{"id":157798,"date":"2026-10-21T10:00:52","date_gmt":"2026-10-21T08:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157798"},"modified":"2026-10-21T09:42:02","modified_gmt":"2026-10-21T07:42:02","slug":"es-wird-weiter-gebuddelt-gebaut-gestuempert-und-sinnlos-steuergeld-verbrannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157798","title":{"rendered":"\u201eEs wird weiter gebuddelt, gebaut, gest\u00fcmpert und sinnlos Steuergeld verbrannt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r <strong>Arno Luik<\/strong> ist Stuttgart 21 ein &bdquo;Irrwitzprojekt&ldquo;: Infrastruktur werde mutwillig kaputt gemacht f&uuml;r etwas, das nicht funktioniere, gemeingef&auml;hrlich sei und unabsch&auml;tzbar viele Milliarden Euro verschlinge. Vor allem aber sei S21 ein gigantisches L&uuml;gengeb&auml;ude, erdacht und durchgesetzt, um Profite f&uuml;r wenige auf dem R&uuml;cken der Allgemeinheit zu generieren. Gegen&uuml;ber den <em>NachDenkSeiten<\/em> berichtet der Journalist und Bestsellerautor &uuml;ber gekaufte Testate, verschwundene Gutachten und Tunnel ohne Sinn und ohne Berg. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>. Teil 2 des gro&szlig;en S21-Interviews erscheint am Donnerstag.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zur Person<\/strong><\/p><p>Der Journalist und Autor Arno Luik, Jahrgang 1955, gilt als einer der profiliertesten Kritiker der Deutschen Bahn (DB) und der bahnpolitisch Verantwortlichen. Sein 2019 erschienenes und 2021 aktualisiertes Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/gesellschaft\/schaden-in-der-oberleitung.html\">&bdquo;Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn&ldquo;<\/a> stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. F&uuml;r seine Enth&uuml;llungen zum Bahnprojekt Stuttgart 21 hatte er 2010 den &bdquo;Leuchtturm f&uuml;r besondere publizistische Leistungen&ldquo; des Netzwerks Recherche erhalten. Gesch&auml;tzt ist Luik f&uuml;r seine geistreichen Interviews mit Prominenten aus Politik und Gesellschaft. Eine Sammlung der besten Gespr&auml;che mit dem Titel <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Als-die-Mauer-fiel-war-ich-in-der-Sauna.\/1576\">&bdquo;Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna.&ldquo;<\/a> war 2022 im Westend Verlag erschienen. Zuletzt erschien von ihm <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Rauhnaechte\/2028\">&bdquo;Rauhn&auml;chte&ldquo;<\/a> &ndash; sein pers&ouml;nlichstes Buch und f&uuml;r ihn sein wichtigstes. Darin beschreibt er in Tagebuchform den Schock seiner Krebsdiagnose, Bestrahlung, Chemotherapie in Echtzeit, nicht wissend, wie es mit seiner Krankheit ausgeht. Er blickt aber auch scharf auf gesellschaftliche und politische Ereignisse, insbesondere auf die Medien: &bdquo;Er tut das&ldquo;, so SZ-Autor Heribert Prantl, &bdquo;ohne R&uuml;cksicht auf den Journalismus von heute, den er f&uuml;r &uuml;berwiegend angepasst und f&uuml;r feige h&auml;lt&ldquo;.<\/p><p><strong>Interview Teil 1<\/strong><\/p><p><strong>Ralf Wurzbacher: Herr Luik, vor einem Monat hat der ehemalige Chef der Schweizer Verkehrsberatungsfirma SMA, Werner Stohler, einger&auml;umt, dass der 2011 unter seiner Regie zertifizierte sogenannte Stresstest zu Stuttgart 21 wissenschaftlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156394\">&bdquo;wertlos&ldquo;<\/a> und der eigentliche Sinn der &Uuml;bung war, die von der auftraggebenden Deutschen Bahn (DB) gew&uuml;nschten Ergebnisse zu liefern. Kurz darauf folgte noch <a href=\"https:\/\/www.staatsanzeiger.de\/nachrichten\/wirtschaft\/ex-geschaeftsfuehrer-von-sma-schuert-neue-zweifel-an-der-unabhaengigkeit-des-s-21-stresstest\/\">das Outing<\/a> des damaligen SMA-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrers Giuliano Montanaro, der gleichfalls best&auml;tigte: Der Tiefbahnhof wird zum Verkehrskiller. Was lernen wir daraus?<\/strong><\/p><p><strong>Arno Luik<\/strong>: Mit diesem Eingest&auml;ndnis fegten diese beiden Herren die wichtigste Rechtfertigung der Deutschen Bahn AG f&uuml;r Stuttgart 21 vom Tisch: Dass der geplante Tiefbahnhof mehr leisten k&ouml;nne als der alte Kopfbahnhof. M&uuml;helos schafft der alte, schon halb demolierte Bahnhof &uuml;ber 40 Z&uuml;ge in der Stunde. Und er k&ouml;nnte noch viel mehr leisten. Jetzt gibt es von der Wirklichkeit v&ouml;llig losgel&ouml;ste S21-Bef&uuml;rworter, die sagen: Der Tiefbahnhof schafft 100 Z&uuml;ge. Irrsinn. Eine physikalische Unm&ouml;glichkeit. Er wird deutlich weniger leisten als der bestehende Bahnhof derzeit &ndash; bestenfalls 30 Z&uuml;ge. Aber auch das nur mit M&uuml;he und extrem kurzen, also unrealistischen Haltezeiten. Man k&ouml;nnte zynisch sagen: Fahrpl&auml;ne sind im Tiefbahnhof nur einzuhalten, wenn die Z&uuml;ge nicht halten.<\/p><p><strong>Nun gut, vielleicht hat das Gest&auml;ndnis ja zur Folge, dass auch der Zug f&uuml;r Stuttgart 21 bald abgefahren ist. Was meinen Sie?<\/strong><\/p><p>Nein. Die Verantwortlichen halten an dem Projekt fest, egal was es kostet, egal wie gef&auml;hrlich, egal wie sinnlos es ist. Dabei d&uuml;rfte S21, wenn es noch den Hauch von Vernunft und Verstand, Achtung vor Sicherheitsvorschriften gibt, nie ans Netz gehen. Der Brandschutz ist mangelhaft &ndash; lebensgef&auml;hrlich. Der international renommierte Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim sagte vor ein paar Jahren zu mir: &bdquo;Es ist ein Staatsverbrechen, was hier geschieht.&ldquo; Ich freue mich nat&uuml;rlich, dass Herr Stohler nun sagt, Stuttgart 21 ist Unfug &ndash; und dass er damit den Kritikern, die oft verh&ouml;hnt wurden und noch immer werden, recht gibt. Er h&auml;tte sich bei ihnen wenigstens entschuldigen k&ouml;nnen. Sein Bekenntnis, seine Reue kommen allerdings 15 Jahre zu sp&auml;t. Wie ja nun bekannt wurde, bestimmte und kontrollierte die Bahn diesen &bdquo;Test&ldquo; mit dem Ergebnis, dass S21 um 30 Prozent leistungsf&auml;higer sei als der Kopfbahnhof. L&uuml;ge &ndash; wie wir nun wissen.<\/p><p><strong>Eine L&uuml;ge mehr unter vielen anderen &hellip;<\/strong><\/p><p>Stohler gab sich f&uuml;r eine Pr&uuml;fung her, die beweisen sollte, was bewiesen werden sollte. Ein starkes St&uuml;ck. Sein damaliger Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Montanaro verweigerte sich diesem &uuml;blen Spiel &ndash; ehrenwert. Aber dass auch er so lange schwieg &ndash; verwerflich. Puh, jetzt, als Rentner redet Stohler &ndash; ohne jenen Einfluss, den er damals gehabt h&auml;tte. Sein Gest&auml;ndnis ist wohlfeil, gleichwohl: Es ist gro&szlig;artig und wichtig, dass der Filmemacher Klaus Gietinger ihn in seinem Film <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=q9IXQ0L3X20\">&bdquo;Die sieben Tods&uuml;nden von Stuttgart 21&ldquo;<\/a> dazu gebracht hat. Aber: Stohler h&auml;tte jetzt begr&uuml;nden m&uuml;ssen, warum er sich damals so verhalten hat. Gerade auch deswegen: Bei der Schlichtung verteidigte Stohler wortreich seinen S21-Freibrief, und der Moderator Heiner Gei&szlig;ler verhinderte trickreich Fragen nach dem ersten SMA-Gutachten von 2008. Ich habe seinerzeit sofort nach dem Gef&auml;lligkeits-Stresstest versucht, mit Stohler zu reden. Er war f&uuml;r mich unerreichbar. Ich wollte ihn fragen, ob er auf wirtschaftlichen Druck der Bahn so gehandelt hat.<\/p><p><strong>Die Bahn war damals der wichtigste Auftraggeber f&uuml;r SMA, und die Zusammenarbeit h&auml;lt bis heute an.<\/strong><\/p><p>Man mag sich gar nicht vorstellen, wenn diese Herren vor 15 Jahren gesagt h&auml;tten, was sie nun reum&uuml;tig eingestehen. Viele Milliarden Euro h&auml;tten eingespart oder sinnvoller ausgegeben werden k&ouml;nnen. Die alten B&auml;ume im Schlosspark w&uuml;rden noch stehen. Auch viele denkmalgesch&uuml;tzte Geb&auml;ude. Und Dietrich Wagner, dem die Polizei bei einer S21-Demo mit dem Wasserwerfer die Augen zerst&ouml;rte, h&auml;tte nicht gelitten. Allen w&auml;re <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/reise\/deutschland\/-schwarzer-donnerstag--vor-9-jahren--so-brutal-ging-die-polizei-gegen-die-buerger-vor-8912744.html\">viel Leid erspart geblieben<\/a>. Die Stuttgarter w&auml;ren nicht so entzweit worden. F&uuml;r mich pers&ouml;nlich entt&auml;uschend: Zwei Jahre vor diesem Stohler-Freibrief f&uuml;r die Bahn hatte ich ein geheim gehaltenes Dossier von Stohlers SMA im <em>Stern<\/em> ver&ouml;ffentlicht: ein Komplettverriss des geplanten Bahnhofs.<\/p><p><strong>Was hat es mit diesem Gutachten auf sich?<\/strong><\/p><p>2008 gab das Land Baden-W&uuml;rttemberg, vertreten durch die Nahverkehrsgesellschaft Baden-W&uuml;rttemberg, die Arbeit in Auftrag, um die Fahrplankonsequenzen von S21 zu errechnen.<\/p><p>Die SMA ist in Europa f&uuml;hrend in Sachen Planung von Eisenbahnverkehr. Sie hat die &bdquo;integralen Taktfahrpl&auml;ne&ldquo; entwickelt, die die Schweiz zum internationalen Vorbild f&uuml;r Eisenbahnen machte. Das fast 60 Seiten umfassende, wissenschaftlich akkurate Dossier kannten damals nur zwei Dutzend Experten in Deutschland.<\/p><p>Das Fazit der Pr&uuml;fer zu S21: In einem bislang st&ouml;rungsfreien Verkehrssystem werden &bdquo;Engp&auml;sse&ldquo; entstehen. &bdquo;Konflikte zwischen Hauptbahnhof und Flughafen mit dem Regionalverkehr&ldquo; werden festgestellt, das alles sei &bdquo;nicht kompatibel mit den angenommenen Fernverkehrsz&uuml;gen in Stuttgart&ldquo;. Die Gutachter beklagen &bdquo;Fahrzeitverl&auml;ngerungen&ldquo;, ICEs w&uuml;rden hinter S-Bahnen herzuckeln. &bdquo;Infrastrukturengp&auml;sse&ldquo; am &bdquo;Abzweig Neckartal&ldquo; werden prognostiziert, wo k&uuml;nftig die ICEs mit Regionalz&uuml;gen kreuzen und abbremsen m&uuml;ssen.<\/p><p>Seitenweise geht das so mit der Kritik, und so kommen die Z&uuml;rcher zu diesen Ergebnissen: &bdquo;Hohes Stabilit&auml;tsrisiko&ldquo;, &bdquo;knapp dimensionierte Infrastruktur&ldquo;, &bdquo;Gestaltung des Fahrplans nur in sehr geringem Ma&szlig;e m&ouml;glich&ldquo;. Fast verzweifelt fragen sie ihren Auftraggeber: &bdquo;Letztes Wort bez&uuml;glich Infrastruktur-Dimensionierung gesprochen? Letztes Wort bez&uuml;glich Konzeption S-Bahn gesprochen?&ldquo;<\/p><p><strong>Aber die &Ouml;ffentlichkeit erfuhr davon nichts?<\/strong><\/p><p>Nein. Die Ergebnisse passten der damaligen CDU-Landesregierung nicht, sie kassierte das Gutachten. Maulkorb f&uuml;r alle. Ein Informant lie&szlig; mich das Dossier lesen und Notizen machen. Er war verzweifelt. Zerrissen zwischen Loyalit&auml;t zu seinem Arbeitgeber und seiner Verantwortung als Staatsb&uuml;rger. Er sagte, es kann doch nicht sein, dass man in Stuttgart etwas absolut Perfektes zerschl&auml;gt, um etwas absolut Unperfektes im Untergrund zu bauen! Er war so angstbeladen, dass ich ihm meinen Personalausweis zeigen musste, bevor er mit mir sprach. Er lie&szlig; mich das Dossier nicht ohne ihn anschauen: Wenn er auf die Toilette musste, nahm er es mit. Ich durfte es nur in seiner Gegenwart lesen. Stress f&uuml;r ihn. Schock f&uuml;r mich. Denn dieses Dossier war ein einziger Ausruf: Stopp! Es ist Unfug, was ihr da vorhabt! H&auml;nde weg!<\/p><p><strong>Das war vor dem Runden Tisch, lange vor der Volksabstimmung. Da blieb doch noch allerhand Zeit, in der sich das h&auml;tte herumsprechen k&ouml;nnen. Oder hat das einfach keiner mitbekommen?<\/strong><\/p><p>Wer wollte, der konnte das mitbekommen. Der <em>Stern<\/em> hatte damals ja noch eine Riesenauflage. Innerhalb von ein paar Stunden war die Ausgabe in Stuttgart und Umgebung ausverkauft. Das Bed&uuml;rfnis war gro&szlig;, zu erfahren &ndash; auch bei meinen weiteren Enth&uuml;llungen &ndash;, was wirklich mitten in der Stadt passieren sollte. Doch s&auml;mtliche Leitmedien schauten absolut unkritisch, nein, oft total begeistert auf dieses unheilvolle Unterfangen. Sie glaubten ohne zu zweifeln den Versprechungen von Bahn und Politik. Und reproduzierten die netten, herrlich aussehenden Animationen durch die DB und Christoph Ingenhoven &hellip;<\/p><p><strong>Den Architekten des Tiefbahnhofs &hellip;<\/strong><\/p><p>Ja, der <em>Spiegel<\/em> zum Beispiel bot ihm mit komplett unkritischen Interviews eine gro&szlig;artige B&uuml;hne f&uuml;rs Selbstlob. Aber sein Kollege Frei Otto, der zusammen mit Ingenhoven 1997 den Wettbewerb f&uuml;r S21 gewonnen hatte, kam medial nicht vor. Warum nicht? Frei Otto war aus dem Projekt ausgestiegen &ndash; aus Verzweiflung und aus guten Gr&uuml;nden. Im Sommer 2010 sagte er mir in einem Gespr&auml;ch, er k&ouml;nne nicht mitverantworten, was da entstehe. F&uuml;r den 2015 verstorbenen Architekten mit Weltruf war S21 das sch&ouml;nste Projekt seines Lebens. Dass er es verwerfen musste, war f&uuml;r ihn die Tragik seines Lebens. Wohl noch nie hat ein Architekt sein eigenes Werk so drastisch verurteilt. W&auml;hrend der jahrzehntelangen Planungsphase hatte er neues Wissen &uuml;ber die besonderen Risiken in Stuttgarts Untergrund erworben. Und so sah er sich am Ende seines Lebens &bdquo;moralisch&ldquo; verpflichtet, vor dem Bau zu warnen: &bdquo;Es ist wie bei einer roten Ampel, wenn da einer durchbraust, muss man ihn stoppen.&ldquo; Er, als Architekt, m&uuml;sse &bdquo;vor allem bei Gro&szlig;projekten an die Sicherheit denken&ldquo;. Und die Lage sei bei Stuttgart 21 beklemmend: &bdquo;Man muss die Notbremse ziehen,&ldquo; sagte er, denn mit dem Bau &bdquo;gef&auml;hrdet man Leib und Leben&ldquo;.<\/p><p><strong>Aber auch dieser Notruf blieb unerh&ouml;rt?<\/strong><\/p><p>Wie alle anderen. F&uuml;r die <em>Stuttgarter Zeitung <\/em>war S21 ja, so hatte es einer der Chefredakteure mal gesagt, &bdquo;ein Projekt der <em>Stuttgarter Zeitung<\/em>&ldquo;. &Auml;hnlich sahen es so gut wie alle Medien, vor allem der <em>SWR<\/em>, die <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung <\/em>und die<em> S&uuml;dwestpresse<\/em>. Bei einer S21-Demo gei&szlig;elte die Kabarettistin Christine Prayon diesen medialen Kontrollausfall so: &bdquo;Danke, liebe <em>FAZ<\/em>, liebe <em>Welt<\/em>, liebe <em>S&uuml;ddeutsche<\/em>, lieber <em>Focus<\/em>, ach ja, liebe <em>Stuttgarter Zeitung<\/em>, dass Ihr uns wochenlang mit Wesentlichem, mit Inhalten, mit der Wahrheit verschont und damit f&uuml;r Ruhe im Land gesorgt habt. Danke, dass Ihr uns nicht mit Artikeln &uuml;ber die &sbquo;Arroganz der M&auml;chtigen&lsquo; und die &sbquo;Entm&uuml;ndigung der B&uuml;rger&lsquo; genervt, sondern lieber die Chancenlosigkeit des Protests erw&auml;hnt habt.&ldquo;<\/p><p>Ein paar Wochen sp&auml;ter erfindet ein Kommentator des <em>Spiegel<\/em> einen denunzierenden Kampfbegriff gegen die S21-Demonstranten: &bdquo;Wutb&uuml;rger&ldquo;. Der wird &ndash; medial unterst&uuml;tzt &ndash; rasch ein gefl&uuml;geltes Wort. Kurz danach pr&auml;gt eine Autorin des <em>Spiegel<\/em> einen positiven Begriff f&uuml;r die S21-Demonstranten: &bdquo;Mutb&uuml;rger.&ldquo; Der wird &ndash; medial ignoriert &ndash; kein gefl&uuml;geltes Wort. Offenbar will man keinen m&uuml;ndigen, nachdenklichen B&uuml;rger, der sich wohlbegr&uuml;ndet gegen Unsinnsprojekte wehrt.<\/p><p><strong>Man sollte eigentlich meinen, dass all die fr&uuml;heren im Verbund mit den neuesten Enth&uuml;llungen, speziell dieses Gest&auml;ndnis von Herrn Stohler, zu einem Umdenken oder wenigstens zu einem Innehalten bei den S21-Machern und den politisch Verantwortlichen h&auml;tten f&uuml;hren m&uuml;ssen. Nichts da: Anfang der Vorwoche begingen am Stuttgarter Flughafen DB-Chefin Evelyn Palla und Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) feierlich den <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/531436.stuttgart-21-stuttgart-21-ein-milliardengrab-mehr.html?sstr=pfaffensteigtunnel\">symbolischen Anstich des Pfaffensteigtunnels<\/a>, eines S21-Erg&auml;nzungsprojektes, das nicht weniger umstritten ist als das Mutterprojekt. Was f&auml;llt Ihnen dazu ein?<\/strong><\/p><p>Es wird weiter gebuddelt, gebaut, gest&uuml;mpert und sinnlos Steuergeld verbrannt. Stand heute kostet das alles 15 Milliarden Euro. Damit k&ouml;nnte man 1.500 Bahnh&ouml;fe &agrave; zehn Millionen Euro bauen &ndash; oder das str&auml;flich ramponierte Schienennetz ert&uuml;chtigen. Nein, das Sinnvolle geschieht nicht. Nach einer SWR-Sch&auml;tzung wird das Gesamtprojekt 25 Milliarden Euro verschlingen. Das glaube ich nicht. Es wird viel mehr kosten: 30 Milliarden Euro, mindestens. Und das f&uuml;r einen nie wirklich funktionierenden, stets gef&auml;hrlichen Bahnknoten!<\/p><p><strong>S21 habe das Potenzial, <a href=\"https:\/\/www.stern.de\/gesellschaft\/stuttgart-21--experten-zum-brandschutz-beim-umstrittenen-grossprojekt-8116488.html\">&bdquo;Europas gr&ouml;&szlig;tes Krematorium zu werden&ldquo;<\/a>, hatte schon vor Jahren der von Ihnen erw&auml;hnte Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim gewarnt &hellip;<\/strong><\/p><p>Keim hat f&uuml;r mich das Brandschutzkonzept gepr&uuml;ft. Er war entsetzt: &bdquo;Es ist eine Katastrophe mit Ansage. Im Fall eines Unfalls haben Sie die Wahl: Will ich ersticken? Oder zerquetscht werden? Oder verbrennen?&ldquo;<\/p><p>Es ist bedr&uuml;ckend, was hier so alles geschieht: Auch der Pfaffensteigtunnel ist unn&ouml;tig wie ein Kropf. Verkehrlich, &ouml;kologisch, &ouml;konomisch. Ein so hilfloser wie teurer Versuch, die strukturellen Defizite des Tiefbahnhofs irgendwie abzumildern. Und ja, der Tunnel hat die exakt gleichen M&auml;ngel wie der Tiefbahnhof mit all seinen Tunneln &ndash; angefangen beim Brandschutz. In einer Fachzeitschrift hie&szlig; es Anfang des Jahres, &bdquo;das Risiko, nicht rechtzeitig in Sicherheit zu gelangen, ist rund sechs- bis achtmal so hoch wie international &uuml;blich&ldquo;.<\/p><p>Aber der Tunnel erfreut nat&uuml;rlich die Tunnelbohrmaschinenindustrie, konkret: die Herrenknecht AG. Am Montag vor einer Woche frohlockte DB-Chefin Evelyn Palla, dass die Tunnelpl&auml;ne so schnell realisiert wurden. Tja, warum wohl? Vielleicht deswegen? Die Kommunikationsr&ouml;hren zwischen Herrenknecht und der Politik sind extrem kurz. Ganz anders als die geplante Tunnelr&ouml;hre, die mit 11,3 Kilometern der l&auml;ngste Eisenbahntunnel in Deutschland werden soll &ndash; und zwar nicht, um Berge zu &uuml;berwinden. Nein, unter &Auml;ckern und Wiesen wird gebohrt.<\/p><p><strong>Um so tiefer reichen die L&ouml;cher, die das in die Staatsfinanzen rei&szlig;t. Offiziell soll das Projekt knapp 2,5 Milliarden Euro kosten, Kritiker rechnen mit &bdquo;mindestens 3,5 Milliarden Euro&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Ja, auch dieses Projekt wird Herrenknecht sehr viel Geld in die Kassen sp&uuml;len. Unser Geld. Haben Spezialisten dieser Firma mit ihren Pl&auml;nen Bahn und Politik diesen Tunnel angedreht? Gut m&ouml;glich, denn es ist schon &auml;u&szlig;erst bemerkenswert: Gegen den Widerstand der S21-Projektpartner &ndash; also gegen die Bahn-F&uuml;hrung, gegen die Stadt Stuttgart &ndash; hat seinerzeit der heutige Bundesverkehrsminister Steffen Bilger von der CDU diesen Tunnel durchgesetzt &ndash; als Staatssekret&auml;r im Bundesverkehrsministerium unter CSU-Amtschef Andreas Scheuer. In Stuttgart hie&szlig; der Tunnel deswegen anf&auml;nglich auch &bdquo;Bilger-Tunnel&ldquo;.<\/p><p>Anfragen etwa von einem der besten Kenner des Gesamtprojekts, dem Analysten Christoph Engelhardt, an Bilger, er m&ouml;ge doch offenlegen, ob Parteispenden geflossen sind, lie&szlig; er bis heute unbeantwortet. Auch nicht ohne: Es gab so gut wie keine B&uuml;rgerbeteiligung bei diesem Projekt &ndash; und das schon vor dem Infrastrukturbeschleunigungsgesetz. Besonders bitter: Reisende aus Z&uuml;rich, Singen, Tuttlingen kommen bis zum Ende der Bauzeit nicht mehr &uuml;ber die G&auml;ubahn direkt in die Stadt. Ihre Z&uuml;ge enden im zehn Kilometer entfernten Vaihingen. Mit S21 werden ohnehin viele Z&uuml;ge am Hauptbahnhof vorbeifahren oder vorher enden. S21 hat einfach viel zu geringe Kapazit&auml;ten.<\/p><p><em>Der zweite Teil des Interviews erscheint am Donnerstag, 22. Juni. Darin: Ein Tunnelbohrer pflegt die politische Landschaft, die flotten Seitenwechsler von der Gr&uuml;nen-Partei, und ein Kombibahnhof ist auch keine L&ouml;sung.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Joerg Huettenhoelscher\/shutterstock.com<\/small><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/cf3a63bf77e04804a4155ee6139e70f5\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r <strong>Arno Luik<\/strong> ist Stuttgart 21 ein &bdquo;Irrwitzprojekt&ldquo;: Infrastruktur werde mutwillig kaputt gemacht f&uuml;r etwas, das nicht funktioniere, gemeingef&auml;hrlich sei und unabsch&auml;tzbar viele Milliarden Euro verschlinge. Vor allem aber sei S21 ein gigantisches L&uuml;gengeb&auml;ude, erdacht und durchgesetzt, um Profite f&uuml;r wenige auf dem R&uuml;cken der Allgemeinheit zu generieren. 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