{"id":158453,"date":"2026-11-04T10:32:39","date_gmt":"2026-11-04T09:32:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158453"},"modified":"2026-11-04T11:49:27","modified_gmt":"2026-11-04T10:49:27","slug":"midterms-der-kater-kommt-bestimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158453","title":{"rendered":"Midterms &#8211; der Kater kommt bestimmt"},"content":{"rendered":"<p>Anna Planken giggelt wild durchs ARD-Morgenmagazin, Mathieu von Rohr <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/midterms-2026-in-den-usa-donald-trump-abgestraft-der-aufstand-der-waehler-fuer-die-demokraten-a-166572f3-a3d4-424e-bb11-2800fec21fdf\">feiert im <em>SPIEGEL<\/em><\/a> den &bdquo;Anfang vom Ende der &Auml;ra Trump&ldquo;. Keine Frage, die deutschen Medien sind heute vor Freude aus dem H&auml;uschen. Die Demokraten haben die Midterms gewonnen. Nun wird wieder alles gut. Der b&ouml;se orangefarbene Mann ist weg, die Guten haben gesiegt. Nun k&ouml;nnen wir uns wieder ohne Vorbehalte unterwerfen. Stopp! Ich habe so einen Rausch schon einmal miterlebt, und der Morgen danach war ziemlich ern&uuml;chternd. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs war im November 2008. Ich war &ndash; zum ersten Mal &uuml;berhaupt &ndash; auf einer Wahlparty der US-Community in einer deutschen Stadt. Es gab Sekt und Pappbecher, auf einer Leinwand lief CNN, und gegen Morgen lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Barack Obama hatte John McCain geschlagen. Und vor allem: George W. Bush war Geschichte. &bdquo;Yes we can&ldquo; war damals mehr als ein Wahlslogan, es war eine Art Erl&ouml;sungsversprechen. Die deutschen Journalisten waren nicht weniger berauscht als die G&auml;ste. Endlich wieder ein Amerika, das man lieben durfte. Jetzt sollte alles anders werden. Und ja. Nennen Sie es Naivit&auml;t oder Zweckoptimismus &ndash; auch ich war tief im Inneren berauscht. Die Demos gegen den Irakkrieg waren ein paar Jahre zuvor die ersten Demonstrationen meines Lebens. Die Kritik an Bush jr. hat zu meiner Politisierung ma&szlig;geblich beigetragen. Nat&uuml;rlich war ich froh, dass dieser Bush jr. nun Geschichte war.<\/p><p>Daran musste ich denken, als ich heute Morgen die Kommentarspalten las. Die Demokraten haben die Midterms gewonnen, Trump ist angeschlagen, und in den Redaktionsstuben weht ein Hauch von 2008. Man liest vom &bdquo;Anfang vom Ende&ldquo; und vor allem liest man Erleichterung. Bald wird wieder alles gut, so der Tenor. Man muss nur noch zwei Jahre durchhalten. Es ist wie eine Party. Wie 2008. Doch wer schon einmal auf einer Party war, wei&szlig;, dass auf den Rausch der Kater folgt. Deshalb lohnt es sich, einmal n&uuml;chtern auf die Jahre nach jener Nacht im November 2008 zur&uuml;ckzublicken.<\/p><p><strong>Der Friedensnobelpreistr&auml;ger und seine Drohnen<\/strong><\/p><p>Schon nach neun Monaten im Amt bekam Obama den Friedensnobelpreis, im Grunde als Vorschuss auf eine Leistung, die er nie erbracht hat. Die Kriege seines Vorg&auml;ngers beendete er nicht. Er verlagerte sie nur dorthin, wo keine Kameras standen. Unter Obama stieg die Zahl der Drohnenangriffe in Pakistan, im Jemen und in Somalia um ein Vielfaches gegen&uuml;ber der Bush-&Auml;ra. Jeden Dienstag segnete der Pr&auml;sident im Wei&szlig;en Haus die &bdquo;Kill List&ldquo; ab. 2011 wurde Libyen &bdquo;befreit&ldquo;, und heute ist das Land ein Failed State mit offenen Sklavenm&auml;rkten. In Syrien r&uuml;stete die CIA &bdquo;moderate Rebellen&ldquo; aus, die so moderat dann doch nicht waren. Im Jahr 2016, seinem letzten vollen Amtsjahr, warfen die USA nach Berechnungen des Council on Foreign Relations &uuml;ber 26.000 Bomben auf sieben L&auml;nder ab. Den kriegslustigsten Pr&auml;sidenten der j&uuml;ngeren Geschichte stellt man sich gemeinhin anders vor. Bush jr. und auch Trump w&uuml;rden besser zu diesem Bild passen. Aber vielleicht hatte Obama ja blo&szlig; die bessere PR-Abteilung?<\/p><p>Dann ist da noch die Ukraine. Wer die Eskalation von 2014 verstehen will, sollte sich das abgeh&ouml;rte Telefonat von Victoria Nuland anh&ouml;ren, Obamas Europa-Beauftragter im State Department. Darin wird ganz ungeniert besprochen, wer in Kiew k&uuml;nftig regieren soll, und ein knappes &bdquo;Fuck the EU&ldquo; f&auml;llt auch. Nuland verteilte damals auf dem Maidan Kekse. Die Lunte f&uuml;r den Konflikt, der Europa bis heute in Atem h&auml;lt, wurde nicht zuletzt in Washington gelegt, und zwar unter einem Pr&auml;sidenten, der in Berlin vor 200.000 jubelnden Menschen an der Siegess&auml;ule gesprochen hatte. Dem Pr&auml;sidenten, dessen Wahlsieg ich ein paar Jahre zuvor selbst naiv gefeiert hatte.<\/p><p>&bdquo;<strong>Yes we can&ldquo; f&uuml;r die Wall Street<\/strong><\/p><p>Okay, formulieren wir es zynisch: Wen interessieren schon ein paar tote Afghanen, Syrer und Ukrainer? Den Amerikanern selbst ging es unter Obama doch besser. Oder? Leider nein. Obama trat sein Amt mitten in der Finanzkrise an und er hatte die historische Chance, das Casino zu schlie&szlig;en. Stattdessen rettete er die Croupiers. Die Banken bekamen ihre Milliarden und die Hausbesitzer bekamen Zwangsr&auml;umungsbescheide. Millionen Familien verloren ihr Zuhause, w&auml;hrend kein einziger Spitzenbanker ins Gef&auml;ngnis musste. Den sogenannten Aufschwung danach muss man sich genauer ansehen. Nach den <a href=\"https:\/\/eml.berkeley.edu\/~saez\/saez-UStopincomes-2012.pdf\">Daten des &Ouml;konomen Emmanuel Saez<\/a> landeten in den ersten Jahren der Erholung rund 90 Prozent der Einkommenszuw&auml;chse beim reichsten Prozent der Bev&ouml;lkerung. Die Reichen wurden reicher und die Armen &auml;rmer. Die Verm&ouml;gensschere, die schon unter Bush weit offenstand, wurde unter Obama endg&uuml;ltig zum Scheunentor.<\/p><p>Yes we can? Fragt sich nur, wer dieses &bdquo;we&ldquo; ist. Klar, unter Obama ging es den Ivy-League-Anw&auml;lten, Beratern und Silicon-Valley-Milliard&auml;ren wirklich besser. F&uuml;r die abgeh&auml;ngten Industriest&auml;dte im Rust Belt hatte man bestenfalls Weiterbildungsgutscheine &uuml;brig, und schlimmstenfalls Verachtung. Obamas designierte Nachfolgerin Hillary Clinton sollte diese W&auml;hler sp&auml;ter &bdquo;Basket of Deplorables&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/usa-hillary-clinton-geht-unterstuetzer-von-donald-trump-hart-an-a-1111773.html\">nennen<\/a> &ndash; im Deutschen w&uuml;rde man das wohl mit einem &bdquo;Haufen von Erb&auml;rmlichen&ldquo; &uuml;bersetzen. Aber Clinton war ja auch eine von den &bdquo;Guten&ldquo;, der Aufschrei in Deutschland blieb aus.<\/p><p><strong>Trump ist kein Betriebsunfall<\/strong><\/p><p>Damit sind wir beim Kern der Sache. Donald Trump ist nicht wie ein Meteorit &uuml;ber Amerika hereingebrochen. Er ist <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31738\">das Produkt jener Jahre<\/a>, in denen die Hoffnung von 2008 systematisch entt&auml;uscht wurde. Wer acht Jahre lang erlebt, dass sich trotz aller sch&ouml;nen Reden f&uuml;r ihn nichts &auml;ndert, der w&auml;hlt irgendwann jemanden, der verspricht, den ganzen Laden in die Luft zu sprengen. Die gesellschaftliche Spaltung, auf der Trump surft, hat Obama nicht erfunden, aber er hat sie vertieft. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35733\">Ohne Obama h&auml;tte es Trump nicht gegeben<\/a>.<\/p><p>Deshalb ist es so &auml;rgerlich, mit welcher Naivit&auml;t die deutschen Leitmedien nun wieder die Gl&auml;ser heben. Man tut so, als best&uuml;nde das Problem Amerikas aus einem einzigen orangefarbenen Mann, nach dessen Abgang alles in die gute alte Normalit&auml;t zur&uuml;ckkehrt. Diese gute alte Normalit&auml;t bestand aber aus Kriegen, Bankenrettungen und einer Mittelschicht im freien Fall. Sie ist nicht die L&ouml;sung des Problems, sondern seine Ursache.<\/p><p>Die bessere Frage w&auml;re, wof&uuml;r die Demokraten eigentlich stehen, au&szlig;er daf&uuml;r, nicht Trump zu sein. Hat die Partei aus ihren Fehlern gelernt? Will sie die Kriege beenden, die Wall Street an die Leine nehmen und den Menschen im Rust Belt etwas anderes anbieten als Verachtung? Danach fragt in den Redaktionen kaum jemand. Wer feiert, will keine Spielverderber h&ouml;ren. Und das hat einen guten Grund. Unter dem Deckel der &bdquo;Demokraten&ldquo; befindet sich n&auml;mlich heutzutage ein recht heterogener Haufen. Das reicht von der im deutschen Mainstream sehr beliebten, aber vollkommen inhalts- und farblosen Kamala Harris bis zum heutigen Wahlgewinner aus Michigan, Abdul El-Sayed, einem Politiker, der nach deutscher Lesart vom Mainstream eigentlich als &bdquo;antisemitischer Enteigner&ldquo; gelesen werden m&uuml;sste, vertritt er doch in Sachen Israel- und Sozialpolitik Positionen, die selbst in Deutschland als &bdquo;links&ldquo; gelten w&uuml;rden.<\/p><p><strong>N&uuml;chtern bleiben<\/strong><\/p><p>Ich will niemandem die Freude verderben. Dass Trump ein D&auml;mpfer verpasst wurde, ist keine schlechte Nachricht. Aber wir sollten aus dem Kater von 2008 etwas gelernt haben: Ein Machtwechsel in Washington ist noch kein Politikwechsel, und schon gar keine Erl&ouml;sung. Wer wirklich etwas ver&auml;ndern will, in Amerika wie bei uns, darf sich nicht auf neue angebliche Heilsbringer verlassen; und schon gar nicht auf die &bdquo;Demokraten&ldquo;, die mehrfach unter Beweis gestellt haben, dass sie eher Teil des Problems als dessen L&ouml;sung sind. Wer etwas zum Besseren ver&auml;ndern will, sollte die richtigen Fragen stellen &ndash; nach Krieg und Frieden, nach Arm und Reich, nach den Interessen hinter den Kulissen.<\/p><p>Also stellen wir den Sekt zur&uuml;ck in den K&uuml;hlschrank, setzen den Kaffee auf und bleiben wach. Es gibt viel zu tun.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot ARD Morgenmagazin<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/59e172ac3c874e039d294e0d6972bdb8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anna Planken giggelt wild durchs ARD-Morgenmagazin, Mathieu von Rohr <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/midterms-2026-in-den-usa-donald-trump-abgestraft-der-aufstand-der-waehler-fuer-die-demokraten-a-166572f3-a3d4-424e-bb11-2800fec21fdf\">feiert im <em>SPIEGEL<\/em><\/a> den &bdquo;Anfang vom Ende der &Auml;ra Trump&ldquo;. Keine Frage, die deutschen Medien sind heute vor Freude aus dem H&auml;uschen. Die Demokraten haben die Midterms gewonnen. Nun wird wieder alles gut. Der b&ouml;se orangefarbene Mann ist weg, die Guten haben gesiegt. Nun k&ouml;nnen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158453\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":158454,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[174,190],"tags":[241,1227,2175,366,1800,687,255],"class_list":["post-158453","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-usa","category-wahlen","tag-bankenrettung","tag-demokraten","tag-interventionspolitik","tag-obama-barack","tag-trump-donald","tag-ungleichheit","tag-wahlanalyse"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/261104_Midterms.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158453","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=158453"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158453\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":158463,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158453\/revisions\/158463"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/158454"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=158453"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=158453"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=158453"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}