres auch Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), anl&auml;sslich des ersten Betongusses f&uuml;r das Fundament:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wenn es ein Projekt gibt, das trotz starken Gegenwindes vorankommt, dann ist es Paks II.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Gegner des Vorhabens griffen im Laufe der Jahre nahezu jeden Aspekt an: mal die russische Technologie oder die Finanzierung, mal die umweltrechtlichen Genehmigungen oder die Nutzung der Donau zu K&uuml;hlzwecken. Ein andermal gerieten der Zeitplan, die vertragliche Konstruktion oder das geopolitische Umfeld ins Visier. All diese Vorst&ouml;&szlig;e folgten jedoch einem gemeinsamen Nenner: dem kaum verh&uuml;llten Ziel, Russlands einzig verbliebenes Reaktorprojekt auf europ&auml;ischem Boden scheitern zu lassen &ndash; nachdem Finnland das Projekt Hanhikivi-1 im Jahr 2022 nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs gek&uuml;ndigt hatte.<\/p><p><strong>Scharfer Konkurrenzkampf<\/strong><\/p><p>Der Kampf um die Verdr&auml;ngung von Rosatom aus Europa ist nicht neu. J&uuml;ngste Berichte des transatlantisch gepr&auml;gten Portals <em>Politico<\/em> &ndash; das sich unter deutscher Eigent&uuml;merschaft von Axel Springer befindet und auf Geheimdienstquellen beruft &ndash; zielten eindeutig darauf ab, Paks II und Rosatom zu diskreditieren. F&uuml;r europ&auml;ische und US-amerikanische Atomkonzerne geht es um Milliardenm&auml;rkte: Sie wollen bestimmen, mit welcher Technologie jene Reaktoren ersetzt werden, die in Osteuropa schrittweise ausgemustert werden m&uuml;ssen.<\/p><p>Ungarn hat sich bereits 2014 f&uuml;r die russische VVER-1200-Technologie entschieden. Moskau untermauert diesen Anspruch mit weltweit sechs funktionierenden Referenzbl&ouml;cken dieses Typs sowie 28 weiteren Einheiten, die Rosatom in elf L&auml;ndern im Auftrag baut.<\/p><p>Auch die Geheimdienste schalten sich zunehmend ein. Der russische Auslandsgeheimdienst SWR warf der Europ&auml;ischen Kommission vor, eine gezielte Kampagne gegen Rosatom und Paks II zu steuern. EU-Kommissionspr&auml;sidentin Ursula von der Leyen verfolge &ndash; so die Behauptung aus Moskau &ndash; das Ziel, die Regierung von Ministerpr&auml;sident P&eacute;ter Magyar dazu zu bewegen, die Zusammenarbeit mit Rosatom aufzuk&uuml;ndigen und stattdessen westliche Konzerne zum Zug kommen zu lassen. Dass der Konkurrenzkampf mit harten Bandagen gef&uuml;hrt wird, zeigt auch ein Blick auf die Nachbarl&auml;nder. In Tschechien erreichte der US-Konzern Westinghouse mit starker politischer R&uuml;ckendeckung aus Washington, dass die Prager Regierung Rosatom 2021 aus Sicherheitsgr&uuml;nden vom Milliarden-Ausbau des AKW Dukovany ausschloss. Als Vorwand diente der Verdacht, der russische Milit&auml;rgeheimdienst GRU stehe hinter der Explosion eines tschechischen Munitionslagers im Jahr 2014.<\/p><p>Anfang 2024 schloss Prag jedoch auch das US-Konsortium Westinghouse-Bechtel aus der Ausschreibung aus &ndash; letztlich erhielt das s&uuml;dkoreanische Unternehmen KHNP den Zuschlag. In Polen und der Slowakei baut dagegen Westinghouse, in Slowenien schwankt die Entscheidung noch zwischen Westinghouse und der franz&ouml;sischen EDF, und auch um den geplanten Atomeinstieg Serbiens ist ein harter Kampf entbrannt.<\/p><p>Unterdessen versuchen Ungarn, Bulgarien, Tschechien und die Slowakei auf Druck der EU und der USA, sich im Namen der Diversifizierung von russischen Kernbrennstoffen zu l&ouml;sen. Besonders brisant ist die Lage in Deutschland: Dort versucht eine politische Initiative, die Produktion im nieders&auml;chsischen Lingen zu stoppen. In der dortigen Fabrik soll ein Gemeinschaftsunternehmen des franz&ouml;sischen Konzerns Framatome und Rosatom Brennelemente f&uuml;r osteurop&auml;ische Reaktoren russischer Bauart herstellen.<\/p><p><strong>Handfeste &ouml;konomische Interessen<\/strong><\/p><p>Im Geflecht der Gegner von Paks II sticht ein Akteur besonders hervor: &Ouml;sterreich. Wien lehnt die Kernenergie in den Nachbarl&auml;ndern seit Jahrzehnten vehement ab. Gegen die ungarische Atominvestition leitete die &ouml;sterreichische Regierung mehrfach EU-Rechtsverfahren ein und unterst&uuml;tzt ungarische Zivilorganisationen, die gegen das Kraftwerk mobilmachen. Erst k&uuml;rzlich erreichte &Ouml;sterreich, dass der EU-Befund von 2017 zur Genehmigung des Projekts juristisch neu aufgerollt werden muss &ndash; was zus&auml;tzliche Rechtsunsicherheit f&uuml;r das ohnehin verz&ouml;gerte Vorhaben bringt.<\/p><p>Hinter den &ouml;sterreichischen Sicherheits- und Umweltargumenten stehen jedoch auch handfeste wirtschaftliche Interessen: Ungarn ist ein massiver Stromimporteur, und &Ouml;sterreich geh&ouml;rt zu den wichtigsten Lieferanten. Laut der Bilanz f&uuml;r 2025 belief sich der &ouml;sterreichische Netto-Stromexport nach Ungarn auf 4,09 Terawattstunden (TWh). Die zwei geplanten Reaktorbl&ouml;cke von Paks II k&ouml;nnen k&uuml;nftig jedoch bis zu 19 TWh Strom pro Jahr erzeugen. Damit w&uuml;rde Ungarns Importbedarf drastisch sinken &ndash; was den ausl&auml;ndischen Stromanbietern lukrative Gesch&auml;fte entzieht.<\/p><p>Auch die USA sch&uuml;tzten in der Vergangenheit die Interessen der eigenen Atomindustrie: Durch Sanktionen gegen russische Banken blockierte Washington die Finanzierungs- und Abrechnungsprozesse von Paks II &uuml;ber zwei Jahre hinweg. &Auml;hnlich gelagert sind die Probleme bei Siemens Energy: Auf Druck deutscher Regulierungs- und Exportbeh&ouml;rden musste die gelieferte Leittechnik des Projekts umstrukturiert werden, was erhebliche organisatorische Verz&ouml;gerungen verursachte. Vor diesem Hintergrund wirkt es paradox, wenn Kritiker dem Projekt Termin&uuml;berschreitungen vorwerfen, w&auml;hrend sie die politischen Blockaden als Ursache ignorieren.<\/p><p><strong>Projekt von strategischer Bedeutung<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Ungarn stehen bei Paks II nicht weniger als die nationale Souver&auml;nit&auml;t, die Versorgungssicherheit und die wirtschaftliche Wettbewerbsf&auml;higkeit auf dem Spiel. Die Realisierung des Projekts ist f&uuml;r die Zukunft des Landes aus Sicht der Budapester Regierung alternativlos. Genau deshalb verlangt Budapest, dass Entscheidungen &uuml;ber die Zukunft der Investition nicht auf Basis von politischem Druck, sondern anhand &uuml;berpr&uuml;fbarer technischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Fakten getroffen werden.<\/p><p>Die Kernfrage lautet: Kann die ungarische Regierung ihre nationalen Interessen durchsetzen, oder wird das Schicksal dieses jahrzehntelangen Gro&szlig;projekts am Ende durch fremde Geopolitik bestimmt? Das ist der eigentliche Einsatz bei der anstehenden Regierungsentscheidung.<\/p><p><em>Der Beitrag ist auf Ungarisch auf <a href=\"https:\/\/moszkvater.com\/celkeresztben-a-paks-ii-projekt\/\">Moszkvat&eacute;r.com<\/a> erschienen.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Paks II. Zrt.<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Streit um Ungarns Atomkraftwerk Paks II ist l&auml;ngst kein lokaler Konflikt mehr, sondern zeigt das Grundmuster der westlichen Geopolitik: EU- und NATO-Erweiterungen dienen auch der Marktgewinnung und der systematischen Verdr&auml;ngung russischer Konkurrenz. Mittendrin steht die deutsche Industrie. 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