{"id":157794,"date":"2026-10-21T09:14:39","date_gmt":"2026-10-21T07:14:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157794"},"modified":"2026-10-21T10:09:24","modified_gmt":"2026-10-21T08:09:24","slug":"das-rot-gruen-rote-sondierungsergebnis-arm-aber-sexy-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157794","title":{"rendered":"Das rot-gr\u00fcn-rote Sondierungsergebnis: Arm, aber sexy 2.0"},"content":{"rendered":"<p>Offenbar unbeeindruckt vom hyperventilierenden Gegeifer aus der Bundespolitik haben die Berliner Landesverb&auml;nde der Gr&uuml;nen und der SPD die Weichen f&uuml;r die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer rot-gr&uuml;n-roten Regierung unter F&uuml;hrung der linken Spitzenkandidatin Elif Eralp gestellt. Der Landesvorstand der SPD und der Landesausschuss der Gr&uuml;nen f&auml;llten am Montagabend ihre Entscheidungen mit jeweils deutlicher Mehrheit. Die Linke l&auml;sst sich noch etwas Zeit und wird am 31. Oktober auf einem Sonderparteitag beraten und abstimmen. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSpitzenpolitiker der CDU\/CSU, der SPD und der Gr&uuml;nen schossen in den Tagen davor nochmals aus allen Rohren. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete eine derartige Koalition schlicht als &bdquo;nicht zul&auml;ssig&ldquo;, seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach angesichts der angestrebten Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungskonzerne von einer &bdquo;Gefahr f&uuml;r den Standort&ldquo;, die &bdquo;weit &uuml;ber Berlin hinaus&ldquo; gehe. Und der bayrische Ministerpr&auml;sident und CSU-Vorsitzende Markus S&ouml;der erneuerte mit markigen Worten seine Forderung, Berlin f&uuml;r den Fall der Bildung einer &bdquo;roten Einheitsfront&ldquo; den Geldhahn zuzudrehen und &bdquo;sozialistische Enteignungsfantasien&ldquo; mit einem Bundesgesetz zu unterbinden.<\/p><p>Neben einem flammenden Appell von 20 Bundestags-Hinterb&auml;nklern schickte die SPD auch Verteidigungsminister Boris Pistorius an die Front. Der zeigte sich vor allem emp&ouml;rt, dass die Vereinbarung der bisherigen Berliner Landesregierung zur Kooperation von Bildungsverwaltung und Bundeswehr aufgek&uuml;ndigt werden soll. Die Bundeswehr ben&ouml;tige angesichts einer versch&auml;rften Bedrohungslage eine &bdquo;unmissverst&auml;ndliche politische Unterst&uuml;tzung &ndash; auch auf Landesebene&ldquo;, so Pistorius. &bdquo;Die Beendigung der Kooperationsvereinbarung w&auml;re ein Signal gegen die Bundeswehr und ihren wichtigen Auftrag. Dieses Signal darf nicht von Berlin ausgehen.&ldquo;<\/p><p>Etwas zur&uuml;ckgerudert haben dagegen die Gr&uuml;nen-Vorsitzende Franziska Brantner und die Fraktionschefin im Bundestag, Katharina Dr&ouml;ge, die zu Beginn der Sondierungen noch vehement deren Abbruch gefordert hatten. Beide verwiesen jetzt am Wochenende auf die &bdquo;Berliner Erkl&auml;rung&ldquo; der drei Parteien, in der Antisemitismus und Clan-Verbindungen verurteilt und ausgeschlossen werden. Man erwarte, dass die Ank&uuml;ndigungen konsequent umgesetzt w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Heftige Querelen bei den Linken<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend SPD und Gr&uuml;ne den Weg f&uuml;r Koalitionsverhandlungen frei gemacht haben, muss die Linke noch ein paar Stolpersteine aus dem Weg r&auml;umen. Dabei geht es vor allem um die Abgeordnete Vanessa Emde, die ihren Neuk&ouml;llner Wahlkreis direkt gewonnen hatte. Die hatte zwar bei der Konstituierung der Linksfraktion wie verlangt <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/berliner-vereinbarung-die-rot-rot-gruene-antisemitismus-erklaerung-im-wortlaut_5d834d85-f302-4f0e-b90e-49f5127e136b.html\">die &bdquo;Berliner Erkl&auml;rung&rdquo; unterzeichnet<\/a>, in der auch das Existenzrecht des Staates Israel explizit anerkannt wird &ndash; was Emde zuvor stets abgelehnt hatte. Daraufhin wurde sie auch in die Fraktion aufgenommen. Doch nur zwei Tage sp&auml;ter erkl&auml;rte Emde in einem Social-Media-Video, dass sie ihre fr&uuml;heren Aussagen keineswegs revidieren werde.<\/p><p>Der Partei- und Fraktionsspitze platzte daraufhin der Kragen. &bdquo;Wir m&uuml;ssen feststellen, dass wir uns mit einer Abgeordneten konstituiert haben, die nicht mit der Partei kooperiert&ldquo;, teilte Linke-Fraktionschef Tobias Schulze mit. Man sehe keine Grundlage f&uuml;r eine Zusammenarbeit mit ihr. Am Dienstag sollte dann ein Gespr&auml;ch des Partei- und Fraktionsvorstandes mit Emde stattfinden, doch die Abgeordnete meldete sich kurzfristig krank. Wie es zeitlich weitergeht, war zun&auml;chst noch unklar. Falls der Fraktionsvorstand den Ausschluss von Emde anstrebt, m&uuml;sste die Fraktion allerdings mit Zweidrittelmehrheit zustimmen, was keineswegs sicher ist.<\/p><p>Auch an der Basis rumort es, und das nicht nur wegen der &bdquo;Causa Emde&ldquo;. Kritik gibt es auch an dem Ergebnis der Sondierungen, vor allem das Bekenntnis zur St&auml;rkung von Polizei und Verfassungsschutz &ndash; den die Linke im Wahlprogramm noch abschaffen wollte &ndash; und die Verw&auml;sserung der Forderung nach Vergesellschaftung gro&szlig;er Wohnungskonzerne betreffend. Mehrere parteiinterne Gruppen fordern den Ausstieg aus Verhandlungen zur Regierungsbildung und die Formierung als &bdquo;konsequente sozialistische Opposition&ldquo; in der Hauptstadt. Die Parteispitze muss wohl noch einiges an &Uuml;berzeugungsarbeit leisten, damit der Sonderparteitag am 31. Oktober gr&uuml;nes Licht f&uuml;r Koalitionsverhandlungen gibt.<\/p><p>Aber diesen ganzen Mummenschanz k&ouml;nnte man jetzt allm&auml;hlich mal beiseitelassen, um sich der Frage zu widmen, wor&uuml;ber in Berlin eigentlich verhandelt werden soll. Grundlage ist ein am 17. Oktober ver&ouml;ffentlichtes Ergebnispapier der Sondierungen mit dem erschreckend dr&ouml;gen Titel <a href=\"https:\/\/gruene.berlin\/fileadmin\/user_upload\/Sondierungspapier_Gruene_Linke_SPD_2026.pdf\">&bdquo;Mehr gemeinsam, mehr Berlin&ldquo;<\/a>. Und so dr&ouml;ge geht es auf den ersten Seiten auch weiter. Da ist dann von &bdquo;verbindender Politik, die die Menschen zusammenbringt, die gesellschaftliche Spaltungen &uuml;berwindet&ldquo; die Rede. Man wolle &bdquo;nah an den Menschen und im Dialog mit der Stadtgesellschaft gestalten und den Berliner:innen wieder Grund f&uuml;r Zuversicht in ihrer lebenswerten Stadt geben&ldquo;. Die Mieten und der Alltag m&uuml;ssten bezahlbar werden, &bdquo;damit unsere Stadt weiter Anziehungspunkt f&uuml;r Talente und Ideen aus aller Welt bleibt&ldquo;. Ein Berlin &bdquo;das neue Arbeitspl&auml;tze schafft, f&uuml;r gute L&ouml;hne steht, ein Berlin mit mehr B&auml;umen, sauberen Parks, U-Bahnen und Stra&szlig;en, verl&auml;sslicher und sicherer Mobilit&auml;t&ldquo;.<\/p><p><strong>Blumige Versprechen und ungedeckte Schecks<\/strong><\/p><p>In den einzelnen Kapiteln wird dann ein ganzes F&uuml;llhorn von Wohltaten ausgesch&uuml;ttet: Mehr Fahrradwege, mehr Personal f&uuml;r die Stadtreinigung nebst kostenloser Sperrm&uuml;llentsorgung, ein billigeres Sozialticket f&uuml;r den &Ouml;PNV, ein kostenloser Museumssonntag pro Monat, massive Investitionen in marode Schulen und Universit&auml;ten, Verbesserungen bei der medizinischen Versorgung, 100.000 Baugenehmigungen bis 2031 (bei den Fertigstellungen legt man sich lieber nicht fest), ein Mietendeckel f&uuml;r die kommunalen Wohnungen, eine neue Beh&ouml;rde gegen Mietpreis&uuml;berh&ouml;hungen, Ausbau von &bdquo;Housing First&rdquo;-Angeboten zur &Uuml;berwindung der Wohnungslosigkeit, ganz viel Klimaresilienz und -anpassung, mehr Angebote f&uuml;r Kinder und Jugendliche, Erhalt der &bdquo;weltweit einmaligen Kunst- und Kulturlandschaft&ldquo;, mehr Sicherheit im &ouml;ffentlichen Raum, bessere Integration von Zugewanderten, mehr Schutz f&uuml;r j&uuml;disches, pal&auml;stinensisches und sonstiges Leben in der Stadt, und immer so weiter.<\/p><p>Und es soll sogar vergesellschaftet werden &ndash; jedenfalls ein bisschen und auch erst in ein paar Jahren. Erfasst werden sollen nur Konzerne mit mehr als 10.000 Wohnungen (im erfolgreichen Volksentscheid von 2021 lag die Grenze bei 3.000 Wohnungen) &ndash; und auch nur der Teil der Best&auml;nde, die &uuml;ber 10.000 Wohnungen hinausgehen. Die betroffenen Konzerne Vonovia, Heimstaden, Adler Group, Covivio und DVI d&uuml;rften also jeweils 10.000 Wohnungen behalten. Das Gesetz soll aber erst in zwei Jahren verabschiedet und erst ein weiteres Jahr sp&auml;ter in Kraft treten. Es steht zudem unter einem Finanzierungsvorbehalt.<\/p><p>Womit wir bei dem wei&szlig;en Elefanten w&auml;ren, der durch das gesamte Sondierungspapier geistert. Denn all die &bdquo;vereinbarten&ldquo; Wohltaten kosten Geld, und zwar seeehr viel Geld. Das hat die Stadt aber nicht und wird es in den kommenden Jahren auch nicht haben. Im Gegenteil: Die Deckungsl&uuml;cke im Berliner Haushalt bel&auml;uft sich auf ein strukturelles Defizit von rund f&uuml;nf Milliarden Euro pro Jahr. Laut dem aktuellen Statusbericht des noch amtierenden Senats und der Finanzplanung bis 2030 &uuml;bersteigen die bereinigten Ausgaben die Einnahmen dauerhaft um diesen Betrag. Der Gesamtschuldenstand des Landes Berlin ist bis Ende 2025 auf 71,4 Milliarden Euro angewachsen. Allein f&uuml;r die Zinsen muss die Stadt j&auml;hrlich &uuml;ber eine Milliarde Euro aufwenden. Zudem steht mit den vom Bundesverfassungsgericht verf&uuml;gten Nachzahlungen von Beamtenbesoldungen ein &bdquo;Sondereffekt&ldquo; in Milliardenh&ouml;he ins Haus. Es droht eine Haushaltsnotlage, die den <a href=\"https:\/\/www.stabilitaetsrat.de\/DE\/Aufgaben\/Aufgaben_node.html\">Stabilit&auml;tsrat des Bundes<\/a> auf den Plan rufen k&ouml;nnte, bis hin zur Verordnung eines &bdquo;Sanierungsplans&ldquo;.<\/p><p>Im Sondierungspapier ist in diesem Zusammenhang eher verschwurbelt von einem &bdquo;Konsolidierungspfad bis 2031&ldquo; die Rede, um &bdquo;kurzfristige Einschnitte in die Substanz zu vermeiden&ldquo;. Dabei geht es um &bdquo;Umstrukturierungen&ldquo;, &bdquo;Anpassungen&ldquo;, &bdquo;Budgetierungen&rdquo;, &bdquo;Begrenzungen&ldquo; sowie die &bdquo;Pr&uuml;fung&ldquo; verschiedener Finanzierungsmodelle zur Entlastung des Kernhaushalts. Auch Mehreinnahmen soll es geben. Die Rede ist von &ndash; vergleichsweise bescheidenen &ndash; 400 Millionen Euro pro Jahr, insbesondere durch Steuer- und Geb&uuml;hrenerh&ouml;hungen. Eher kleinlaut hat man dann gegen Ende des Papiers den prallen Gabentisch aus den ersten Kapiteln in die Tonne entsorgt: &bdquo;Der Spielraum f&uuml;r gemeinsame Projekte, die mit zus&auml;tzlichen Ausgaben verbunden sind, steht in Abh&auml;ngigkeit vom Konsolidierungspfad und wird eng begrenzt sein.&ldquo;<\/p><p>&sbquo;Na dann regiert mal sch&ouml;n&lsquo;, m&ouml;chte man den Koalition&auml;ren in spe zurufen. Und die CDU wird sich insgeheim grinsend freuen, dass dieser Kelch an ihr vorbeigeht. Aber vielleicht sollte man ja nicht nur &uuml;ber den schn&ouml;den Mammon reden. Schlie&szlig;lich hat man sich in dem Sondierungspapier auch auf allerlei Bundesratsinitiativen &ndash; etwa f&uuml;r einen Mietendeckel und zur Erbschafts- und Verm&ouml;genssteuer &ndash; verst&auml;ndigt und will auch ein Verbotsverfahren gegen die AfD auf den Weg bringen. Und in Berlin soll k&uuml;nftig alles &bdquo;demokratischer&ldquo;, &bdquo;inklusiver&ldquo;, &bdquo;partizipativer&ldquo; und auch irgendwie &bdquo;sozialer&ldquo; werden. Das ist doch auch was &ndash; oder etwa nicht?<\/p><p><small>Titelbild: PX Media\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/713bb5a118cb4571b71e923bbe4257fb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offenbar unbeeindruckt vom hyperventilierenden Gegeifer aus der Bundespolitik haben die Berliner Landesverb&auml;nde der Gr&uuml;nen und der SPD die Weichen f&uuml;r die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer rot-gr&uuml;n-roten Regierung unter F&uuml;hrung der linken Spitzenkandidatin Elif Eralp gestellt. 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