{"id":158,"date":"2005-01-03T10:41:39","date_gmt":"2005-01-03T09:41:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=158"},"modified":"2016-03-21T16:33:21","modified_gmt":"2016-03-21T15:33:21","slug":"uber-die-wirkung-groser-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158","title":{"rendered":"\u00dcber die Wirkung gro\u00dfer Reden"},"content":{"rendered":"<p>Fragen eines Lesers zur Weihnachtsansprache des Bundespr&auml;sidenten<br>\n<!--more--><br>\nHerr Bundespr&auml;sident,<\/p><p>in Ihrer Weihnachtsansprache fordern Sie Mut zur Ver&auml;nderung und mehr Mitmenschlichkeit. Recht so! Sie verga&szlig;en allerdings zu erw&auml;hnen, wer sich ver&auml;ndern soll und wozu. &Auml;lter werden wir schlie&szlig;lich alle.<br>\nNichts sagten Sie auch dar&uuml;ber, wer die Spesen bezahlen soll. Wenn ich Ihnen also zustimme, dass wir uns ver&auml;ndern m&uuml;ssen, bin ich mir nicht sicher, ob wir das gleiche meinen. Hier ein paar Angebote zur G&uuml;te: Auch ich bin der Meinung, die wirklich Reichen sollten etwas mehr zum Gemeinwohl beitragen. Sie sollten ihr ins Ausland verschobene Geld wieder ins Land holen, ihre hinterzogenen Steuern nachzahlen und &uuml;berhaupt auf die n&auml;chste Steuersenkung f&uuml;r ihresgleichen verzichten. Das w&auml;re doch nicht zuviel verlangt.<br>\nAuch bin ich dagegen, dass florierende Unternehmen Massenentlassungen vornehmen oder ihren Sitz zwecks Lohndumping ins Ausland verlagern d&uuml;rfen.<br>\nHier w&auml;re endlich dem Verfassungsgebot, wonach Eigentum verpflichtet, Rechnung zu tragen. Wer, Herr Pr&auml;sident, w&auml;re geeigneter als Sie, an dieses leider h&auml;ufig vergessene Kernst&uuml;ck unseres Grundgesetzes immer einmal bei passender Gelegenheit zu erinnern. Und die Weihnachtsansprache ist doch so eine Gelegenheit, finden Sie nicht auch? <\/p><p>Auch passt es mir schon lange nicht mehr, dass die Arbeitenden in diesem Lande fast nur noch beschimpft werden: als zu teuer und zu faul. Ich nehme an oder vielmehr hoffe ich, dass sie sich das auf die Dauer nicht bieten lassen. Denn immerhin schaffen sie doch die Werte, mit denen die Unternehmen so freigiebig an der B&ouml;rse spekulieren. Arbeitnehmer sollten einfach nicht l&auml;nger die Unternommenen sein. Sie sollten, ganz im Sinne des ersten Artikels der schon erw&auml;hnten Verfassung, die doch nicht nur auf dem Papier existieren darf, in die Lage versetzt werden, ein Leben in W&uuml;rde zu f&uuml;hren. Das gilt &uuml;brigens f&uuml;r alle Menschen in diesem Lande. Da sind wir doch sicher einer Meinung, Herr Pr&auml;sident. <\/p><p>Aber dann d&uuml;rfen wir auch nicht zulassen, dass nahezu t&auml;glich Leistungen eingeschr&auml;nkt, Tarifvertr&auml;ge ausgeh&ouml;hlt und das Recht auf Mitbestimmung z.B. in Frage gestellt wird. Im Gegenteil. Die Menschen sollten in die Lage versetzt werden, aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft teilzunehmen. Teilhabe ist doch der Kern der Demokratie. Auch hier w&auml;re der Verfassung gen&uuml;ge zu tun. Wir sind doch mit dem Sozialstaatsgebot bisher ganz gut gefahren, finden Sie nicht auch? Wo k&auml;men wir denn hin, wenn jeder, der von der Ausbeutung fremder Arbeit lebt, machen kann was er will. <\/p><p>Und da bin ich auch schon bei Ihrem zweiten Punkt, der Forderung nach mehr Mitmenschlichkeit. Das ist so eine Sache in dieser Wirtschaftsordnung, die Sie ja zu ihren st&auml;rksten Unterst&uuml;tzern z&auml;hlt. Ist es nicht so, dass diese all jene Werte zugrunde richtet, die Sie zu recht so emphatisch fordern. Was soll denn beispielsweise ein Opel-Arbeiter, der vor der Entlassung steht, darunter verstehen. Soll er sich am Ende daf&uuml;r bedanken, dass es ihn und keinen anderen trifft? Ich meine also: Wenn man t&auml;glich h&ouml;rt, dass die Arbeit in diesem Land zu teuer, die Renten nicht mehr bezahlbar, das Gesundheitssystem ruiniert und &uuml;berhaupt wir alle &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt haben &ndash; ja Herr Pr&auml;sident, dann frage ich mich schon, ob wir das gleiche meinen, wenn wir Ver&auml;nderungen fordern. Ich w&uuml;sste nicht, wo die Rentnerin, die 600 Euro Rente bezieht, &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt h&auml;tte. Auch der Arbeitslose, der 30 Jahre lang eingezahlt hat und demn&auml;chst auf das Niveau der Bed&uuml;rftigkeit zur&uuml;ckf&auml;llt, wird schwerlich allzu &uuml;berm&uuml;tig werden k&ouml;nnen. Daran &auml;ndern auch die 1-Euro-Jobs nur wenig, die unser Herr Clement so r&uuml;hrend anmahnt. <\/p><p>Sehen Sie, es ist gar nicht so einfach, &uuml;ber Ver&auml;nderungen nachzudenken, vor allem dann nicht, wenn man nicht dazu sagt, wohin die Reise gehen soll. Was gewisserma&szlig;en der Zweck der ganzen Veranstaltung ist. Und das muss man schon sagen, denn die Menschen ver&auml;ndern sich nun mal nicht gern. Sie ahnen sozusagen nichts Gutes, wenn Leute wie Sie und Ihresgleichen, die ja von diesen Ver&auml;nderungen gar nicht betroffen sein werden, diese fordern. Das macht es ja eben so schwer, diese st&ouml;rrischen Esel zum Laufen zu bringen. <\/p><p>Aber so sind sie, unsere lieben Mitmenschen. Sie str&auml;uben sich, wo sie nur k&ouml;nnen. Darum ist ja die aktuelle Wertediskussion so &uuml;beraus wichtig. Sie erhebt uns gewisserma&szlig;en &uuml;ber die h&auml;sslichen Seiten unseres Alltags und l&auml;sst uns von einer h&ouml;heren Warte aus auf die Niederungen dieser Welt schauen. Moralisch gel&auml;utert sozusagen. Ohne diese Debatte, in die Ihre Rede Herr Pr&auml;sident sich so wunderbar einf&uuml;gt, werden unsere lieben Mitmenschen nicht einsehen, dass sie wieder einmal die Zeche zahlen und die Reichen ungeschoren davon kommen sollen. Das Volk ist nun mal ein gro&szlig;er L&uuml;mmel und wenn ihm allzu sehr auf die F&uuml;&szlig;e getreten wird, wei&szlig; ich nicht, wozu es noch alles in der Lage ist. Bereits jetzt weigern sich ja gro&szlig;e Teile der wahlberechtigten Bev&ouml;lkerung, diejenigen Politiker, die ihnen Vernunft und Einsicht predigen, um unsere sch&ouml;ne Wirtschaft wieder in Form zu bringen, zu w&auml;hlen. Ja sie weigern sich sogar, &uuml;berhaupt zur Wahl zu gehen. Diese Partei der Nichtw&auml;hler ist ja fast schon mehrheitsf&auml;hig. Das ist doch eine Ungeheuerlichkeit, finden Sie nicht auch Herr Pr&auml;sident. Ach, und &uuml;berhaupt: unsere Wirtschaft. Schon Kurt Tucholsky stellte 1930 unversch&auml;mte Fragen an diese : &bdquo;Eine sch&ouml;ne Wirtschaft! F&uuml;r wen? F&uuml;r wen? Das laufende Band, das sich weiterschiebt, liefert Waren f&uuml;r Kunden, die es nicht gibt. Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht, Eure eigene Kundschaft kaputtgemacht.&ldquo; <\/p><p>Sie sehen, Herr Pr&auml;sident, was dabei herauskommt, wenn man mal ins Gr&uuml;beln kommt. Wenn man &uuml;ber Ihre doch so sorgsam gew&auml;hlten Worte einmal versch&auml;rft nachdenkt. Aber oft reicht es ja auch schon, wenn man Eins und Eins zusammenz&auml;hlt. Auch dann kommt man drauf, dass man den Leuten nicht immer mehr aus der Tasche ziehen und sie gleichzeitig ermahnen kann, doch endlich mehr zu konsumieren. Das machen selbst die hartgesottensten Konsumidioten auf Dauer nicht mit. <\/p><p>Sie sehen: Alles in allem macht mich Ihre Rede, Herr Pr&auml;sident, nicht ganz froh. Da Sie nicht Ross und Reiter nennen, schmeckt sie etwas fad. Es fehlt gewisserma&szlig;en das Salz in der Suppe. Vielleicht k&ouml;nnen Sie in Ihrer n&auml;chsten Rede ja einmal auf einige meiner Anmerkungen eingehen. Ich denke doch, dass nicht nur ich wissen m&ouml;chte, wie wir mit Ihnen dran sind . Ich habe Sie zwar nicht gew&auml;hlt und bin auch nicht gefragt worden, ich denke aber, dass wir uns alle gemeinsam um die Wahrheit bem&uuml;hen sollten. Keinesfalls k&ouml;nnen wir uns doch nur mit einer Sorte von Wahrheit zufrieden geben, von der der gro&szlig;e Nachdenker Bert Brecht sagen w&uuml;rde, dass sie von der Art ist, dass Regen meist von oben f&auml;llt. <\/p><p>Mit besten W&uuml;nschen f&uuml;r`s Neue Jahr<br>\nEin etwas ratloser Mitb&uuml;rger\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragen eines Lesers zur Weihnachtsansprache des Bundespr&auml;sidenten<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,161],"tags":[531,291,1614],"class_list":["post-158","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-wertedebatte","tag-koehler-horst","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-weihnachtsansprache"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=158"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32360,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158\/revisions\/32360"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=158"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=158"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}