{"id":158360,"date":"2026-11-02T09:00:38","date_gmt":"2026-11-02T08:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158360"},"modified":"2026-11-02T09:14:19","modified_gmt":"2026-11-02T08:14:19","slug":"berliner-linke-im-koalitionsrausch-durchmarsch-auf-dem-parteitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158360","title":{"rendered":"Berliner Linke im Koalitionsrausch: Durchmarsch auf dem Parteitag"},"content":{"rendered":"<p>An medialer Aufmerksamkeit hat es der Berliner Linken nach ihrem &uuml;berraschend deutlichen Wahlsieg bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus und den Bezirksverordnetenversammlungen am 20. September nun wirklich nicht gemangelt. Im Mittelpunkt standen dabei Vorw&uuml;rfe, die Partei sei in Teilen antisemitisch und es gebe Kontakte zur Clankriminalit&auml;t sowie zu terroristischen Gruppen. Auch die Forderung nach Vergesellschaftung gro&szlig;er privater Immobilienkonzerne, die im Mittelpunkt des Wahlkampfs der Linken stand, sorgte bundesweit f&uuml;r Aufregung bis hin zu der Ank&uuml;ndigung, derartigen Vorhaben mit einem Bundesgesetz einen Riegel vorschieben zu wollen. Dennoch gab es dann nach einigen Verz&ouml;gerungen Sondierungen f&uuml;r die Bildung einer rot-gr&uuml;n-roten Landesregierung unter F&uuml;hrung der Linken, die am 17. Oktober mit einem <a href=\"https:\/\/gruene.berlin\/fileadmin\/user_upload\/Sondierungspapier_Gruene_Linke_SPD_2026.pdf\">gemeinsamen Sondierungspapier<\/a> erfolgreich abgeschlossen wurden. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nW&auml;hrend Gr&uuml;ne und SPD der Aufnahme von Koalitionsverhandlungen bereits zugestimmt haben, wollte die Linke diese Entscheidung auf einem Parteitag f&auml;llen, der am Sonnabend im &#272;&#7891;ng Xu&acirc;n Center in Berlin-Lichtenberg stattfand. In den Tagen vor dem Parteitag erreichte der mediale Furor einen neuen H&ouml;hepunkt. Der <em>Spiegel<\/em> nutzte nicht zur Ver&ouml;ffentlichung bestimmte interne Anmerkungen der linken Spitzenkandidatin Elif Eralp zu einem Interview &uuml;ber m&ouml;gliche Bedrohungen ihrer Person und ihrer Familie f&uuml;r einen Leitartikel, der nahelegte, dass Eralp und ihre Partei nicht in der Lage seien, <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/politik\/beitrag\/2026\/10\/elif-eralp-spiegel-interview-anmerkungen-angst-hamas.html\">die Stadt zu f&uuml;hren<\/a>.<\/p><p>Doch auch innerhalb der Partei brodelte es. Vor allem im Bezirksverband Neuk&ouml;lln, im Jugendverband &bdquo;solid&ldquo; und in der Landesarbeitsgemeinschaft Pal&auml;stinasolidarit&auml;t mehrten sich Forderungen, keine Koalition mit SPD und Gr&uuml;nen einzugehen, da daf&uuml;r zentrale Anliegen der Partei geopfert werden m&uuml;ssten. Neben der im Sondierungspapier vereinbarten Verw&auml;sserung und Verschiebung der angestrebten Vergesellschaftung ging es dabei vor allem um die Haltung zum pal&auml;stinensischen Widerstand. Die linken Sondierer hatten sozusagen als Morgengabe f&uuml;r m&ouml;gliche Koalitionsverhandlungen eine gemeinsame <a href=\"https:\/\/gruene.berlin\/fileadmin\/user_upload\/Berliner_Vereinbarung_zum_Start_der_Sondierungen.pdf\">&bdquo;Berliner Vereinbarung&ldquo;<\/a> unterzeichnet, die auch Bestandteil eines Koalitionsvertrages werden soll. Die beinhaltet die Anerkennung des Existenzrechts des Staates Israel, die Ablehnung jeglicher terroristischen Gewalt durch Organisationen wie die Hamas und ihre Verb&uuml;ndeten und Sanktionen bei Verst&ouml;&szlig;en gegen diese Leitlinien. Zwar wurde diese Vereinbarung von allen Mitgliedern der neu konstituierten Linksfraktion unterzeichnet, doch die in Neuk&ouml;lln direkt gew&auml;hlte Abgeordnete Vanessa Emde betonte wenige Tage sp&auml;ter via <em>Instagram<\/em>, dass sie bei ihrer diametral entgegengesetzten Haltung bleiben werde. &Uuml;ber einen m&ouml;glichen Ausschluss von Emde aus der Fraktion wurde noch nicht entschieden.<\/p><p><strong>Beschw&ouml;rung der &bdquo;Alternativlosigkeit&ldquo;<\/strong><\/p><p>Emde trat auch als Rednerin auf einer Demonstration vor dem Tagungsort auf, zu dem das &bdquo;Internationalistische B&uuml;ndnis Berlin&ldquo; unter der Losung &bdquo;Gew&auml;hlt f&uuml;r Pal&auml;stina. Verraten f&uuml;r den Senat&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/articleDong%20Xian\/linke-parteitag-protest-berlin-10546280\">aufgerufen hatte<\/a>. Rund 80 Menschen folgten dem Aufruf. Beteiligt waren auch Mitglieder des Jugendverbandes solid und einiger Parteigliederungen. Thematisiert wurde dort auch das Bekenntnis der Linken zur St&auml;rkung der Polizei und zum Verfassungsschutz.<\/p><p>Auf dem Parteitag am Sonnabend spielten diese Fragen aber eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Das kann kaum verwundern: Bei der gro&szlig;en Mehrheit der stimmberechtigten Delegierten handelt es sich um Genossen, die direkt bei oder &uuml;ber die Partei in Lohn und Brot stehen, als Mandatstr&auml;ger oder Mitarbeiter auf Landes- und Bezirksebene. Und die lockende Koalition ist zudem ein gro&szlig;er Job- und Karrieremotor. Die Er&ouml;ffnungsreden der beiden Landesvorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer und der designierten Regierenden B&uuml;rgermeisterin Elif Eralp dienten vor allem der Selbstvergewisserung einer Partei im Siegestaumel und der Beschw&ouml;rung der Alternativlosigkeit des eingeschlagenen Kurses.<\/p><p>In der anschlie&szlig;enden Generaldebatte zum Sondierungsergebnis gab es durchaus kritische T&ouml;ne, etwa zu fehlenden Festlegungen f&uuml;r eine umfassende Zivilklausel f&uuml;r Schulen, Universit&auml;ten und Wirtschaftsf&ouml;rderung, verbindlichen Betreuungsschl&uuml;sseln in den Kitas, Eingliederung der Servicekr&auml;fte in den st&auml;dtischen Kliniken in das Tarifsystem des &ouml;ffentlichen Dienstes oder der gesicherten Finanzierung der sozialen Infrastruktur in den Bezirken. Auch zum &bdquo;Kompromiss&ldquo; bei der Vergesellschaftung gab es kritische T&ouml;ne. So verwies ein Vertreter der Initiative &bdquo;Deutsche Wohnen &amp; Co enteignen&ldquo; (DWE) darauf, dass es bereits fertig ausgearbeitete Gesetzentw&uuml;rfe zur Vergesellschaftung und zur &Uuml;berf&uuml;hrung der Best&auml;nde in eine Anstalt &ouml;ffentlichen Rechts g&auml;be, die sofort eingebracht und verabschiedet werden k&ouml;nnten, statt damit noch &ndash; wie in der Sondierung vereinbart &ndash; einige Jahre zu warten.<\/p><p>Doch Vertreter der &bdquo;Regierungslinken&ldquo; b&uuml;gelten das alles ab und beschworen die &bdquo;Chance f&uuml;r eine neue Politik&ldquo; und den &bdquo;Weg in eine soziale Stadt&ldquo;. Und auch zu der ansonsten eher ignorierten Frage, wie man die angestrebten Wohltaten angesichts eines strukturellen Haushaltsdefizits von f&uuml;nf Milliarden Euro eigentlich bezahlen will, gab es beruhigende Worte von der linken Haushaltspolitikerin Franziska Brychcy. Zwar k&ouml;nne man &bdquo;nicht alles sofort umsetzen&ldquo;, aber man arbeite an einer &bdquo;verl&auml;sslichen Finanzierung f&uuml;r eine soziale Stadt&ldquo; &ndash; mit einem nebul&ouml;sen Mix aus Mehreinnahmen und der Begrenzung von Ausgabensteigerungen.<\/p><p><strong>Nach dem Rausch droht ein schwerer Kater<\/strong><\/p><p>Nach der Mittagspause nebst szenetypischer woker Folklore (FLINTA-Plenum, Migrantisches Plenum) ging es zun&auml;chst mit der Generaldebatte weiter, bis es schlie&szlig;lich ans Eingemachte ging: Beratung und Beschlussfassung &uuml;ber die eingereichten Antr&auml;ge. Den Delegierten lag dazu ein 76 Seiten umfassendes <a href=\"https:\/\/dielinke.berlin\/fileadmin\/user_upload\/Abstimmungsheft.pdf\">Antragsheft<\/a> vor. Im Mittelpunkt stand der Leitantrag des Parteivorstands zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Deutlichster Kontrapunkt war der Antrag der Linksjugend und einiger anderen Gliederungen und Delegierten, keine Koalitionsverhandlungen aufzunehmen, da das Sondierungsergebnis keinerlei verbindliche Ansatzpunkte f&uuml;r eine umfassende soziale Politikwende enthalte. Schwerstarbeit f&uuml;r die Antragskommission: Die meisten Antr&auml;ge wurden entweder zur&uuml;ckgezogen, als &Auml;nderungen eingearbeitet oder zur weiteren Beratung an den Landesausschuss bzw. den Parteivorstand &uuml;berwiesen. Bei allen Antr&auml;gen, die dann doch zur Abstimmung gelangten, zeigte sich dann durchgehend ein deutliches Mehrheitsbild zugunsten der &bdquo;Regierungslinken&ldquo;. Und so gab es bei der Schlussabstimmung zum Leitantrag auch nur sehr wenige Gegenstimmen und Enthaltungen.<\/p><p>Schon am heutigen Montag soll es mit den Koalitionsverhandlungen losgehen, und man strebe an, z&uuml;gig zu einem Ergebnis zu kommen, erkl&auml;rte die Landesvorsitzende Kerstin Wolter <a href=\"https:\/\/www.rbb-online.de\/abendschau\/videos\/20261031_1930\/berliner-linke-stimmt-fuer-koalitionsverhandlungen.html\">in der rbb-Abendschau<\/a>. Denn schlie&szlig;lich h&auml;tten die Berliner &bdquo;einen Politikwechsel gew&auml;hlt&ldquo; und erwarteten, dass der jetzt auch schnell umgesetzt werde.<\/p><p>&Uuml;ber den Koalitionsvertrag soll bei den Linken eine Mitgliederbefragung entscheiden. Vieles spricht daf&uuml;r, dass es dann eine Mehrheit f&uuml;r die Annahme geben wird &ndash; zu wirkm&auml;chtig ist die Verlockung, dass man ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt eine Landesregierung anf&uuml;hren kann. Doch der Kater nach dem Siegesrausch wird nicht lange auf sich warten lassen. Denn ein &bdquo;Politikwechsel f&uuml;r eine soziale Stadt&ldquo; l&auml;sst sich weder mit ungedeckten Schecks noch generell in einer Koalition mit zwei Parteien realisieren, die auf Bundesebene f&uuml;r schrankenlose Aufr&uuml;stung und das Primat der &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; stehen. F&uuml;r ihre Proteste gegen massive K&uuml;rzungen, marode soziale Infrastruktur, Mietenwahnsinn u.v.a.m. m&uuml;ssen sich die zahlreichen Initiativen dann neue Adressaten suchen &ndash; und teilweise auch neue Mitstreiter, denn so mancher Aktivist wird dann auf der anderen Seite der Barrikade sitzen.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot tagesschau<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/602265782abe4ffc843115fe6394c9b1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An medialer Aufmerksamkeit hat es der Berliner Linken nach ihrem &uuml;berraschend deutlichen Wahlsieg bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus und den Bezirksverordnetenversammlungen am 20. September nun wirklich nicht gemangelt. Im Mittelpunkt standen dabei Vorw&uuml;rfe, die Partei sei in Teilen antisemitisch und es gebe Kontakte zur Clankriminalit&auml;t sowie zu terroristischen Gruppen. 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