{"id":15873,"date":"2013-01-16T10:20:47","date_gmt":"2013-01-16T09:20:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15873"},"modified":"2019-07-05T11:01:18","modified_gmt":"2019-07-05T09:01:18","slug":"das-leben-selbst-hat-das-memorandum-verworfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15873","title":{"rendered":"Das Leben selbst hat das Memorandum verworfen"},"content":{"rendered":"<p>Unser &bdquo;Griechenland-Korrespondent&ldquo; Niels Kadritzke hat f&uuml;r unsere Leser einen Artikel der griechischen Journalistin Kaki Bali ins Deutsche &uuml;bersetzt, der f&uuml;r die griechische Zeitung &bdquo;Avgi&ldquo; verfasst wurde. Es geht um das in Griechenland mit gro&szlig;er Spannung erwartete Treffen des Syriza-Vorsitzenden Alexis Tsipras mit Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble. Dieser Bericht ist eine wohltuende Alternative zur &bdquo;alternativlosen&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/schaeuble-trifft-griechischen-oppositionschef-tsipras-a-877405.html\">deutschen Berichterstattung<\/a> &uuml;ber dieses Treffen. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDas Treffen des Syriza-Vorsitzenden Alexis Tsipras mit dem deutschen Finanzminister Sch&auml;uble in Berlin war bedeutsam, weil eine gef&auml;hrliche Blockade gebrochen wurde. Damit wurden die Ber&uuml;hrungs&auml;ngste beider Seiten &uuml;berwunden &ndash; bei dem &bdquo;linksradikalen&ldquo; Oppositionsf&uuml;hrer aus Griechenland wie bei dem &bdquo;Architekten&ldquo; der &bdquo;Sanierungsprogramme&ldquo; f&uuml;r die Staatsverschuldung in ganz Europa. Die beiden &bdquo;Gegner&ldquo; sa&szlig;en sich 50 Minuten lang gegen&uuml;ber, informierten sich &uuml;ber ihre gegens&auml;tzlichen Positionen und Einsch&auml;tzungen aus erster Hand und legten ihre unterschiedlichen Meinungen dar.<\/p><p>Das Klima des Gespr&auml;chs war erwartungsgem&auml;&szlig; gut, weil Sch&auml;uble und Tsipras schon seit Tagen auf je eigene Weise erkl&auml;rt hatten, dass man endlich den Zustand des &bdquo;aufgelegten Telefons&ldquo; beenden solle. Und der Gespr&auml;chskanal, der gestern geschaffen wurde, wird offen bleiben; beide Seiten werden in Zukunft direkt miteinander kommunizieren.<\/p><p>Der Syriza-Vorsitzende charakterisierte das Treffen als &bdquo;n&uuml;tzlich und konstruktiv&ldquo;, w&auml;hrend Sch&auml;uble sich nicht offiziell &auml;u&szlig;erte, wie er es immer h&auml;lt, wenn sein Gespr&auml;chspartner kein Ministerkollege ist. Aus Kreisen des Finanzministeriums verlautete jedoch gegen&uuml;ber dieser Zeitung, Sch&auml;uble habe Wert darauf gelegt, dem griechischen Oppositionsf&uuml;hrer klar zu machen, dass die Reformvorhaben, die Griechenland erneuern sollen, als eine Aufgabe nicht nur der griechischen Regierung, sondern der Gesamtgesellschaft zu sehen sind. Deshalb w&uuml;nsche man von deutscher Seite, dass auch ein Alexis Tsipras diese Reformanstrengungen unterst&uuml;tzt.<\/p><p>Das deutsche Finanzministerium wollte allerdings auf keinen Fall die griechische Regierung verstimmen. Deshalb wurde inoffiziell betont, zum einen habe sich Tsipras um den Gespr&auml;chstermin bem&uuml;ht, zum anderen sei das Treffen f&uuml;r die Athener Regierung &bdquo;kein Problem&ldquo;. Zudem versteht sich von selbst, dass die deutsche Seite an den &bdquo;Rettungsprogrammen&ldquo; (wie sie in Berlin genannt werden) festh&auml;lt. Sch&auml;uble betonte, dieser Weg sei &bdquo;alternativlos&ldquo; (auf griechisch w&ouml;rtlich: eine Einbahnstra&szlig;e, NK). Der Verbleib in der Eurozone &ndash; den sich die Griechen, die Deutschen und alle Europ&auml;er w&uuml;nschen &ndash;  sei nur &uuml;ber dieses Programm zu sichern, das deshalb unbedingt einzuhalten sei: &bdquo;Die Reformen sind eine notwendige Voraussetzung, sind absolut zwingend, um die griechische Wirtschaft in Ordnung zu bringen.&ldquo; Ob die vereinbarten Ziele erreicht werden, und auf welche Weise, das sei allerdings eine &bdquo;griechische Angelegenheit&ldquo;.<\/p><p>Tsipras hielt Sch&auml;uble entgegen, im wirklichen Leben gebe es keine &bdquo;Einbahnstra&szlig;en&ldquo;, und im &uuml;brigen seien die verordneten Sparprogramme nicht nur in Griechenland, sondern im ganzen S&uuml;den (Europas) gescheitert: &bdquo;Sie wurden vom Leben selbst verworfen.&ldquo; Angesichts dessen sei es das Bestreben der Syriza , den Austerit&auml;ts-Politikern und den Krisenfolgen entgegenzutreten, mithin der Verelendung, der Arbeitslosigkeit, dem Aufstieg des Faschismus.&ldquo;<\/p><p>Gleich zu Beginn des Gespr&auml;chs &ndash; zwischen zwei Leuten mit unterschiedlicher ideologische Orientierung und unterschiedlichen politischen Strategien &ndash; machte Tsipras seinem Gegen&uuml;ber klar, das Ziel der Syriza sei der Verbleib Griechenlands in der Eurozone, was im Interesse Griechenlands wie Deutschlands liege. In diesem Punkt gab es zweifellos keinen Dissens.<\/p><p>Eine sehr interessante Frage wird sich erst in Zukunft beantworten lassen: n&auml;mlich ob und wenn ja, welche Thesen der Syriza &uuml;ber die Reaktion auf die Krise auch auf deutscher Seite diskutabel sein werden, wenn die Bedingungen dazu herangereift sind. Die Frage ist auch deshalb interessant, weil beide Seiten &uuml;ber die Notwendigkeit von Reformen reden, aber offensichtlich nicht das gleiche darunter verstehen. <\/p><p>Die Positionen, die Tsipras gegen&uuml;ber Sch&auml;uble vertreten hat, gehen von drei Annahmen aus: Erstens m&uuml;sse ein &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt (ohne Schuldendienst, NK) erzielt werden, aber eben nicht mittels drastischer linearer Gehalts- und Rentenk&uuml;rzungen, sondern &uuml;ber den Kampf gegen die Steuerhinterziehung und die Besteuerung der Reichen. Zweitens und parallel dazu seien strukturelle Ver&auml;nderungen n&ouml;tig mit dem Ziel, einen effektiven Staat aufzubauen, womit sich auch das Investitionsklima verbessern w&uuml;rde. Dabei betonte Tsipras, dass die notwendigen Reformbem&uuml;hungen durch das Memorandum und die extreme Sparpolitik nicht gef&ouml;rdert, sondern geradezu blockiert werden. Dasselbe gelte f&uuml;r die Bem&uuml;hungen, das b&uuml;rokratische Gestr&uuml;pp aufzul&ouml;sen, das zum Beispiel dazu beigetragen habe, dass deutsche Investitionen im Bereich der alternativen Energien bislang gescheitert sind (was Sch&auml;uble wahrscheinlich zum ersten Mal geh&ouml;rt hat).<\/p><p>Ein dritter Punkt d&uuml;rfte Sch&auml;uble weniger &uuml;berrascht haben, weil Tsipras in den letzten Monaten schon mehrmals darauf verwiesen hat: die Idee einer gesamteurop&auml;ischen Schuldenkonferenz nach dem Vorbild der Londoner Konferenz von 1952\/53. Es sei daran erinnert, dass damals zwei Dutzend L&auml;nder, zu denen auch Griechenland geh&ouml;rte, zum Erlass von 62,5 Prozent der deutschen Schulden bereit waren, w&auml;hrend der Rest nach einem gro&szlig;z&uuml;gigen Fristenplan abbezahlt werden durfte, der zudem an das Kriterium eines Wirtschaftswachstums gebunden war. <\/p><p>Ganz sicher sagt dieser Vorschlag der deutschen Regierung &uuml;berhaupt nicht zu, f&uuml;r die eine solche Idee v&ouml;llig undiskutabel ist, zumindest vor den n&auml;chsten Bundestagswahlen im September dieses Jahres. Gleichwohl ist dies ein Vorschlag, der auch von anderer Seite &ndash; wenn auch in unterschiedlicher Fassung &ndash;  ins Gespr&auml;ch gebracht wurde: als erstes vom IWF und neuerdings auch von der Opposition in Deutschland. <\/p><p>Was ist bei dem Treffen herausgekommen? Zumindest war es ein erfolgreiches Erkundungsgespr&auml;ch. Ob man auch eine &bdquo;gemeinsame Sprache des Dissens&ldquo; finden kann, wird die Zukunft zeigen. Interessant war jedenfalls die Einsch&auml;tzung, die man nach dem inoffiziellen Gespr&auml;ch (ohne Kameras und ohne ein gemeinsames Communiqu&eacute;)  in der deutschen Presse lesen konnte. So hat etwa der Focus unter dem Titel &bdquo;Duell der Sturk&ouml;pfe&ldquo; die Tatsache, dass Sch&auml;uble sich Zeit f&uuml;r Tsipras genommen hat, wie folgt kommentiert: &bdquo;&hellip; weil sich der Anpassungskurs des hoch verschuldeten Landes noch viele Jahre hinziehen wird, kann den Geldgebern niemand garantieren, dass er (Tsipras) nicht doch noch an die Macht kommen wird. Da scheint es besser, vorher das Gespr&auml;ch zu suchen &hellip;&ldquo;<\/p><p>So sieht es auch Tsipras, der nach dem Gespr&auml;ch erkl&auml;rte: &bdquo;Es ist positiv, das wir uns unterhalten k&ouml;nnen, auch wenn wir nicht einer Meinung sind.&ldquo; Im &Uuml;brigen seien die Differenzen mit Sch&auml;uble politischer und nicht pers&ouml;nlicher Art. Sein eigenes Res&uuml;mee lautete: &bdquo;Damit wir aus der Krise herauskommen, ohne dass die Gesellschaft kaputt geht&ldquo;, m&uuml;ssen wir ein &bdquo;neues Griechenland&ldquo; errichten. Dazu m&uuml;sse sich das Land &bdquo;von den Fehlern der Vergangenheit und von den Kr&auml;ften befreien, die uns in die heutige Lage gebracht haben&ldquo;, sowie eine &bdquo;alternative Wirtschaftspolitik&ldquo; durchsetzen , die sozial gerechter ist. Nur so k&ouml;nne man, &bdquo;die notwendigen Reformen verankern, die einen Neuaufbau des  Staates und einen produktiven Neuanfang erm&ouml;glichen k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser &bdquo;Griechenland-Korrespondent&ldquo; Niels Kadritzke hat f&uuml;r unsere Leser einen Artikel der griechischen Journalistin Kaki Bali ins Deutsche &uuml;bersetzt, der f&uuml;r die griechische Zeitung &bdquo;Avgi&ldquo; verfasst wurde. 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