{"id":16015,"date":"2013-01-30T16:35:23","date_gmt":"2013-01-30T15:35:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16015"},"modified":"2019-01-30T10:50:11","modified_gmt":"2019-01-30T09:50:11","slug":"psychopathen-ohne-hitlerbart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16015","title":{"rendered":"Psychopathen ohne Hitlerbart"},"content":{"rendered":"<p>Bei aller Pflicht zur historisch genauen Erinnerung an die Bedingungen der M&ouml;glichkeit der sogenannten &bdquo;Machtergreifung&ldquo; und zur Beantwortung der Frage: &bdquo;Wie war das eigentlich?&ldquo; (Max von der Gr&uuml;n) darf man sich nicht den Blick auf Gefahren der Gegenwart verstellen. Adorno hat auf die vernebelnden Tendenzen der ber&uuml;hmten &bdquo;Aufarbeitung der Vergangenheit&ldquo; bereits fr&uuml;h hingewiesen, indem er eingangs seines gleichnamigen Vortrags aus dem Jahre 1959 sagte: &bdquo;Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus <strong>in<\/strong> der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen <strong>gegen<\/strong> die Demokratie.&ldquo; Man ruft mit Blick auf Hitler: &bdquo;Haltet den Dieb!&ldquo; &ndash; und l&auml;sst die heutigen Diebe entkommen. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nHeute vor 80 Jahren kam die &bdquo;Kanalratte&ldquo; an die Macht, von der Alfred Andersch in seinem autobiographischen Bericht <em>&bdquo;Kirschen der Freiheit&ldquo;<\/em> spricht. Er erinnert sich an einen 9. November Mitte der 1930er Jahre in M&uuml;nchen. Hitler fuhr, vom Haus seines Blutordens kommend, in einer Wagenkolonne  in Richtung Odeonsplatz. &bdquo;Die Mauer aus Menschen stand entlang seinem Wege, die Rufe pflanzten sich fort, und als ich sein wei&szlig;liches, schwammiges Gesicht sah, mit dem schwarzen Haarstriemen in der Stirne, mit dem feigen, l&auml;chelnden Betr&uuml;ger-Ausdruck, das Gesicht einer bleichen, abgewetzten Kanalratte, da &ouml;ffnete auch ich meinen Mund und schrie: &sbquo;Heil!&lsquo;. Und als die Menge sich zerstreute und ich wieder ins Freie trat, in freien Raum um mich, da dachte ich damals, wie ich es heute denke: Du hast einer Kanalratte zugejubelt.&ldquo; <\/p><p>Bei aller Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit und des Kampfes gegen die Neonazis d&uuml;rfen wir nicht &uuml;bersehen, dass Demokratie und Rechtsstaat gegenw&auml;rtig von anderen Kr&auml;ften und Tendenzen bedroht werden. Die Gefahr geht von &bdquo;Psychopathen ohne Hitlerbart&ldquo; aus, von denen uns Rainald Goetz in seinem neuen Roman in Gestalt der Titelfigur <em>&bdquo;Johann Holtrop&ldquo;<\/em> ein Exemplar vorf&uuml;hrt. <\/p><p>Peter Br&uuml;ckner und Johannes Agnoli haben Adornos Hinweis in ihrem Buch <em>&bdquo;Die Transformation der Demokratie&ldquo;<\/em> aufgegriffen und vorgeschlagen, von einer &bdquo;Involution der Demokratie&ldquo; zu sprechen. Involution bildet den Gegenbegriff zu Evolution und bezeichnet in der politischen Sprache den komplexen politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Prozess der R&uuml;ckbildung demokratischer Staaten in vor- oder antidemokratische Formen der Herrschaftsaus&uuml;bung. In den parlamentarisch regierten L&auml;ndern wird die Involution dadurch gekennzeichnet, dass sie sich nicht gegen die geltenden Verfassungsnormen und &ndash;formen durchsetzen will, sondern sich ihrer zu bedienen sucht. Um die Demokratie zu transformieren, wird die Funktion der traditionellen Institute ver&auml;ndert und werden die Gewichte innerhalb der traditionellen Strukturen verlagert. <\/p><p>Das von Anfang an spannungsvolle und konflikttr&auml;chtige Verh&auml;ltnis zwischen Kapitalismus und Demokratie wird dadurch zu entspannen versucht, dass man die Substanz der Demokratie aush&ouml;hlt und den wirtschaftlichen Imperativen opfert. Die Idee, dass eine demokratisch verfasste Gesellschaft mit einem ihrer Teile reflexiv auf sich als ganze einwirken kann, ist bisher nur im Geh&auml;use des Nationalstaats zum Zuge gekommen. Diese Konstellation wird inzwischen durch Entwicklungen in Frage gestellt, die unter dem Namen Globalisierung verhandelt werden. Die l&auml;hmende Aussicht, dass sich die nationale Politik in Zukunft auf das mehr oder weniger intelligente Management einer erzwungenen Anpassung an Imperative der &bdquo;Standortsicherung&ldquo; und der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; reduziert, entzieht den politischen Auseinandersetzungen den Rest an Substanz. Nationale Politik droht, wie Oskar Negt gesagt hat, in die &bdquo;Ohnmacht einer Institution zu geraten, die &uuml;ber das Wetter herrscht.&ldquo; Das ist eine Facette der &bdquo;Involution der Demokratie&ldquo; und der Herausbildung einer nachdemokratischen Herrschaftsmethode: Politik verkommt zur diskussions- und scheinbar alternativlosen Anpassung an vermeintlich unausweichliche systemische Imperative der Finanzm&auml;rkte. <\/p><p>Unter Verweis auf die von den M&auml;rkten ausgehenden &bdquo;Sachzw&auml;nge&ldquo; wird von gewissen Leuten die Demokratie mehr und mehr als dysfunktional empfunden. Sie lieb&auml;ugeln mit einer nachdemokratischen Methode der Herrschaft, in der dem Staat mit neuen Aufgaben auch neue Befugnisse zuwachsen. So erwog man in Berlin, in &ouml;konomischen Notsituationen das Parlament auf neun Leute schrumpfen zu lassen. Milliardenschwere Notprogramme sollten von nur neun zur Geheimhaltung verpflichteten  &bdquo;Eingeweihten&ldquo; abgesegnet werden d&uuml;rfen! Das finanzpolitische Krisenmanagement verlange schlanke und effiziente Entscheidungsstrukturen und das demokratisch-parlamentarische Procedere sei einfach zu schwerf&auml;llig und langwierig. Angela Merkel lie&szlig; als Begr&uuml;ndung f&uuml;r das neunk&ouml;pfige &bdquo;Notparlament&ldquo; verlauten: &ldquo;Wir leben ja in einer Demokratie und das ist eine parlamentarische Demokratie und deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments und insofern werden wir Wege finden, wie die parlamentarische Mitbestimmung so gestaltet wird, dass sie trotzdem auch marktkonform ist.&rdquo;<\/p><p>Statt den Markt demokratisch einzuhegen und zu begrenzen, soll die Demokratie marktkonform beschnitten werden. Wenn zwischen Markt und demokratischen Prinzipien ein Widerspruch existiert, sollte er zugunsten der Demokratie und zu Lasten des Marktes gel&ouml;st werden. Angesichts der sich st&auml;ndig weiter &ouml;ffnenden Schere zwischen arm und reich und der fortschreitenden Verelendung der unteren Einkommensschichten, muss die Frage gestellt werden, ob die durch die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; erzeugte Ungleichheit noch mit einer demokratischen Gesellschaftsordnung in Einklang zu bringen ist, ob der &bdquo;Preis der Ungleichheit&ldquo; (Joseph Stiglitz) nicht zu hoch ist  und ob diese nicht nach einer anderen Produktionsweise und anderen Formen der Vergesellschaftung verlangt. &Uuml;ber lange Strecken der Durchsetzungsgeschichte der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft war die Demokratie die dem Geldverdienen g&uuml;nstigste Staatsform. Nun, da das Geld gewisserma&szlig;en tobs&uuml;chtig geworden ist und die entfesselten Finanzstr&ouml;me um den Erdball jagen, soll die Demokratie den Funktionsimperativen der Finanzm&auml;rkte geopfert werden. &bdquo;Wollen wir &ouml;konomisch, sozial, &ouml;kologisch und ethisch &uuml;berleben, brauchen wir demokratiekonforme M&auml;rkte&ldquo;, widerspricht Ingo Schulze in seiner Streitschrift <em>&bdquo;Unsere sch&ouml;nen neuen Kleider&ldquo;<\/em>. (M&uuml;nchen 2012) <\/p><p>Herbert Marcuse pflegte, wenn man ihm mit sogenannten <em>Tatsachen<\/em> kam, die seinen Theorien widerspr&auml;chen und der Verwirklichung seiner und unserer Ideen entgegenst&uuml;nden, zu sagen: &ldquo;Umso schlimmer f&uuml;r die Tatsachen!&rdquo; Dieser rebellische Gestus st&uuml;nde uns angesichts der &Uuml;bermacht angeblich alternativloser Sachzw&auml;nge gut zu Gesicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei aller Pflicht zur historisch genauen Erinnerung an die Bedingungen der M&ouml;glichkeit der sogenannten &bdquo;Machtergreifung&ldquo; und zur Beantwortung der Frage: &bdquo;Wie war das eigentlich?&ldquo; (Max von der Gr&uuml;n) darf man sich nicht den Blick auf Gefahren der Gegenwart verstellen. Adorno hat auf die vernebelnden Tendenzen der ber&uuml;hmten &bdquo;Aufarbeitung der Vergangenheit&ldquo; bereits fr&uuml;h hingewiesen, indem er<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16015\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[203,125,132],"tags":[1185],"class_list":["post-16015","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-postdemokratie","category-rechte-gefahr","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-marktkonforme-demokratie"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16015","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16015"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16015\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48850,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16015\/revisions\/48850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16015"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16015"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16015"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}