{"id":16004,"date":"2013-01-30T08:26:46","date_gmt":"2013-01-30T07:26:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16004"},"modified":"2015-06-23T15:43:13","modified_gmt":"2015-06-23T13:43:13","slug":"rezension-michael-j-sandel-was-man-fur-geld-nicht-kaufen-kann-die-moralischen-grenzen-des-marktes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16004","title":{"rendered":"Rezension: Michael J. Sandel, &#8220;Was man f\u00fcr Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Wer Fairness verh&ouml;hnt, wird seines Lebens nicht froh.<br>\nVon <strong>Marianne B&auml;umler<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16004#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nMichael Sandel hat beharrlich schon etliche Debatten &uuml;ber Gerechtigkeit angezettelt in &uuml;berf&uuml;llten amerikanischen H&ouml;rs&auml;len, die nach wie vor auch online in alle m&ouml;glichen Universit&auml;ten der Welt &uuml;bertragen werden, und also eine &Ouml;ffentlichkeit herstellen, die beachtlich ist. Der Philosophieprofessor &ndash; Jahrgang 1953 &ndash; begibt sich seit Jahren auf ein Terrain, das modern sein wollende Wissenschaftler gerne als altmodisch moralisches Gerede abtun m&ouml;gen. Allerdings sprechen die neugierigen Reaktionen der interessierten Studenten auf die ernsthaften Argumente &uuml;ber die ethischen Grenzen kapitalistischer M&auml;rkte eine andere Sprache. In unseren nicht nur &ouml;konomisch krisenhaften Zeiten, da politische Un&uuml;bersichtlichkeit global mit der zunehmenden Schr&auml;glage von &Uuml;berfluss und Armut einhergeht, w&auml;chst der Wunsch nach Orientierung auch in den wohlhabenden Gegenden unserer Welt. <\/p><p>Auch Michael Sandel treibt die Frage um, wie die Verantwortlichkeit schwindet im s&uuml;&szlig;en Brei des elektronischen Fortschritts. Kritisch analysiert er unsere &ldquo;Lebensweise, in der das Wertesystem des Marktes in alle Aspekte menschlicher Bem&uuml;hung eingesickert ist, alle sozialen Beziehungen marktf&ouml;rmig geworden sind &ndash; Gesundheit, Ausbildung, Familienleben, Natur, Kunst, B&uuml;rgerpflichten.&ldquo; <\/p><p>Dabei f&uuml;hrt Sandel allt&auml;gliche Beispiele ins Feld, deren zerst&ouml;rerische Dynamik auf den ersten Blick vielleicht noch gar nicht erkennbar ist: In den USA z.B. gibt es f&uuml;r alle privilegierten B&uuml;rger, also jene, die es sich leisten k&ouml;nnen, M&ouml;glichkeiten, Warteschlangen zu umgehen. Ob f&uuml;r die Zuteilung von Campingstellpl&auml;tzen im Nationalpark, eine Erlaubnis, auf Autobahnen die &Uuml;berholspur zum schnelleren Ankommen zu ben&uuml;tzen, oder beim Arzt schneller dran zu kommen &ndash; denn, wer wartet schon gerne!  Aber f&uuml;r gewisse Geb&uuml;hren k&ouml;nnen Reiche das Prinzip &bdquo;Jeder der Reihe nach&ldquo; locker umgehen, und die Armen bleiben auf der Strecke, da ihnen das n&ouml;tige Geld f&uuml;r solche &Uuml;berholmethoden n&auml;mlich fehlt. &bdquo;Einige reiche Autofahrer sehen Bu&szlig;gelder f&uuml;r zu schnelles Fahren als Preis, den sie daf&uuml;r bezahlen, die Geschwindigkeitsbegrenzung &uuml;bertreten zu d&uuml;rfen.&ldquo; Dieses &bdquo;Vordr&auml;ngeln gegen Bezahlung l&auml;uft dem Gebot der Fairness zuwider.&ldquo; <\/p><p>Immerhin gibt es auch Lichtblicke f&uuml;r die Erreichung von gerechterem Sozialverhalten: &bdquo;In Finnland geht man gegen diese Haltung (und den entsprechenden Fahrstil) hart vor: Man koppelt das Bu&szlig;geld wegen &uuml;berh&ouml;hter Geschwindigkeit an das Einkommen des Misset&auml;ters. 2002 hatte eine F&uuml;hrungskraft von Nokia 116 000 &euro;  zu bezahlen, als er mit seiner Harley-Davidson zu schnell durch Helsinki gebrettert war.&ldquo; Allerdings ist die g&auml;ngige Haltung besonders in Amerika eine andere, der Ehrgeiz zu cooler Effizienz weniger von Skrupeln getr&uuml;bt. Der &bdquo;american way of life&ldquo; besagt ja &bdquo;Freie Bahn dem T&uuml;chtigen&ldquo;, ignoriert also die strukturell ungleichen Voraussetzungen im Hinblick auf die &ouml;konomischen Chancen der Individuen. Vielmehr gilt nur die Ideologie: wer eine Ware oder einen Zugang zu Annehmlichkeiten besonders sch&auml;tzt, muss eben mehr daf&uuml;r zahlen, und habe dann den legitimen  Anspruch, diese G&uuml;ter zu erlangen: &bdquo;Man zahlt extra f&uuml;r schnelleren Service&ldquo;. <\/p><p>Parallel zu der Beobachtung, dass die Fairness zunehmend verkommt, stellt Michael Sandel jedoch ein weiteres Merkmal &bdquo;triumphierender Gesch&auml;ftst&uuml;chtigkeit&ldquo; in den Mittelpunkt: auch in die privatesten Bereiche rage die &bdquo;Korruption&ldquo;: Sandel erl&auml;utert den  korrumpierenden Aspekt eines Deals am Beispiel k&auml;uflicher Transplantate aus der Dritten Welt: Sollten Nieren &uuml;berhaupt gehandelt werden d&uuml;rfen, wenn solche M&auml;rkte &bdquo;die Armen ausbeuten, deren Entscheidung, eine Niere zu verkaufen nicht wirklich freiwillig erfolgte (das Argument der Fairness).Zudem f&ouml;rdern  solche M&auml;rkte eine herabsetzende Sicht des Menschen als Ersatzteillager (das Argument der Korruption)&ldquo;<\/p><p>Micheal Sandel konstatiert den schleichenden Zerfall von Unrechtsbewusstsein als Ergebnis von globaler Beschleunigung. Die Fixierung auf den Profit durch die &bdquo;Handelsware&ldquo; Mensch zerst&ouml;rt quasi wie eine &bdquo;Zweite Natur&ldquo; (Karl Marx) die Anteilnahme am Schicksal &bdquo;der da Unten&ldquo;, sie scheinen  &bdquo;unbetrauerbar&ldquo; zu sein, wie es neulich die Adorno-Preistr&auml;gerin Judith Butler ausdr&uuml;ckte. Geldm&auml;chtige Leute mit im Wortsinn &bdquo;exklusivem Zugang&ldquo; zu G&uuml;tern und Service interessiere vorrangig die &bdquo;Nutzenmaximierung&ldquo;, entwerte den sozialen Zusammenhalt zum zynischen Motto &bdquo;Zeit ist Geld.&ldquo; <\/p><p>In diesem gut recherchierten Buch lassen sich etliche emp&ouml;rende Beispiele von K&auml;uflichkeit finden: Umweltverschmutzungs-Zertifikate, die es gestatten, per Honorar weiter die Natur zu verpesten, Leihm&uuml;tter, die unter gro&szlig;en seelischen Schmerzen die von ihnen neun Monate ausgetragenen Babys dann wieder hergeben m&uuml;ssen, arme Leute, die sogar K&ouml;rperregionen als Werbetr&auml;ger gegen Geld t&auml;towieren lassen, etc.  Alles Symptome einer Gesellschaft, die sich spalte: &bdquo;In einer Zeit zunehmender Ungleichheit l&auml;uft die allumfassende Kommerzialisierung des Lebens darauf hinaus, dass Arme und Reiche zunehmend getrennte Leben f&uuml;hren.&ldquo; <\/p><p>Was also tun?  Michael Sandel pl&auml;diert nachdr&uuml;cklich daf&uuml;r, gemeinsam zu handeln, und &ouml;ffentlich zu benennen, was schief l&auml;uft und warum. Von seinen Studenten und von seinen Lesern erwartet er, dass sie ihre Erkenntnis in zivilgesellschaftliches Engagement umsetzen. Sandel liefert keine Rezepte, aber es ist ihm wesentlich, dem Empathie-Verlust weltweites Engagement entgegen zu  stellen: &bdquo;Sobald wir erkennen, dass M&auml;rkte und Kommerz den Charakter der von ihnen erfassten G&uuml;ter ver&auml;ndern, m&uuml;ssen wir uns fragen, wo M&auml;rkte &uuml;berhaupt hingeh&ouml;ren &ndash; und wo nicht. Diese Fragen bleiben nicht unentschieden, wenn wir davor zur&uuml;ckschrecken, bewirken wir einfach, dass die M&auml;rkte sie f&uuml;r uns entscheiden.&ldquo; <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Bibliografische Angaben:&rdquo;Was man f&uuml;r Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes&rdquo;<br>\nvon Michael J. Sandel<br>\n&Uuml;bersetzung aus dem Amerikanischen: Helmut Reuter<br>\nUllstein Verlag &nbsp; 19,99 Euro <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.aixpaix.de\/autoren\/baeumler\/baeumler.html\">Marianne B&auml;umler<\/a> ist Journalistin und arbeitet f&uuml;r verschiedene Printmedien und H&ouml;rfunksender. Sie hat Drehb&uuml;cher f&uuml;r mehrere Fernsehfeatures geschrieben und Regie gef&uuml;hrt. Sie ist u.a. Autorin des Buches &bdquo;Die aufger&auml;umte Wirklichkeit des Erich K&auml;stner&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Siehe zu Michael Sandel auf den NachDenkSeiten auch:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14870#h07\">What Money Can&rsquo;t Buy &ndash; The Moral Limits of Markets<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14963#h02\">Was man f&uuml;r Geld nicht kaufen kann<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15736#h06\">Die moralischen Grenzen der M&auml;rkte<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15091#h02\">Ist alles k&auml;uflich? Die Grenzen des Marktes<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Fairness verh&ouml;hnt, wird seines Lebens nicht froh.<br \/> Von <strong>Marianne B&auml;umler<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16004#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,146,161],"tags":[373],"class_list":["post-16004","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-soziale-gerechtigkeit","category-wertedebatte","tag-oekonomisierung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16004","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16004"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16004\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16009,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16004\/revisions\/16009"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16004"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}