{"id":158210,"date":"2026-10-29T11:00:02","date_gmt":"2026-10-29T10:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158210"},"modified":"2026-10-29T10:05:38","modified_gmt":"2026-10-29T09:05:38","slug":"leichter-angebracht-als-abgenommen-die-nkwd-gedenktafel-von-koepenick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158210","title":{"rendered":"Leichter angebracht als abgenommen: Die NKWD-Gedenktafel von K\u00f6penick"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal st&ouml;&szlig;t man auf Geschichte, wo man sie am wenigsten erwartet. Von <strong>Valeri Schiller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIch lebe in Treptow-K&ouml;penick und musste k&uuml;rzlich zum Finanzamt. Eigentlich wollte ich mich nur mit der deutschen B&uuml;rokratie auseinandersetzen &ndash; doch gleich am Eingang fiel mir eine <a href=\"https:\/\/www.gedenktafeln-in-berlin.de\/gedenktafeln\/detail\/opfer-des-nkwd\/1940\">Gedenktafel<\/a> auf:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In diesem Haus, einer ehemaligen Polizeikaserne, befand sich von 1945 bis 1947 ein St&uuml;tzpunkt des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Nach Kriegsende wurden im Keller dieses Geb&auml;udes zahlreiche B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger interniert und von hier in Straflager deportiert, wo viele von ihnen umgekommen sind.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Text &uuml;berraschte mich, denn mein Bild vom Berlin des Jahres 1945 war ein anderes: Viele entschiedene Gegner des Regimes waren ermordet worden oder ins Exil gegangen, und ein gro&szlig;er Teil derer, die geblieben waren, hatte sich in irgendeiner Form mit dem System arrangiert. Dass dieses Bild vereinfacht ist, war mir bewusst &ndash; umso mehr wollte ich wissen, was hinter dieser Tafel steckt und worauf sie sich st&uuml;tzt.<\/p><p>Und hier wird es interessant.<\/p><p>Die Tafel wurde im Jahr 2000 auf Anregung des Heimatmuseums K&ouml;penick angebracht, unter anderem gest&uuml;tzt auf eine Untersuchung des Historikers Peter Erler. Dessen Befund wurde sp&auml;ter jedoch deutlich korrigiert. <a href=\"https:\/\/www.stiftung-hsh.de\/fileadmin\/daten\/mediathek\/forschungsbeitraege\/pdf\/Erler_Gef%C3%A4ngnisse_sowjetische_Geheimpolizei_Berlin.pdf\">Erler selbst schreibt<\/a>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Auf diesem Irrtum basierend, deklarierte das Heimatmuseum K&ouml;penick einige Polizeidienststellen zu &sbquo;NKWD-Gef&auml;ngnissen&lsquo; und initiierte die Anbringung einer Gedenktafel in der heutigen Seelenbinderstra&szlig;e 99.&ldquo;<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/261029-Finanzamt.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Damit stellt sich nicht nur die Frage, was damals geschah, sondern auch, wie wir heute davon erz&auml;hlen. Wenn die Forschung, auf der die K&ouml;penicker Tafel beruht, inzwischen korrigiert wurde, liegt eine einfache Frage nahe: Warum h&auml;ngt sie dann noch immer dort?<\/p><p>Wer nur die Tafel liest, bekommt ein klares Bild: Nach dem Krieg wurden hier Menschen eingesperrt und in Lager verschleppt, in denen viele starben. Unausgesprochen schwingt mit, dass es Unschuldige waren. Doch wer waren sie? Menschen, die ohne jeden Grund festgenommen wurden, oder NSDAP-Mitglieder, Polizisten, Soldaten? Vermutlich von allem etwas &ndash; und genau das macht es kompliziert.<\/p><p>Ein Mensch konnte Nationalsozialist sein und sp&auml;ter Opfer sowjetischer Repression werden. Das eine macht das andere nicht ungeschehen. Ein Beispiel ist Richard Heike. Seine Fleischwarenfabrik wurde nach dem Krieg in ein Gef&auml;ngnis umgewandelt, Heike selbst wurde erschossen. So beschreibt es die <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/landesdenkmalamt\/denkmale\/highlight-denkmale-der-alliierten\/udssr\/lichtenberg\/speziallager-nr-3-648073.php\">Website des Landeskriminalamts Berlin<\/a>. Unerw&auml;hnt bleibt dort, dass Heike in seinem Betrieb Gewehrsch&auml;fte f&uuml;r die deutsche R&uuml;stungsproduktion herstellen lie&szlig; &ndash; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Heike#cite_note-10\">mithilfe polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter<\/a>. Gerade dieses Detail ver&auml;ndert den Blick auf seine Geschichte erheblich.<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann jemand zu Unrecht verhaftet und get&ouml;tet worden sein; das bleibt Unrecht. Aber derselbe Mensch kann zuvor Teil des NS-Systems gewesen sein oder von dessen Verbrechen profitiert haben. Beides kann zugleich wahr sein. Die sp&auml;tere Verfolgung macht das fr&uuml;here Handeln nicht besser &ndash; sie darf es aber auch nicht aus der Biografie tilgen.<\/p><p>Vielleicht ist die Antwort banal: Eine Gedenktafel anzubringen ist offenbar leichter, als sie wieder abzunehmen. So verselbstst&auml;ndigen sich historische Darstellungen. Eine Formulierung steht auf einer Tafel, wird &uuml;bernommen, zitiert &ndash; und gilt irgendwann als Tatsache.<\/p><p>&Auml;hnliches begegnet einem auch anderswo. Zum Beispiel stellte die Prager Erkl&auml;rung vom 3. Juni 2008, zu deren Unterzeichnern auch Joachim Gauck geh&ouml;rte, die nationalsozialistische und die kommunistische Diktatur auf eine Stufe.<\/p><p>F&uuml;r mich gibt es hier eine Parallele: die Tendenz, die Geschichte aus der sowjetischen Zeit nach und nach umzudeuten oder aus dem Bewusstsein zu verdr&auml;ngen. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese Geschichte mit der Zeit verf&auml;lscht dargestellt wird.<\/p><p>Mir geht es nicht darum, Verbrechen gegeneinander aufzurechnen. Im Gegenteil: Wer sich ernsthaft mit Geschichte besch&auml;ftigt, muss auch widerspr&uuml;chliche Biografien aushalten. Ein Mensch kann T&auml;ter und Opfer sein &ndash; zu einem Zeitpunkt an der Verfolgung anderer beteiligt und sp&auml;ter selbst aufgrund dieser Taten verfolgt oder bestraft werden.<\/p><p>Geschichte ist eben oft komplizierter als eine Gedenktafel.<\/p><p>Und deshalb interessiert mich nicht nur, was in diesem Geb&auml;ude zwischen 1945 und 1947 tats&auml;chlich geschah, sondern auch, <strong>warum man uns Jahrzehnte sp&auml;ter immer noch gerade diese Geschichte &uuml;ber diesen Ort erz&auml;hlt &ndash; und wem genau diese Form der historischen Erinnerung n&uuml;tzt<\/strong>.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; Valerie Schiller<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal st&ouml;&szlig;t man auf Geschichte, wo man sie am wenigsten erwartet. 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