{"id":15959,"date":"2013-01-24T16:33:10","date_gmt":"2013-01-24T15:33:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15959"},"modified":"2026-02-02T16:05:12","modified_gmt":"2026-02-02T15:05:12","slug":"eurokrise-der-fall-italien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15959","title":{"rendered":"Eurokrise: Der Fall Italien"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir haben das Patentrezept&ldquo; lautete vor vielen Jahren der Wahlslogan einer obskuren deutschen Splitterpartei im Bundestagswahlkampf. Die Partei ist obskur geblieben, ihr Slogan hat Karriere gemacht. Er prangt &uuml;ber der Wirtschaftspolitik der Eurozone.&nbsp;Das Patentrezept lautet Wettbewerbsf&auml;higkeit durch Lohnk&uuml;rzung. Es verdankt sich der ph&auml;nomenal neuen Erkenntnis der Eurokraten, dass dem einzelnen Mitgliedsstaat innerhalb einer W&auml;hrungsunion das Mittel der Abwertung der eigenen W&auml;hrung als gesamtwirtschaftliches Instrument zum Ausgleich von Wettbewerbsnachteilen nicht mehr zur Verf&uuml;gung steht. Ersatz muss her in Form der generalisierten &bdquo;inneren Abwertung&ldquo; auf betrieblicher Ebene, sprich Lohnk&uuml;rzung.&nbsp;Ein Gastartikel von <strong>Erik Jochem<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZiel der Ma&szlig;nahme ist der Abbau der Handelsbilanzungleichgewichte durch verbesserte Exportf&auml;higkeit innerhalb der Eurozone. Entstanden sind die Ungleichgewichte durch den unterschiedlichen Umgang der Teilnehmerstaaten der Eurozone mit den jeweils unterschiedlichen Produktivit&auml;tsfortschritten ihrer Volkswirtschaften. W&auml;hrend Deutschland als&nbsp;eines der L&auml;nder mit dem st&auml;rksten Produktivit&auml;tszuwachs diese Position durch Stagnation der L&ouml;hne mindestens seit Einf&uuml;hrung des Euro vollst&auml;ndig in die Wettbewerbswaagschale warf, neutralisierte Frankreich die eigenen Produktivit&auml;tszuw&auml;chse durch entsprechende Beteiligung der Arbeitnehmer und konterkarierte der wesentliche Rest der Eurozone die eigene Produktivit&auml;tsentwicklung durch &uuml;berproportionale Lohnzuw&auml;chse. &nbsp;<\/p><p>Was in einem &bdquo;Betrieb&ldquo;, n&auml;mlich Deutschland, klappt, das klappt auch in allen anderen, dachten sich die  Eurokraten und&nbsp;geboren war das Patentrezept. Praktisch alle gr&ouml;&szlig;eren Volkswirtschaften in Europa sollen nun mit einer gro&szlig;en Rolle r&uuml;ckw&auml;rts mindestens die Lohnverh&auml;ltnisse wieder herstellen, die zu Beginn der Eurozone herrschten, um ihrerseits ihre jeweils erzielten Produktivit&auml;tsfortschritte quasi nachtr&auml;glich in die Waagschale zu werfen. &nbsp;<\/p><p>Wir wollen uns hier nicht lange mit der Frage aufhalten, was eine gleichzeitige interne Abwertung f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit einer Gruppe von Staaten untereinander bewirkt. Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn man sie mit der Situation vergleicht, dass zwei Staaten mit unterschiedlicher W&auml;hrung jeweils gegenseitig die eigene W&auml;hrung im Verh&auml;ltnis zur anderen abwerten. (Tats&auml;chlich gehen in Spanien und Italien die Handelsbilanzdefizite ganz &uuml;berwiegend nicht durch Exportsteigerungen, sondern durch Importsenkungen infolge einbrechender Wirtschaftskraft zur&uuml;ck).&nbsp;<\/p><p>Systematisch viel bedeutungsvoller f&uuml;r die &Uuml;berlebensf&auml;higkeit der Eurozone in der heutigen Form ist die Frage, ob der Weg der Lohnk&uuml;rzung tats&auml;chlich das&nbsp;Mittel&nbsp;der Wahl sein kann,&nbsp;um mit der unterschiedlichen Produktivit&auml;tsentwicklung&nbsp;in den zu einer W&auml;hrungsunion verbundenen Volkswirtschaften umzugehen.&nbsp;<\/p><p>Zu Beantwortung dieser Frage m&uuml;ssen wir uns vor Augen halten, dass selbst bei einem dauerhaften Einfrieren des Lohnniveaus, wie es zu Beginn der Eurozone herrschte, die gegenseitige Wettbewerbsf&auml;higkeit der beteiligten Volkswirtschaften&nbsp;&ndash; unterschiedliche Entwicklung ihrer Produktivit&auml;t&nbsp;vorausgesetzt &ndash; weiter kontinuierlich auseinander driftet.&nbsp;<\/p><p>Paradebeispiel hierf&uuml;r sind Deutschland und Italien. W&auml;hrend&nbsp;in Deutschland die&nbsp;in Arbeitsstunden ausgedr&uuml;ckte Produktivit&auml;t&nbsp;von 2002 bis 2010&nbsp;absolut um&nbsp;etwa 4 &euro;\/Std.&nbsp;stieg, verharrte sie in Italien durchgehend auf dem schon anf&auml;nglich um 5 &euro;\/Std. darunter liegenden Niveau, was fast einer Verdoppelung des deutschen Produktivit&auml;tsvorsprungs in diesem Zeitraum entspricht [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>].<\/p><p>Dies bedeutet bei Anwendung des europ&auml;ischen Patentrezepts, dass es f&uuml;r Italien zum Ausgleich dieser Entwicklung bei weitem nicht ausreichen w&uuml;rde, die seit Beginn der Eurozone dort stattgefundenen Lohnerh&ouml;hungen zur&uuml;ckzuschrauben, weil die&nbsp;in diesem Zeitraum erfolgte Auseinanderentwicklung der volkswirtschaftlichen Produktivit&auml;t dabei vollkommen unangetastet bliebe: Italien gleicht damit allenfalls den durch die erfolgten Lohnerh&ouml;hungen im Verh&auml;ltnis zum abstinenten Deutschland noch einmal zus&auml;tzlich eingetretenen Wettbewerbsnachteil aus. Obwohl Italien in Europa bereits zu den L&auml;ndern mit der niedrigsten Durchschnittslohn&nbsp;pro Kopf und pro Stunde (u.a. auf Grund deutlich l&auml;ngerer Arbeitszeiten) geh&ouml;rt [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], m&uuml;sste Italien  also zur Neutralisierung der Produktivit&auml;tsentwicklung in Deutschland sein Lohnniveau&nbsp;noch weitaus&nbsp;drastischer senken, als es der Entwicklung seiner L&ouml;hne seit Einf&uuml;hrung des Euro entspricht. Bleibt es im &uuml;brigen &ndash; wovon bis auf weiteres auszugehen ist &ndash; auch in Zukunft bei der Stagnation der italienischen Produktivit&auml;tsentwicklung und dem Zuwachs an deutscher Produktivit&auml;t f&uuml;hrt die Anwendung des europ&auml;ischen Patentrezepts dazu, dass &bdquo;Produktivit&auml;tsfortschritt&ldquo; in Italien nicht durch technischen Fortschritt, sondern nur durch immer weitere Lohnsenkungen bis zum bitteren Ende erzielt werden k&ouml;nnte.&nbsp;<\/p><p>Es ist also keine Frage, dass die Anwendung des Patentrezepts insbesondere f&uuml;r Italien von Beginn an ruin&ouml;se Folgen h&auml;tte. Das gleiche gilt aber im Prinzip f&uuml;r alle Volkswirtschaften innerhalb des Euro, deren Produktivit&auml;tsentwicklung weniger dynamisch als in Deutschland verl&auml;uft.&nbsp;<\/p><p>Die Anwendung des Patentrezepts der Eurokraten f&uuml;hrt mithin dazu, dass der deutsche Riese, je&nbsp;relativ st&auml;rker er wird, umso mehr zum Niedergang der anderen Volkswirtschaften beitr&auml;gt (Asymmetrie der Wirtschaftsentwicklung). <\/p><p>Die W&auml;hrungsunion&nbsp;insbesondere mit Italien kann daher nur Bestand haben, wenn&nbsp;die Dynamik der Produktivit&auml;tsentwicklung in Deutschland nicht durch fortgesetzte systematische Lohnsenkungen (&bdquo;innere Abwertung&ldquo;) in&nbsp;Italien und den weniger dynamischen Volkswirtschaften, sondern&nbsp;durch systematische&nbsp;(auch nachholende) Lohnerh&ouml;hungen (&bdquo;innere Aufwertung&ldquo;) in Deutschland wettbewerbswirksam neutralisiert werden. Hierdurch k&ouml;nnte&nbsp;sich Deutschland&nbsp;nebenbei zur europ&auml;ischen Konjunkturlokomotive&nbsp;entwickeln, die es entgegen anderslautender Ger&uuml;chte&nbsp;nie war. Kann sich Deutschland mit Blick auf andere Exportm&auml;rkte zu einem solchen Schritt nicht entschlie&szlig;en,&nbsp;bleibt Italien, das&nbsp;schon vor Eintritt in die W&auml;hrungsunion auf eine lange Tradition von Abwertungen der Lira gegen&uuml;ber der D-Mark zur&uuml;ckblicken kann, &uuml;ber kurz oder lang kein anderer Weg als der Austritt aus dem Euro. Tats&auml;chlich besteht in Italien ganz anders als in Deutschland&nbsp;ein waches Bewusstsein daf&uuml;r, mit&nbsp;Einf&uuml;hrung des Euro im Hinblick auf die W&auml;hrung kein souver&auml;ner Staat mehr zu sein [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>].&nbsp;&nbsp;<\/p><p>Italien bleibt so oder so das Problem einer auch schon vor 2002 stagnierenden Produktivit&auml;tsentwicklung, f&uuml;r das auch noch so tiefe Lohneinschnitte keine L&ouml;sung bieten [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]. Sinnbild hierf&uuml;r ist die jahrzehntelange Faszination des Landes f&uuml;r den hemds&auml;rmeligen Kleinb&uuml;rger und Selfmademan Berlusconi, der sein Millionenverm&ouml;gen nicht&nbsp;Innovationsf&auml;higkeit, sondern seiner pers&ouml;nlichen Schlitzohrigkeit und&nbsp;seiner mindestens ans Kriminelle grenzenden Flexibilit&auml;t im Umgang mit Gesetzen verdankt. Gefragt ist also nichts weniger als ein Wandel im kulturellen Selbstverst&auml;ndnis der Italiener und die entsprechende &ouml;ffentliche F&ouml;rderung und Begleitung moderner Bildungs- und Wirtschaftsstrukturen &ndash; eine Generationenaufgabe, deren etwaige L&ouml;sung aber f&uuml;r den Erhalt der W&auml;hrungsunion zu derzeitigen deutschen Bedingungen zu sp&auml;t kommt. Ob Italien&nbsp;diese Mammutaufgabe unter einer m&ouml;glicherweise gew&auml;hlten Regierung Monti&nbsp;zumindest erkennt und angeht, darf&nbsp;zudem bezweifelt werden.&nbsp;Montis Bereitschaft, auf Kosten der heimischen Wirtschaft f&uuml;r einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu sorgen, ist unbestritten.&nbsp;Ein Zeichen f&uuml;r wirtschaftspolitische Kompetenz ist sie nicht.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"http:\/\/keynesblog.com\/2012\/02\/27\/italia-paese-dai-bassi-salari-una-lettura-ragionata\/\">keynesblog.com<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] vgl. Fu&szlig;note 1<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] vgl. etwa: Sergio Levrero: Un passo indietro? L&rsquo;euro e la crisi del debito in: <a href=\"http:\/\/temi.repubblica.it\/micromega-online\/oltre-lausterita-un-ebook-gratuito-per-capire-la-crisi\/\">temi.repubblica.it<\/a>, S. 195, Fu&szlig;note 4<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.linkiesta.it\/blogs\/keynes-blog\/flessibilita-e-riduzione-dei-salari-non-faranno-crescere-la-produttivita\">www.linkiesta.it<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir haben das Patentrezept&ldquo; lautete vor vielen Jahren der Wahlslogan einer obskuren deutschen Splitterpartei im Bundestagswahlkampf. Die Partei ist obskur geblieben, ihr Slogan hat Karriere gemacht. Er prangt &uuml;ber der Wirtschaftspolitik der Eurozone.&nbsp;Das Patentrezept lautet Wettbewerbsf&auml;higkeit durch Lohnk&uuml;rzung. 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