{"id":158050,"date":"2026-10-31T12:00:44","date_gmt":"2026-10-31T11:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158050"},"modified":"2026-10-30T04:02:03","modified_gmt":"2026-10-30T03:02:03","slug":"was-geschah-mit-den-buechern-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158050","title":{"rendered":"Was geschah mit den B\u00fcchern der DDR?"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Mauerfall wurden Millionen B&uuml;cher aus DDR-Produktion vernichtet. Auch Bibliotheken trennten sich von ihren Best&auml;nden. Wie gro&szlig; war der Verlust &ndash; und wer versuchte, das literarische Erbe zu retten? Von <strong>Dirk Engelhardt<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6646\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-158050-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261026-Was-geschah-mit-den-Buechern-der-DDR-NDS.mp3?_=1\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261026-Was-geschah-mit-den-Buechern-der-DDR-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261026-Was-geschah-mit-den-Buechern-der-DDR-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261026-Was-geschah-mit-den-Buechern-der-DDR-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=158050-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261026-Was-geschah-mit-den-Buechern-der-DDR-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"261026-Was-geschah-mit-den-Buechern-der-DDR-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Lehrbuch &bdquo;Marxistisch-leninistische Staats- und Rechtstheorie&ldquo;, erschienen 1975 im Staatsverlag der DDR, war so ein Werk, das &ouml;fters dran glauben musste. Nach dem Mauerfall interessierten sich nur noch wenige Bibliotheksnutzer in Ostdeutschland f&uuml;r dieses staatstragende Werk, das die Grundlagen des sozialistischen Staates und seiner Rechtsordnung vermittelte. Vielerorts wanderte es auf den M&uuml;ll, zusammen mit unz&auml;hligen anderen B&uuml;chern, die in Verlagen der DDR erschienen waren und deren literarischer Wert weit &uuml;ber das politische System hinausreichte. <\/p><p>Nach Angaben des Literaturwissenschaftlers Carsten Gansel landeten nach dem Mauerfall rund 80 Millionen DDR-B&uuml;cher im M&uuml;ll. Eine genaue Statistik gibt es nicht. In manchen Orten waren Container aufgestellt, in denen B&uuml;cher aus dem Buchhandel, aus Bibliotheken und Lagern weggeschmissen wurden. Fotos aus jener Zeit zeigen, wie B&uuml;cher palettenweise auf M&uuml;llkippen landeten und sogar in stillgelegten Tagebauen entsorgt wurden. Hintergrund war ein radikaler wirtschaftlicher und kultureller Umbruch.<\/p><p>Die DDR war ein Leseland und verf&uuml;gte &uuml;ber wesentlich mehr Bibliotheken als die neuen Bundesl&auml;nder heute. Eine betr&auml;chtliche Zahl der kleineren Bibliotheken, die sich in Wohngebieten oder Schulen befanden, wurde nach dem Mauerfall f&uuml;r immer geschlossen. Bibliotheken sortierten in der Zeit nach dem Mauerfall zwischen 30 und 40 Prozent ihrer Best&auml;nde aus. Der Hauptgrund war wohl, dass Platz ben&ouml;tigt wurde, um die Regale mit neuen B&uuml;chern aus Westdeutschland zu f&uuml;llen und damit auch auf die W&uuml;nsche der Bibliotheksbesucher zu reagieren. DDR-Autoren gerieten damals unter Verdacht, politisch zu eng mit dem alten Staat verbunden gewesen zu sein.<\/p><p>Man muss jedoch sagen, dass nicht alle B&uuml;cher weggeschmissen wurden. Ein Teil wurde auch auf Flohm&auml;rkten oder an Antiquariate verkauft. <\/p><p>Heute k&ouml;nnen sich die Leiter ostdeutscher Bibliotheken offenbar nur noch schwer an die damalige Zeit erinnern. Die Stadtb&uuml;cherei in Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern ist eine relativ kleine Bibliothek, rund 18.000 B&uuml;cher stehen hier in den Regalen. Leiterin Simone Brock kann sich erinnern, dass nach dem Mauerfall St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck die alten B&uuml;cher aus der DDR aussortiert wurden. &bdquo;Das geschah aber nicht auf einen Schlag, sondern wir haben nach und nach den Bestand der alten DDR-B&uuml;cher durch neue B&uuml;cher aus deutschen Verlagen ersetzt&ldquo;, erinnert sie sich.<\/p><p>&Auml;hnlich verfuhr die Stadtbibliothek in Oranienburg. &bdquo;Wir f&uuml;hren heute keine B&uuml;cher mehr, die zu DDR-Zeiten aufgelegt wurden&ldquo;, sagt Daniel Fehlauer, der Leiter der Bibliothek. DDR-B&uuml;cher wurden, so gibt er zu Protokoll, nach dem Mauerfall sukzessive ausgesondert. <\/p><p>In der turbulenten Zeit der Wende gab es nur wenige Stimmen, die sich gegen diesen Verlust kulturellen Erbes aussprachen. Einer von ihnen war Peter Sodann, der in der DDR Schauspieldirektor in Magdeburg war und sp&auml;ter Intendant im neuen theater in Halle. Nach dem Mauerfall wurde er auch im Westen bekannt durch die Rolle als Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher. 2009 war er sogar als Kandidat der Linken f&uuml;r das Amt des Bundespr&auml;sidenten nominiert. Schon seit 1990 sammelte Peter Sodann die B&uuml;cher, die zwischen 1945 und 1990 in den Verlagen der DDR erschienen waren. Heute befinden sich rund 265.000 DDR-B&uuml;cher in der Peter-Sodann-Bibliothek in Stauchitz. Dazu kommen nochmal rund 1,5 Millionen B&uuml;cher, die nicht einsortiert sind und in Bananenkisten lagern. Neben Romanen und Gedichtb&auml;nden finden sich auch Sachb&uuml;cher, Kinderb&uuml;cher, regionale Werke und anderes, das heute nur noch schwer zu beschaffen ist.<\/p><p>Sodann war es nicht wichtig, die DDR politisch zu rehabilitieren, sondern ihre gedruckten Werke f&uuml;r sp&auml;tere Generationen zu bewahren. Ausl&ouml;ser f&uuml;r ihn war die Aufl&ouml;sung der Bibliothek des FDGB-Bezirksvorstandes in Halle, deren komplettes Inventar auf LKWs zur Vernichtung aufgeladen wurde &ndash; vor seinen Augen. In einem Interview mit der <em>taz<\/em> aus dem Jahr 2009 erinnert er sich an den Moment, als er die M&auml;nner beobachtete, die die B&uuml;cher auf den Lastwagen warfen. &bdquo;Ihr schmei&szlig;t mir ja mein Leben weg&ldquo;, waren seine Gedanken.<\/p><p>Sodann, ein Mann der Tat, ergriff Ma&szlig;nahmen. Er lie&szlig; die B&uuml;cher erst einmal in R&auml;umen in seinem Theater zwischenlagern. 2007, nachdem seine Sammlung bereits verschiedene Stationen in Halle und Merseburg durchlaufen hatte, gr&uuml;ndete er in Staucha eine dauerhafte Einrichtung zur Aufbewahrung der B&uuml;cher. Die Sortierung und Katalogisierung der B&uuml;cher verschlang nat&uuml;rlich eine Stange Geld, das meist durch F&ouml;rderung akquiriert wurde. Bis heute k&auml;mpft die Peter-Sodann-Bibliothek allerdings mit finanziellen Problemen. Die Rettung des literarischen Erbes der DDR ist dem heutigen Kulturminister anscheinend kein gro&szlig;es Anliegen.<\/p><p>Werner Lindemann, der Vater des Rammstein-S&auml;ngers Till Lindemann, war in der DDR erfolgreicher Autor f&uuml;r Kinderb&uuml;cher und Literatur f&uuml;r Erwachsene. Er erlebte selbst, wie seine B&uuml;cher auf einer M&uuml;llhalde landeten, nach 1989 war er pl&ouml;tzlich nicht mehr gefragt. F&uuml;r ihn war es schmerzlich, zu erleben, wie seine Werke auf einen Schlag als wertlos gehandelt wurden. <\/p><p>Carsten Gansel, in der DDR aufgewachsen, hat k&uuml;rzlich das Buch &bdquo;Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand&ldquo;, erschienen im Reclam Verlag, geschrieben. Das Buch ist auf der Longlist f&uuml;r den NDR Sachbuchpreis 2026. In seinem Buch zeigt Gansel, warum der Westen im Osten bis heute als dominant und &uuml;bergriffig empfunden wird. Gansel beschreibt darin zum Beispiel den evangelischen Theologen Martin Weskott, der 1991 eine Rettungsaktion f&uuml;r B&uuml;cher auf einer M&uuml;llkippe bei Leipzig initiierte. Neben einer Kirche lagerte er mehr als eine Million B&auml;nde. Danach organisierte er Lesungen mit den Autoren, deren B&uuml;cher gerettet wurden, und die zum Erfolg wurden. <\/p><p>Ein besonders eindringlicher Teil Gansels Buchs betrifft die Schriftsteller, deren berufliche Anerkennung nach dem Mauerfall einbrach. Dabei nennt Gansel Autoren wie den Lyriker Manfred Streubel und den Karikaturisten Thomas Schleusing, die sich 1992 das Leben nahmen. Das waren allerdings Extremf&auml;lle, es gibt durchaus eine Reihe von DDR-Autoren, die nach dem Mauerfall erfolgreich waren und auch bedeutende Literaturpreise erhielten. Gansels Kritik richtet sich nicht allein gegen die Vernichtung von B&uuml;chern. Er beschreibt auch, wie Schriftsteller nach 1989 h&auml;ufig in Kategorien wie staatsnah und staatsfern eingeordnet wurden. Dabei gerieten literarische Qualit&auml;t und historische Bedeutung mitunter aus dem Blickfeld. <\/p><p><small>Titelbild: DC Studio\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Mauerfall wurden Millionen B&uuml;cher aus DDR-Produktion vernichtet. Auch Bibliotheken trennten sich von ihren Best&auml;nden. Wie gro&szlig; war der Verlust &ndash; und wer versuchte, das literarische Erbe zu retten? 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