{"id":158610,"date":"2026-11-07T10:00:26","date_gmt":"2026-11-07T09:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158610"},"modified":"2026-11-06T15:00:25","modified_gmt":"2026-11-06T14:00:25","slug":"gazas-verlorene-generation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=158610","title":{"rendered":"Gazas verlorene Generation"},"content":{"rendered":"<p>UN-Experten werfen Israel vor, die Bildungsinfrastruktur in Gaza gezielt zerst&ouml;rt zu haben. F&uuml;r 700.000 Kinder sind Klassenr&auml;ume in Zelten jetzt das, was einer Schule am n&auml;chsten kommt. Doch sie k&ouml;nnen die Bildung, den Schulalltag und das Gemeinschaftsgef&uuml;hl, das sie einst hatten, nicht wiederherstellen. Von <strong>Ruwaida Amer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDrei Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal in meinem Klassenzimmer stand, um meine Sch&uuml;ler zu unterrichten. Drei Jahre, ohne in der Morgend&auml;mmerung aufzuwachen, um mich auf den Tag vorzubereiten, mich zu fragen, was ich anziehen sollte, damit ich f&uuml;r sie am besten aussehe. Drei Jahre ohne die gewohnte Fahrt nach Norden von meinem Zuhause in <a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/gaza-khan-younis-home-rubble\/\">Al-Fukhari<\/a> nach Gaza-Stadt, auf der ich aus dem Taxifenster die Schulkinder betrachtete, die auf dem Weg zum Unterricht waren.<\/p><p>Es ist drei Jahre her, seit ich die Scharen von Kindern gesehen habe, die sich vor der Schule versammelten und mit ihren Freunden redeten und lachten &ndash; auf eine Art, die mein Herz mit Freude erf&uuml;llte. Die Kriegsjahre haben mir dieses Morgenritual genommen: die Kinder, die mich am Schultor begr&uuml;&szlig;ten, und ihre Umarmungen, die mir so viel Energie gaben. Und ihre Stimmen, die mich willkommen hie&szlig;en, wenn ich das Klassenzimmer betrat, bevor wir &uuml;ber ihre Hausaufgaben und unseren Unterricht f&uuml;r diesen Tag sprechen w&uuml;rden.<\/p><p>Ich begann 2019 an der Rosary Sisters School[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] zu arbeiten, einer privaten katholischen Schule im Stadtteil Tel El-Hawa, nach vielen Versuchen, eine feste Stelle als Lehrerin zu finden. Ich hatte das Gef&uuml;hl, dass ein Traum wahr geworden war, diesen Beruf endlich jeden Tag aus&uuml;ben zu k&ouml;nnen. Das Unterrichten hat mich niemals gelangweilt und ich habe keinen einzigen Arbeitstag vers&auml;umt; mit meinen Sch&uuml;lern zusammen zu sein, gab mir so viel Kraft und R&uuml;ckhalt.<\/p><p>Seit drei Jahren habe ich Jawaher, die Hauswartin der Schule, nicht mehr gesehen. Ich vermisse ihre Stimme, die mich morgens begr&uuml;&szlig;te, mich fragte, ob ich etwas brauchte, und uns die T&uuml;r zum Labor aufschloss. Wir sa&szlig;en oft zusammen und sprachen &uuml;ber unsere beiden Leben: Sie erz&auml;hlte mir von ihren Schwierigkeiten und den K&auml;mpfen, die sie bei der Erziehung ihrer Kinder durchstehen musste, und wie sie davon tr&auml;umte, die Hochzeit ihres Sohnes Walid zu erleben.<\/p><p>Seit drei Jahren habe ich die Stimme meiner Kollegin Wasima, der Schulsekret&auml;rin, nicht mehr geh&ouml;rt; sie hallte durch die Flure, wenn sie uns zus&auml;tzliche Unterrichtsstunden zuwies. Ich bewahrte die Zettel auf, mit denen sie unsere Mehrarbeit festhielt, nur um sie ihr am Ende des Jahres zeigen zu k&ouml;nnen und zu beweisen, was f&uuml;r eine gewissenhafte Lehrerin ich war, die immer einsprang, wenn meine Kollegen nicht da waren.<\/p><p>Drei Jahre lang hatte ich mich verzweifelt an die Hoffnung geklammert, dass wir den Krieg &uuml;berleben und zur Schule zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden. Doch leider hat Israel sie zerst&ouml;rt. Wie so vieles andere wurde das, was von ihr &uuml;brig blieb, zu einer Notunterkunft f&uuml;r Vertriebene, w&auml;hrend ihre B&uuml;cher zu Brennstoff zum Heizen und Kochen wurden.<\/p><p>Diese letzten drei Jahre haben etwas in mir zerbrochen und ich bin nicht mehr der Mensch, der ich einmal war. Ich habe ein ganzes Bildungs&ouml;kosystem verloren: die Schule, meine Kollegen, die Sch&uuml;ler, um die sich mein ganzes Leben gedreht hat. Viele sind nach &Auml;gypten gegangen, w&auml;hrend einige wenige in Gaza blieben, auf der Suche nach jeder sich bietenden Gelegenheit, sich weiterzubilden, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.<\/p><p>Und mehrere wurden von Israel get&ouml;tet &ndash; Habiba, Salma, Abdullah und Issa, jeder mit seiner eigenen Geschichte und Zukunft &ndash; ebenso wie meine Kolleginnen Wasima und Wahiba. Das ist ein Verlust, der niemals wiedergutgemacht werden kann.<\/p><p><strong>Ein Bildungssystem in Tr&uuml;mmern<\/strong><\/p><p>Heute liegt der Bildungssektor im Gazastreifen nach wie vor in Tr&uuml;mmern. <a href=\"https:\/\/pchrgaza.org\/educational-genocide-gaza-children-face-third-year-without-school\/\">Nach Angaben<\/a> des Presseb&uuml;ros der Regierung wurden im Lauf des Krieges etwa 95 Prozent der Schulen im Gazastreifen besch&auml;digt und &uuml;ber 90 Prozent der Bildungsgeb&auml;ude ben&ouml;tigen einen Wiederaufbau oder eine umfassende Sanierung. Den Informationen zufolge wurden 662 Schulgeb&auml;ude direkt beschossen, dabei wurden 163 Schulen und Hochschulen vollst&auml;ndig zerst&ouml;rt.<\/p><p>Zugleich wurden in Gaza laut dem pal&auml;stinensischen <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/photo?fbid=1401618365476465&amp;set=pcb.1401618522143116\">Bildungsministerium<\/a> seit Oktober 2023 mehr als 20.500 Sch&uuml;ler und Studenten sowie 805 Schulmitarbeiter und 246 Hochschullehrer und -mitarbeiter get&ouml;tet. Dies ist ein verheerender Verlust, der das soziale Gef&uuml;ge bedroht und einen langen Schatten auf die Zukunft des intellektuellen und kulturellen Wiederaufbaus in Gaza wirft.<\/p><p>Zu Beginn des Schuljahres am 19. September warteten <a href=\"https:\/\/news.un.org\/ar\/story\/2026\/09\/1145361\">sch&auml;tzungsweise<\/a> 700.000 Sch&uuml;ler in Gaza darauf, provisorische Klassenzimmer in Zelten und anderen vor&uuml;bergehenden Bildungsr&auml;umen zu besuchen &ndash; zusammengepfercht in den 30 Prozent des Gazastreifens, die Israel noch nicht eingenommen hat. Die UNO und ihre Partner haben &uuml;ber 500 solcher R&auml;ume eingerichtet, um Sch&uuml;ler auf Rotationsbasis f&uuml;r den Pr&auml;senzunterricht unterzubringen. So werden bis zu 100.000 Sch&uuml;ler versorgt.<\/p><p>Inzwischen gibt es im gesamten Gazastreifen auch private Bildungsst&auml;tten in Zelten. W&auml;hrend einige davon kostenfrei sind &ndash; wie die von ehemaligen Lehrkr&auml;ften geleiteten, mit UNICEF verbundenen Initiativen &ndash;, erheben andere eine geringe Geb&uuml;hr von h&ouml;chstens zehn Schekel (drei US-Dollar) pro Monat.<\/p><p>Aber die Zeltklassenr&auml;ume reichen bei Weitem nicht aus, um die gesamte Bev&ouml;lkerung im Schulalter in Gaza unterzubringen. Unz&auml;hlige Kinder bleiben weiterhin von der Schule ausgeschlossen, da keine Einrichtungen vorhanden sind, um sie aufzunehmen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich fehlen in diesen Zeltklassenr&auml;umen auch die grundlegendsten Einrichtungen: Sch&uuml;ler sitzen ohne Tische oder Tafeln auf dem Boden, ertragen schlechte Wetterbedingungen, die die Zelte im Sommer zu Back&ouml;fen und im Winter zu Gefriertruhen machen. Der Versuch, sich in diesen R&auml;umen zu konzentrieren und zu lernen, wird zu einem fast unm&ouml;glichen Unterfangen.<\/p><p>Ahlam Karira, 40, arbeitet als Arabischlehrerin in einem der provisorischen Zeltklassenr&auml;ume im Lager Khan Younis im westlichen Teil der Stadt. &bdquo;Ich versuche t&auml;glich, Inhalte zu erkl&auml;ren und den Kindern dabei zu helfen, zu lernen, aber die Umgebung im Zelt wirkt sich auf alles &auml;u&szlig;erst negativ aus: Es ist dr&uuml;ckend hei&szlig;, es gibt keine Toiletten und keine Sitzgelegenheiten&ldquo;, berichtet sie dem <em>+972 Magazine<\/em>.<\/p><p>&bdquo;Wenn die Kinder durstig sind, ist es ein Kampf, Trinkwasser zu finden. Hier k&ouml;nnen sich die Kinder nicht von ihrer schmerzhaften Realit&auml;t l&ouml;sen. Sie leben genau diese Realit&auml;t im Zelt und ihre Gedanken schweifen w&auml;hrend des Unterrichts ab.&ldquo;<\/p><p>Die zw&ouml;lfj&auml;hrige Rawan al-Sir geh&ouml;rt zu den Sch&uuml;lern, die eine monatliche Geb&uuml;hr von zehn Schekel zahlen, um am Unterricht in den Zelten des Lagers Khan Younis teilzunehmen. &bdquo;Ich gehe drei Tage pro Woche in das Unterrichtszelt. Wir k&ouml;nnen nicht jeden Tag gehen, weil der Raum klein ist und es so viele Sch&uuml;ler gibt&ldquo;, erkl&auml;rte sie. &bdquo;Im Zelt lernen wir Kernf&auml;cher wie Arabisch, Englisch, Naturwissenschaften und Mathematik, aber andere F&auml;cher sind nicht im Angebot.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Das Zelt f&uuml;hlt sich an wie ein Backofen&ldquo;, f&uuml;gte sie hinzu. &bdquo;Wir sitzen auf dem Boden, weil es nicht genug St&uuml;hle f&uuml;r alle gibt, und die gro&szlig;e Zahl an Sch&uuml;lern macht den Raum &uuml;berf&uuml;llt und laut. Wir m&uuml;ssen auch unser eigenes Wasser mitbringen, da es im Zelt keine Versorgung gibt.&ldquo;<\/p><p>Ich selbst habe im Fr&uuml;hjahr 2025 zwei Monate lang in diesen Zelten unterrichtet, begierig darauf, zu meinen Sch&uuml;lern zur&uuml;ckzukehren. Als jemand, der es gewohnt ist, Kinder in richtig ausgestatteten Klassenzimmern zu sehen, war es ein gro&szlig;er Schock f&uuml;r mich, sie auf dem Boden in einem Zelt vorzufinden, in dem die Temperaturen bei um die 40 Grad lagen.<\/p><p>W&auml;hrend des Unterrichts schwitzte ich sehr stark. Die Kinder sahen mich ersch&ouml;pft und m&uuml;de an und baten um Erlaubnis, kurz hinausgehen zu d&uuml;rfen, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen und sich abzuk&uuml;hlen. Ich selbst brauchte diese Erleichterung ebenfalls, da die intensive Hitze mir das Gef&uuml;hl gab, nach und nach die F&auml;higkeit zum Atmen zu verlieren &ndash; und doch machte ich weiter.<\/p><p>Schlie&szlig;lich beschloss ich, den Unterricht in den Zelten zu beenden. Ich war zu der &Uuml;berzeugung gelangt, dass diese Umgebung f&uuml;r die Kinder psychisch, physisch und geistig aufreibend war und ihnen keinen Schutz vor der schmerzhaften Realit&auml;t bot, die sie durchlebten. Letztendlich hatte ich das Gef&uuml;hl, dass der Schaden den ohnehin begrenzten Nutzen, den das Lernen bieten konnte, &uuml;berwog.<\/p><p>F&uuml;r Karira sind die Zelte derzeit die einzige M&ouml;glichkeit, die Lehrkr&auml;fte in Gaza haben, um zu versuchen, das zu retten, was vom Bildungssystem &uuml;brig geblieben ist. &bdquo;Aber sie sind keine grunds&auml;tzliche L&ouml;sung f&uuml;r das Problem&ldquo;, bekr&auml;ftigte sie. &bdquo;Die Kinder m&uuml;ssen in echte Schulen und in ihre richtigen Klassenzimmer zur&uuml;ckkehren.&ldquo;<\/p><p>Al-Sir, die zu Beginn des Krieges in der f&uuml;nften Klasse war, vermisst ihre Schule jeden Tag. &bdquo;Ich hatte gehofft, der Krieg w&uuml;rde schnell enden und wir k&ouml;nnten in unseren H&auml;usern bleiben, anstatt aus Gaza-Stadt in den S&uuml;den vertrieben zu werden&ldquo;, erinnert sie sich. &bdquo;Ich empfinde ein tiefes Gef&uuml;hl des Verlusts und der Traurigkeit angesichts unseres Lebens &ndash; ich w&uuml;nschte, es k&ouml;nnte wieder so werden wie fr&uuml;her. Nichts kann die Schule ersetzen.&ldquo;<\/p><p><strong>Drei verlorene Jahre<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der Zeit, in der ich die Sch&uuml;ler in den Zelten unterrichtete, stellte ich einen deutlichen R&uuml;ckgang ihrer Konzentrationsf&auml;higkeit und ihres Verst&auml;ndnisses fest &ndash; eine Folge nicht nur der Bedingungen im Zelt, sondern auch der aufeinanderfolgenden Traumata, die sie erlitten hatten, und der vielen Verantwortlichkeiten, die sie schultern mussten.<\/p><p>Bei einer Gelegenheit, als ich einer sechsten Klasse Naturwissenschaften unterrichtete, bat mich ein Sch&uuml;ler immer wieder, den Stoff noch einmal zu erkl&auml;ren, da er M&uuml;he hatte, ihn zu erfassen. &bdquo;Es tut mir leid, Lehrerin, ich habe das Gef&uuml;hl, dass ich zu einem Esel geworden bin &ndash; ich trage in unserem Zelt riesige Verantwortung&ldquo;, sagte er zu mir. Er bezog sich auf die Tatsache, dass er nach dem Verlust seiner Mutter f&uuml;r seine Geschwister sorgen musste und kaum genug Konzentration aufbringen konnte, um weiterzulernen.<\/p><p>Ich war auch schockiert, zu sehen, wie die langen Monate ohne Schulunterricht die F&auml;higkeiten dieser Kinder beeintr&auml;chtigt hatten. Es gab 15-J&auml;hrige, die weder Arabisch lesen noch schreiben noch Grundrechenaufgaben l&ouml;sen konnten. Viele wussten nicht einmal, wie man einen Stift h&auml;lt.<\/p><p>Mir wurde klar, dass diese sich vergr&ouml;&szlig;ernde Wissensl&uuml;cke eine ganze Generation betreffen w&uuml;rde &ndash; ein Teil dessen, was viele als &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/en\/press-releases\/2024\/04\/un-experts-deeply-concerned-over-scholasticide-gaza\">Scholasticide<\/a>&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] bezeichnet haben, Israels gezielte Strategie zur Zerst&ouml;rung der Bildungsinfrastruktur in Gaza.<\/p><p>Heute best&auml;tigen Lehrer und Sch&uuml;ler in Gaza, dass dieses Problem fortbesteht. Viele von Kariras Sch&uuml;lern der Mittelstufe wissen immer noch nicht, wie man liest oder schreibt. &bdquo;Meine Aufgabe hat sich vom Unterrichten eines Standardlehrplans hin zu grundlegenden Lese- und Schreibf&auml;higkeiten verlagert, um so die notwendigen Grundlagen f&uuml;r das Sprachenlernen zu schaffen&ldquo;, erl&auml;uterte sie. &bdquo;Ich halte das f&uuml;r eine Katastrophe. Wenn sie nicht gel&ouml;st und &uuml;berwunden wird, laufen wir Gefahr, k&uuml;nftige Generationen durch Bildungsversagen zu verlieren.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Ich f&uuml;hle mich immer noch wie ein zw&ouml;lfj&auml;hriges Kind&ldquo;, sagte der 15-j&auml;hrige Ibrahim Ashour gegen&uuml;ber <em>+972<\/em>, w&auml;hrend er sich mit dem Trauma auseinandersetzte, drei Jahre Schulbildung verloren zu haben. &bdquo;Es gibt einfach keinen Vergleich zwischen der Bildung vor dem Krieg und jetzt. Ich war auf einer sch&ouml;nen, qualitativ hochwertigen Privatschule, aber jetzt gehe ich in Unterrichtszelte, in denen ich wegen der harten Bedingungen, die wir ertragen m&uuml;ssen, keine Informationen erfassen kann.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;St&auml;ndig gibt es L&auml;rm, Angst vor Bombardements, &Uuml;berbelegung in kleinen Zelten und einen Mangel an strukturiertem Unterricht&ldquo;, f&uuml;gte er hinzu. &bdquo;Ich habe in diesen drei Schuljahren nichts verstanden &ndash; mir sind so viele Inhalte entgangen.&ldquo;<\/p><p>Rima Shuqair, eine 37-j&auml;hrige Mathematiklehrerin aus Gaza-Stadt, unterrichtet seit &uuml;ber einem Jahrzehnt sowohl an &ouml;ffentlichen als auch an privaten Schulen. Was sie als &bdquo;erheblichen R&uuml;ckgang der schulischen Leistungen der Sch&uuml;ler&ldquo; beschreibt, k&ouml;nnte die gr&ouml;&szlig;te Herausforderung ihrer beruflichen Laufbahn sein.<\/p><p>&bdquo;Durch die dreij&auml;hrige Unterbrechung des Schulbetriebs ist eine massive L&uuml;cke entstanden&ldquo;, beklagte sie. &bdquo;Ein Kind, das zu Beginn des Krieges in der zweiten Klasse war, ist jetzt in der f&uuml;nften oder sechsten Klasse.&ldquo;<\/p><p>An der Privatschule in Gaza-Stadt, an der sie arbeitet, versucht Shuqair, ihren Sch&uuml;lern dabei zu helfen, den R&uuml;ckstand durch die Wiederholung der Grundlagen der Arithmetik aufzuholen. Doch sie sch&auml;tzt, dass allein das Schlie&szlig;en dieser L&uuml;cke &bdquo;ein ganzes Schuljahr in Anspruch nehmen w&uuml;rde&ldquo;.<\/p><p>Was diese Aufgabe noch anspruchsvoller macht, ist das tiefe Trauma und der st&auml;ndige Terror, den viele Sch&uuml;ler empfinden, nachdem sie einen V&ouml;lkermord durchlebt haben &ndash; wo die psychologische Betreuung nicht weniger wichtig ist als die Bildung selbst.<\/p><p>&bdquo;Die Kinder leiden unter einem au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Konzentrationsmangel. Oft muss ich Inhalte mehr als dreimal erkl&auml;ren, und doch verstehen viele sie immer noch nicht&ldquo;, stellte Shuqair fest. Ihnen fehlt auch die Geduld f&uuml;r lange Lernzeiten &ndash; sie wollen schnell fertig sein und zeigen Hyperaktivit&auml;t, extreme Reizbarkeit und gewaltt&auml;tige Verhaltensweisen, die ich nicht gewohnt bin.&ldquo;<\/p><p>Dies sind Muster, die auch Psychologen in Gaza beobachtet haben. Falasteen Yassin, eine Psychologin aus dem Fl&uuml;chtlingslager Nuseirat, sagte gegen&uuml;ber <em>+972<\/em>, dass viele Kinder im schulpflichtigen Alter Anzeichen von Angst und Stress zeigen und anf&auml;llig f&uuml;r Depressionen und Reizbarkeit sind.<\/p><p>&bdquo;Eltern beklagen sich h&auml;ufig dar&uuml;ber, dass ihre Kinder aggressiv sind und ungesunde Verhaltensweisen zeigen&ldquo;, erkl&auml;rte sie. &bdquo;Sie sind in Alltagsaufgaben gefangen, die nichts mit der Schule zu tun haben&ldquo;, wie zum Beispiel das Anstehen f&uuml;r Wasser oder das Sammeln von Brennholz und Pappe zum Kochen. &bdquo;Diese Aktivit&auml;ten tragen in keiner Weise dazu bei, negative Emotionen zu lindern&ldquo;, f&uuml;gte sie hinzu. &bdquo;Stattdessen halten sie die Kinder in einem Zustand st&auml;ndiger Angst und erinnern sie an den Krieg.&ldquo;<\/p><p>Der Mangel an geeigneten Bildungseinrichtungen hat auch nachteilige Wirkung auf die psychische Gesundheit der Sch&uuml;ler. &bdquo;In der Schule geht es nicht nur um Unterricht und wissenschaftliche F&auml;cher. Sie schafft einen sicheren Raum, in dem sich ein Kind geborgen f&uuml;hlt&ldquo;, merkte Yassin an. &bdquo;Das schulische Umfeld steht f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zum normalen Leben.&ldquo;<\/p><p>Aus diesem Grund glaubt Yassin, dass die Vorteile der Bildungszelte die Schwierigkeiten, die sie mit sich bringen, &uuml;berwiegen. &bdquo;Das Zelt ist eine ungeeignete Umgebung [zum Lernen] und erinnert uns an Instabilit&auml;t. Dennoch ist es damit gelungen, die Kinder wieder in ihren Bildungsalltag zur&uuml;ckzubringen, ein positives Umfeld zu schaffen, das hilft, schwieriges Verhalten zu mildern, und sie f&uuml;r ein paar Stunden vor der harten Realit&auml;t des Anstehens f&uuml;r Wasser und Essen abzuschirmen.&ldquo;<\/p><p><em>Der Beitrag erschien im Original bei <a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/gaza-lost-generation-education-school-war\/\">+972 Magazine<\/a>, einem unabh&auml;ngigen Onlinemagazin, das von pal&auml;stinensischen und israelischen Journalisten betrieben wird. Mit freundlicher Genehmigung des Magazins aus dem Englischen &uuml;bersetzt von Marta Andujo.<\/em><\/p><p><em>&Uuml;ber die Autorin: <strong>Ruwaida Amer<\/strong> aus Khan Younis, Gaza, arbeitet heute als freiberufliche Journalistin.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Kinder an ihrem ersten Schultag in Khan Younis im s&uuml;dlichen Gazastreifen am 19. September 2026. \/ &copy; Doaa Albaz\/Activestills \/ Quelle: <a href=\"https:\/\/www.activestills.org\/image\/68924\/\">Acvtivestills<\/a><\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/ed6e9e1209a7420c8d3cec5b319c6be3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_$1\">&laquo;1<\/a>] Die Rosary Sisters School in Gaza war eine katholische Privatschule, die im Jahr 2000 von der Kongregation der Schwestern vom Heiligen Rosenkranz (einer arabisch-katholischen Ordensgemeinschaft) gegr&uuml;ndet wurde und Bildung vom Kindergarten bis zur zehnten Klasse anbot. Ende 2023 wurde sie durch israelische Luftangriffe und Bodeneins&auml;tze zu weiten Teilen zerst&ouml;rt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_$1\">&laquo;2<\/a>] UN-Menschenrechtsexperten der UNO haben den Begriff &bdquo;scholasticide&ldquo; (Scholastizid) im Zusammenhang mit Israels Krieg in Gaza aufgegriffen. Die UNO definiert &bdquo;scholasticide&ldquo; als systematische und absichtliche Vernichtung des Bildungswesens mittels Zerst&ouml;rung jeglicher Bildungsinfrastruktur sowie der Verhaftung, Inhaftierung oder T&ouml;tung von Lehrkr&auml;ften, Sch&uuml;lern, Studenten und Schulpersonal.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UN-Experten werfen Israel vor, die Bildungsinfrastruktur in Gaza gezielt zerst&ouml;rt zu haben. F&uuml;r 700.000 Kinder sind Klassenr&auml;ume in Zelten jetzt das, was einer Schule am n&auml;chsten kommt. 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