{"id":158585,"date":"2026-11-07T13:00:32","date_gmt":"2026-11-07T12:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158585"},"modified":"2026-11-06T18:39:22","modified_gmt":"2026-11-06T17:39:22","slug":"so-long-marianne-so-long-leonard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158585","title":{"rendered":"So long Marianne, so long Leonard"},"content":{"rendered":"<p>Zum 10. Todestag von Leonard Cohen &ndash; nebst einer s&uuml;&szlig;bitteren Reminiszenz an das Hydra der Siebziger. Von <strong>Wolf Reiser<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHydra, Pirate&rsquo;s-Bar, Ostern 2026. Mitten im Trubel st&uuml;rmen bleichh&auml;utige Tagestouristen in das Lokal und wenden sich an einen der Kellner. Es ist stets derselbe Text, egal in welcher Sprache: &bdquo;Wir suchen das Haus von Leonard Cohen, Spiti, you know. Das muss hier irgendwo sein. Da oben. Auch wegen Marianne. Nein, wir sind keine Stalker, wollen nur ein Foto f&uuml;rs Insta und, Hand aufs Herz, nur von au&szlig;en.&ldquo; Es erfolgt stets die gleiche knappe Geste, den Arm abgewinkelt erhoben und den Daumen nach hinten zeigend. Mehr gibt es nicht an Auskunft. <\/p><p>Andererseits muss man die Leute verstehen: Speziell in den angels&auml;chsischen Reisef&uuml;hrern wird Hydra bis heute als Cohens Insel angepriesen. Und so viele junge wie alte Philhellenen summen seltsam ger&uuml;hrt das &bdquo;So long, Marianne&ldquo;, sobald die Sprache auf die saronische Insel kommt. Und ja, es ist eine der sch&ouml;nsten und vertonten Liebeserkl&auml;rungen des letzten Jahrhunderts: &bdquo;Come over to the window, little darling, I would like to read your palm.&ldquo; Die 1970 erschienene &bdquo;Songs from a room&ldquo;-Platte geh&ouml;rte zur Standardausr&uuml;stung der 68er-Generation, mit Dylan, Sgt. Pepper, Hendrix, Pink Floyd, Summerhill, Theodorakis, Marcuse, Dutschke, Che, Castro und den Buchr&uuml;cken der kunterbunten Suhrkamp-Reihe. Cohens sonorer Bass-Bariton bildete den Soundtrack f&uuml;r das Leben von Abermillionen Menschen. Und selbst in Takis Piratenkaschemme h&auml;ngt an der meist defekten Kasse die vergilbte R&uuml;ckseite jenes Albums. Man sieht Marianne in einem kargen Zimmer auf einem Stuhl vor einem kleinen Tisch mit einer Schreibmaschine sitzend, herrlich sonnengebr&auml;unt, mit strohblonden Str&auml;hnen, nur in ein wei&szlig;es Laken geh&uuml;llt und so scheu wie gl&uuml;cklich in eine Kamera l&auml;chelnd.<\/p><p>Um das besagte Haus zu erreichen, muss man sich viele schiefe Treppen in die H&ouml;he bewegen &ndash; entlang der sogenannten &bdquo;Donkeyshit Lane&ldquo;, von der aus, je dem Body-Index geschuldet nach ein paar Minuten rechterhand die winzige Odos Leonardo Cohen-Sackgasse abgeht. Dort steht der Wallfahrer dann vor einer langen eierschalenwei&szlig;en Mauer mit einer mausgrau lackierten Pforte, hinter der sich ein f&uuml;r die Insel typisches, L-f&ouml;rmiges und zweist&ouml;ckiges Stadthaus mit kleinem Balkon befindet. Je nach Saison ist dieses weitgehend unscheinbare Anwesen von Bl&uuml;ten geziert oder es gibt Opfergaben in Form von Kieselsteinen, Fr&uuml;chten oder R&auml;ucherst&auml;bchen, die in den Koundini gesteckt werden, den auf Hydra &uuml;beraus symbolisch befrachteten Messingt&uuml;rklopfer. Sehr selten nur noch, hei&szlig;t es, k&auml;men Cohens Kinder Lorca und Adam hier vorbei. Der Wert des Hauses aktuell? So um die 30 Millionen Euro. Die Verhandlungen der Cohen-Foundation mit dem Inselsenat &uuml;ber ein Museum verliefen bislang eher z&auml;h, aber, nun ja, wer wei&szlig; &hellip;<\/p><p>Von hier oben blickt man &uuml;ber das Hufeisennest eines der sch&ouml;nsten Naturh&auml;fen aller Meere, den schwankenden Silberglanz des Golfs, hin&uuml;ber nach Ermioni, Porto Heli und die endlosen H&uuml;gelwelten des Peloponnes. Und wer ein wenig verhaftet ist in heiteren Zeiten unserer Lebensspanne, fragt sich wom&ouml;glich: Wie kam es zu dieser Ballade von Mary und Lenny, die sich ja fast zeitgleich ereignete mit der von John und Yoko in Londons Abbey Road?<\/p><p>Au&szlig;erhalb Griechenlands wurde Hydra zum ersten Mal durch Henry Millers Buch &bdquo;Der Koloss von Maroussi&ldquo; bekannt. Im Fr&uuml;hherbst des Jahres 1939 verbrachte dieser mit jenem Koloss namens Georgos Katsimbalis und dem britischen Romancier Lawrence Durrell zusammen ein paar Tage auf der Insel &ndash; als Gast des griechischen Malers Ghika. Nirgendwo war Miller gl&uuml;cklicher als auf &bdquo;diesem kargen St&uuml;ck Fels, welcher aus dem Meer ragt wie ein riesiger Laib versteinertes Brot&ldquo;. Glaubt man der Gilde der New-Ager, bewirkt vor allem das quarzhaltige Gestein in Hydras gem&auml;&szlig;igten H&ouml;chstlagen, wie eine Art magische Antenne mit dem restlichen Universum zu kommunizieren. Das muss Miller tief ins Herz getroffen haben. Er notierte auf dem Schiff von Athen Richtung USA: &bdquo;Hydra ist ein ganz besonderer Stein, der von einem Freund Gottes als Pause in die Partitur der Sch&ouml;pfung eingetragen wurde. Es ist eine jener g&ouml;ttlichen Pausen, die es dem Musiker auf Erden erlauben, eine Melodie in eine v&ouml;llig neue Richtung zu tragen. An diesem Punkt kann man seinen Kompass auf die M&uuml;llhalde werfen. Und als ich diesen Felsen ber&uuml;hrte, hatte ich jeden Sinn f&uuml;r die irdische Richtung verloren.&ldquo; Ein paar Jahre sp&auml;ter muss dieser spezielle Touch auch den kanadischen Barden ber&uuml;hrt haben.<\/p><p>Rein kontemplativ war und ist Hydra ein Wunderwerk, ein beseelendes Ensemble aus Kapit&auml;nsvillen, Windm&uuml;hlen, kubistischem Orient, Meer, Licht, Reflektionen und einer dem Kitsch anhaftenden Ahnung, eines bebenden Tages die Kulisse abzusch&uuml;tteln und einer neuen Inszenierung Platz zu machen.<\/p><p>Um 1950 herum wurde das 40-Zimmer-Chateau der Ghikas aus dem 18. Jahrhundert im Stil der spanischen Missionen zum Treffpunkt einer elit&auml;r-kosmopolitischen Clique aus Adel, Geld, Mode und Kunst. Es wurden Filme mit der Loren und der Mercouri gedreht, die Vogue produzierte Fashionstrecken, und hinter der Hand tuschelten die Insulaner &uuml;ber Seancen und orgiastische Symposien der inner- wie au&szlig;erirdischen Invasoren.<\/p><p>1958 trafen Marianne (23) und ihr vier Jahre &auml;lterer Mann Axel Jensen auf der Insel ein. Der Sohn wohlhabender Eltern galt im hohen Norden nach einem Debutroman als norwegischer Kerouac. Sie modelte und tr&auml;umte von einer Karriere als Schauspielerin. Im M&auml;rz 1960 wurde ihr Sohn Axel jr. geboren. Punktgenau hatte sich der Sch&uuml;rzenj&auml;ger in eine amerikanische Malerin verliebt. Um Ungemach zu vermeiden, bestieg das neue Paar Jensens Segelyacht und suchte &uuml;ber Pir&auml;us das Weite.<\/p><p>Leonard Cohen war 1959 von Montreal aus nach London gereist, um dank eines Uni-Stipendiums einen unausgereiften Romanentwurf zur Vollendung zu bringen. Es ist nicht so, dass der damals 24-j&auml;hrige Gypsie-Boy auf diese 1.000 Dollar angewiesen gewesen w&auml;re. Die Cohens geh&ouml;rten zur talmudischen Aristokratie Montreals und verzeichneten f&uuml;hrende Rabbiner, einflussreiche Politiker und grenzwertig agierende Businessleute im engeren Zirkel. So ist es nicht allzu verwunderlich, dass der herumirrende Jungautor auf einer Londoner Party auf Jacob Rothschild traf, der ihm riet, seine Mutter Barbara &ndash; gerade frisch von seinem Vater Victor geschieden &ndash; in diesem zauberhaften Hydra aufzusuchen und dort wegen einer Schreibklause anzufragen. Sie lebe dort seit Kurzem mit Nikos Ghika zusammen und alles Weitere erg&auml;be sich automatisch, denn diese Insel hielte alles bereit, was einem angehenden Bohemian zugutekommen wird.<\/p><p>Am 16. April 1960 kam Cohen mit dem Boot von Pir&auml;us auf Hydra an. Ein Esel trug ihn vom Hafenkai aus Richtung Kamini direkt vor die Tore des seltsamen Mandeley-Forts. Da die Gastgeber inzwischen nach Paris abgereist waren, reagierte die Haush&auml;lterin auf das energische Klopfen. Als sie seine Empfehlung der Rothschilds zur Kenntnis nahm, spuckte sie vor dem fremden Gast aus: &bdquo;Wir brauchen nicht noch mehr Juden auf unserer sch&ouml;nen Insel.&ldquo; In einem sp&auml;teren Interview bekannte Cohen, dass er in diesem Moment beschlossen hatte, das Anwesen zu verfluchen. Ein Jahr danach sollte es tats&auml;chlich bis auf die Grundfeste abfackeln. Die Ghikas kehrten nie wieder auf die Insel zur&uuml;ck, und bis heute erh&auml;lt man auf Hydra zu diesem Thema wenn &uuml;berhaupt nur sehr ausweichende Angaben.<\/p><p>Cohen fand eine erste Bleibe bei dem australischen Schriftstellerpaar Charmian Clift und George Johnston. Bei ihnen erfuhr er eine Art Hydra-Initiation: Morgenbad im Meer, sieben Stunden hochdiszipliniertes Klappern an der Schreibmaschine, Abendbad im Meer, danach Bars, Kneipen, Privatparties, Kater und Morgenbad. Dieser Zirkusauftrieb wurde ornamentiert durch die lokalen Gr&ouml;&szlig;en: Fischer, Witwen, Kr&auml;mer, Popen, Dorfdeppen, Kapit&auml;ne, Eselstreiber, Boutiquenbesitzerinnen, Goldschmiede, Tavernenwirte und versch&ouml;nert von der uferlosen hellenischen Gastfreundschaft, gegenseitiger Neugier, Spottpreisen und der &auml;g&auml;ischen Illusion grenzenloser Freiheit. <\/p><p>Eines Morgens stand ein blondes M&auml;dchen oder, wie er meinte, die &bdquo;sch&ouml;nste Frau der Welt&ldquo; in dem kleinen Markt am Hafen und packte etwas geistesabwesend Wasserflaschen und Milch in den Korb. Cohen lud sie spontan ein, sich in die Runde seiner Kumpels in die Bar nebenan zu setzen. Das war in dem Sinne nicht n&ouml;tig, denn nat&uuml;rlich kannte man sich. Jeder kennt auf Hydra jeden und oft besser als sich selbst. <\/p><p>Dem Anfang ihrer weltber&uuml;hmten Liebe wohnte nur bedingt ein Zauber bei. Axel Sr. hatte auf seiner erotischen Flucht bereits in Athen einen schweren Autounfall und Marianne f&uuml;hlte sich verpflichtet, ihm dort im Hospital beizustehen. Cohen k&uuml;mmerte sich derweil hingebungsvoll um den vier Monate alten Sohn. Ein wenig sp&auml;ter musste sie aus steuerlichen Gr&uuml;nden abrupt nach Oslo, und als der mysteri&ouml;se Charmeur tats&auml;chlich sein Versprechen hielt, die Kleinfamilie von Athen aus mit dem Auto vor dem heimatlichen Iglu abzuliefern, hatte er ihr Herz gewonnen. <\/p><p>Apropos Herz: Die meisten Menschen erinnern sich bei Leonard Cohen am ehesten an die zwei Lieder &uuml;ber Suzanne und Marianne. Umnebelt von der Beatles-Heiterkeit, dem Wutget&ouml;se der Stones, dem psychedelischen Westcoast-Rock und dem kryptischen Poetenschn&ouml;sel Dylan, h&ouml;rte man immer wieder aus einem tiefen mykenischen Brunnen diese Grabesstimme zum Klimpern einfacher Akkorde. Auf magische Art begleiten uns seine Lieder und Gedichte &uuml;ber alle Kontinente hinweg, selbst wenn wir nicht akut von Liebesverlust und Depression heimgesucht sind. Cohen brachte die Poesie in den Pop, die Liebe in den Hass, den Hass in die Liebe, die Fragen in die Antworten, und die meisten seiner fein und w&uuml;rdevoll geschliffenen Sendungen sind voller R&auml;tsel, Mahnung und Hingabe. Man kam und kommt an Leonard Cohen nicht vorbei, und die zeitlos-hypnotische Wirkung hielt an bis zu seinem letzten Konzert im Dezember 2013, mit der finalen Zugabe &bdquo;Save the last dance for me&ldquo;. <\/p><p>Leonard Cohen, wird vor allem wegen der beiden Minne-Hymnen als der ewig Liebende gedeutet, als Prototyp der Hippie&auml;ra, als Mann des Friedens, der erotischen Freuden, der Verehrung der Frau, der materiellen Gleichg&uuml;ltigkeit und der spirituellen Hinwendung. Viele Jahre sp&auml;ter erst erfuhr man, dass der zu diesem Zeitpunkt auf Hydra vermutete Minnes&auml;nger bei der Invasion der US-Armee in der kubanischen Schweinebucht am 17. und 18. April 1961 gleich zwei Mal innerhalb k&uuml;rzester Zeit als kanadisch-amerikanischer Agent verhaftet wurde und sich in letzter Sekunde in einen Flieger nach Miami retten konnte. Er erkl&auml;rte sp&auml;ter: &bdquo;Ich bin in meinem Leben tats&auml;chlich in einige Revolutionen hineingestolpert. Da scheint eine unsichtbare Hand die Regie zu f&uuml;hren. Auch versp&uuml;re ich eine gewisse Faszination f&uuml;r Gewalt und f&uuml;r ein Spannungsfeld, in dem man t&ouml;tet oder get&ouml;tet wird.&ldquo; <\/p><p>Zur&uuml;ck in den Mai 1961: Wenn man den Legenden vertraut, traf er mit der Erbschaft einer Gro&szlig;mutter in H&ouml;he von 1.500 USD auf Hydra ein und erwarb sich das eingangs erw&auml;hnte H&auml;uschen mit l&ouml;chrigem Dach und defekten Fenstern. Trinkwasser musste man vom Dorfbrunnen holen und zum Kochen ben&ouml;tigte man Olivenholz. Am Ende seines Lebens meinte Cohen: &bdquo;Griechenland ist ein guter Ort, um den Mond anzusehen. Du kannst im Mondlicht ein Gesicht so sehen, wie es war, als du jung warst. Und dann gab es ja Licht dank der Kerzen und &Ouml;llampen und diesen Fl&auml;mmchen, die auf Korken im Oliven&ouml;l trieben. Ich habe nichts aus meinem alten Leben vergessen.&ldquo;<\/p><p>Flehentliche Telegramme gingen in jenem Sommer nach Norwegen, und wenig sp&auml;ter traf Marianne mit ihrem Sohn ein. Es begannen f&uuml;nf goldene Jahre f&uuml;r das Trio, die sie im R&uuml;ckblick so beschreibt: &bdquo;Wir waren in der Sonne, wir spielten, tranken, diskutierten. Es wurde geschrieben, geliebt und ich habe f&uuml;nf Jahre lang keine Schuhe getragen.&ldquo;<\/p><p>Cohen hatte bei seinen fr&uuml;heren Gastgebern, die es zusammen in ihrer Hydrazeit auf 14 Romane gebracht hatten, Ma&szlig; genommen und unterwarf sich einer fast m&ouml;nchischen Disziplin. Nicht ganz im Sinne eines idealemanzipatorischen Ablaufs &uuml;bernahm Marianne die Eink&auml;ufe, das Kochen f&uuml;r die h&auml;ufigen Gelage auf der Terrasse und k&uuml;mmerte sich zusammen mit Kiria Sophia um den Abwasch und das Beschaffen von Brennholz. Daneben redete sie ihm die st&auml;ndig wiederkehrenden depressiven Anwandlungen aus und kaufte ihm zur nervlichen Sedierung eine Gitarre. Gelegentlich lieferte Nochgatte Axel cholerische Eifersuchtsszenen in der Eingangst&uuml;r. Zudem war Cohen wenig davon begeistert, dass Marianne in ihren Tr&auml;umen stets dessen Name ausfl&uuml;sterte. Im Jahre 1962 wurde die Ehe geschieden und es kehrte Ruhe ein. Es war sogar so ruhig, dass die beiden eines Morgens aus dem Fenster ihres Schlafzimmers blickten und neu gespannte Leitungen bemerkten &ndash; ob Strom oder Telefon, da streiten sich die Coheneologen bis heute. Der empfindsame Poet sp&uuml;rte das Nahen der technologischen Apokalypse und komponierte viele Jahre sp&auml;ter dank der Notizen und Noten das legend&auml;re &bdquo;Bird on the wire&ldquo; mit dem nachhaltigen Psalm: &bdquo;I have tried in my way to be free.&ldquo;<\/p><p>Hatte sich die Sonne hinter den gezackten Gebirgslinien des Peloponnes verzogen, schw&auml;rmten die bunten V&ouml;gel der K&uuml;nstlerkolonie aus ihren H&auml;usern, trafen sich bei &bdquo;Katsikas&ldquo; direkt am Kirchturm, in Bill&rsquo;s Bar oder versammelten sich rund um den dicken Baumstamm vor der rustikalen &bdquo;Douskas&ldquo;-Taverne. Man kennt die Szenerie aus unz&auml;hligen Schwarzwei&szlig;-Fotos, die seit einem halben Jahrhundert durch alle Gazetten der Welt schwirren. Mitte 1961 tauchte urpl&ouml;tzlich ein Team des <em>LIFE-Magazins<\/em> auf der Insel auf, um ein ausf&uuml;hrliches Portrait dieser au&szlig;ergew&ouml;hnlichen angels&auml;chsischen Truppe zu machen. Fotograf James Burke schuf in wenigen Tagen &uuml;ber 1.500 Fotos, die bis heute den visuellen Grundstock jener Dekade darstellen. Oft sieht man dabei Marianne, Cohen und den kleinen Axel in gl&uuml;ckseliger Urlaubs- und Partystimmung und einer Szenerie unbeschwerter Fr&ouml;hlichkeit, ganz im Hemingway&lsquo;schen Sinne von &bdquo;Hydra &ndash; ein Fest f&uuml;rs Leben&ldquo;.<\/p><p>Kurz danach drehten sich auf der kleinen Insel endg&uuml;ltig die Winde. Man sah die konfuse Tochter von Aldous Huxley, nadelgestreifte Pariser Kunstsammler, tuntige Galeristen aus London, durchgeknallten Hochadel, die Entourage von Pink Floyd, Jagger und Faithful. Der herrlich dubiose Grieche Alexis Mardas erschien mit s&auml;mtlichen Beatles nebst Yoko, der nicht minder dubiose Zirkel von George Lialios lie&szlig; mond&auml;ne Parties steigen, und der Einsatz von kalifornischem LSD verwandelte Hydra zwischen 1962 und 1970 zu einer 24\/7-Magical Mystery Tour. Niemand wusste mehr, ob er es mit echten K&uuml;nstlern, edlen Wilden, stinkreichen Erben, New-Age-Gurus, Edelprostituierten, Rockstars, Junkies, Geheimdienstlern, Immobilien-Tycoons, Reeder-Milliard&auml;ren, desertierten Fremdenlegion&auml;ren oder parf&uuml;miertem Strandgut zu tun hatte. Hydra, als H.Y.D.R.A wurde so gelesen: &bdquo;Hope You Don&rsquo;t Remember Anything&ldquo;.<\/p><p>Inmitten dieses Tollhauses schaffte es Cohen immerhin, zwei Romane und drei Gedichtb&auml;nde zu verfassen. Letzterer, betitelt &bdquo;Flowers for Hitler&ldquo;, war Marianne gewidmet. Keines der B&uuml;cher geriet auflagenm&auml;&szlig;ig in die N&auml;he eines Erfolgs. Er registrierte sp&auml;testens Ostern 1966 , wie das schleichende Jet-Set-Gift die eigene Clique bedrohte, den Spirit aus Kreativit&auml;t und Sinnlichkeit zerst&ouml;rte und w&uuml;ste Aff&auml;ren, sadistische Tendenzen, billiger Gossip, &Uuml;berdosen und Suizide &uuml;berhand nahmen. Es grenzt an ein Wunder, dass sich der zeitlebens fragile und verletzliche Cohen aus dem Zentrum der St&uuml;rme heraushalten konnte. Was ihn damals und auch sp&auml;ter rettete, war ebenjene, auf Hydra erlernte Schreibdisziplin: &bdquo;Religion, Weisheitslehren, Frauen, Drogen, Tourneen rund um die Welt, Geld, Ruhm &ndash; nichts davon erf&uuml;llt, befreit oder erl&ouml;st mich. Das einzige von Wert ist es, wei&szlig;e Bl&auml;tter zu beschriften.&ldquo; <\/p><p>Im fr&uuml;hen Sommer 1967 befand sich Cohen in einem v&ouml;llig neuen Leben. Er verschwindet im Universum des Chelsea Hotels zusammen mit Bob Dylan, Janis Joplin, Patty Smith und Charles Bukowski und ertrinkt in einem Nebel aus Models, Magiern und Dealern. Er erscheint als pastoral-cooler Stammgast in Andy Warhols Factory mit den Velvet Underground und schmachtet deren deutsche Ikone Niko P&auml;ffgen an. In den Bleecker Street Studios von Columbia Records trifft er sich mit Paul Simon, Joni Mitchell, Phil Spector, Barbara Streisand und dem jungen Bruce Springsteen. Kokain und Heroin verwandeln die Love&amp;Peace-Generation zu kalten Kriegern. Der damals bereits 34-j&auml;hrige Cohen darf in rascher Folge drei Alben auf den Markt werfen und die Reihenfolge ist durchaus bemerkenswert: &bdquo;Songs of Leonard Cohen&ldquo;, &bdquo;Songs from a Room&ldquo; &bdquo;Songs of Love and Hate&ldquo;. In &bdquo;So long Marianne&ldquo; beschreibt er in bemerkenswerter Ehrlichkeit und z&auml;rtlicher Zuneigung die Notwenigkeit, dem insularen Hydra-Wahn entkommen zu m&uuml;ssen und seiner Bestimmung zu folgen: &bdquo;For now I need your hidden love, I am cold as a new razor blade, You left when I told you I was curious and I never said that I was brave.&ldquo; Manche Kritiker dieser Trilogie merkten an, dass man bei der Auslieferung von Cohens Alben ein paar Rasierklingen zuf&uuml;gen m&uuml;sste.<\/p><p>Ein paar Monate verbrachte Marianne in New Yorks Clinton Street in der N&auml;he ihrer gro&szlig;en Liebe, pleite und vernachl&auml;ssigt. Die beiden versuchten es noch in Montreal, doch sie waren sich fremd geworden. 1972 wurde Cohen, zeitlebens nie verheiratet, mit einer anderen Frau zum ersten Mal Vater. Im selben Jahr kehrte Marianne nach Norwegen zur&uuml;ck und heiratete wenig sp&auml;ter einen anderen Mann. Kurz vor seinem Tod erinnerte sich Cohen: &bdquo;Marianne und das Kind. Diese unfassbaren Tage der Freundlichkeit. All das lebt in meiner Erinnerung und kommt in Form von Tr&auml;nen zum Vorschein. Ich bete, dass uns eine liebende Erinnerung f&uuml;r immer verbindet. Das n&auml;mlich sind meine kostbarsten Sch&auml;tze, die ich damals eintauschte f&uuml;r ein Weiterlernen in der Welt.&ldquo; <\/p><p>Leonard Cohen sah man im Winter 1980 wieder f&uuml;r l&auml;ngere Zeit auf der Insel. Ein gemeinsamer Freund zeigte sich entsetzt. Der einstige Flower-Power-Prophet war d&uuml;sterer Stimmung, abgemagert, stets in schwarz gekleidet, mit Sonnenbrille und in der Gesellschaft von Kriminellen und &uuml;blen Trinkern. Die Gespr&auml;che standen unter dem Motto: &bdquo;Lennon out, Reagan in&ldquo;, und Cohen schw&auml;rmte in h&ouml;chsten T&ouml;nen vom eben neu gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten, der Macht der &Ouml;konomie und des Milit&auml;rs, einem messianischen Zeitalter und dem Krieg der Sterne. Ganz Hydra war froh, als er im Januar endlich die F&auml;hre bestieg.<\/p><p>Weitaus heiterer zeigte er sich im Juni &lsquo;88, als er anl&auml;sslich seines Konzerts auf dem Athener Lycabettus mit einem Kamerateam vorbeischaute und betont bescheiden eine Art Homestory &uuml;ber sich ergehen lie&szlig;. Im Herbst 1999 kam er noch einmal ohne jedwedes Aufsehen, um sich die Bananenstauden seines Gartens zu betrachten.<\/p><p>Als Marianne Ihlen am 28. Juli 2016 erl&ouml;st wurde, schrieb ihr Cohen einen Brief ins Jenseits: &bdquo;Du kannst einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst mich erreichen. Aber jetzt w&uuml;nsche ich dir eine gute Reise. Good Bye, meine liebe Freundin. In unendlicher Liebe, ich sehe dich ganz bald.&ldquo; 100 Tage sp&auml;ter sollte er zu seinem Wort stehen.<\/p><p><small>Titelbild: James Burke \/ The Life Picture Collection \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 10. 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