{"id":15932,"date":"2013-01-23T08:55:05","date_gmt":"2013-01-23T07:55:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15932"},"modified":"2019-03-02T11:44:27","modified_gmt":"2019-03-02T10:44:27","slug":"prognosen-und-andere-irrtumer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15932","title":{"rendered":"Prognosen und andere Irrt\u00fcmer"},"content":{"rendered":"<p>Muss man eine rosige Zukunft prognostizieren, um ein guter &Ouml;konom zu sein?<br>\nDie Jahreswende ist die Zeit, in der Ausblicke auf das vor uns liegende Jahr gegeben und gute Vors&auml;tze gefasst werden, auf dass alles besser werde. Doch mit den guten Vors&auml;tzen ist das so eine Sache. Wer etwas besser machen will, muss die in der Vergangenheit gemachten Fehler erst einmal erkennen, bevor er gegensteuern kann, von der M&uuml;hsal der Umsetzung vieler Vors&auml;tze ganz abgesehen. Viel leichter ist das Leben f&uuml;r die, die sich die Fehlentwicklungen in der Vergangenheit gar nicht so genau anschauen und folglich auch keinen Anlass sehen, etwas zu &auml;ndern. Von <strong>Heiner Flassbeck<\/strong> und <strong>Friederike Spiecker<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nSo bequem machen es sich alle Jahre wieder einige &Ouml;konomen, die in ihren Wirtschafts-prognosen zu Jahresanfang darlegen, wie das aktuelle und das n&auml;chste Jahr verlaufen d&uuml;rften. Nun ist, wie wir wissen, die Zukunft unsicher und die Prognose ein undankbares Gesch&auml;ft. Mit Hilfe vorlaufender Indikatoren wie den Auftragseing&auml;ngen in der Industrie oder den Baugenehmigungen lassen sich vielleicht die n&auml;chsten sechs Monate einigerma&szlig;en fundiert einsch&auml;tzen, alles, was dar&uuml;ber hinaus geht, muss man schon gut begr&uuml;nden, will man eine ernsthafte Vorausschau abliefern. <\/p><p>Deutschlands Wirtschaftsleistung war im vierten Quartal 2012 r&uuml;ckl&auml;ufig, und auch der Start ins neue Jahr sieht nicht rosig aus, weil die vorlaufenden Indikatoren noch immer auf totale Flaute stehen, die Weltwirtschaft mit neuen Problemen k&auml;mpft und gro&szlig;e Teile Europas in einer tiefen Rezession stecken, die selbst von Optimisten in Br&uuml;ssel f&uuml;r das Jahr 2013 noch nicht als &uuml;berwunden angenommen wird. Eigentlich m&uuml;sste man fragen, ob es noch schlimmer werden kann, doch schon f&uuml;r das zweite Halbjahr sch&ouml;pfen fast alle Prognostiker zumindest f&uuml;r Deutschland neue Hoffnung und setzen voller Optimismus auf 2014.<\/p><p>Das gilt f&uuml;r den <a href=\"http:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/gutachten\/ga201213\/ga12_ges.pdf\">Sachverst&auml;ndigenrat [PDF &ndash; 4.7 MB]<\/a> oder auch f&uuml;r das <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.413941.de\/13-1.pdf\">Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) [PDF &ndash; 1.3 MB]<\/a>, das wie &uuml;blich zu Beginn des Jahres seine Prognose f&uuml;r 2013 vorgelegt hat. Bemerkenswert ist aber, welch positive Entwicklung sie f&uuml;r das Jahr 2014 voraussehen. Kein Zweifel, wer weit in die Zukunft schauen will, steht vor einem Dilemma: Harte Daten, die eine Prognose &uuml;ber einen Ein-Jahreszeitraum hinaus nachvollziehbar unterf&uuml;ttern k&ouml;nnten, gibt es nicht, doch wird der weite Blick oft von den Auftraggebern verlangt. Die gleichen Auftraggeber werden aber die F&auml;higkeit, so weit in die Zukunft zu schauen, sofort in Zweifel ziehen, wenn eine stark ins Negative tendierende Vorhersage heraus k&auml;me, die den Auftraggebern politisch ungelegen w&auml;re. Und das ist regelm&auml;&szlig;ig der Fall, weil eine Regierung durch negative Wirtschaftsprognosen in Bedr&auml;ngnis ger&auml;t, nicht zuletzt in einem Bundestagswahljahr. K&auml;men Prognosen auf den Tisch, die klar eine Abw&auml;rtsspirale skizzieren, s&auml;hen sich die Prognostiker sofort kritischen Nachfragen von Seiten ihrer Zuwendungsgeber ausgesetzt, auf welche harten Fakten sich solche Vorhersagen denn st&uuml;tzten. Blickt man jedoch einigerma&szlig;en frohgemut in die fernere Zukunft und sieht zumindest am Ende des Prognosezeitraums eine Aufw&auml;rtsbewegung, unterbleiben solche Nachfragen. Das dr&auml;ngt die Prognostiker tendenziell in einen Positiv-Bias.<\/p><p>Nat&uuml;rlich macht man mit Prognosen so gut wie nie eine Punktlandung, trifft oft kaum die Gr&ouml;&szlig;enordnung bei den einzelnen Aggregaten. Aber dass systematisch Prognosemuster zum Zuge kommen, die einen positiven Ausblick geben, stellt den Sinn solcher l&auml;ngerfristigen Vorhersagen nicht nur in Frage, es hat verheerende politische Folgen. Warum sollten sich die verantwortlichen Politiker in einer kritischen Situation wie derzeit Gedanken &uuml;ber eine grundlegende &Auml;nderung der Wirtschaftspolitik machen, wenn fast alle ihnen vorliegenden Prognosen einen Aufschwung f&uuml;r das Jahr 2014 vorhersagen? Das galt auch schon im Vorjahr: Das DIW hatte in seiner Prognose von Anfang 2012 f&uuml;r das Jahr 2013 nat&uuml;rlich auch einen Aufschwung vorhergesagt, was sonst? Es kam sogar genau auf die gleiche Zahl, 2,2 Prozent, wie sie jetzt f&uuml;r das Jahr 2014 wieder angenommen wird.<br>\nVor einem Jahr glaubte das DIW noch an einen von inl&auml;ndischen Ausr&uuml;stungsinvestitionen und einem satten Export&uuml;berschuss getragenen Aufschwung 2013. Es hielt ein Plus bei den Ausr&uuml;stungsinvestitionen von knapp 7 Prozent f&uuml;r m&ouml;glich. Heute geht es von einem R&uuml;ckgang der Investitionen im laufenden Jahr von 1,5 Prozent aus, hofft aber f&uuml;r 2014 auf einen Boom von gut 11 Prozent. Gleichzeitig soll der private Konsum um gut 1 Prozent dieses und 1,5 Prozent n&auml;chstes Jahr zulegen, was zwar im Vergleich zur relativ schwachen Entwicklung der Masseneinkommen eine gewagte Vermutung ist, aber zum prognostizierten Investitionsboom auch wieder nicht recht passen will. Bei der Gr&ouml;&szlig;enordnung des Au&szlig;enbeitrags &ndash; ein Plus von rund 160 Mrd. Euro f&uuml;r 2013 &ndash; hat sich die Einsch&auml;tzung von vor einem Jahr praktisch nicht ge&auml;ndert. F&uuml;r das kommende Jahr h&auml;lt man sogar eine Steigerung des Schuldenbergs des Auslands bei uns auf gut 168 Mrd. Euro f&uuml;r wahrscheinlich. <\/p><p>An diesem Prognosemuster l&auml;sst sich ablesen, woher die &Ouml;konomen ihren Optimismus nehmen: Sie glauben an die Wirksamkeit der sog. Angebotspolitik, einer Denkrichtung, die einen Investitionsboom f&uuml;r m&ouml;glich h&auml;lt auch ohne Untermauerung durch ein solides inl&auml;ndisches Konsumwachstum &ndash; einen Investitionsboom etwa dank gro&szlig;er Exportst&auml;rke, dem wiederum keinerlei Grenzen gesetzt sind, nicht einmal dann, wenn die Verschuldungsf&auml;higkeit und -bereitschaft der Abnehmerl&auml;nder zum Problem Nummer eins der Wirtschaftspolitik aufgestiegen sind.<\/p><p>Nun mag ein weiteres Anwachsen des Schuldenbergs des Auslands bei uns, ja sogar eine Beschleunigung dieses Schuldenwachstums im Bereich des M&ouml;glichen liegen (denn um nichts anderes handelt es sich ja bei zunehmenden deutschen Export&uuml;bersch&uuml;ssen). Schlie&szlig;lich ist die de facto Erholung des deutschen Au&szlig;enbeitrags seit seinem Absturz von rekordverd&auml;chtigen 170 Mrd. Euro (2007) auf 117 Mrd. Euro (2009) auf immerhin schon wieder 152 Mrd. Euro im Jahr 2012 erstaunlich genug. Nur sucht der Leser vergeblich nach  Hinweisen, mit welchen Risiken eine solche sich 2013 und 2014 fortsetzende Entwicklung verbunden ist. Selbst wenn die erneut zunehmende Schuldenlast des Auslands weniger von den S&uuml;deurop&auml;ern und mehr von den Asiaten oder den Amerikanern getragen w&uuml;rde, stellt sie ein Pulverfass dar. Denn in einem solchen Fall k&ouml;nnten die Devisenm&auml;rkte unmittelbar mit einer Aufwertung des Euro reagieren bzw. die Notenbanken der USA, Japans oder Chinas mit expansiver Geldpolitik dagegen halten. Das tr&auml;fe Deutschlands Exportsektor, aber &ndash; viel schlimmer &ndash; tr&auml;fe es auch alle anderen Eurol&auml;nder, die ohnehin samt und sonders in der Rezession stecken und dringend auf Nachfrage aus dem Ausland angewiesen sind. Speist sich der prognostizierte deutsche Export&uuml;berschuss jedoch weiterhin zu erheblichen Teilen aus Defiziten der europ&auml;ischen Handelspartner, l&auml;sst das ebenfalls nichts Gutes ahnen. Denn dann wird dort direkt die Chance auf eine Aufw&auml;rtsbewegung gemindert, was die gesamte Lage weiter destabilisiert. Dann n&auml;hme der politische Druck auf deren Regierungen niemals ab, noch mehr zu sparen, zu reformieren und zu &ldquo;flexibilisieren&rdquo;. In beiden F&auml;llen erh&auml;lt die Abw&auml;rtsspirale in Europa neuen Schwung.<\/p><p>Eine seri&ouml;se Politikberatung m&uuml;sste die Bundesregierung also darauf hinweisen, dass eine solche Entwicklung unseres Au&szlig;enhandels katastrophal w&auml;re, ganz egal, ob sich die Wachstumszahl f&uuml;r 2013 oder 2014 auf diese Weise sch&ouml;n rechnen l&auml;sst. Sie m&uuml;sste von der Wirtschaftspolitik einfordern, einer solchen Entwicklung entgegen zu wirken, und zwar auf zwei Arten: Zum einen durch eine ad&auml;quat expansive Fiskalpolitik, zum anderen durch eine klare St&auml;rkung der Lohnpolitik zugunsten der Arbeitseinkommen, vor allem in den unteren und untersten Lohnbereichen &ndash; das Thema Mindestlohn und fl&auml;chendeckender Tarifvertrag l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en.<\/p><p>Doch f&uuml;r einen solchen Ratschlag m&uuml;sste man alte, selbst aufgebaute und lang verteidigte Bastionen wie Schuldenbremse, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, motivierende Sozialhilfe etc. r&auml;umen, um als Berater glaubw&uuml;rdig auftreten zu k&ouml;nnen. Und das ist wohl zu viel verlangt in einem Wahljahr, in dem sich selbst die Opposition nicht in der Lage sieht, die gr&ouml;bsten wirtschaftspolitischen Fehler ihrer fr&uuml;heren Regierungsjahre einzugestehen und Besserung zu geloben.<\/p><p>Kaum jemand stellt hierzulande die Frage, wie Deutschland wirtschaften will, wenn einmal die Wachstumsbeitr&auml;ge vom Au&szlig;enhandel Jahr f&uuml;r Jahr negativ w&auml;ren (das hie&szlig;e, die Export&uuml;bersch&uuml;sse zun&auml;chst s&auml;nken) und Deutschland schlie&szlig;lich mit Defiziten im Au&szlig;enhandel leben m&uuml;sste (dann erst f&auml;nde ein Abbau der Schulden des Auslands bei uns statt). Ein solcher Gedanke wird einfach durch den Hinweis auf Deutschlands ganz besondere &bdquo;Exportorientierung&ldquo; und &ldquo;traditionelle Exportst&auml;rke&rdquo; weggewischt und permanent positive Beitr&auml;ge vom Au&szlig;enhandel werden zur Normalit&auml;t erkl&auml;rt. Die gesamte internationale Diskussion um globale Ungleichgewichte und die Betroffenheit der Schuldnerl&auml;nder von der von den Gl&auml;ubigerl&auml;ndern verordneten Austerit&auml;tspolitik wird weitgehend ausgeblendet. Doch wehe, jemand k&auml;me auf die Idee, den Freihandel in Frage zu stellen. W&uuml;rden andere L&auml;nder auch nur daran denken, den Handel einzuschr&auml;nken, g&auml;be es in Deutschland ein enormes Zetermordio.<\/p><p>Seit ihrer Gr&uuml;ndung besch&auml;ftigen sich die G 20 &ndash; das sind immerhin die wirtschaftlich gesehen 20 wichtigsten L&auml;nder der Welt und das ist die einzige globale wirtschaftspolitische Diskussion mit politischem Gewicht &ndash; mit keinem Thema so ausf&uuml;hrlich und kritisch wie mit den permanenten Export&uuml;bersch&uuml;ssen einiger weniger gro&szlig;er L&auml;nder dieser Welt. In dem Land, das nach allen Kriterien, die man sich denken kann, derzeit der anerkannt gr&ouml;&szlig;te S&uuml;nder ist, h&auml;lt man es nicht einmal f&uuml;r n&ouml;tig, dar&uuml;ber ein Wort zu verlieren. Das ist nicht nur provinziell, sondern gef&auml;hrlich, weil den deutschen B&uuml;rgern vorgegaukelt wird, dass hierzulande mit Flei&szlig; und K&ouml;nnerschaft alles richtig gemacht wird und nur die anderen nicht zu wirtschaften wissen und lieber die Hand aufhalten,  um an schwer erarbeitete deutsche Steuergelder heranzukommen. Mag dieser selbstgerechte Traum auch noch ein Weilchen anhalten, das Erwachen aus ihm wird mit Sicherheit kommen und sehr bitter sein.<br>\nDenn wir werden es erleben, dass der Rest der Welt und insbesondere die L&auml;nder im Euroraum nicht mehr bereit sein werden, eigene neue Verschuldung hinzunehmen, nur weil Deutschland kein weltwirtschaftsvertr&auml;gliches Wirtschaftsmodell findet, bei dem die Binnennachfrage so stark w&auml;chst, dass trotz negativer Beitr&auml;ge vom Au&szlig;enhandel eine befriedigende gesamtwirtschaftliche Entwicklung m&ouml;glich ist. Schon jetzt gibt es erste Versuche kompetitiver Abwertungen gegen&uuml;ber dem Euro, und diese Entwicklung wird sich verst&auml;rken. Selbst wenn darunter zuerst wieder die Krisenstaaten in Europa leiden, wird sich auch hier Deutschland l&auml;ngerfristig der Rechnung f&uuml;r seinen Exportwahn nicht entziehen k&ouml;nnen.<\/p><p>Solche Prognosen wie die des DIW oder des Sachverst&auml;ndigenrates sind politisch nat&uuml;rlich hochwillkommen. Unter dem Deckm&auml;ntelchen der Wissenschaft und scheinbar objektiver Bem&uuml;hungen, die unsichere Zukunft zu deuten, wird hier vor allem Politik gemacht. Gesellschaftlich bedeuten sie eine massive Gefahr, weil sie systematisch von den gro&szlig;en Themen ablenken und der Politik die M&ouml;glichkeit geben, diesen Themen auszuweichen und Partialinteressen nachzugehen, bis der Krug schlie&szlig;lich bricht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muss man eine rosige Zukunft prognostizieren, um ein guter &Ouml;konom zu sein?<br \/> Die Jahreswende ist die Zeit, in der Ausblicke auf das vor uns liegende Jahr gegeben und gute Vors&auml;tze gefasst werden, auf dass alles besser werde. Doch mit den guten Vors&auml;tzen ist das so eine Sache. 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