{"id":158268,"date":"2026-10-31T11:00:12","date_gmt":"2026-10-31T10:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158268"},"modified":"2026-10-30T14:58:05","modified_gmt":"2026-10-30T13:58:05","slug":"erinnerungskultur-als-kampfzone-ein-einheitliches-gedaechtnis-an-1945-hat-es-nie-gegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158268","title":{"rendered":"Erinnerungskultur als Kampfzone: \u201eEin einheitliches Ged\u00e4chtnis an 1945 hat es nie gegeben\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Artjom Drabkin &uuml;ber die Rekonstruktion der Schlacht um Berlin, das Ende der deutsch-russischen Vers&ouml;hnung und die globale Machtprobe bis 2030.<\/em><br>\nSchluss mit der verkl&auml;rten Harmonie: Die Gro&szlig;m&auml;chte vereinte 1945 nie ein gemeinsames Ged&auml;chtnis, sondern nur das pragmatische Interesse der Nachkriegsordnung. Der russische Milit&auml;rhistoriker durchleuchtet die Instrumentalisierung der Geschichte, zieht neue Erkenntnisse aus den digitalisierten Archiven der Ostfront und seziert messerscharf, warum der Bruch zwischen Berlin und Moskau auf eine fundamentale Neugestaltung der Weltordnung zusteuert. Mit <strong>Artjom Drabkin<\/strong> sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> in Moskau.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Drabkin, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs dient heute als zentrales Instrument zur Deutung der Gegenwart. Wie ist ein Dialog &uuml;ber die Vergangenheit noch m&ouml;glich, wenn Begriffe wie &bdquo;Befreiung&ldquo;, &bdquo;Kriegsverbrechen&ldquo; oder &bdquo;Genozid&ldquo; in verschiedenen politischen R&auml;umen mit entgegengesetzter moralischer Bedeutung aufgeladen werden?<\/strong><\/p><p><strong>Artjom Drabkin:<\/strong> Man muss es offen sagen: Ein einheitliches Ged&auml;chtnis an den Zweiten Weltkrieg hat es selbst unter den Gro&szlig;m&auml;chten nie gegeben. Nehmen wir die USA, Gro&szlig;britannien, die Sowjetunion oder China &mdash; von Anfang an st&uuml;tzte sich dieser Diskurs &uuml;berall auf v&ouml;llig unterschiedliche Grundlagen.<\/p><p>F&uuml;r die Sowjetunion war und ist dies vor allem ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die kolossalen Opfer, die f&uuml;r das &Uuml;berleben gebracht wurden. F&uuml;r China &uuml;ber die eigenen nationalen Opfer. Jede Seite erhob ihr eigenes opfervolles Wirken zum Fundament ihres nationalen Narrativs. F&uuml;r Gro&szlig;britannien wurde der Zerfall ihres Empires zum Hauptopfer und Preis des Sieges. Und f&uuml;r Washington waren die Verluste auf dem pazifischen Kriegsschauplatz ausschlaggebend, der geopolitisch f&uuml;r die USA schon immer mehr bedeutete als Europa.<\/p><p>Die Gro&szlig;m&auml;chte einigten sich von Anfang an lediglich auf die wichtigsten Leitlinien &ndash; darauf, was das absolute B&ouml;se (der deutsche Faschismus) und wer sein absolut wichtigstes Opfer (die Juden) war. Dies bildete die Basis der kollektiven Erinnerung der Sieger, die aufrechterhalten wurde, solange die Welt von Jalta und Potsdam existierte.<\/p><p>Parallel dazu existierte in jedem Land immer eine ganz eigene, nationale Erinnerung. Die Verb&uuml;ndeten vereinte einzig die Erkenntnis, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederholen darf. Deshalb waren sie bereit, Differenzen nicht zu instrumentalisieren, sondern nach Gemeinsamkeiten zu suchen.<\/p><p>Dieses pragmatische Gleichgewicht hielt bis zum Ende des Kalten Krieges &mdash; bis zu dem Moment, als der Westen entschied, er habe endg&uuml;ltig gesiegt und sei nun im Recht, seine eigenen Regeln zu diktieren. Aus Moskauer Sicht stellt sich das genau so dar: &bdquo;Wir haben gesiegt, und ihr m&uuml;sst euer bisheriges Narrativ ablegen und euch in das unsere einf&uuml;gen.&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r uns ist das prinzipiell inakzeptabel &ndash; angesichts der staatsbildenden Bedeutung des Sieges im Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg. Das gesamte russische Narrativ baut genau darauf auf. Dieses Ereignis einigte das Land und schuf eine neue historische Gemeinschaft: das sowjetische Volk. Die Idee des &bdquo;sowjetischen Volkes&ldquo;, formuliert Mitte der 1930er-Jahre, wurde im Grunde genau im Moment des Sieges von 1945 geboren. Der Versuch, uns zu zwingen, dieses Fundament aufzugeben, ist gescheitert.<\/p><p>Heute zeigt sich dieser Prozess in voller Sch&auml;rfe: Jede Nation stellt ihr eigenes Opfer in den Vordergrund. Doch w&auml;hrend die Welt an der Schwelle zu einer neuen globalen Spaltung steht, wird der Streit um die Vergangenheit erneut zur politisch hochaufgeladenen Machtfrage.<\/p><p><strong>Ein zentrales Feld dieses Perspektivwechsels ist die Schlacht um Berlin. F&uuml;r den zweiten Band Ihrer Gro&szlig;studie &bdquo;Berlin 1945. Der letzte Kampf&ldquo; haben Sie das Manuskript kurz vor dem Druck noch einmal komplett verworfen. Was hat diesen radikalen Schritt erfordert &ndash; und wie sieht Ihre simultane Auswertung sowjetischer und deutscher Archive in der Praxis aus?<\/strong><\/p><p>Man muss hier den Ma&szlig;stab der Aufgabe verstehen. Der Fonds &bdquo;&#1071; &#1087;&#1086;&#1084;&#1085;&#1102;&ldquo; hat sich ein strategisches Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2045, zum 100. Jahrestag des Sieges, die Geschichte der Kampfhandlungen des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges an der Ostfront v&ouml;llig neu zu durchdenken und umzuschreiben.<\/p><p>Warum entstand eine solche Notwendigkeit? Das sowjetische Narrativ st&uuml;tzte sich &auml;u&szlig;erst sp&auml;rlich auf Archivdokumente &ndash; selbst auf eigene, sowjetische &ndash; und ignorierte die Dokumente des Gegners nahezu v&ouml;llig. Das nach 1991 entstandene antisowjetische Narrativ wiederum war keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern das Produkt einer Transformation des historischen Ged&auml;chtnisses und der politischen Konjunktur.<\/p><p>Heute, da die Generation der Kriegsteilnehmer abgetreten ist, sich aber die Archive beider Seiten ge&ouml;ffnet haben und digitalisiert wurden &ndash; so stehen auf dem russischen Portal &bdquo;Memory of the People&ldquo; (&#1055;&#1072;&#1084;&#1103;&#1090;&#1100; &#1085;&#1072;&#1088;&#1086;&#1076;&#1072;) und in den NARA-Best&auml;nden der US-amerikanischen Archivbeh&ouml;rde, wo nach 1945 riesige Mengen erbeuteter deutscher Wehrmachtsakten mikroverfilmt wurden, enorme Dokumentenmassen frei zur Verf&uuml;gung &ndash;, ist eine einzigartige Situation entstanden. Wir k&ouml;nnen die Geschichte der Kampfhandlungen rekonstruieren, indem wir die Dokumente beider Seiten abgleichen. Das ergibt ein volles Bild: wie die Entscheidungen der einen F&uuml;hrung die Handlungen der anderen beeinflussten, wie die Logistik aufgebaut war und wie sich Krisen in der Realit&auml;t entwickelten.<\/p><p>Wir erheben keinen Anspruch auf eine sterile &bdquo;absolute Objektivit&auml;t&ldquo;. Ich bin der Meinung, dass ein Historiker aufgrund seiner kulturellen Pr&auml;gung und Ausbildung gar nicht objektiv sein kann. Unser Forscherkollektiv steht auf dem Standpunkt, den Wjatscheslaw Molotow am 22. Juni 1941 formulierte: &bdquo;Unsere Sache ist gerecht, der Feind wird zerschlagen, der Sieg wird unser sein.&ldquo; Dementsprechend betrachten wir die Ereignisse aus der Perspektive der sowjetischen Seite, die zum Sieg gef&uuml;hrt hat.<\/p><p>Aber wir befreien die Geschichte von ideologischen Klischees. Das sowjetische Narrativ vermied das Thema Verluste, Fehler und erzwungene Entscheidungen. Wir hingegen legen diese Mechanismen durch den Quellenabgleich offen: Wie hoch war der reale Preis von Entscheidungen, warum blieben die Deutschen stecken, wie stand es um ihre Treibstoffkrise?<\/p><p>Wir schaffen dieses faktenbasierte Fundament jetzt, damit wir bei k&uuml;nftigen politischen Wendungen die Orientierung in unserer eigenen Geschichte nicht verlieren. Der Grund f&uuml;r das komplette Neuschreiben des Berlin-Buchs liegt genau hier: Seit wir vor zwei Jahrzehnten mit unserer Arbeit begannen, haben sich Forschungssprache, Methodik und das Niveau der Quellenarbeit grundlegend ver&auml;ndert. Was vor 20 Jahren &ndash; als wir die ersten Materialien sammelten &ndash; als Durchbruch galt, entspricht heute schlicht nicht mehr den wissenschaftlichen Standards.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie das an einem konkreten Beispiel festmachen? Worin liegt der entscheidende Durchbruch Ihres methodischen Ansatzes?<\/strong><\/p><p>Um das Ausma&szlig; zu begreifen: Die Berliner Operation ist eine gigantische Schlacht mit &uuml;ber zwei Millionen Menschen auf unserer und rund eineinhalb Millionen auf deutscher Seite. Zum ersten Mal seit 80 Jahren haben wir eine Arbeit vorgelegt, in der die Chronik der Kampfhandlungen jeder einzelnen Armee taggenau erfasst ist. F&uuml;r jeden Tag der Operation wurde detailliert rekonstruiert, wo sich jede Armee befand und welche Aufgaben sie erf&uuml;llte.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus haben wir den Verlauf der milit&auml;rischen Operation erstmals in den globalen geopolitischen Kontext eingebettet. Die Einnahme Berlins war stets hochgradig politisiert: Einerseits das Symbol des geschlagenen Feindes, andererseits ein komplizierter Knotenpunkt der Beziehungen zu den Verb&uuml;ndeten, Separatverhandlungen und der Frage, ob anglo-amerikanische Truppen die Stadt einnehmen w&uuml;rden.<\/p><p>Eine weitere mythologisierte Schicht sind die Beziehungen zur lokalen deutschen Bev&ouml;lkerung, die Versorgung der Stadt, der Status der Gefangenen sowie der reale Einfluss der Spezialpropaganda beider Seiten auf die Truppen.<\/p><p>Und schlie&szlig;lich haben wir Makro- und Mikrogeschichte verkn&uuml;pft. Neben Stabsdokumenten haben wir in breitem Umfang pers&ouml;nliche Quellen herangezogen &mdash; Tageb&uuml;cher, Briefe und Erinnerungen. Wir sehen nicht nur das Verschieben strategischer Pfeile auf Landkarten, sondern auch, wie der Mensch im Sch&uuml;tzengraben die Ereignisse erlebte.<\/p><p><strong>Ein faszinierendes Detail aus Ihren Forschungen: In manchen Berliner Randbezirken erwachte schon am Tag nach den K&auml;mpfen wieder der zivile Alltag. Wie erlebten die Soldaten der Roten Armee diesen abrupten Wechsel vom H&auml;userkampf zur zivilen Normalit&auml;t inmitten der Tr&uuml;mmer?<\/strong><\/p><p>In den Au&szlig;enbezirken blieb Berlin relativ intakt. In den Vororten &ouml;ffneten fast umgehend wieder Gastst&auml;tten, es wurde Bier verkauft &mdash; und dort bildeten sich sofort Schlangen unserer Soldaten.<\/p><p>Daraus ergaben sich spezifische Probleme: Die Soldaten begriffen den realen Wert des Geldwesens nicht. Sie erhielten Besatzungsmark und bezahlten in den Lokalen nach Gutd&uuml;nken, ohne sich an Marktpreisen zu orientieren.<\/p><p>Aber der entscheidende Punkt ist die Disziplin. Die Hauptaufgabe jeder F&uuml;hrung beim Einmarsch auf feindliches Gebiet lautet: Die eigene Truppe unter Kontrolle zu halten. Alle strengen Befehle gegen Pl&uuml;nderungen, Gewalt und Trunkenheit entsprangen weniger abstraktem Humanismus als knallharten milit&auml;rischen Notwendigkeiten. Denn ohne Disziplin verkommt eine Armee zur pl&uuml;ndernden Bande &mdash; und verliert schlicht ihre Kampfkraft.<\/p><p>Der &Uuml;bergang vom Kampf zum friedlichen Leben vollzieht sich zudem erstaunlich schnell. Sobald die M&ouml;glichkeit besteht, sich von der Zone t&ouml;dlicher Gefahr zu entfernen, setzt ein Entspannungsreflex ein. Bei der Mehrheit entl&auml;dt sich das Nachlassen der Anspannung nicht in Rachegel&uuml;sten, sondern in dem Wunsch, m&ouml;glichst schnell zur normalen Existenz zur&uuml;ckzukehren.<\/p><p><strong>Sie haben jahrzehntelang Zeitzeugen befragt. Wie schilderten die Veteranen ihre allerersten Stunden auf deutschem Boden und die ersten Begegnungen mit der Bev&ouml;lkerung? Was dominierte in ihren Erinnerungen &ndash; Ersch&ouml;pfung, Verwirrung oder das Bed&uuml;rfnis nach Rache?<\/strong><\/p><p>Bei Veteranen beider Seiten zeigte sich ein und dasselbe fundamentale Unverst&auml;ndnis. Unsere sagten: &bdquo;Warum sind diese Reichen zu uns armen Leuten marschiert?&ldquo; Und die Deutschen fragten sich: &bdquo;Warum sind wir blo&szlig; in dieses arme Land marschiert?&ldquo; Dieses Gef&uuml;hl einer kolossalen Kluft im Lebensstandard geh&ouml;rt zu den st&auml;rksten Eindr&uuml;cken.<\/p><p>Daher r&uuml;hrten auch die ersten Gewaltausbr&uuml;che und Zerst&ouml;rungswut: Die Soldaten sahen einen Lebensstandard, der ein Vielfaches &uuml;ber ihrem eigenen lag. Das erzeugte Unverst&auml;ndnis nach dem Motto: &bdquo;Ach, so lebt ihr also? Nun, dann brennen wir das alles nieder!&ldquo;<\/p><p>Was die Zivilbev&ouml;lkerung betrifft: Die deutsche Propaganda hatte die Menschen so sehr vor den &bdquo;Horden aus dem Osten&ldquo; eingesch&uuml;chtert, dass Ostpreu&szlig;en und die Gebiete bis zur Oder nahezu menschenleer waren.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gab es Gewalt, H&auml;rte und Rache &ndash; das streitet niemand ab. Aber als unsere Soldaten nach Deutschland kamen, &uuml;berwogen zwei andere Eindr&uuml;cke: zum einen das Staunen &uuml;ber den Reichtum des Landes, zum anderen das stolze Bewusstsein der eigenen milit&auml;rischen &Uuml;berlegenheit.<\/p><p>Der Respekt vor dem deutschen Gegner war absolut. Der Deutsche verk&ouml;rperte eiserne Disziplin und h&ouml;chste milit&auml;rische Professionalit&auml;t. Umso st&auml;rkere Genugtuung empfanden die Rotarmisten: &bdquo;Ja, ihr seid reich &ndash; aber wir haben euch im Kampf gebrochen!&ldquo;<\/p><p><strong>Auch die Sprache der Erinnerungskultur wird zunehmend polarisiert: In Russland spricht man heute vom &bdquo;V&ouml;lkermord an den V&ouml;lkern der UdSSR&ldquo;, in Deutschland stehen Begriffe wie &bdquo;Kriegsverbrechen&ldquo; und &bdquo;Verbrechen gegen die Menschlichkeit&ldquo; im Vordergrund. Dahinter verbergen sich grundverschiedene Moral- und Zukunftsvorstellungen. Wie erkl&auml;ren Sie diese Entfremdung?<\/strong><\/p><p>Man muss sehen: Bis zu einem gewissen Zeitpunkt waren unsere Staaten bereit, scharfe Kanten zu gl&auml;tten und Kompromisse einzugehen. Doch 2022 ist diese Epoche endg&uuml;ltig abgelaufen.<\/p><p>In Deutschland herrschte jahrzehntelang eine bequeme Doppelgleisigkeit: Auf offizieller Ebene gab es den starren, gel&auml;uterten Diskurs &uuml;ber den Holocaust und Verbrechen gegen die Menschlichkeit &mdash; w&auml;hrend im Privaten, in den Bundesl&auml;ndern und Veteranenverb&auml;nden eine ganz andere Schicht der Erinnerung gepflegt wurde, die das eigene Leid in den Vordergrund r&uuml;ckte.<\/p><p>Heute geht Russland dazu &uuml;ber, sein eigenes, souver&auml;nes Narrativ zu formieren. Die rechtliche und politische Einordnung der NS-Verbrechen als V&ouml;lkermord an den V&ouml;lkern der Sowjetunion erlaubt es uns, den aufgezwungenen Def&auml;tismus der 1990er-Jahre abzulegen. Denn dieser Begriff bringt das Wesentliche auf den Punkt: Er erkl&auml;rt, warum wir damals siegen mussten und was bei einer Niederlage die Folge gewesen w&auml;re &ndash; die physische Ausl&ouml;schung. Wir wechseln damit vom Narrativ der Reue zum Narrativ des Siegers.<\/p><p>Dabei ist terminologische Pr&auml;zision entscheidend: Es geht juristisch exakt um den V&ouml;lkermord an den einzelnen V&ouml;lkern der Sowjetunion &ndash; und nicht an einem abstrakten &bdquo;sowjetischen Volk&ldquo;, das es damals als Rechtssubjekt gar nicht gab. Genau das macht die Wurzeln unseres Sieges klar: Der feindliche Vernichtungswille galt uns allen konkret, und dieser Kampf ums nackte &Uuml;berleben hat uns zusammengeschwei&szlig;t.<\/p><p>In Deutschland hingegen w&auml;chst derzeit wieder das Konzept des eigenen &bdquo;Opfervolkes&ldquo;. Wir werden uns in unseren Vorstellungen &uuml;ber den Zweiten Weltkrieg nicht mehr ann&auml;hern &mdash; das ist weder m&ouml;glich noch notwendig. In f&uuml;nf bis zehn Jahren wird diese Phase der extremen Zuspitzung abebben, und man wird unweigerlich wieder neue Beziehungen aufbauen m&uuml;ssen. Die entscheidende Frage wird dann sein: Auf welche gemeinsame Sprache k&ouml;nnen wir uns &uuml;berhaupt noch verst&auml;ndigen?<\/p><p><strong>Sie ziehen direkte Parallelen zwischen dem Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg und der aktuellen politischen Lage und haben dazu Zeitzeugen-Interviews ver&ouml;ffentlicht. Wie wahren Sie bei einer so emotionalen Thematik die Balance zwischen eigener staatsb&uuml;rgerlicher Haltung und wissenschaftlicher Distanz? Wo verl&auml;uft f&uuml;r Sie die rote Linie, die ein Historiker nicht &uuml;berschreiten darf?<\/strong><\/p><p>Sehen Sie: Ich beziehe eine klare Position. Wenn wir &uuml;ber den Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg sprechen, lautet meine Basis unmissverst&auml;ndlich: &bdquo;Unsere Sache ist gerecht, der Feind wird zerschlagen, der Sieg wird unser sein.&ldquo; Steht man auf dieser Plattform, kann man danach absolut alles erforschen: Wlassow [<em>Anm. d. Red.: Andrei Wlassow, sowjetischer General, der 1942 zur Wehrmacht &uuml;berlief<\/em>], den Kollaboratismus und s&auml;mtliche tragischen Seiten.<\/p><p>Was die Gegenwart betrifft, habe ich am 24. Februar 2022 f&uuml;r mich formuliert: Was auch immer geschieht, ich stehe zu meiner Armee und zu meinem Volk. Genau deshalb bin ich im August 2022 nach Donezk gefahren, um Teilnehmer der Ereignisse zu befragen &mdash; um aus erster Hand zu verstehen, was ihre Motivation ist.<\/p><p>Nat&uuml;rlich existiert der Faktor der Zensur. Ich frage mich stets: Dient das, was ich tue, meinem Vaterland oder schadet es ihm? Konstruktive Kritik ist notwendig, pauschales Verleumden unzul&auml;ssig.<\/p><p>Ein weiterer entscheidender Punkt ist der Schutz der menschlichen W&uuml;rde. In meinen Archiven liegen Geschichten von Veteranen, die ich niemals ver&ouml;ffentlichen werde, weil sie dem Bild des Helden einen rei&szlig;erischen Anstrich geben w&uuml;rden, ohne wissenschaftlichen Nutzen zu bringen. Wenn man jahrzehntelang mit Menschen arbeitet, kann das Hauptmotiv nur Respekt und Liebe zum Menschen sein.<\/p><p><em>(Fegt im Eifer des Gefechts sein Glas Kljukwennyj Mors um &mdash; der dunkelrote Moosbeersaft schie&szlig;t quer &uuml;ber meine Mappe. Wir sitzen in einem Moskauer Caf&eacute;. Drabkin l&auml;chelt verlegen)<\/em><\/p><p>&bdquo;Ach, verzeihen Sie bitte! Ich habe mich gerade etwas in Rage geredet &hellip;&ldquo;<\/p><p><strong>Sie betonen immer wieder die menschliche Dimension Ihrer Arbeit. Wie bewahren Sie sich dieses Prinzip in der Praxis &ndash; insbesondere im Umgang mit Berichten der Gegenseite und bei Gespr&auml;chen mit Kriegsgefangenen?<\/strong><\/p><p>Das Wichtigste, was mich antreibt, ist der Respekt vor dem Individuum. Als ich in den Lagern mit ukrainischen Kriegsgefangenen sprach, sah ich vor allem Menschen vor mir &ndash; ungl&uuml;ckliche Menschen, die in diesen schrecklichen Fleischwolf geraten sind. Drei Jahre lang in Isolation zu sitzen, ohne nennenswerte Kontakte zu Angeh&ouml;rigen, nur weil man mobilisiert wurde: Das w&uuml;nscht man niemandem.<\/p><p>Genau deshalb habe ich diese Interviews nicht f&uuml;r billige Effekthascherei missbraucht. Nat&uuml;rlich h&auml;tte man eine rei&szlig;erische Schlagzeile bringen k&ouml;nnen: &bdquo;Seht her, ich habe Exklusivinterviews mit ukrainischen Soldaten gef&uuml;hrt!&ldquo; Aber wozu? Ich bin mir stets im Klaren dar&uuml;ber, welche gesellschaftliche Verantwortung jede Ver&ouml;ffentlichung tr&auml;gt. Das ist f&uuml;r mich nicht nur eine methodische Frage des Forschers, sondern eine zivile und menschliche Haltung.<\/p><p><strong>Im Jahr 2022 hat die Eskalation der K&auml;mpfe in der Ukraine die russische Gesellschaft aus der gewohnten Bahn geworfen. Viele suchten nach Halt in historischen Analogien. Sehen Sie hier welche?<\/strong><\/p><p>Die Suche nach Halt in der Vergangenheit ist in Momenten katastrophalen Wandels eine v&ouml;llig nat&uuml;rliche Reflexhandlung. Mit der Zeit wird jedoch offensichtlich: Das aktuelle Geschehen besitzt keine direkten Parallelen zum Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieg mehr. Der Prozess hat eine ganz eigene, spezifische Dynamik entwickelt. Es ist das bestimmende Ereignis f&uuml;r die Geschichte Russlands in der ersten H&auml;lfte des 21. Jahrhunderts &mdash; und k&uuml;nftige Historiker werden es in ganz eigenen Begriffen beschreiben m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Viele Analytiker gehen davon aus, dass Moskau urspr&uuml;nglich von einer kurzen, begrenzten Operation ausging, die schlussendlich in eine umfassende Konfrontation m&uuml;ndete. Wie bewerten Sie diesen Wendepunkt aus milit&auml;rischer Sicht?<\/strong><\/p><p>Mitten im historischen Prozess ist eine akademische Endbewertung schwierig. Aber es ist offensichtlich: Die F&uuml;hrung hatte urspr&uuml;nglich auf das Szenario einer schnellen, begrenzten Operation gesetzt. Als die Realit&auml;t diese Berechnungen zunichtemachte, musste sich das System schlagartig neu ausrichten.<\/p><p>Hier zeigt sich eine rein milit&auml;rhistorische Analogie &ndash; wohlgemerkt keine politische oder moralische, sondern eine logisch-strukturelle: Als Deutschland 1941 den Feldzug im Osten begann, kalkulierten die St&auml;be ausschlie&szlig;lich mit einem Blitzkrieg. Erst Anfang 1942 setzte die Erkenntnis ein, dass das Land in einen totalen Zerm&uuml;rbungskrieg hineingezogen worden war.<\/p><p>Die Logik der Systemanpassung ist verbl&uuml;ffend &auml;hnlich: Die Kalkulation eines raschen Szenarios wird von der Einsicht in einen langwierigen Konflikt abgel&ouml;st, und die Reaktion des Apparats erfolgt mit unvermeidlicher Verz&ouml;gerung. Die erzwungene Teilmobilmachung im Herbst 2022 war das direkte Resultat dieser Umstellung auf einen Abnutzungskrieg.<\/p><p>Was die ideologische Begr&uuml;ndung betrifft, st&uuml;tzt sich das Narrativ vom &bdquo;Kampf gegen den Nazismus&ldquo; auf die Handlungen der Gegenseite selbst. Die ukrainische F&uuml;hrung hat alles getan, um dieses Bild in Moskau zu zementieren: Sie hat das Erbe des Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges demontiert und Heldenfiguren installiert, die direkt mit der Kollaboration der 1940er-Jahre verbunden sind. Damit liefert die offizielle Politik Kiews diesem Narrativ selbst die st&auml;rkste Nahrung.<\/p><p><strong>Manche trauern den einstigen Hoffnungen auf eine deutsch-russische Auss&ouml;hnung nach, w&auml;hrend andere behaupten, diese Vers&ouml;hnung sei stets eine Illusion gewesen. Wie blicken Sie als Historiker auf dieses Verh&auml;ltnis?<\/strong><\/p><p>Sagen wir es offen: Die Angst vor den &bdquo;Barbaren aus dem Osten&ldquo; ist ein fast konstantes Motiv der deutschen Denktradition. Blicken wir zur&uuml;ck auf den Livl&auml;ndischen Krieg im 16. Jahrhundert: Schon damals gen&uuml;gten europ&auml;ische Flugbl&auml;tter, um das Bild vom m&ouml;rderischen Moskowiter zu verbreiten. Die Wurzeln dieser D&auml;monisierung reichen tief in die Jahrhunderte zur&uuml;ck.<\/p><p>Von russischer Seite gab es dazu eine spiegelbildliche Bewegung. Hunderte Jahre lang versuchten wir zu beweisen: &bdquo;Wir sind genauso wie ihr, nehmt uns in euren Kreis auf!&ldquo; Und als Antwort hie&szlig; es stets: &bdquo;Nein, ihr bleibt moskowitische Barbaren.&ldquo; Wir in Russland waren allzu anf&auml;llig f&uuml;r diese naive Sehnsucht nach westlicher Anerkennung.<\/p><p>Und schlie&szlig;lich darf man die Rolle der &bdquo;dritten Kraft&ldquo; &mdash; Gro&szlig;britanniens und der USA &mdash; nicht &uuml;bersehen. Ein dauerhaftes B&uuml;ndnis deutscher Technologie und russischer Ressourcen (noch dazu gekoppelt an das Industriepotenzial Chinas) bedeutet das direkte Ende der anglo-amerikanischen Hegemonie. Deshalb geh&ouml;rt es seit &uuml;ber einem Jahrhundert zur fundamentalen Aufgabe anglo-amerikanischer Geopolitik, Deutschland von Russland loszurei&szlig;en.<\/p><p>Wladimir Putin ging zu Beginn seiner Regierungszeit von einer rein rationalen Logik aus: Die Europ&auml;er w&uuml;rden sich nicht selbst ins Bein schie&szlig;en und auf die billigen, lebensnotwendigen Ressourcen ihres direkten Nachbarn verzichten. Doch es zeigte sich, dass ideologische Dogmen schwerer wiegen als wirtschaftlicher Nutzen. Die heutigen europ&auml;ischen Politiker verhalten sich absolut fahrl&auml;ssig &ndash; sie agieren wie Statisten auf Zeit, die keinerlei historische Verantwortung f&uuml;r ihren Kontinent empfinden.<\/p><p><strong>Welche Entwicklung in der heutigen deutschen Erinnerungskultur bereitet Ihnen derzeit die gr&ouml;&szlig;te Sorge?<\/strong><\/p><p>Mir bereitet die schleichende Rehabilitierung einzelner Elemente des deutschen Militarismus Sorge &ndash; sei es die Verkl&auml;rung preu&szlig;ischer Traditionen oder der Versuch, vermeintlich &bdquo;positive staatliche Leistungen&ldquo; der 1930er-Jahre herauszuarbeiten.<\/p><p>Ich war vor Kurzem in Deutschland. Auf der menschlichen Alltagsebene gibt es keinerlei Probleme: Meine Frau und ich haben &uuml;berall v&ouml;llig ungest&ouml;rt Russisch gesprochen und sind nur auf Respekt und Wohlwollen gesto&szlig;en. Das Problem existiert ausschlie&szlig;lich auf der Ebene der Au&szlig;enpolitik und der Symbole. Und der Schl&uuml;sselfaktor f&uuml;r die Zukunft wird schlicht sein, wie dieser Konflikt ausgeht: Mit einem Sieger spricht man v&ouml;llig anders als mit einem Besiegten.<\/p><p><strong>Die angedrohte Schlie&szlig;ung des Russischen Hauses in Berlin, die Schlie&szlig;ung von Konsulaten und die spiegelbildlichen Antworten aus Moskau markieren einen Tiefpunkt. Ist das ein endg&uuml;ltiger Abschied oder nur eine Phase der Entflechtung?<\/strong><\/p><p>Manchmal muss man hart auseinandergehen, um danach auf einer v&ouml;llig neuen Grundlage wieder zusammenzukommen. Die Beziehungen, die nach dem Zerfall der UdSSR aufgebaut wurden, waren ungesund und f&uuml;r Russland unvorteilhaft. Nun findet eine schmerzhafte, aber nat&uuml;rliche Entflechtung statt.<\/p><p>Unter welchen Pr&auml;missen wir wieder zusammenfinden, h&auml;ngt vom Ausgang der Krise ab. Aber dass wir fr&uuml;her oder sp&auml;ter zum Dialog zur&uuml;ckkehren werden, ist ebenso unvermeidlich wie der gegenw&auml;rtige Bruch. Das ist die unerbittliche Gesetzm&auml;&szlig;igkeit der Geschichte &ndash; vorausgesetzt, wir verhindern die globale nukleare Selbstvernichtung.<\/p><p>Denn man muss der Realit&auml;t ins Auge sehen: Alle Gro&szlig;m&auml;chte betrachten den Horizont um das Jahr 2030 offen als kritische Grenze f&uuml;r eine globale Machtprobe. Das wird kaum ein totaler Nuklearkonflikt sein, aber wir steuern zweifellos auf eine massive Neugestaltung der Weltordnung zu. Die aktuellen diplomatischen Br&uuml;che sind lediglich die Vorbeben dieses Prozesses.<\/p><p><strong>Wo sehen Sie heute noch Fundamente f&uuml;r einen k&uuml;nftigen Dialog &ndash; insbesondere mit Blick auf die j&uuml;ngere Generation?<\/strong><\/p><p>Was die Jugend betrifft, so sollte sie sich mit ihren ureigenen Aufgaben besch&auml;ftigen &ndash; mit Kultur, Wissenschaft und Innovation statt mit politisierter Geschichte. Ein tiefes historisches Bewusstsein stellt sich erst sp&auml;ter ein &ndash; meist ab dem 40. oder 50. Lebensjahr, wenn der Mensch beginnt, die Komplexit&auml;t der Welt zu erfassen und zu begreifen, dass er in gro&szlig;e historische Zusammenh&auml;nge eingebettet ist. Ich habe diesen Weg selbst beschritten: Ich habe urspr&uuml;nglich in den Biowissenschaften promoviert und bin erst &uuml;ber diesen Hintergrund zur professionellen Geschichtswissenschaft gelangt. Genau das verleiht einen sehr n&uuml;chternen Blick.<\/p><p>Ein ernsthaftes Gespr&auml;ch &uuml;ber Geschichte muss auf der Ebene der Entscheidungstr&auml;ger stattfinden, gewissenhaft vorbereitet von Historikern. Die Aufgabe der Wissenschaft besteht darin, Politikern keine Vorw&auml;nde zur Zwietracht zu liefern, sondern tragf&auml;hige Fundamente f&uuml;r eine pragmatische Zusammenarbeit zu schaffen.<\/p><p><strong>Ich lese gerade Konstantin Simonows Roman &bdquo;Die Lebenden und die Toten&ldquo; &uuml;ber die Katastrophe von 1941. Pr&auml;gen die Erfahrungen, die er dort beschreibt, unsere heutige Realit&auml;t immer noch?<\/strong><\/p><p>Absolut! Simonow ist einer der Gr&ouml;&szlig;ten. Er hat den Krieg selbst als Frontkorrespondent durchlebt, mit unz&auml;hligen Soldaten gesprochen und besa&szlig; ein herausragendes literarisches Talent. Was er beschreibt, ist keine weichgezeichnete Legende, sondern die ungeschminkte Realit&auml;t jener Epoche. Die Menschen, die das Land 1945 zum Sieg f&uuml;hrten, werden bei ihm absolut lebendig &ndash; und die Veteranen, mit denen ich gearbeitet habe, sahen die Welt exakt in diesen Kategorien.<\/p><p><strong>Wenn Sie den heutigen Zustand Deutschlands betrachten: Wo verlaufen f&uuml;r Sie die tiefsten Bruchkanten?<\/strong><\/p><p>Deutschland steht vor einer tiefen, mehrdimensionalen Systemkrise. Das betrifft zum einen die Identit&auml;tskrise, die durch eine ungesteuerte Migrationspolitik versch&auml;rft wird und in der Gesellschaft die fundamentale Frage nach der Kultur und dem Platz des eigenen Volkes im Land aufwirft. Zum anderen erleben wir eine hausgemachte Wirtschaftskrise, die durch den freiwilligen Verzicht auf g&uuml;nstige, verl&auml;ssliche und lebensnotwendige Energieressourcen herbeigef&uuml;hrt wurde. Und schlie&szlig;lich sehen wir die Krise der Europ&auml;ischen Union: Die EU ist in ihrer heutigen zentralistischen Form auf Dauer schlicht nicht lebensf&auml;hig. Historisch bedingt f&uuml;hrt jedes stark geschlossene, expansive B&uuml;ndnis in Westeuropa unweigerlich zu einer Sto&szlig;richtung nach Osten. F&uuml;r Russland stellt diese Struktur eine Bedrohung dar, und f&uuml;r die Deutschen selbst bedeutet sie den schrittweisen Verlust ihrer eigenen Souver&auml;nit&auml;t.<\/p><p>Der jetzige Bruch zwischen Berlin und Moskau ist ein gro&szlig;er historischer Fehler. In einer &Auml;ra, in der die Menschheit vor existenziellen Risiken steht &ndash; von K&uuml;nstlicher Intelligenz &uuml;ber nukleare Aufr&uuml;stung bis hin zu biologischen Bedrohungen &ndash;, m&uuml;ssten Russland und Europa als geschlossene Front auftreten. Mental und kulturell stehen wir einander unvergleichlich n&auml;her als Russland und China.<\/p><p>Selbst die USA stehen Russland kulturell recht nahe. Doch Washington geriet nach 1945 unter den Einfluss der alten britischen Geopolitikschule. Als Franklin D. Roosevelt im April 1945 starb, setzte sich der Kurs durch, eine dauerhafte deutsch-russische Ann&auml;herung um jeden Preis zu verhindern.<\/p><p>Dabei zeigt die Geschichte, wie schnell verordnete Feindbilder verfliegen, wenn sie von oben nicht mehr angeheizt werden. Ein hochdekorierter Kriegsveteran sagte einmal l&auml;chelnd zu mir: &bdquo;Wenn mir 1945 jemand gesagt h&auml;tte, dass ich eines Tages einen deutschen Wagen fahren w&uuml;rde, h&auml;tten mich meine Kameraden auf der Stelle erschossen!&ldquo; Er fuhr einen Volkswagen und f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Aber das Auto ist einfach fantastisch.&ldquo;<\/p><p>Das zeigt doch: Auf der menschlichen Ebene gibt es keinen tiefen Hass zwischen den V&ouml;lkern Russlands und Deutschlands. Der Konflikt wird auf der Ebene politischer Eliten k&uuml;nstlich befeuert. Und genau deshalb wird die historische Verantwortung der Eliten zur Schicksalsfrage f&uuml;r unseren Kontinent.<\/p><p><strong>Buchhinweis:<\/strong> A. Issajew, A. Drabkin, W. Tarassow u. a.: <em>&bdquo;Berlin 1945. Der letzte Kampf&ldquo;<\/em> (Band 2). Dieses grundlegende Werk zeigt auf Basis hunderter neu ge&ouml;ffneter Archivakten und pers&ouml;nlicher Quellen beider Seiten, wie sich die Struktur der milit&auml;rischen Entscheidungsfindung und das reale Schicksal der Zivilbev&ouml;lkerung rekonstruieren lassen.<\/p><p><em><strong>Artjom Wladimirowitsch Drabkin<\/strong> ist ein russischer Milit&auml;rhistoriker, Gr&uuml;nder und Leiter des Fonds &bdquo;&#1071; &#1087;&#1086;&#1084;&#1085;&#1102;&ldquo; (Ich erinnere mich). Seit dem Jahr 2000 f&uuml;hrt sein Team systematische Arbeit zur Erfassung von Erinnerungen, Tageb&uuml;chern und Interviews von Teilnehmern des Zweiten Weltkriegs beider Seiten durch.<\/em><\/p><p><em>Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: &copy; Artjom Drabkin<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n    <strong>Mehr zum Beitrag<\/strong>\n<p>    <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=154944\">Verteidigung braucht keinen Hass<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>Artjom Drabkin &uuml;ber die Rekonstruktion der Schlacht um Berlin, das Ende der deutsch-russischen Vers&ouml;hnung und die globale Machtprobe bis 2030.<\/em><br \/> Schluss mit der verkl&auml;rten Harmonie: Die Gro&szlig;m&auml;chte vereinte 1945 nie ein gemeinsames Ged&auml;chtnis, sondern nur das pragmatische Interesse der Nachkriegsordnung. Der russische Milit&auml;rhistoriker durchleuchtet die Instrumentalisierung der Geschichte, zieht neue Erkenntnisse aus den digitalisierten Archiven<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158268\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":158269,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,209,171],"tags":[374,3260,1917,2102,2254,2250,259,2147,827,260,966],"class_list":["post-158268","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-eliten","tag-feindbild","tag-genozid","tag-geostrategie","tag-lebensqualitaet","tag-nachkriegszeit","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-stigmatisierung","tag-ukraine","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/lC3H7XM9RGYUMC3z.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158268","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=158268"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158268\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":158318,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158268\/revisions\/158318"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/158269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=158268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=158268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=158268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}