{"id":1592,"date":"2006-08-15T11:10:12","date_gmt":"2006-08-15T09:10:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1592"},"modified":"2016-01-30T11:08:22","modified_gmt":"2016-01-30T10:08:22","slug":"die-defizite-von-eliten-in-der-privatwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1592","title":{"rendered":"Die Defizite von Eliten in der Privatwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben sehr aufmerksame Nutzer. Einer, G&uuml;nter Baigger, schrieb in diesen Tagen eine Mail &uuml;ber die mangelnde Effizienz der Privatwirtschaft, &uuml;ber die Vorherrschaft betriebswirtschaftlichen Denkens und die Geringsch&auml;tzung der Naturwissenschaften, etc. Ein Fazit: <\/p><blockquote><p>Meine negativen Bef&uuml;rchtungen &uuml;ber die Zukunft betreffen deshalb nicht mehr nur den Staat, sondern auch und noch mehr die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes. Ich sehe keinen Grund, warum unser Kapitalismus nicht auf die gleiche Weise scheitern kann wie die kommunistische Sowjetunion. Wichtigtuerische und bornierte Funktion&auml;re, welche hier Manager hei&szlig;en, Misswirtschaft, B&uuml;rokratie, Korruption, gef&auml;lschte Statistiken, all das haben wir auch in unserer Privatwirtschaft. Das kann dereinst wirklich Konkurrenznachteile gegen&uuml;ber asiatischen L&auml;ndern ausl&ouml;sen.<\/p><\/blockquote><p><!--more--><br>\nUnd hier der gesamte Text:<\/p><p><strong>Die Defizite von Eliten im &ouml;konomischen Bereich<\/strong><\/p><p>Albrecht M&uuml;ller hat unl&auml;ngst das Buch &lsquo;Machtwahn&rsquo; herausgegeben. Mit seiner fundierten Kritik an den derzeit in der Bundesrepublik herrschenden Eliten finde ich die Ausf&uuml;hrungen von M&uuml;ller hochinteressant. In einem Punkt w&uuml;rde ich die Akzente allerdings etwas anders setzen:<\/p><p>Die Eliten sind nicht nur innerhalb des Staates politisch korrupt und mittelm&auml;&szlig;ig bis unf&auml;hig. Dies trifft auch f&uuml;r die Privatwirtschaft zu. Ich habe sogar den Eindruck, dass es dort schlimmer zugeht. Vielleicht sind die staatlichen Eliten gerade deshalb schlechter geworden, weil sie sich an den Eliten der Privatwirtschaft orientiert haben (was ja immer in den Medien gefordert wurde). Ich hatte Ihnen seinerzeit den Mailwechsel &uuml;ber die Fernsehsendung von G&uuml;nther Ederer gesandt, in welcher ein Vertreter der Versicherungswirtschaft nicht einmal vor groben Unwahrheiten &uuml;ber die Anlagerendite von Rentenversicherungsvertr&auml;gen bei privaten Versicherungsgesellschaften zur&uuml;ckgeschreckt ist. Meine Kollegen und ich haben oft ger&auml;tselt, wieso die private Versicherungswirtschaft sich in Deutschland &uuml;berhaupt darum bem&uuml;ht, das Gesch&auml;ft des Alterssparens an sich zu rei&szlig;en. Die Riester-Rente war ja ein Flop nicht nur politisch, sondern auch f&uuml;r die private Versicherungswirtschaft. Bei Sparprozessen, welche sich &uuml;ber mehr als 50 Jahre erstrecken, liegt kurzfristiger Ertrag gar nicht drin. Au&szlig;erdem zeigt das Schweizer Beispiel, dass die Versicherungswirtschaft nicht in der Lage ist, die berufliche Vorsorge, wo private Versicherungsgesellschaften von dem 600 Milliarden-Kuchen der Altersvorsorge rund 100 Milliarden &uuml;bernommen haben, korrekt zu verwalten. Vielleicht propagieren Manager nur deshalb das private Alterssparen, weil sie so weit weg von der realen Arbeit sind, dass sie gar nicht mehr wissen, dass ihre Versicherungsgesellschaften dazu unf&auml;hig sind.<\/p><p>Andererseits geh&ouml;rt schon eine enorme Chuzpe dazu, den Leuten weiszumachen, die Versicherungsgesellschaften k&ouml;nnten die Altersvorsorge gut verwalten. Man bedenke nur, was verschiedene Schweizer Beispiele zeigen: Versicherungsgesellschaften haben unter Verletzung der Kongruenzanlageregeln Milliarden an der B&ouml;rse verjubelt, und bereits versprochene Leistungen k&uuml;rzen m&uuml;ssen.<\/p><p>Man mag einwenden, dass in der Versicherungsbranche spezielle Regeln herrschen, die Privatwirtschaft sei in anderen Branchen besser. Aber ist das eigentlich wahr? Das Trauerspiel um die einst florierende Mannesmann AG zeugt ja nicht gerade von Weitsicht der Manager in einem Nichtversicherungsbetrieb. <\/p><p>Oder nehmen wir die Einf&uuml;hrung einer LKW-Maut in Deutschland. Man hat der Regierung Schr&ouml;der immer Vorw&uuml;rfe gemacht. Aber es waren doch Privatfirmen, welche ihre Vertr&auml;ge nicht einhalten konnten. Davon war aber nie die Rede. Die Vorw&uuml;rfe gingen immer an die Regierung. <\/p><p>Weiteres Beispiel: Seit Dezember wickeln die Schweizer Bundesbahnen ihren Intercity-Verkehr zwischen Rothrist und Mattstetten auf einer Neubaustrecke ab. <\/p><p>Urspr&uuml;nglich war geplant, dass die Z&uuml;ge dort ab Dezember 2004 mit Tempo 200 fahren sollten. Bis heute fahren sie mit Tempo 160, da die Softwarefirmen die f&uuml;r das elektronische Signalsystem erforderlichen Programme nicht liefern konnten. (Genauer, sie haben geliefert, aber es treten zu oft Fehler auf).<\/p><p>Und ebenfalls wegen Ungen&uuml;gen bei der Software kann in N&uuml;rnberg eine neue U-Bahnlinie nicht in Betrieb genommen werden. Ein ehemaliger Ingenieur der Schweizer Firma BBC hat mir unl&auml;ngst mitgeteilt, dass diese Firma fr&uuml;her von Ingenieuren gef&uuml;hrt wurde. Damals florierte der Betrieb. Dann seien die &Ouml;konomen gekommen, als erster der ehemalige Nationalbankpr&auml;sident Leutwiler. Dann kamen Barnevik und andere. Diese haben die Firma ruiniert. Heute ist die Firma trotz einer Fusion mit Asean nurmehr ein Schatten einstiger Gr&ouml;sse.<\/p><p>Diese Beispiele lie&szlig;en sich weiter fortsetzen. Man mag nach den Ursachen fragen. Meine Hypothese ist folgende: &Ouml;konomen werden falsch ausgebildet. Au&szlig;erdem genie&szlig;t die &Ouml;konomie (genauer die Betriebswirtschaftslehre) in unserer Gesellschaft einen zu hohen Stellenwert. Fachliches Wissen in anderen F&auml;chern wird demgegen&uuml;ber gering gesch&auml;tzt. Die Naturwissenschaften beispielsweise haben entgegen landl&auml;ufigen Vorurteilen gar nicht mehr so viel Einfluss in unsere Gesellschaft. Die Naturwissenschaften werden ja zum gro&szlig;en Teil an den Universit&auml;ten betrieben, also an staatlichen Anstalten. Da der Forschungsbetrieb an den Universit&auml;ten nicht dem Klischee vom effizienten Markt und dem schwerf&auml;lligen Staat entspricht, werden die Erfolge in Naturwissenschaften und Technik in den Medien weitgehend ausgeblendet. Man vergleiche dazu den Umfang vom Wirtschaftsteil einer Zeitung und vom Wissenschaftsteil der gleichen Zeitung. Dies mag auch daran liegen, dass Forschungsresultate vor allem in Physik und Mathematik nur schwer vermittelbar sind. Fakt bleibt aber, dass wirtschaftliche Fragen lang und breit diskutiert werden, dass aber physikalische Zusammenh&auml;nge, welche f&uuml;r unser Zusammenleben viel wichtiger sind, total unbekannt sind. (Z.B. haben nur wenige Zeitungen fachlich kompetent ohne Emotionen &uuml;ber den St&ouml;rfall im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark berichtet). <\/p><p>Das erstaunt nicht: Die meisten Menschen haben &uuml;berhaupt keine Vorstellung davon, was sich in unserer Forschung abspielt. Allenfalls Schlagworte wie &ldquo;Singularit&auml;t&rdquo;, &ldquo;Schwarzes Loch&rdquo; oder &ldquo;Fixpunkt&rdquo; gelangen in die &Ouml;ffentlichkeit, ohne dass auch nur eine Spur der dahinter stehenden Theorien mitgeteilt w&uuml;rde. &Ouml;konomie wird demgegen&uuml;ber permanent und in verf&uuml;hrerisch leichter Form dargestellt. Jeder glaubt dann mitreden zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Wirkliche fachliche Schwierigkeiten treten aber woanders auf. (Jeder Physiker oder Mathematiker kann sich in k&uuml;rzester Zeit betriebswirtschaftliches Wissen aneignen, der umgekehrte findet selbst in beliebig langer Zeit fast nie statt). <\/p><p>Schwierigkeiten in Naturwissenschaften werden nicht beachtet und dann aufgrund der Nichtbeachtung als gering eingesch&auml;tzt. Diese Geringsch&auml;tzung von fachlichen Leistungen findet heute tagt&auml;glich in der Wirtschaft statt. Und, es geht weiter, fachliche Leistungen gelten in der Wirtschaft sogar dann nichts, wenn diese wichtig f&uuml;r ein Unternehmen w&auml;ren. An der Spitze der Versicherungsgesellschaften stehen kaum Mathematiker sondern Betriebswirte, welche das notwendige Wissen aus zweiter Hand beziehen. &ldquo;Geliehenes Wissen&rdquo;, wie Albrecht M&uuml;ller in seinem Buch &lsquo;Machtwahn&rsquo; treffend schreibt.<\/p><p>Inzwischen sind wir so weit, dass &Ouml;konomen der Wissenschaft vorschreiben, was sie tun soll. Forschung m&uuml;sse sich rechnen, Forschung m&uuml;sse vermehrt anwendungsorientiert sein. Dies f&uuml;hrt dann zu einer Umkehrung des Leistungsprinzips. &Ouml;konomen mit ihrer &ndash; jedenfalls heute &ndash; bescheidenen Ausbildung schreiben Naturwissenschaftlern mit ihrem viel gr&ouml;&szlig;eren Wissen vor, was sie forschen m&uuml;ssen. Keiner stellt das in Frage, nicht einmal die Naturwissenschaftler selbst. Wie sollen die Naturwissenschaftler die unsinnigen Behauptungen &uuml;ber Renten in Frage stellen, wenn sie sich schon in ihrem eigenen Fachbereich von &Ouml;konomen rumschubsen lassen. <\/p><p>Meine negativen Bef&uuml;rchtungen &uuml;ber die Zukunft betreffen deshalb nicht mehr nur den Staat, sondern auch und noch mehr die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes. Ich sehe keinen Grund, warum unser Kapitalismus nicht auf die gleiche Weise scheitern kann wie die kommunistische Sowjetunion. Wichtigtuerische und bornierte Funktion&auml;re, welche hier Manager hei&szlig;en, Misswirtschaft, B&uuml;rokratie, Korruption, gef&auml;lschte Statistiken, all das haben wir auch in unserer Privatwirtschaft. Das kann dereinst wirklich Konkurrenznachteile gegen&uuml;ber asiatischen L&auml;ndern ausl&ouml;sen. <\/p><p>Wenn diese &Uuml;berlegungen und Vermutungen zutreffen, erscheint es nicht mehr so &uuml;berraschend, dass heutzutage kritische &Uuml;berlegungen bez&uuml;glich unserer Wirtschaftspolitik keinen Widerhall finden. Die &Ouml;konomie hat l&auml;ngst aufgeh&ouml;rt eine Wissenschaft zu sein, sie ist zu einer pseudowissenschaftlich aufgemotzten Propaganda zu Gunsten herrschender Verh&auml;ltnisse geworden. Das erscheint mir die tiefere Ursache auch f&uuml;r den geistigen Abbau bei staatlichen Eliten zu sein. <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;ssen<\/p><p>G&uuml;nter Baigger    \t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben sehr aufmerksame Nutzer. Einer, G&uuml;nter Baigger, schrieb in diesen Tagen eine Mail &uuml;ber die mangelnde Effizienz der Privatwirtschaft, &uuml;ber die Vorherrschaft betriebswirtschaftlichen Denkens und die Geringsch&auml;tzung der Naturwissenschaften, etc. Ein Fazit: <\/p>\n<blockquote>\n<p>Meine negativen Bef&uuml;rchtungen &uuml;ber die Zukunft betreffen deshalb nicht mehr nur den Staat, sondern auch und noch mehr die Wirtschaft und die<\/p>\n<\/blockquote>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1592\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,160,161],"tags":[374],"class_list":["post-1592","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-markt-und-staat","category-wertedebatte","tag-eliten"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1592"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1592\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30706,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1592\/revisions\/30706"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}