{"id":158223,"date":"2026-10-30T10:00:15","date_gmt":"2026-10-30T09:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158223"},"modified":"2026-10-30T09:37:25","modified_gmt":"2026-10-30T08:37:25","slug":"ohne-globalen-herrscher-muss-die-welt-nicht-im-chaos-versinken-anatol-lieven-in-istanbul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158223","title":{"rendered":"\u201eOhne globalen Herrscher muss die Welt nicht im Chaos versinken\u201c \u2013 Anatol Lieven in Istanbul"},"content":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Wir leben in vielerlei Hinsicht [&hellip;] mittlerweile in einer seltsamen Welt der Illusionen. Und eines der gef&auml;hrlichsten Dinge ist, dass sehr viele Menschen an ihre eigenen Illusionen glauben.&ldquo;<\/em> Mit diesen Worten leitet der britische Politikwissenschaftler und Publizist Anatol Lieven seine Kritik an der sogenannten &bdquo;regelbasierten Ordnung&ldquo; ein, die er als <em>&bdquo;Euphemismus f&uuml;r die globale Vorherrschaft der USA &ndash; mit den Europ&auml;ern als amerikanische Satrapen oder Leutnants&ldquo;<\/em> bezeichnet. Dabei w&uuml;rden die Regeln dieser vermeintlich regelbasierten Ordnung <em>&bdquo;von Amerika aufgestellt und von Amerika gebrochen, wann immer es darin einen Vorteil sieht&ldquo;<\/em>. Sein Impulsvortrag fand im Rahmen der Paneldiskussion I &bdquo;Multipolarit&auml;t und das Ende der liberalen Weltordnung&ldquo; auf dem Ost-West-Forum in Istanbul am 26. September 2026 statt. Von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"100%\" height=\"auto\" style=\"aspect-ratio: 16 \/ 9\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/-t0tf9MVNHs\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><em><a href=\"https:\/\/youtu.be\/-t0tf9MVNHs\">Der Vortrag<\/a> wurde in englischer Sprache gehalten und ist hier mit deutschen Untertiteln zu sehen.<\/em><\/p><p>Lieven kritisiert in seinem Vortrag weiter den Glauben gro&szlig;er Teile des westlichen Establishments, dass ohne die amerikanische Vorherrschaft die Welt ins Chaos st&uuml;rzen oder China auf gleiche Weise wie die USA als neue globale Hegemonialmacht agieren w&uuml;rde. <\/p><p>Auch die Vorstellung, die USA h&auml;tten w&auml;hrend des Kalten Krieges Frieden und Stabilit&auml;t garantiert, h&auml;lt Lieven f&uuml;r einen Mythos. F&uuml;r viele Menschen in Korea, Vietnam, Algerien, der arabischen Welt, Afrika und S&uuml;damerika sei diese Epoche vielmehr <em>&bdquo;in vielerlei Hinsicht ein Albtraum&ldquo; <\/em>gewesen. Die heutigen Konflikte im Nahen Osten und auch der Ukrainekrieg seien seiner Einsch&auml;tzung nach zu einem erheblichen Teil Folgen der amerikanischen Politik und der Politik ihrer Verb&uuml;ndeten.<\/p><p>Zwar strebe China nach Lievens Einsch&auml;tzung ebenfalls eine globale wirtschaftliche Vorherrschaft an, doch gebe es bislang <em>&bdquo;keine Anzeichen daf&uuml;r, dass China jene Art von militarisierter globaler Vorherrschaft anstrebt, die Amerika angestrebt hat&ldquo;. <\/em>Lieven widerspricht auch der Vorstellung, dass die Welt ohne eine globale Hegemonialmacht zwangsl&auml;ufig in Chaos und Konflikte st&uuml;rzen m&uuml;sse. Eine Welt ohne globalen Herrscher k&ouml;nne durchaus eigene Regeln und Mechanismen entwickeln, um Konflikte zu l&ouml;sen oder zumindest zu begrenzen und gemeinsame Ziele zu verfolgen. Lieven erkl&auml;rt, &bdquo;dass ein anarchisches System, also ein System ohne Herrscher, kein chaotisches System sein muss&ldquo;. Dies sei auch angesichts globaler Herausforderungen wie des Klimawandels, der k&uuml;nstlichen Intelligenz und der Sicherheit des internationalen Handels dringend notwendig &ndash; Herausforderungen, bei deren Bew&auml;ltigung die USA nach Lievens Einsch&auml;tzung nicht nur versagt, sondern teilweise sogar eine sch&auml;dliche Rolle gespielt h&auml;tten.<\/p><p>Sein abschlie&szlig;endes Fazit:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Selbst wenn wir scheitern sollten [&hellip;] bezweifle ich, dass viele Menschen auf der ganzen Welt mit gro&szlig;er Nostalgie auf die amerikanische Vorherrschaft zur&uuml;ckblicken werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><em>Das gesamte Transkript seines Vortrags k&ouml;nnen Sie im Folgenden in der deutschen &Uuml;bersetzung nachlesen:<\/em><\/p><p>Wir leben in vielerlei Hinsicht &ndash; ich meine, vor allem in Amerika, aber auch in Europa &ndash; mittlerweile in einer seltsamen Welt der Illusionen. Und eines der gef&auml;hrlichsten Dinge ist, dass sehr viele Menschen an ihre eigenen Illusionen glauben. Und das bringt mich zu dem ber&uuml;chtigten Begriff &bdquo;regelbasierte Ordnung&ldquo;, der nat&uuml;rlich einerseits einfach nur ein Euphemismus f&uuml;r die globale Vorherrschaft der USA ist &ndash; mit den Europ&auml;ern als amerikanische Satrapen oder Leutnants. Es ist dennoch ein Mythos, an den leider ein gro&szlig;er Teil des westlichen Establishments, so glaube ich, aufrichtig glaubt; sie haben sich selbst davon &uuml;berzeugt, dass dies wahr ist.<\/p><p>Eine der Methoden, eine der wichtigsten Methoden, mit denen sie diesen Glauben und den Glauben an dessen Notwendigkeit untermauern &ndash; und ich denke, sie tun dies wieder einmal sowohl sich selbst als auch allen anderen gegen&uuml;ber &ndash;, besteht darin, zu behaupten, und ja, zweifellos auch zu glauben, dass ohne diese von den USA gef&uuml;hrte, regelbasierte Ordnung &ndash; wobei diese Regeln nat&uuml;rlich von Amerika aufgestellt und von Amerika gebrochen werden, wann immer es darin einen Vorteil sieht &ndash;, aber ohne diese Ordnung eines von zwei Dingen passieren w&uuml;rde, oder das eine w&uuml;rde auf das andere folgen:<\/p><p>Erstens: Ohne einen globalen Herrscher w&uuml;rde die Welt ins Chaos st&uuml;rzen, und &uuml;berall auf der Welt w&uuml;rden neue Konflikte ausbrechen, wenn Amerika nicht da w&auml;re, um sie zu unterdr&uuml;cken oder manchmal zu schlichten. <\/p><p>Und die andere &Uuml;berzeugung ist, dass, wenn die Welt nicht wieder von den Vereinigten Staaten regiert wird, mit Europa als deren Leutnant, die Welt von China regiert werden w&uuml;rde &ndash; und zwar auf dieselbe Weise, wie Amerika versucht hat, die Welt zu regieren. <\/p><p>Dazu muss ich sagen: Wenn China einfach Amerikas hegemoniale Politik nachahmen w&uuml;rde, w&auml;re das f&uuml;r niemanden von Vorteil, vielleicht am wenigsten f&uuml;r die Chinesen selbst. Gl&uuml;cklicherweise sehe ich derzeit keine Anzeichen daf&uuml;r, dass dies geschehen wird.<\/p><p>Dahinter verbirgt sich nat&uuml;rlich auch ein fast v&ouml;llig falsches Bild von der angeblichen Stabilit&auml;t und dem Frieden, die von den Vereinigten Staaten gewahrt wurden, als sie der nichtkommunistische Pol einer &ndash; nun ja &ndash; nur sehr teilweise bipolaren Welt mit der Sowjetunion waren, und zwar in dem, was die Amerikaner etwas seltsamerweise &ndash; und auch die Europ&auml;er &ndash; als die &bdquo;freie Welt&ldquo; bezeichneten. Dies habe Frieden und Stabilit&auml;t bewahrt. <\/p><p>Etwas, das nat&uuml;rlich in Westeuropa in betr&auml;chtlichem Ma&szlig;e zutraf, aber f&uuml;r die Koreaner, die Vietnamesen, die Algerier, die arabische Welt, die Angolaner, viele S&uuml;damerikaner und so weiter und so fort eine sehr gro&szlig;e &Uuml;berraschung w&auml;re.<\/p><p>Aus ihrer Sicht war der Kalte Krieg keine Zeit der Stabilit&auml;t und des Friedens. Er war in vielerlei Hinsicht ein Albtraum. Und viele Gebiete, die von den Konflikten des Kalten Krieges heimgesucht wurden, sind heute tats&auml;chlich viel friedlicher und stabiler. <\/p><p>Und nat&uuml;rlich sind dort, wo wirklich ernsthafte Konflikte herrschen, vor allem im Nahen Osten, diese sehr weitgehend &ndash; nicht vollst&auml;ndig, aber sehr weitgehend &ndash; das Ergebnis der Politik der Vereinigten Staaten und ihrer lokalen Verb&uuml;ndeten. Und das w&uuml;rde ich auch in Bezug auf den Ukraine-Krieg sagen. Nicht vollst&auml;ndig, aber sehr, sehr weitgehend.<\/p><p>Nun, &uuml;ber China werde ich nicht viel sprechen, denn wir haben viel bessere Experten, die dar&uuml;ber sprechen k&ouml;nnen. F&uuml;r mich scheint es zweifellos klar zu sein, dass China die globale wirtschaftliche Vorherrschaft anstrebt, wie es Gro&szlig;britannien zuvor bereits tat, auch durch milit&auml;rische Mittel. Amerika hat dies auch getan. <\/p><p>Es gibt f&uuml;r mich bislang keine Anzeichen daf&uuml;r, dass China jene Art von militarisierter globaler Vorherrschaft anstrebt, die Amerika angestrebt hat. Und wie wir gerade geh&ouml;rt haben, ist das eine sehr gute Sache, denn, wenn China jemanden wie Donald Trump hervorgebracht h&auml;tte &ndash; oder, wie ich hinzuf&uuml;gen m&ouml;chte, Hillary Clinton oder George W. Bush &ndash;, dann w&auml;re die Welt wahrscheinlich inzwischen tats&auml;chlich zerst&ouml;rt worden. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. <\/p><p>Tats&auml;chlich spricht meiner Meinung nach einiges daf&uuml;r, dass China in bestimmten Teilen der Welt eine viel aktivere Rolle spielt &ndash; nat&uuml;rlich nicht milit&auml;risch, sondern politisch.<\/p><p>Vor allem aber bin ich, wie ich sagen muss, nicht ganz gl&uuml;cklich mit dem Begriff &bdquo;Multipolarit&auml;t&ldquo;, denn wenn man auf den Begriff der Bipolarit&auml;t oder Unipolarit&auml;t zur&uuml;ckgreift, suggeriert dies &ndash; vielleicht unbewusst &ndash;, dass sich andere L&auml;nder eng an den einen oder anderen Pol binden m&uuml;ssen und offenbar keine Alternative zu diesem Pol haben. <\/p><p>Nun trifft das nat&uuml;rlich in bestimmten Teilen der Welt nach wie vor sehr stark zu. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass dies das Ziel der meisten L&auml;nder der Welt ist oder dass es in Zukunft m&ouml;glich sein wird, dass Pole dies durchsetzen k&ouml;nnen.<\/p><p>Da ich viel Zeit in den L&auml;ndern der ehemaligen Sowjetunion verbracht habe &ndash; ich war im Sommer in Usbekistan &ndash;, habe ich sehr oft geh&ouml;rt, wie sie ihre Politik nicht im Sinne einer Multipolarit&auml;t, sondern als &bdquo;multivektorale Politik&ldquo; beschrieben, das hei&szlig;t, sie versuchen, gute funktionale Beziehungen zu allen anderen Staaten aufrechtzuerhalten, einschlie&szlig;lich &ndash; und das halte ich f&uuml;r sehr wichtig &ndash; ihrer eigenen Nachbarn. Denn in einer unipolaren, bipolaren oder multipolaren Welt mit bestimmten festen und absoluten Polen ist es sehr &uuml;blich, dass die untergeordneten L&auml;nder den Beziehungen zum Pol, zum Hegemon, Vorrang vor denen zu ihren engsten Nachbarn einr&auml;umen und manchmal sogar die Beziehungen zu ihren engsten Nachbarn &uuml;ber den Hegemon statt direkt pflegen.<\/p><p>Das ist, glaube ich, nicht mehr der Fall. Ich denke, dass L&auml;nder zunehmend bestrebt sind, ihre Beziehungen so weit wie m&ouml;glich zu diversifizieren und vor allem diesen amerikanischen Ansatz zu vermeiden, auf dem die Amerikaner unbewusst oder bewusst st&auml;ndig bestehen: &bdquo;Ihr seid entweder f&uuml;r uns oder gegen uns&ldquo;, &bdquo;Ihr m&uuml;sst voll und ganz auf der Seite Amerikas stehen&ldquo;. Und wenn man das nicht tut, ist man in gewisser Weise ein Feind &ndash; etwas, das von Donald Trump bis ins Groteske getrieben wurde. Aber er &uuml;bertreibt nur etwas, das wir schon zuvor sehr oft von amerikanischen Politikern geh&ouml;rt haben.<\/p><p>Wenn es um eine anarchische Welt geht &ndash; also eine Welt ohne einen Herrscher oder vielleicht sogar ohne Herrscher &uuml;berhaupt &ndash;, dann ist es ein Grundprinzip der Anthropologie, dass ein anarchisches System, also ein System ohne Herrscher, kein chaotisches System sein muss, dass anarchische Systeme auch ihre eigenen Mechanismen und Traditionen entwickeln k&ouml;nnen, um Konflikte und Streitigkeiten zu l&ouml;sen oder zumindest zu minimieren und bestimmte gemeinsame Ziele zu verfolgen.<\/p><p>Das, so glaube ich, ist es, worauf wir hoffen m&uuml;ssen. Und ich meine, wir m&uuml;ssen darauf hoffen, nicht nur, um das Risiko von Konflikten zu minimieren, sondern auch, weil es mittlerweile enorme Herausforderungen gibt, denen sich Amerika &ndash; obwohl es den Anspruch erhebt, die globale Hegemonialmacht zum Wohl der Menschheit zu sein &ndash; nicht nur v&ouml;llig vers&auml;umt hat, sich zu stellen, sondern in vielerlei Hinsicht als aktiv sch&auml;dlicher Akteur gewirkt hat, zumindest unter den republikanischen Pr&auml;sidenten &ndash; vor allem beim Klimawandel, mittlerweile bei der K&uuml;nstlichen Intelligenz und sogar, wie wir am Golf sehen, wenn es um den Schutz eines sicheren internationalen Handels geht.<\/p><p>Unser anarchisches System muss also auf Vereinbarungen abzielen und auf solche hoffen, die uns helfen, diese zu &uuml;berwinden. Aber ich m&ouml;chte abschlie&szlig;end nur sagen: Selbst wenn wir scheitern sollten &ndash; was ich nicht hoffe &ndash;, selbst wenn wir scheitern sollten, bezweifle ich, dass viele Menschen auf der ganzen Welt mit gro&szlig;er Nostalgie auf die amerikanische Vorherrschaft zur&uuml;ckblicken werden. Vielen Dank.<\/p><p><em>Videoproduktion:&nbsp;<a href=\"http:\/\/harici.com.tr\/\">Harici Media<\/a><\/em><\/p><p><small>Titelbild: Harici Media; NachDenkSeiten<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157724\">&bdquo;Europa, ein besetzter Kontinent&ldquo; &ndash; Thomas Fazi auf dem Ost-West-Forum in Istanbul<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157532\">&bdquo;Europa wird als Frontstaat benutzt, um strategische Rivalen zu schw&auml;chen&ldquo; &ndash; Glenn Diesen in Istanbul<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157510\">&bdquo;Ein Beitrag zur neuen Weltordnung wird nicht von der EU kommen&ldquo; &ndash; von der Schulenburg in Istanbul<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=157111\">Eine multipolare Welt entsteht &ndash; Ulrike Gu&eacute;rot auf dem Ost-West-Forum in Istanbul<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Wir leben in vielerlei Hinsicht [&hellip;] mittlerweile in einer seltsamen Welt der Illusionen. 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