{"id":159,"date":"2005-01-06T11:52:09","date_gmt":"2005-01-06T10:52:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=159"},"modified":"2016-03-21T10:17:50","modified_gmt":"2016-03-21T09:17:50","slug":"neoliberaler-dogmatismus-und-die-historische-wahrheit-herbert-ehrenberg-widerlegt-den-popularen-trug-konjunkturprogramme-seien-strohfeuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=159","title":{"rendered":"Neoliberaler Dogmatismus und die historische Wahrheit: Herbert Ehrenberg widerlegt den popul\u00e4ren Trug, Konjunkturprogramme seien \u201eStrohfeuer\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In einem wirtschaftshistorischen Abriss unter dem Titel &bdquo;Ansto&szlig; zum Wachstum&ldquo; widerlegt Herbert Ehrenberg, Bundesarbeitsminister von 1976 &ndash; 1982, in den &bdquo;Bl&auml;ttern f&uuml;r deutsche und internationale Politik, 1`05&ldquo; die st&auml;ndig wiederholte M&auml;r neoliberaler Dogmatiker und ihrer Lautsprecher in den Wirtschaftsredaktionen, dass Konjunkturprogramme nur rasch abfackelnde &bdquo;Strohfeuer&ldquo; seien und keynesianisches Instrumentarium nichts bewirken k&ouml;nne.<br>\n<!--more--><br>\nDass der in Deutschland herrschende &ouml;konomische Dogmatismus, zwar stets vom Wettbewerb redet, aber jeglichen Wettbewerb verhindert, wenn es um sein eigenes Dogma geht, kann man gerade dieser Tage wieder einmal am Streit im Sachverst&auml;ndigenrat zwischen der dort vertretenen Mehrheit der Anh&auml;nger einer angebotsorientierten Wirtschaftstheorie und dem st&auml;rker auf die Wirkung der Nachfrage achtenden Mitglied Peter Bofinger erkennen. Dass die neoliberale Rechtgl&auml;ubigkeit ihren Unfehlbarkeitsanspruch gegen dagegen stehende profane Wahrheiten mit Zehen und Klauen verteidigt, kann man daran erkennen, dass sie, um blo&szlig; keinen Irrtum eingestehen zu m&uuml;ssen, historische Tatsachen leugnet. <\/p><p>Deshalb ist es ganz interessant, wenn ein Zeitzeuge, wie der fr&uuml;here Bundesminister f&uuml;r Arbeit und Sozialordnung, Herbert Ehrenberg, die Fakten noch einmal auff&auml;chert: <\/p><p>Das Stabilit&auml;ts- und Wachstumsgesetz vom 8. Juni 1967 sei zwar noch immer in Kraft, seit 1980 sei es aber (mit Ausnahme der Jahre 1990\/91) nicht mehr angewandt worden. Das Gesetz schreibe vor, dass Bund und L&auml;nder bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Ma&szlig;nahmen &bdquo;gleichzeitig zur Stabilit&auml;t des Preisniveaus, zu einem hohen Besch&auml;ftigungsstand und au&szlig;enwirtschaftlichen Gleichgewicht bei stetigem und angemessenen Wachstum beitragen&ldquo; sollen. <\/p><p>Die in diesem Gesetz gebotene antizyklische Haushaltspolitik und ein antizyklischer Haushaltsvollzug h&auml;tten bei der &Uuml;berwindung der hausgemachten Krise 1966\/67 und zur Besch&auml;ftigungsverbesserung nach dem Konjunktureinbruch durch die erste &Ouml;lpreiskrise fast lehrbuchm&auml;&szlig;ig gewirkt. <\/p><p>Ehrenberg erinnert daran, dass nach zwei Konjunktur- und Strukturprogrammen in den Jahren 1967 bis 1970 die Zahl der Besch&auml;ftigten von 21,1 auf 22,2 Millionen angestiegen, die Zahl der Arbeitslosen von 459.000 auf 149.000 zur&uuml;ckgegangen und das reale Wachstum des Bruttoinlandprodukts von minus 0,3 auf plus 5,1 im Jahre 1970 angestiegen ist. (Werte von denen man heute nur tr&auml;umen kann.) <\/p><p>Die &Ouml;lpreiskrise von 1973\/74 f&uuml;hrte 1975 zu einem Wachstums- und Besch&auml;ftigungseinbruch. Das BIP ging um 1,4% zur&uuml;ck und die Arbeitslosenzahl stieg auf &uuml;ber eine Million. Ein 16-Milliarden-Zukunftsprogramm und eine Reihe von anderen Ma&szlig;nahmen im Rahmen einer antizyklischen Haushaltspolitik f&uuml;hrten bis 1979 zu einem Anstieg der Besch&auml;ftigtenzahl um eine Million auf 23,5 Millionen und zu einem R&uuml;ckgang der Zahl der Arbeitslosen auf 876.000. <\/p><p>Man k&ouml;nnte Ehrenberg entgegenhalten, dass mit diesen beiden Korrelationen zwischen aktiver Konjunkturpolitik und Wachstum und Besch&auml;ftigung noch kein kausaler Beweis f&uuml;r die Richtigkeit einer wirtschaftspolitischen Konzeption erbracht sei. Das keynesianische Instrumentarium kann jedoch zumindest eine deutliche Plausibilit&auml;t und eine hohe Signifikanz f&uuml;r seine Effektivit&auml;t beanspruchen. Die seither politisch eingesetzten monetaristischen und angebotsorientierten Konzepte sind jedoch gemessen an ihren Erfolgsversprechen nahezu auf ganzer Linie gescheitert. <\/p><p>Auch das hat Ehrenberg minuti&ouml;s mit Zahlen rekapituliert: Die Senkung der K&ouml;rperschaftssteuer von 50 auf 45 und der Spitzensteuers&auml;tze f&uuml;r gewerbliche Einkommen von 53 auf 47 Prozent im Jahre 1994, das gleichzeitig in Kraft getretene Sparpaket mit K&uuml;rzungen &ouml;ffentlicher Leistungen in H&ouml;he von 21 Milliarden DM und die Wiederholung dieser angebotsorientierten Ma&szlig;nahmekombinationen durch das &bdquo;Programm f&uuml;r mehr Wachstum und Besch&auml;ftigung&ldquo; bis zur Streichung der Verm&ouml;genssteuer 1997 h&auml;tten sich als &bdquo;Flop&ldquo; erwiesen. Von 1993 bis 1997 gab es einen R&uuml;ckgang der Besch&auml;ftigten um 400.000 und einen Anstieg der registrierten Arbeitslosen von 3,4 auf 4,4 Millionen Menschen (also auf etwa heutiges Niveau). <\/p><p>Ehrenberg belegt, dass selbst der zaghafte und kurzfristige Versuch der neuen rot-gr&uuml;nen Regierung, ab 1998 eine aktive Arbeitsmarktpolitik zu betreiben, zu einem R&uuml;ckgang der Arbeitslosenzahl auf immerhin 3,9 Millionen gef&uuml;hrt habe. <\/p><p>Der Schwenk zu einer Spar- und Steuersenkungspolitik habe aber nicht zu den von den neoliberalen Beratern prophezeiten Ergebnissen gef&uuml;hrt. Trotz immenser Unternehmenssteuersenkungen seien die Bruttoanlageinvestitionen von 426,4 auf 379,8 Milliarden Euro zur&uuml;ckgegangen, die Arbeitslosigkeit von 4,19 auf 4,38 angestiegen, die Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen hingegen von 410,4 auf 439,9 Milliarden gewachsen. <\/p><p>Die von Ehrenberg reichlich aufgef&uuml;hrten Fakten belegen einen sehr engen Zusammenhang zwischen einer die Nachfrage stimulierenden Wachstumspolitik und dem Wachstum der Besch&auml;ftigung, w&auml;hrend man auf die Verhei&szlig;ungen der angebotsorientierten Lehre &ndash; vor allem durch Verbesserung der Investitionsbedingungen wirtschaftlichen Aufschwung zu induzieren &ndash; inzwischen seit den 80er Jahren vergeblich wartet. Auch heute gilt allenfalls das Prinzip Hoffnung und das Schielen auf einen Aufschwung in Amerika. <\/p><p>Die herrschende &ouml;konomische Lehre immunisiert sich aber gegen eine solche Kritik, indem sie die historischen Erfolge einer st&auml;rker nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik schm&auml;ht und ihr bisheriges totales Scheitern leugnet und als Ausweg aus der selbst verursachten Misere nur eine noch drastischere Anwendung ihrer Konzepte propagiert. Der kollektive Ged&auml;chtnisverlust unter den wirtschaftspolitischen Meinungstr&auml;gern erlaubt solche Geschichtsklitterungen. <\/p><p>Ein weitere Verbiegung historischer Tatsachen und ein oft gebrauchtes Totschlagargument der herrschenden &ouml;konomischen Orthodoxie r&uuml;ckt Ehrenberg gerade: N&auml;mlich die Behauptung, dass der Vertrag von Maastricht eine maximale Nettokreditaufnahme von &bdquo;3 Prozent f&uuml;r das Verh&auml;ltnis zwischen dem geplanten oder tats&auml;chlichen &ouml;ffentlichen Defizit und dem Bruttoinlandprodukt zu Marktpreisen&ldquo; zwingend vorschreibe. Dieser Referenzwert f&auml;nde sich jedoch nicht etwa im Vertrag, sondern nur in einer Protokollnotiz. Der Artikel 104 des EG-Vertrages spreche sehr interpretationsf&auml;hig davon, dass die Mitgliedsstaaten &bdquo;&uuml;berm&auml;&szlig;ige &ouml;ffentliche Defizite&ldquo; vermeiden sollen.<\/p><p>Der Vertrag von Amsterdam vom 2. Oktober 1997 schreibe in Artikel 2 hingegen folgende Aufgaben vor: &bdquo;Durch die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes und einer Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion (&hellip;) in der ganzen Gemeinschaft eine harmonische, ausgewogene und nachhaltige Entwicklung des Wirtschaftslebens, eine hohes Besch&auml;ftigungsniveau und ein hohes Ma&szlig; an sozialem Schutz, die Gleichstellung von M&auml;nnern und Frauen, ein best&auml;ndiges, nichtinflation&auml;res Wachstum, ein hohes Ma&szlig; an Wettbewerbsf&auml;higkeit und Konvergenz der Wirtschaftsleistungen, ein hohes Ma&szlig; an Umweltschutz und Verbesserung der Umweltqualit&auml;t, die Hebung der Lebenshaltung und der Lebensqualit&auml;t, den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt und die Solidarit&auml;t zwischen den Mitgliedsstaaten zu f&ouml;rdern.&ldquo; <\/p><p>Diese Aufgabenstellung enthalte wirtschafts- und finanzpolitisch die gleichen, ja sogar weitergehende Pflichten f&uuml;r eine aktive Wirtschaftspolitik als das deutsche Stabilit&auml;ts- und Wachstumsgesetz aus dem Jahre 1967. Aber dieses nach wie vor g&uuml;ltige Gesetz werde seit &uuml;ber zwanzig Jahre nicht mehr angewandt und mit der irref&uuml;hrenden Behauptung abgetan, es enthalte Rezepte von gestern Dabei w&auml;re die Befolgung des gesetzlichen Gebotes einer aktiven Besch&auml;ftigungspolitik aktueller denn je. <\/p><p><em>Quelle: Herbert Ehrenberg, Ansto&szlig; zum Wachstum, in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, Heft 1\/2005, S.18 &ndash; 21.<br>\n<\/em><\/p><p><strong>Pers&ouml;nliche Anmerkung:<\/strong> Als jemand der Herbert Ehrenberg noch als aktiven Minister kennen gelernt hat, erstaunt es mich schon, dass er seinen erhellenden Beitrag f&uuml;r die &bdquo;Bl&auml;tter&ldquo; schreibt und nicht etwa einen Leitartikel im &bdquo;Vorw&auml;rts&ldquo; bekommt. Daran mag man erkennen, wie weit das politische Spektrum inzwischen &bdquo;verr&uuml;ckt&ldquo; wurde.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem wirtschaftshistorischen Abriss unter dem Titel &bdquo;Ansto&szlig; zum Wachstum&ldquo; widerlegt Herbert Ehrenberg, Bundesarbeitsminister von 1976 &ndash; 1982, in den &bdquo;Bl&auml;ttern f&uuml;r deutsche und internationale Politik, 1`05&ldquo; die st&auml;ndig wiederholte M&auml;r neoliberaler Dogmatiker und ihrer Lautsprecher in den Wirtschaftsredaktionen, dass Konjunkturprogramme nur rasch abfackelnde &bdquo;Strohfeuer&ldquo; seien und keynesianisches Instrumentarium nichts bewirken k&ouml;nne. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,137,30],"tags":[477,299,278],"class_list":["post-159","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-steuern-und-abgaben","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-keynesianismus","tag-konjunkturprogramme","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/159","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=159"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/159\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32351,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/159\/revisions\/32351"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=159"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=159"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=159"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}