{"id":158380,"date":"2026-11-02T13:37:42","date_gmt":"2026-11-02T12:37:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158380"},"modified":"2026-11-02T16:23:39","modified_gmt":"2026-11-02T15:23:39","slug":"beim-spiegel-draengelt-sich-der-russe-ins-bild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158380","title":{"rendered":"Beim Spiegel \u201edr\u00e4ngelt\u201c sich \u201eder Russe\u201c ins Bild"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Ein Familienfoto mit Sergej Lawrow konnte der deutsche Au&szlig;enminister Johann Wadephul verhindern. Aber beim Abendempfang dr&auml;ngelte sich der Russe ins Bild und hielt mit den Kollegen Small Talk&ldquo; &ndash; so lautet der Vorspann eines <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/smalltalk-beim-g20-aussenministertreffen-in-atlanta-johann-wadephul-plaudert-mit-sergej-lawrow-a-5981aa8c-ac98-4946-8319-9de68c38f7a9\">Spiegel-Artikels<\/a>, bei dem sich der Schluss aufdr&auml;ngt: Das Hamburger Blatt hat die &bdquo;Aff&auml;re Relotius&ldquo; vergessen. Was interessieren schon Fakten, wenn Stimmungsmache und die &bdquo;richtige&ldquo; Weltanschauung im Vordergrund stehen? Ein dr&auml;ngelnder Russe ist eben sch&ouml;n lebhaft &ndash; da kann an der Stelle das alte Journalistenmotto von Spiegelgr&uuml;nder Rudolf Augstein, &bdquo;Sagen, was ist&ldquo;, kaum mithalten. Ob Lawrow tats&auml;chlich gedr&auml;ngelt hat: Das darf keine Rolle spielen. Es geht um die &bdquo;richtige&ldquo; Weltanschauung. Fakten st&ouml;ren da bisweilen. Ein Kommentar von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_183\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-158380-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261102_Beim_Spiegel_draengelt_sich_der_Russe_ins_Bild_NDS.mp3?_=1\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261102_Beim_Spiegel_draengelt_sich_der_Russe_ins_Bild_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261102_Beim_Spiegel_draengelt_sich_der_Russe_ins_Bild_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261102_Beim_Spiegel_draengelt_sich_der_Russe_ins_Bild_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=158380-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/261102_Beim_Spiegel_draengelt_sich_der_Russe_ins_Bild_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"261102_Beim_Spiegel_draengelt_sich_der_Russe_ins_Bild_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In der Welt des <em>Spiegels<\/em> gilt es, beim Schreiben alles in Handlung aufzul&ouml;sen. Es reicht nicht, dass jemand etwas &bdquo;sagt&ldquo;, &bdquo;macht&ldquo;, &bdquo;bespricht&ldquo;. Es m&uuml;ssen lebhafte Verben, schillernde Adjektive und weltanschaulich sitzende Formulierungen und S&auml;tze sein, sodass der Leser gleich die &bdquo;richtige&ldquo; Sicht, das hei&szlig;t, die Wahrheit des <em>Spiegels<\/em>, vermittelt bekommt.<\/p><p>Wie &bdquo;die Wahrheit&ldquo; des <em>Spiegels<\/em> bisweilen aussieht, hat die Relotius-Aff&auml;re auf beeindruckend plastische Weise enth&uuml;llt. Doch den &bdquo;Fall Relotius&ldquo; &ndash; einer der gr&ouml;&szlig;ten F&auml;lschungsskandale im deutschen Journalismus &ndash; scheint man bei dem Hamburger Blatt l&auml;ngst vergessen zu haben. Der <em>Spiegel<\/em> kann nicht aus seiner Haut. Zumindest dr&auml;ngt sich dieser Schluss auf.<\/p><p>Da ver&ouml;ffentlicht das State Department ein exklusives Foto, auf dem der russische Au&szlig;enminister Sergej Lawrow mit seinen Kollegen Marco Rubio und Johann Wadephul beim Abendempfang des G-20-Gipfels zu sehen ist, und was passiert?<\/p><p>Das Sagen-was-ist-Magazin l&auml;sst den Au&szlig;enminister Russlands sich ins Bild &bdquo;dr&auml;ngeln&ldquo;, oder genauer: Beim <em>Spiegel<\/em> dr&auml;ngelt &bdquo;der Russe&ldquo;.<\/p><p>Der Leser ist gespannt: H&auml;lt der Artikel, was der Vorspann verspricht?<\/p><p>Wo sind die anschaulichen Details? Wen hat Lawrow auf die Seite geschubst? Hat er seine Ellenbogen eingesetzt? Hat er gar Wadephul bedr&auml;ngt, sodass er endlich auf ein gemeinsames Foto kommen konnte?<\/p><p>Nein, von nichts dergleichen erz&auml;hlt der Artikel.<\/p><p>Nur: Das sch&ouml;ne, einfache, so anschauliche Wort &bdquo;dr&auml;ngeln&ldquo; steht trotzdem im Vorspann.<\/p><p>Laut dem Duden bedeutet dr&auml;ngeln &bdquo;im allgemeinen Sprachgebrauch, sich durch r&uuml;cksichtsloses Schieben, Dr&uuml;cken oder ungeduldiges Antreiben schneller als andere einen Weg zu bahnen oder jemanden zu Eile zu dr&auml;ngen&ldquo;.<\/p><p>Deutsche Sprache, schwere Sprache? In diesem Fall gilt das bestimmt nicht.<\/p><p>Der Spiegelredaktion d&uuml;rfte die Bedeutung des Wortes &bdquo;dr&auml;ngeln&ldquo; bekannt sein.<\/p><p>Obwohl ein Dr&auml;ngeln also weder das Foto dokumentiert noch der Artikel selbst f&uuml;r ein Dr&auml;ngeln Beweise liefert, &bdquo;ist&ldquo; da ein dr&auml;ngelnder Russe.<\/p><p>Das passt bestimmt so sch&ouml;n zu den Wirklichkeitsvorstellungen des <em>Spiegels<\/em> &ndash; so wie die Bewohner der US-amerikanischen Stadt Fergus Falls in der Relotius-Geschichte so ziemlich allen Klischees entsprochen haben, die der <em>Spiegel<\/em> &uuml;ber angeblich r&uuml;ckst&auml;ndige, fremdenfeindliche, waffenfanatische Trump-Anh&auml;nger zeichnen wollte.<\/p><p>Dumm an der Sache nur: Die Einwohner von Fergus Falls entsprachen in der Realit&auml;t &uuml;berhaupt nicht dem karikaturhaften Bild vom ungebildeten Trump-W&auml;hler.<\/p><p>Wie es tats&auml;chlich war: Die Geschichte ist bekannt. Doch warum aus der Geschichte lernen, wenn das Grundprinzip auch heute noch gut funktioniert?<\/p><p>Aktuell verschafft der <em>Spiegel<\/em> dem &bdquo;Grundsatz&ldquo; Raum in der Erz&auml;hlung vom tumben, ungehobelten, r&uuml;pelhaften &bdquo;Russen&ldquo;.<\/p><p>Erneut kommt der Bruch mit dem Journalismus zum Vorschein.<\/p><p>Da hat der deutsche Au&szlig;enminister ein &bdquo;G-20-Familienfoto&ldquo; mit dem ungeliebten Lawrow verhindert (sich mit einem Politiker eines Landes, das den Iran angegriffen hat, fotografieren zu lassen, w&auml;re aber kein Problem gewesen) &ndash; und der <em>Spiegel<\/em> w&auml;lzt im Nachklapp weltanschaulich passend aus.<\/p><p>Werfen wir einen Blick in den Artikel:<\/p><blockquote><p>Aber gegen Lawrows Empfang im Aquarium von Atlanta konnten Wadephul &amp; Co nichts unternehmen. Das State Department ver&ouml;ffentlichte am Samstag ein Foto, das Lawrow im Gespr&auml;ch mit Rubio und Wadephul zeigt. Offenbar ging es auch um das verhinderte Familienfoto.<\/p>\n<p>Lawrow konnte es offenbar nicht verknusen, dass ihm das gemeinsame Foto verwehrt worden war. In einer Pressekonferenz hatte er sich namentlich &uuml;ber den deutschen Au&szlig;enminister beschwert. &raquo;Dieser Herr Wadephul, der vor einem Monat um ein Treffen mit mir in New York gebeten hatte, hat gestern oder heute Vormittag eine Art Erkl&auml;rung abgegeben, dass er Lawrow alles sagen werde, was den aggressiven Krieg betrifft, und sich niemals fotografieren lassen werde&laquo;, sagte der russische Au&szlig;enminister. &raquo;Das nenne ich Familienfoto-Diplomatie.&laquo;<\/p><\/blockquote><p>Ins Auge fallen die Formulierungen: &bdquo;Offenbar ging es ihm auch &hellip;&ldquo; und &bdquo;Lawrow konnte es offenbar nicht verknusen, dass &hellip;&ldquo;.<\/p><p>Wie soll man es formulieren? Vielleicht so: Offenbar ist der journalistische Offenbarungseid offenbar.<\/p><p>Das Kr&ouml;nchen setzt der <em>Spiegel<\/em> seiner Erz&auml;hlung mit der Formulierung &bdquo;der Russe&ldquo; auf.<\/p><p>Der <em>Spiegel<\/em> reduziert hier die Person Lawrow auf ihre Nationalit&auml;t &ndash; und das in Verbindung mit einer als unh&ouml;flich betrachteten Handlung. Lawrow wird hier ethnisch kategorisiert, Abwertung liegt in der Luft.<\/p><p>Bei aller Kritik am <em>Spiegel<\/em>: Die Redakteure wissen, was sie schreiben. An solchen Stellen wird sich nicht einfach nur &bdquo;vergriffen&ldquo;.<\/p><p>Die Stimmungsmache, die hier zum Tragen kommt, ist greifbar.<\/p><p><small>Titelbild: Courtney Reed \/ Flickr \/ U.S. Department of State<\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/dd164904753047dbba0945a415c987a5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Ein Familienfoto mit Sergej Lawrow konnte der deutsche Au&szlig;enminister Johann Wadephul verhindern. 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