{"id":157769,"date":"2026-10-20T13:00:24","date_gmt":"2026-10-20T11:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157769"},"modified":"2026-10-20T14:25:01","modified_gmt":"2026-10-20T12:25:01","slug":"der-doppelte-denkfehler-beim-thema-ruestungsausgaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157769","title":{"rendered":"Der doppelte Denkfehler beim Thema \u201eR\u00fcstungsausgaben\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wer R&uuml;stungsausgaben unter dem Gesichtspunkt kritisiert, dass das Geld, das f&uuml;r R&uuml;stung ausgegeben wird, irgendwo anders eingespart werden muss, erntet in der &ouml;ffentlichen Debatte schnell Kritik. Einen solchen Zusammenhang g&auml;be es nicht. Und ja, in der Theorie haben die Verteidiger von R&uuml;stungsausgaben in diesem Punkt auch durchaus recht. Doch alle Theorie ist grau. In der Praxis liegt hier sogar ein doppelter Denkfehler vor. Wer immer mehr Geld in die R&uuml;stung pumpt, sorgt sogar daf&uuml;r, dass unser Wohlstand sinkt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn politischen und &ouml;konomischen Debatten gibt es nichts Schlimmeres als Verlogenheit und doppelte Standards. Dummerweise ist aber gerade die Debatte um die Staatsausgaben stark von ebenjenen doppelten Standards gepr&auml;gt. Beispiel gef&auml;llig? Jahrzehntelang haben konservative Politiker und neoliberale &Ouml;konomen versucht, uns einzutrichtern, dass man jeden Euro nur einmal ausgeben k&ouml;nne und &bdquo;schuldenfinanziertes Wachstum&ldquo; nur ein Strohfeuer sei, das zulasten sp&auml;terer Generationen abgefackelt w&uuml;rde. &Uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass diese Aussagen falsch sind. Erstaunlich ist jedoch, dass diejenigen, die Kredite f&uuml;r Investitionen in Bildung, Infrastruktur oder die Energiewende f&uuml;r &ouml;konomisches Teufelszeugs halten, pl&ouml;tzlich das Schuldenmachen f&uuml;r R&uuml;stungsausgaben ganz prima finden. Wobei die bittere Ironie des Ganzen ist, dass sie damit gleich doppelt falsch liegen.<\/p><p>Um das wirklich zu verstehen, lohnt es sich, ein wenig tiefer in die &ouml;konomischen Hintergr&uuml;nde einzusteigen. Selbstverst&auml;ndlich &bdquo;darf&ldquo; der Staat Schulden machen. Er muss sogar Schulden machen &ndash; vor allem dann, wenn die Unternehmen und die Haushalte sich gerade mal wieder nicht selbst verschulden wollen und auf der anderen Seite aber auch nicht wissen, wohin sie mit ihren Ersparnissen sollen. Wer einen Euro spart, braucht auf der anderen Seite jemanden, der sich um exakt diesen einen Euro verschuldet. Dass Staatsschulden in der Debatte oft so negativ bewertet werden, mag mit dem Begriff als solchem zu tun haben. &bdquo;Schuld&ldquo; ist ja in der deutschen Sprache negativ besetzt. Vermeiden wir also diese sprachliche Vorbewertung und sprechen stattdessen von Investitionen. Darum geht es n&auml;mlich schlussendlich. Doch nicht &uuml;berall, wo &bdquo;Investition&ldquo; draufsteht, ist auch eine Investition drin.<\/p><p>In der Volkswirtschaft unterscheidet man zwischen Investitionen und Konsum. Grob gesagt werden Investitionen als Ausgaben definiert, die einen aktiven Effekt auf die k&uuml;nftigen Einnahmen haben. Auf Unternehmensebene ist das betriebswirtschaftlich betrachtet recht einfach zu erkl&auml;ren. Wenn ein Unternehmen z.B. in eine neue Fabrik investiert, kann es k&uuml;nftig mehr G&uuml;ter verkaufen. Investiert es in Forschung und Entwicklung, kann es k&uuml;nftig bessere Produkte verkaufen und damit seinen Marktanteil vergr&ouml;&szlig;ern oder eben h&ouml;here Margen realisieren. Um solche Investitionen zu t&auml;tigen, verschuldet sich ein Unternehmen in der Regel. Die dahinterstehende Logik ist klar: Solange die Vorteile, also z.B. h&ouml;herer Absatz, h&ouml;herer Marktanteil, h&ouml;here Margen, in Summe gr&ouml;&szlig;er sind als die Kosten, also vor allem die Zinsen, ist die Investition sinnvoll.<\/p><p>Davon zu unterscheiden sind Konsumausgaben. Wenn ein Unternehmen beispielsweise einen Kredit aufnehmen sollte, um seinen Managern eine Sause in der Karibik zu finanzieren, ist das keine Investition, da diese Sause in der Regel keine Auswirkungen auf die Einnahmen in der Zukunft hat.<\/p><p>Auf volkswirtschaftlicher Betrachtungsebene ist die Unterscheidung vor allem bei den Staatsausgaben etwas komplexer. Wenn der Staat beispielsweise den Schulen und Universit&auml;ten mehr Geld zur Verf&uuml;gung stellt, so flie&szlig;t dieses Geld auf der ersten Betrachtungsebene vor allem in Form von L&ouml;hnen an die Haushalte &ndash; Lehrer und Dozenten verdienen Geld und geben ihren Lohn in der Volkswirtschaft aus, was &uuml;ber die Binnennachfrage die gesamte Volkswirtschaft stimuliert.<\/p><p>Auf dieser Betrachtungsebene gibt es erst einmal auch keinen Unterschied zu den Milit&auml;rausgaben. Volkswirtschaftlich gesehen unterscheiden sich der Lohn f&uuml;r einen Lehrer und der Lohn f&uuml;r einen Soldaten nicht und sowohl der Ingenieur in der Panzerfabrik als auch der Sozialwissenschaftler in einem Fraunhofer-Institut geben gro&szlig;e Teile ihres Lohns in der Binnenwirtschaft aus und kurbeln sie damit an. Ob es bereits auf dieser Ebene sinnvoll sein kann, die Staatsausgaben, die diesen Stimulus ausl&ouml;sen, &uuml;ber Schulden zu finanzieren, liegt im Auge des Betrachters. Doch darum soll es hier gar nicht gehen.<\/p><p>Die eigentliche Abweichung findet n&auml;mlich auf der zweiten Ebene statt, auf der man dann den Unterschied zwischen Investition und Konsum erkennen kann. Ein besseres Bildungssystem f&uuml;hrt zu qualifizierteren Schul- und Universit&auml;tsabsolventen, die ihrerseits die Produktivit&auml;t des Standorts steigern. Der gut ausgebildete Facharbeiter zahlt nicht nur mehr Steuern als der ungelernte Hilfsarbeiter, sondern er hat als Arbeitnehmer auch einen positiven Effekt auf die Wertsch&ouml;pfung der gesamten Volkswirtschaft. Und wer wei&szlig;, vielleicht gr&uuml;ndet er am Ende selbst ein Unternehmen und schafft neue Arbeitspl&auml;tze. Genau so entsteht am Ende Wachstum. Ausgaben zur Verbesserung des Bildungssystems sind somit Investitionen. Sie sorgen daf&uuml;r, dass die Volkswirtschaft k&uuml;nftig produktiver wird, und nebenbei sorgen sie auch daf&uuml;r, dass mittel- bis langfristig die Steuereinnahmen steigen.<\/p><p>In der Volkswirtschaft gibt es sogar Kennzahlen, die diesen Effekt zumindest n&auml;herungsweise <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/en\/publications\/tnm\/issues\/2016\/12\/31\/fiscal-multipliers-size-determinants-and-use-in-macroeconomic-projections-41784\">beschreiben<\/a> &ndash; den Fiskalmultiplikator, der die k&uuml;nftigen Steuereinnahmen beschreibt, die eine staatliche Investition ausl&ouml;st, und den Staatsausgabenmultiplikator, der die Auswirkungen einer Investition auf das Bruttoinlandsprodukt beschreibt. Bei Investitionen ins Bildungssystem <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/-\/media\/files\/publications\/wp\/2021\/english\/wpiea2021118-print-pdf.pdf\">geht die Wissenschaft meist<\/a> von einem Multiplikator von 1,9 aus. Ein Euro Investitionen in die Bildung erzeugt also 1,90 Euro Wirtschaftswachstum. &Auml;hnlich hoch ist der Wert bei Investitionen in die &ouml;ffentliche Infrastruktur. Bei Investitionen in die erneuerbaren Energien liegt der Multiplikator in den meisten Studien bei 1,11 bis 1,20. All diese Investitionen sind also &ndash; zumindest sehr grob &uuml;berschlagen &ndash; volkswirtschaftlich sinnvoll, wobei der konkrete Effekt nat&uuml;rlich auch immer von der konkreten Investition abh&auml;ngt. Wenn ein Staat also Schulden aufnimmt, um in diesen Sektoren zu investieren, ist dies grunds&auml;tzlich aus &ouml;konomischer Sicht erst einmal positiv zu bewerten.<\/p><p>Doch wie sieht es nun mit der R&uuml;stung aus? Gelten hier die gleichen Regeln? Nein. Zudem m&uuml;sste hierbei zun&auml;chst einmal gekl&auml;rt werden, ob man &uuml;berhaupt von Investitionen sprechen kann. Ein gut ausgebildeter B&uuml;rger steigert die Produktivit&auml;t. Eine neue Bahntrasse steigert die Produktivit&auml;t. G&uuml;nstige, verl&auml;ssliche Energien steigern die Produktivit&auml;t. Doch was macht ein Panzer? Der steht im besten Fall sinnlos in einer Kaserne und wenn er mal bewegt wird, macht er im Friedensfall die Stra&szlig;en und im Kriegsfall alles andere kaputt. Welche positiven Effekte er mittel- bis langfristig auf das Bruttoinlandsprodukt oder die Steuereinnahmen haben soll, ist zumindest mir nicht klar. Volkswirtschaftlich macht es daher keinen nennenswerten Unterschied, ob der Staat Steuergelder daf&uuml;r verwendet, Panzer herzustellen oder das Bundeskanzleramt mit einer goldenen Kuppel zu versch&ouml;nern. Beides sind Konsumausgaben &ndash; volkswirtschaftlich korrekt hat dies der &Ouml;konom Hyman Minsky als &bdquo;Kollektivkonsum&ldquo; definiert. Man k&ouml;nnte es auch als Staatskonsum bezeichnen.<\/p><p>Eine <a href=\"https:\/\/www.uni-mannheim.de\/en\/newsroom\/media-relations\/press-releases\/2025\/juni\/increased-military-spending\/\">Studie der &Ouml;konomen Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk von der Universit&auml;t Mannheim aus dem letzten Jahr<\/a> hat einmal versucht, die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Folgeeffekte von Milit&auml;rausgaben f&uuml;r den oben genannten &bdquo;Staatsausgabenmultiplikator&ldquo; zu beziffern. Die beiden Forscher kamen auf die ern&uuml;chternde Zahl 0,5. Das bedeutet: Im besten Fall f&uuml;hrt jeder ausgegebene Euro zu 50 Cent zus&auml;tzlicher Wirtschaftst&auml;tigkeit. Wir erinnern uns: Bei Bildungs- und Infrastrukturinvestitionen liegt der Wert bei 1,9. Die Idee, dass R&uuml;stungsausgaben Investitionen seien und man mit einem &bdquo;Kriegskeynesianismus&ldquo; auch in Friedenszeiten Wohlstand schaffen kann, ist somit der erste Denkfehler dieser Debatte.<\/p><p>Kommen wir nun zum zweiten Denkfehler. In der Theorie kann der Staat sich so hoch verschulden, wie er will. In der Praxis ist dies aber dann doch anders. F&uuml;r jeden geliehenen Euro Schulden fallen Zinsen an und diese Zinslast wird aus dem laufenden Haushalt bezahlt. So konkurrieren, zumindest in der Praxis, stets verschiedene Arten von Staatsausgaben untereinander. Durch Buchungstricks, wie der Schaffung eines als &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo; bezeichneten Kreditrahmens, kann man zwar im Hier und Jetzt mehr Geld ausgeben, als man hat. Auch diese Kredite m&uuml;ssen aber irgendwann getilgt werden und Zinsen fallen dabei ja auch noch an.<\/p><p>Und daher stehen die R&uuml;stungsausgaben dann doch in direkter Konkurrenz mit anderen Staatsausgaben. Immer wenn es seitens der Politik hei&szlig;t, f&uuml;r dies oder das w&auml;re nun einmal leider kein Geld da, muss man nat&uuml;rlich fragen, warum das so ist. Und hier kommt man gar nicht drumherum, auf den Elefanten im Raum zu zeigen.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man &ndash; wie in der politischen Linken gerne argumentiert wird &ndash; sagen, diese Kosten holt man halt &uuml;ber zus&auml;tzliche oder h&ouml;here Steuern, wenn m&ouml;glich von den &bdquo;Reichen&ldquo;, wieder rein. Das kann man machen. Aber das &auml;ndert an der grunds&auml;tzlichen Frage ja nichts. Wenn man zus&auml;tzliche Einnahmen generiert, so muss man auch bei diesen Einnahmen die Frage stellen, ob man sie nicht sinnvoller ausgeben k&ouml;nnte. Das Volumen der Staatseinnahmen &auml;ndert &uuml;berhaupt nichts daran, dass &ouml;konomisch sinnlose Staatsausgaben &ouml;konomisch sinnlos sind. Wenn ich mein Erspartes f&uuml;r eine Sause verprasse, spielt es auch keine Rolle, wie hoch mein Einkommen ist. Diese Sause ist und bleibt eine &ouml;konomisch sinnlose Konsumausgabe.<\/p><p>Im realen Leben stellt sich daher auch nicht die Frage, ob der Staat einen Euro f&uuml;r Bildungsinvestitionen UND einen Euro f&uuml;r die R&uuml;stung ausgibt. Es geht darum, ob er einen Euro f&uuml;r Bildungsinvestitionen ODER einen Euro f&uuml;r die R&uuml;stung ausgibt. Und wenn man nun die oben genannten Multiplikatoren einbezieht, sollten s&auml;mtliche Denkfehler beseitigt sein. Gibt der Staat einen Euro f&uuml;r das Bildungssystem aus, steigert er den Wohlstand des Landes. Gibt er einen Euro f&uuml;r die R&uuml;stung aus, senkt er den Wohlstand des Landes. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?<\/p><p><small>Titelbild: DesignRage\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/7bf531851483419d9a0c5bf3dc484e0c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer R&uuml;stungsausgaben unter dem Gesichtspunkt kritisiert, dass das Geld, das f&uuml;r R&uuml;stung ausgegeben wird, irgendwo anders eingespart werden muss, erntet in der &ouml;ffentlichen Debatte schnell Kritik. Einen solchen Zusammenhang g&auml;be es nicht. Und ja, in der Theorie haben die Verteidiger von R&uuml;stungsausgaben in diesem Punkt auch durchaus recht. Doch alle Theorie ist grau. 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