{"id":158435,"date":"2026-11-04T09:00:40","date_gmt":"2026-11-04T08:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158435"},"modified":"2026-11-04T09:02:20","modified_gmt":"2026-11-04T08:02:20","slug":"wer-gewinnt-den-krieg-um-die-multipolaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158435","title":{"rendered":"Wer gewinnt den Krieg um die Multipolarit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt bewegt sich unaufhaltsam auf eine multipolare Ordnung zu, w&auml;hrend die USA durch ihre eigenen Fehler ihren Niedergang beschleunigen &ndash; so eine verbreitete Annahme. <strong>Thomas Fazi<\/strong> stellt diese infrage: W&auml;hrend Washington weiterhin seine wirtschaftliche und milit&auml;rische Macht einsetzen kann, erweisen sich die BRICS als unf&auml;hig, gemeinsam Widerstand zu leisten. Ist ein friedlicher &Uuml;bergang zu einer multipolaren Weltordnung &uuml;berhaupt m&ouml;glich? Aus dem Englischen &uuml;bersetzt von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm September trafen sich die Staats- und Regierungschefs der BRICS-Staaten in Neu-Delhi und verabschiedeten eine Erkl&auml;rung, die 140 Abs&auml;tze umfasst (ausf&uuml;hrlich hierzu Nel Bonillas Analyse, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156966\">Teil 1<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156980\">Teil 2<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156985\">Teil 3<\/a>), in der sie es vers&auml;umten, den Bombenangriff auf eines ihrer eigenen Mitgliedsl&auml;nder, den Iran, zu verurteilen. Es war ein bezeichnender Moment, der im Widerspruch zu einer mittlerweile &uuml;ber das gesamte politische Spektrum hinweg geteilten Ansicht steht: dass sich die Welt unaufhaltsam in Richtung Multipolarit&auml;t bewegt und dass die USA, indem sie von einem Fehler in den n&auml;chsten stolpern, diesen Prozess ungewollt beschleunigen.<\/p><p>Indem sie Russland und China gleichzeitig vor den Kopf stie&szlig;en, haben die USA diese beiden L&auml;nder einander in die Arme getrieben. Indem sie den Dollar als Waffe einsetzten und sowohl Freunden als auch Feinden Z&ouml;lle auferlegten, haben sie die Entdollarisierung beschleunigt und die BRICS-Staaten gest&auml;rkt. Ihre Missachtung des V&ouml;lkerrechts hat ihre Legitimit&auml;t zunichtegemacht. Der Angriff auf den Iran wird typischerweise lediglich als der j&uuml;ngste Eintrag in dieser langen Liste von Fehltritten dargestellt: Viele behaupten, die USA h&auml;tten eine strategische Niederlage erlitten, da es ihnen nicht gelungen sei, einen Regimewechsel herbeizuf&uuml;hren, w&auml;hrend sie gleichzeitig massive, m&ouml;glicherweise irreversible Sch&auml;den an ihren St&uuml;tzpunkten im Nahen Osten davongetragen h&auml;tten.<\/p><p>Schlie&szlig;lich herrscht weitgehende Einigkeit dar&uuml;ber, dass die Ukraine &ndash; und damit auch die NATO &ndash; den Krieg verloren hat, was der amerikanischen Macht einen weiteren verheerenden Schlag versetzt hat. All dies wird als Beweis daf&uuml;r angef&uuml;hrt, dass die USA &ndash; zum gro&szlig;en Teil wegen Trump &ndash; in eine Phase des unaufhaltsamen Niedergangs eingetreten sind, die sie zwingen wird, eine geschw&auml;chte Rolle zu akzeptieren und sich mit der Realit&auml;t der Multipolarit&auml;t abzufinden. Diese Aussicht l&ouml;st je nach dem, wen man fragt, entweder Panik oder Hoffnung aus.<\/p><p>Ich selbst habe dieses Argument mehr als einmal vorgebracht. Doch in letzter Zeit &ndash; als jemand, der eindeutig zum Lager der Bef&uuml;rworter der Multipolarit&auml;t geh&ouml;rt &ndash; habe ich begonnen, mich zu fragen, ob hier nicht der Wunsch zum Vater des Gedankens geworden ist. Ich stimme zwar vielen der obigen Punkte zu, bin mir aber einfach nicht sicher, ob sie die Schlussfolgerung st&uuml;tzen, dass die USA unter der Last ihrer eigenen Fehler gezwungen sind, einer multipolaren Ordnung tats&auml;chlich zu weichen. Die Entwicklungen des vergangenen Jahres deuten in eine andere Richtung &ndash; und nirgendwo wird dies deutlicher als in der zunehmenden Blockade der BRICS-Staaten selbst.<\/p><p>Hier ist es hilfreich, zwischen relativem Gewicht und relativer Macht zu unterscheiden. Was das Gewicht &ndash; insbesondere das wirtschaftliche Gewicht &ndash; angeht, ist die Multipolarit&auml;t bereits Realit&auml;t: Die USA haben einen viel geringeren Anteil an der Weltwirtschaft als noch vor einem Jahrzehnt, vor allem dank des Aufstiegs Chinas. Aber geht dieser R&uuml;ckgang des relativen Gewichts mit einem vergleichbaren R&uuml;ckgang der Macht einher, sei es wirtschaftlicher oder anderer Art? Das h&auml;ngt davon ab, wie man Macht definiert, was weitaus schwieriger zu messen ist. F&uuml;r die Zwecke dieser Argumentation definiere ich Macht als <em>die F&auml;higkeit, andere dem eigenen Willen zu unterwerfen<\/em>, was durch strukturelle oder durch offen zwanghafte Mittel erreicht werden kann. Ein Staat &uuml;bt Macht &uuml;ber seine B&uuml;rger auf struktureller Ebene aus: Gehorsam beruht nicht nur auf der Androhung von Strafe, sondern auch auf dem Gef&uuml;hl, dass das Befolgen der Regeln &bdquo;normal&ldquo; und &bdquo;richtig&ldquo; ist. Ein Verbrechersyndikat &uuml;bt Macht haupts&auml;chlich durch offene Zwangsma&szlig;nahmen aus. Seit 1945 verf&uuml;gen die USA &uuml;ber enorme strukturelle Macht, die in ihrer Kontrolle &uuml;ber die weltweite Finanz-, Logistik- und Milit&auml;rinfrastruktur verwurzelt ist und &ndash; zumindest im Westen &ndash; durch die politische Fiktion einer &bdquo;regelbasierten Ordnung&ldquo; legitimiert wird.<\/p><p>Diese strukturelle Macht hat zweifellos abgenommen. China ist nicht nur zu einer wirtschaftlichen, technologischen und milit&auml;rischen Supermacht geworden; es hat auch still und leise eine alternative Finanz-, Handels- und Regierungsinfrastruktur aufgebaut, die es L&auml;ndern erm&ouml;glicht, au&szlig;erhalb des Dollarsystems zu agieren &ndash; ein Projekt, das als Reaktion auf Washingtons Instrumentalisierung dieses Systems an Fahrt gewonnen hat.<\/p><p>Deshalb ist es dem umfangreichsten Sanktionsregime der Geschichte nicht gelungen, Russland lahmzulegen, und dies ist wohl die gr&ouml;&szlig;te Errungenschaft der BRICS: L&auml;ndern &ndash; zumindest potenziell &ndash; einen Ausweg aus der globalen Matrix amerikanischer Kontrolle zu bieten.<\/p><p>Doch die zweite Trump-Regierung hat die Grenzen dieses Prozesses in dreierlei Hinsicht offenbart. Erstens bleibt die strukturelle Macht der USA, obwohl sie schwindet, nach wie vor gewaltig &ndash; und w&auml;chst an manchen Stellen sogar. Zweitens erg&auml;nzt Washington sie zunehmend durch offene N&ouml;tigung und rohe Gewalt. Drittens hat sich die BRICS-Gruppe als strukturell unf&auml;hig erwiesen, auf beides zu reagieren.<\/p><p>&Uuml;ber seinen eigenen Block &uuml;bt Washington heute wohl mehr Kontrolle aus als jemals zuvor seit 1945: Europa ist politisch, wirtschaftlich und milit&auml;risch st&auml;rker denn je dem atlantistischen Establishment unterworfen: abgeschnitten von russischen Energielieferungen und abh&auml;ngig von amerikanischen Lieferungen sowie eingebunden in eine NATO-Kommandostruktur, die durch den aktuellen Aufr&uuml;stungskurs eher gefestigt als gelockert wird. Eine &auml;hnliche Dynamik l&auml;sst sich bei den anderen Mitgliedern der &bdquo;globalen NATO&ldquo; beobachten: Australien, Japan und S&uuml;dkorea. Diese haben gegen&uuml;ber China eine zunehmend aggressive Haltung eingenommen und haben &ndash; wie die europ&auml;ischen L&auml;nder und tats&auml;chlich die meisten L&auml;nder weltweit &ndash; Trumps pauschale Z&ouml;lle im Jahr 2025 weitgehend hingenommen. Nur China hat in nennenswertem Umfang Vergeltungsma&szlig;nahmen ergriffen.<\/p><p>&Uuml;ber den eigenen Block hinaus gewinnt Washington wieder an Boden in dem Raum, den es seit Langem als seinen &bdquo;Hinterhof&ldquo; betrachtet: Lateinamerika. Eine Reihe von Siegen f&uuml;r US-freundliche Regierungen &ndash; Milei in Argentinien, Kast in Chile, Paz in Bolivien, Asfura in Honduras und in diesem Jahr der von Trump unterst&uuml;tzte [Abelardo] de la Espriella in Kolumbien &ndash; hat Trumps Erweiterung der Monroe-Doktrin, die in der Nationalen Sicherheitsstrategie vom vergangenen Dezember dargelegt wurde, konkrete Gestalt verliehen. Das von den USA gef&uuml;hrte &bdquo;Shield of the Americas&ldquo;, ein von der NATO inspiriertes, US-gef&uuml;hrtes Sicherheitsb&uuml;ndnis, das im M&auml;rz mit zw&ouml;lf lateinamerikanischen Regierungen ins Leben gerufen wurde, z&auml;hlt mittlerweile 19 Mitglieder. Lulas knapper Sieg in Brasilien am 25. Oktober erinnert daran, dass dieses Wiederaufleben Grenzen hat, aber ein Wiederaufleben ist es dennoch.<\/p><p>Vor allem kann Washington immer noch schweren wirtschaftlichen Schaden anrichten, indem es L&auml;nder vom Dollarsystem abschneidet. Dies steht nicht im Widerspruch zur Widerstandsf&auml;higkeit Russlands: Gro&szlig;e, rohstoffreiche Volkswirtschaften, die von China unterst&uuml;tzt werden, k&ouml;nnen dem wirtschaftlichen Druck der USA standhalten; kleinere und anf&auml;lligere &ndash; der Gro&szlig;teil des Globalen S&uuml;dens &ndash; k&ouml;nnen dies gr&ouml;&szlig;tenteils nicht. Jahrelange Sanktionen hatten die iranische Wirtschaft bereits vor dem diesj&auml;hrigen Krieg verheerend getroffen, und nur Russland, China und eine Handvoll anderer L&auml;nder widersetzten sich ihnen. Die meisten L&auml;nder lehnten sie zwar grunds&auml;tzlich ab, hielten sich in der Praxis jedoch aus Angst vor Sekund&auml;rsanktionen daran. Als Finanzminister Scott Bessent die Regierungen warnte, die Zusammenarbeit mit iranischen Fluggesellschaften einzustellen, &bdquo;sonst werdet ihr aus dem Dollarsystem ausgeschlossen&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/iranian-flights-cancelled-new-us-d-day-sanctions-take-effect-saudis-say-they-2026-09-24\/\">setzte<\/a> jedes Land in der Region umgehend Fl&uuml;ge mit iranischen Fluggesellschaften aus. Der Iran ist auch kein Einzelfall. Eine <a href=\"https:\/\/archive.is\/qIynY\"><em>Washington Post<\/em>-Recherche<\/a> aus dem Jahr 2024 ergab, dass die USA mittlerweile ein Drittel aller L&auml;nder der Welt in der einen oder anderen Form mit Sanktionen belegen &ndash; ein Zustand des &bdquo;permanenten Wirtschaftskriegs&ldquo;, wie die Zeitung es formulierte.<\/p><p>All dies zeigt, dass Washington trotz aller von den BRICS-Staaten angef&uuml;hrten Bem&uuml;hungen, den finanziellen W&uuml;rgegriff der USA zu lockern, weiterhin &uuml;ber erhebliche strukturelle Macht &ndash; politisch, finanziell, milit&auml;risch und ideologisch &ndash; verf&uuml;gt, mit der es die Politik weltweit gestalten kann: um die L&auml;nder des globalen NATO-Blocks zu disziplinieren, seinen Einfluss auf strategisch wichtige Regionen auszuweiten und Rivalen einseitig wirtschaftlichen Schaden zuzuf&uuml;gen. Das ist kaum das Verhalten eines todkranken Imperiums, das kurz vor dem Zusammenbruch steht.<\/p><p>Doch die eigentliche Frage, mit der Trump uns konfrontiert, lautet: Was passiert, wenn sich die USA nicht mehr darauf beschr&auml;nken, ihre strukturelle Macht als Waffe einzusetzen, und sich weniger wie ein Staat, sondern eher wie ein kriminelles Syndikat verhalten? Viele von uns haben schon lange vorhergesagt, dass die Umverteilung des globalen wirtschaftlichen Gewichts nicht &bdquo;auf nat&uuml;rliche Weise&ldquo; zu einem multipolaren System f&uuml;hren w&uuml;rde, sondern auf eskalierende Gewalt sto&szlig;en w&uuml;rde, die darauf abzielt, dieses System einzud&auml;mmen.<\/p><p>Genau das erleben wir gerade. Wie C. Raja Mohan Anfang dieses Jahres <a href=\"https:\/\/www.foreignaffairs.com\/united-states\/multipolar-delusion-mohan\">in <em>Foreign Affairs<\/em> argumentierte<\/a>, haben die Illusionen der Multipolarit&auml;t &bdquo;die Vereinigten Staaten dazu bef&auml;higt, bisherige Beschr&auml;nkungen abzulegen und ihre Macht noch aggressiver zu projizieren&ldquo;.<\/p><p>In weniger als einem Jahr ist Washington in Venezuela einmarschiert und hat dessen Pr&auml;sidenten entf&uuml;hrt; es hat den Iran, ein BRICS-Mitglied, wiederholt bombardiert und dessen &Ouml;lexporte blockiert, von denen ein erheblicher Anteil nach China ging; es hat eine totale Blockade gegen Kuba verh&auml;ngt; hat Handelsschiffe auf hoher See angegriffen; hat weiterhin sowohl Israels Krieg an mehreren Fronten erm&ouml;glicht als auch die eskalierende Drohnenkampagne der Ukraine gegen russische Infrastruktur unterst&uuml;tzt.<\/p><p>Bemerkenswerterweise haben Russland und China mit kaum mehr als diplomatischen Plattit&uuml;den reagiert, w&auml;hrend sie weiterhin um Trump werben auf der Suche nach vorteilhaften &bdquo;Deals&ldquo;. Peking ist nicht unf&auml;hig, Vergeltungsma&szlig;nahmen zu ergreifen: Als im Handelskrieg von 2025 seine eigenen Kerninteressen auf dem Spiel standen, zwangen seine Exportbeschr&auml;nkungen f&uuml;r seltene Erden Washington innerhalb weniger Monate zu einem Waffenstillstand. Wozu China jedoch keinerlei Bereitschaft gezeigt hat, ist, diesen Schutz auf seine Partner &ndash; Iran, Venezuela, Kuba &ndash; auszuweiten. Unterdessen hat sich Russland, trotz aller Rede von der <a href=\"https:\/\/responsiblestatecraft.org\/hybrid-warfare-russia\/\">angeblichen &bdquo;hybriden Kriegsf&uuml;hrung&ldquo;<\/a>, die es gegen Europa f&uuml;hrt, geweigert, auf die de facto durch die NATO durchgef&uuml;hrten Angriffe auf sein Territorium mit gleicher M&uuml;nze zu antworten.<\/p><p>Die Reaktion der BRICS-Staaten als Gruppe war noch schw&auml;cher, wie der Gipfel im September in Neu-Delhi schmerzlich deutlich machte. In ihrer Erkl&auml;rung brachten sie es nicht &uuml;ber sich, die US-amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran, ein Vollmitglied, zu verurteilen, geschweige denn die T&auml;ter namentlich zu nennen; sie begn&uuml;gten sich mit einem allgemeinen Aufruf zur Zur&uuml;ckhaltung &ndash; ein R&uuml;ckschritt sogar gegen&uuml;ber der Erkl&auml;rung von Rio aus dem letzten Jahr, in der die Angriffe vom Sommer 2025 zwar verurteilt wurden (ohne jedoch den Schuldigen namentlich zu nennen). Der Krieg in der Ukraine taucht unterdessen nirgendwo in dem 140 Abs&auml;tze umfassenden Text auf. Einseitige Sanktionen werden verurteilt, doch das Land, das sie verh&auml;ngt, bleibt ungenannt.<\/p><p>Dies spiegelt zum Teil das Wesen der BRICS wider. Es handelt sich nicht um ein B&uuml;ndnis, geschweige denn um einen &bdquo;Block&ldquo;, und es gibt keine zentralisierten oder supranationalen Strukturen, die mit denen der EU oder der NATO vergleichbar w&auml;ren. Die BRICS wurden ausdr&uuml;cklich als konsensbasierte, souver&auml;nit&auml;tswahrende Plattform f&uuml;r die zwischenstaatliche Koordination konzipiert, in der die Mitglieder ihre volle Autonomie behalten und nur dort zusammenarbeiten, wo ihre nationalen Interessen zuf&auml;llig &uuml;bereinstimmen. Lange Zeit war dies ihre St&auml;rke. Sie erm&ouml;glichte die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen L&auml;ndern mit sehr unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen, Ideologien und strategischen Priorit&auml;ten, die durch den gemeinsamen Wunsch vereint waren, das internationale System zu &bdquo;demokratisieren&ldquo; &ndash; angefangen bei einer st&auml;rkeren Vertretung des Globalen S&uuml;dens in westlich dominierten Institutionen wie dem IWF, der Weltbank und der UNO. Angesichts der Weigerung des Westens, diesen Forderungen nachzukommen, nahmen die BRICS-Staaten die Dinge selbst in die Hand und erarbeiteten sich schrittweise mehr Autonomie innerhalb der bestehenden Ordnung: durch die Verlagerung hin zum bilateralen Handel in lokalen W&auml;hrungen und alternativen Zahlungssystemen, die sich unter den Mitgliedern zunehmend durchgesetzt hat, sowie durch neue Entwicklungs- und Governance-Strukturen wie die Neue Entwicklungsbank und Chinas &bdquo;Belt and Road&ldquo;-Initiative.<\/p><p>Diese Errungenschaften sollten nicht untersch&auml;tzt werden. Sie stellten eine au&szlig;ergew&ouml;hnliche Anstrengung nicht-westlicher L&auml;nder dar, ein gewisses Ma&szlig; an Autonomie zu erlangen &ndash; insbesondere angesichts der Instrumentalisierung des Dollarsystems durch den Westen &ndash;, ohne sich g&auml;nzlich von der bestehenden Ordnung zu l&ouml;sen. Und sie wurden wohl gerade durch den lockeren, die Autonomie wahrenden Charakter der BRICS erm&ouml;glicht. Diese Lockerheit erm&ouml;glichte die Zusammenarbeit zwischen L&auml;ndern, die sich gegen verbindlichere Vereinbarungen gewehrt h&auml;tten &ndash; nicht zuletzt aufgrund langj&auml;hriger Rivalit&auml;ten (man denke an China und Indien) &ndash;, w&auml;hrend sie den BRICS-Staaten gleichzeitig die Art von panischer Reaktion in westlichen Hauptst&auml;dten ersparte, die eine strengere, block&auml;hnliche Formation mit ziemlicher Sicherheit hervorgerufen h&auml;tte. Doch der langsame Aufbau dieser alternativen Ordnung beruhte auf einer grundlegenden Voraussetzung: einem gewissen Ma&szlig; an Entgegenkommen seitens des Westens.<\/p><p>Diese Voraussetzung gilt nicht mehr. Was in den letzten Jahren als zunehmend aggressive Instrumentalisierung des Dollarsystems begann &ndash; eine Entwicklung, die zun&auml;chst den Trend zur Entdollarisierung beschleunigte &ndash;, ist zu einem regelrechten Krieg gegen die Multipolarit&auml;t eskaliert, einschlie&szlig;lich des unverh&uuml;llten Einsatzes von Gewalt gegen Schl&uuml;sselakteure der sich abzeichnenden nicht-westlichen Ordnung.<\/p><p>Dies hat die Spielregeln grundlegend ver&auml;ndert. Es ist eine Sache, sich zwischen L&auml;ndern abzustimmen, deren Differenzen sich auf unterschiedliche Ansichten &uuml;ber die Tiefe ihrer Integration in den Westen oder das Tempo ihrer Abkopplung von der bestehenden Ordnung beschr&auml;nken &ndash; insbesondere, wenn Letzteres keine Vergeltungsma&szlig;nahmen nach sich zieht. Es ist jedoch etwas ganz anderes, sich zwischen L&auml;ndern abzustimmen, von denen einige mit dem Westen im Krieg stehen, w&auml;hrend andere seine Verb&uuml;ndeten sind &ndash; und das in einem Kontext, in dem die Abkehr vom Dollar oder der Handel mit sanktionierten Staaten hohe Kosten nach sich ziehen kann.<\/p><p>Dies hat tiefe Risse innerhalb der BRICS-Staaten aufgerissen, da sich deren Mitglieder in v&ouml;llig unterschiedlichen strategischen Situationen befinden. Russland f&uuml;hrt einen Stellvertreterkrieg mit der NATO; der Iran wurde bombardiert, um einen Regimewechsel zu erzwingen. China hingegen sieht sich keiner unmittelbaren milit&auml;rischen Bedrohung ausgesetzt und verfolgt eine langfristige Strategie, die darauf abzielt, die USA durch einen l&auml;ngeren Atem zu &uuml;berwinden und gleichzeitig eine frontale Konfrontation zu vermeiden. Indien und Brasilien sind ebenso wie China selbst tief in die westlichen M&auml;rkte integriert und bestrebt, einen Bruch mit Washington zu vermeiden. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hingegen stehen buchst&auml;blich auf der anderen Seite des Iran-Kriegs: Ihr Luftwaffenst&uuml;tzpunkt Al Dhafra diente als wichtiger Knotenpunkt f&uuml;r die US-Kampagne, und der Iran hat rund 2.500 Raketen und Drohnen auf emiratisches Gebiet abgefeuert.<\/p><p>Dass zwei BRICS-Mitglieder seit Monaten faktisch miteinander im Krieg stehen, verdeutlicht besser als alles andere die Risse, die die USA innerhalb der Gruppe aufrei&szlig;en konnten. Kein Wunder also, dass sich die BRICS als unf&auml;hig erwiesen haben, einen koordinierten Widerstand gegen die Gegenreaktion auf die Multipolarit&auml;t zu organisieren oder auch nur Unterst&uuml;tzung und Solidarit&auml;t f&uuml;r angegriffene Mitglieder zu koordinieren. Die USA brauchen auch keine Bomben, um diese Differenzen auszunutzen. Indien bezeichnet seinen Balanceakt zwischen verschiedenen Machtzentren als &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.mea.gov.in\/speeches-statements?dtl\/40857\/Remarks_of_Minister_of_State_Shri_Kirti_Vardhan_Singh_at_the_11th_Raisina_Dialogue_2026_March_06_2026\">strategische Autonomie<\/a>&ldquo;, doch f&uuml;r die USA ist dies eine L&uuml;cke, durch die sie das Konsensmodell der BRICS f&uuml;r ihre eigenen Zwecke nutzen k&ouml;nnen. Washington &uuml;bte Druck auf Indien aus, sich den USA und Israel in ihrem Krieg gegen den Iran anzuschlie&szlig;en und seine russischen &Ouml;leink&auml;ufe Anfang dieses Jahres drastisch zu reduzieren; als Vorsitzland des j&uuml;ngsten Gipfels leitete Indien eine Erkl&auml;rung ein, deren Auslassungen Washington perfekt entgegenkamen. Noch aufschlussreicher ist vielleicht, dass auch die ausdr&uuml;cklich auf Sicherheit ausgerichtete Shanghai Cooperation Organisation (SCO) auf den Krieg gegen den Iran, eines ihrer Mitglieder, mit kaum mehr als einer &Auml;u&szlig;erung &bdquo;tiefer Besorgnis&ldquo; reagierte, in der kein Aggressor namentlich genannt wurde.<\/p><p>All dies wirft ernsthafte Fragen &uuml;ber die Zukunft der BRICS und &auml;hnlicher nicht-westlicher Institutionen auf &ndash; und &uuml;ber den &Uuml;bergang zu einer multipolaren Ordnung an sich. Zu sagen, dass nicht-westliche L&auml;nder derzeit v&ouml;llig unvorbereitet sind, mit dem vom Westen angef&uuml;hrten Angriff umzugehen, ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Wie Mohans Argumentation nahelegt: Kann eine Welt, in der es den USA weiterhin freisteht, wiederholt milit&auml;rische und wirtschaftliche Aggressionen zu begehen, ohne von einer anderen Macht in Schach gehalten zu werden, wirklich ernsthaft als multipolar bezeichnet werden?<\/p><p>Die Analystin Nel Bonilla bringt das Problem treffend auf den Punkt. Angesichts des gegenw&auml;rtigen geopolitischen Wandels, <a href=\"https:\/\/worldlinesletter.substack.com\/p\/the-emerging-architecture-of-the\">so argumentiert sie<\/a>, haben die transatlantischen F&uuml;hrungsschichten den Westen in einen &bdquo;Bunkerstaat&ldquo; verwandelt, der darauf ausgerichtet ist, durch permanente Versicherheitlichung (im Original: &bdquo;securitisation&ldquo;) und die gezielte Fragmentierung der internationalen Ordnung die Grundlagen der Multipolarit&auml;t zu zerst&ouml;ren. Seine Gegner sind hingegen defensiv ausgerichtete M&auml;chte, die Pipelines und Handelskorridore aufbauen, statt eine gemeinsame politische &ndash; geschweige denn eine verteidigungspolitische &ndash; Verteidigungsarchitektur zu schaffen. Genau deshalb kann das Imperium sie <a href=\"https:\/\/worldlinesletter.substack.com\/p\/multipolarity-in-a-multilayered-cage\">eine nach der anderen ausschalten<\/a>.<\/p><p>Man k&ouml;nnte einwenden, dass diese Lesart aus einer pro-multipolaren Perspektive zu pessimistisch ist: dass Washingtons Aggression seine &bdquo;Soft Power&ldquo; zerst&ouml;rt hat, die die USA mehr gekostet als ihnen gebracht hat, dass sie den Iran nicht brechen konnte und den Niedergang der USA nur beschleunigen wird, was Chinas Strategie der Geduld rechtfertigt.<\/p><p>Vielleicht. Doch die USA haben Russland durch einen langwierigen Stellvertreterkrieg bereits enorme Kosten auferlegt, konnten China durch die Bedrohung strategischer Engstellen wie der Stra&szlig;e von Malakka schweren Schaden zuf&uuml;gen und haben gezeigt, dass sie die Entstehung einer multipolaren Ordnung ernsthaft behindern k&ouml;nnen, indem sie Chinas Partnern Schaden zuf&uuml;gen. F&uuml;r ein Land, das so viel auf globale Vernetzung gesetzt hat, ist das keine geringf&uuml;gige Bedrohung.<\/p><p>China und seine Mitstreiter f&uuml;r Multipolarit&auml;t mahnen die Welt gerne, die &bdquo;Blockmentalit&auml;t&ldquo; abzulehnen. Doch ob es nicht-westlichen L&auml;ndern gef&auml;llt oder nicht: Der Westen <em>ist<\/em> ein Block, und zwar ein &auml;u&szlig;erst geschlossener. Die Frage ist also, ob der &Uuml;bergang zu einer multipolaren Ordnung ohne eine ebenso m&auml;chtige transnationale Kraft mit einem gemeinsamen politischen Horizont erreicht werden kann, die in der Lage ist, das Imperium in Schach zu halten. Das Paradoxon liegt auf der Hand: Ein nicht-westlicher Block nach dem Vorbild der NATO w&uuml;rde &ndash; selbst wenn er politisch machbar w&auml;re &ndash; sehr wahrscheinlich eine verheerende globale Konfrontation ausl&ouml;sen. Dass wir eine solche bisher vermieden haben, liegt genau daran, dass Russland und China sich bisher davor zur&uuml;ckgehalten haben, mit gleicher M&uuml;nze zur&uuml;ckzuzahlen.<\/p><p>Daf&uuml;r sollten wir dankbar sein. Aber wir sollten uns keine Illusionen &uuml;ber die Aussichten auf einen friedlichen &Uuml;bergang zu einer multipolaren Ordnung machen. Angegriffene L&auml;nder werden sich weiterhin widersetzen, wie der Iran gezeigt hat. Vorerst leben wir jedoch immer noch in einer Welt, die milit&auml;risch gesehen weitgehend unipolar bleibt &ndash; einer Welt, in der es den USA freisteht, Gewalt anzuwenden und andere, oder zumindest die schw&auml;cheren Glieder des multipolaren Systems, ihrem Willen zu unterwerfen, ohne dass es eine kollektive Kraft gibt, die sie daran hindern k&ouml;nnte.<\/p><p><small>Titelbild: Ole.CNX \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156966\">BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 1)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156980\">BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 2)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=156985\">BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 3)<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/5d97e6f722e6482eb27e70c3912d8edd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt bewegt sich unaufhaltsam auf eine multipolare Ordnung zu, w&auml;hrend die USA durch ihre eigenen Fehler ihren Niedergang beschleunigen &ndash; so eine verbreitete Annahme. <strong>Thomas Fazi<\/strong> stellt diese infrage: W&auml;hrend Washington weiterhin seine wirtschaftliche und milit&auml;rische Macht einsetzen kann, erweisen sich die BRICS als unf&auml;hig, gemeinsam Widerstand zu leisten. 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