{"id":16031,"date":"2013-01-31T19:31:45","date_gmt":"2013-01-31T18:31:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16031"},"modified":"2015-06-23T15:47:30","modified_gmt":"2015-06-23T13:47:30","slug":"island-siegt-im-icesave-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16031","title":{"rendered":"Island siegt im \u201eIcesave-Prozess\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein &uuml;beraus wichtiger Sieg, den der Staat Island an diesem Montag vor dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/EFTA-Gerichtshof\">EFTA-Gerichtshof<\/a> erzielt hat. Grob verk&uuml;rzt bedeutet das <a href=\"http:\/\/www.eftacourt.int\/images\/uploads\/16_11_Judgment.pdf\">Urteil [PDF &ndash; 130 KB]<\/a>, dass Island bei seinem Weg, die Bev&ouml;lkerung, und nicht die Banken, zu retten, nicht nur alles richtig gemacht hat, sondern dass der &bdquo;isl&auml;ndische Weg&ldquo; auch mit EU-Recht konform geht. Von den deutschen Medien wurde das Urteil weitestgehend ignoriert, nur der S&uuml;ddeutschen war dieses wichtige Ereignis eine <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/z5G38H\/1111352\/Island-musste-nicht-entschaedigen.html\">Randnotiz<\/a> wert. Daf&uuml;r findet das Thema jedoch gro&szlig;en Zuspruch in den <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/autoren\/mopperkopp\/island-durfte-banken-absaufen-lassen\">Blogs<\/a> und sozialen Netzwerken &ndash; leider wird dabei jedoch meist ein unzutreffendes Schwarz-Wei&szlig;-Bild gezeichnet. Zeit, dieses wichtige Urteil einmal differenziert zu analysieren. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nZur Vorgeschichte siehe: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13760\">Jens Berger: Island &ndash; ein Fanal der Hoffnung in Zeiten der Krise<\/a><\/p><p>Zun&auml;chst einmal kurz zum Hintergrund des EFTA-Prozesses: Im Vorfeld der Finanzkrise bot die private isl&auml;ndische Landesbanki &uuml;ber ihren Internetableger Icesave auch Kunden in Gro&szlig;britannien und den Niederlanden &auml;u&szlig;erst gro&szlig;z&uuml;gig verzinste Sparkonten an. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des isl&auml;ndischen Finanzsystems hatten britische und niederl&auml;ndische Kunden insgesamt Einlagen im Wert von 8,5 Mrd. US$ bei der Icesave. Diese Einlagen waren &uuml;ber die isl&auml;ndische Einlagensicherung mit bis zu maximal 20.000 Euro pro Anleger abgesichert. Im Oktober 2008 kollabierte das gesamte Bankensystem der Atlantikinsel, der staatliche Einlagensicherungsfonds erwies sich &ndash; was wenig &uuml;berraschend war &ndash; als dramatisch unterfinanziert. W&auml;hrend Gro&szlig;britannien die Icesave-Aktiva im eigenen Lande unter Gebrauch der Anti-Terrorismus-Gesetze konfiszierte, erkl&auml;rte Island, dass der Einlagensicherungsfonds ausl&auml;ndische Sparer nicht entsch&auml;digen kann. W&auml;hrend Island die Landesbanki abwickelte, gingen Gro&szlig;britannien und die Niederlande in Vorleistung und entsch&auml;digten selbst ihre Landsleute, die Einlagen bei Icesave hatten. Dabei gingen sie jedoch weit &uuml;ber die Garantie des isl&auml;ndischen Einlagensicherungsfonds hinaus und entsch&auml;digten die Sparer mit bis zu 50.000 Pfund bzw. 100.000 Euro. Die Mittel daf&uuml;r wollten sich beide L&auml;nder von den Isl&auml;ndern zur&uuml;ckholen.<\/p><p>Zweimal verhandelten diese beiden L&auml;nder mit der isl&auml;ndischen Regierung einen Kompromiss, zweimal kam es zu einer Volksabstimmung und zweimal sprach sich das isl&auml;ndische Volk gegen eine Anerkennung der britischen und niederl&auml;ndischen Forderungen aus. Schlussendlich wollte die Europ&auml;ische Freihandelsassoziation EFTA (Island ist kein EU-Mitglied) rechtliche Klarheit schaffen und brachte den Fall vor den Gerichtshof der EFTA. Die EFTA ist zwar nur lose mit der EU assoziiert, ihre Richtlinien entsprechen jedoch denen der EU und somit hat das Urteil, gegen das keine Berufung eingelegt werden kann, jedoch auch keine bindende Rechtskraft f&uuml;r die EU. Das Urteil hat jedoch hohe Signalwirkung und es ist eher unwahrscheinlich, dass Gro&szlig;britannien und die Niederlande nun die letzte M&ouml;glichkeit aussch&ouml;pfen und den Europ&auml;ischen Gerichtshof anrufen.<\/p><p><strong>Worum ging es beim Prozess nicht?<\/strong><\/p><p>Um sich der Bedeutung des Urteils klarzuwerden, ist es zun&auml;chst einmal wichtig, sich zu vergegenw&auml;rtigen, wobei es beim Prozess und beim Urteil nicht ging. Es ging zun&auml;chst einmal nicht darum, ob die Kunden der Icesave entsch&auml;digt werden. Die Kunden wurden bereits entsch&auml;digt, nur halt nicht durch Island, sondern durch Gro&szlig;britannien und die Niederlande. Es ging auch nicht darum, ob Gro&szlig;britannien und die Niederlande ein Anrecht auf die Entsch&auml;digungen des isl&auml;ndischen Einlagensicherungsfonds haben. Der Einlagensicherungsfonds hat keine Mittel, aus denen die Anspr&uuml;che beglichen werden k&ouml;nnten. Beide EU-Staaten haben dennoch rechtliche Anspr&uuml;che, das stellt auch Island &uuml;berhaupt nicht in Frage. Island hat vom ersten Tag an bis heute diese Anspr&uuml;che bedient. Bis heute konnten die Forderungen, die sich an den isl&auml;ndischen Einlagensicherungsfonds richten, zu 93,5% bedient werden. Islands Regierung hat immer versprochen, dass diese Forderungen komplett bedient werden. Es geht nicht um die Forderungen als solche, sondern darum, wer sie wann in welcher H&ouml;he und zu welchen Bedingungen bedient.<\/p><p>Weder der Prozess, noch das Urteil, haben ferner irgendetwas mit der Frage zu tun, wer f&uuml;r die Verluste des isl&auml;ndischen Bankencrashs aufkommt. Die &uuml;berwiegende Mehrheit dieser Verluste war nie Gegenstand irgendwelcher Schadensersatz- oder Garantieforderungen. Dazu z&auml;hlen Zertifikate isl&auml;ndischer Banken und Schuldverschreibungen, also Anleihen, die von den isl&auml;ndischen Banken aufgelegt wurden und Kredite an isl&auml;ndische Banken &ndash; alleine bei den Anleihen geht es hierbei um stolze 85 Mrd. US$. Wie gro&szlig; die Abschreibungen sind, die vor allem Banken und Hedgefonds aus den USA und der EU vornehmen mussten, ist nicht bekannt. Gegen diese Summe sind die Forderungen Gro&szlig;britanniens und der Niederlande jedoch vergleichsweise &uuml;berschaubar. Zertifikate, Kredite, Anleihen und andere Finanzprodukte sind jedoch keine Einlagen und daher &ndash; nomen est omen &ndash; ohnehin nicht durch den Einlagensicherungsfonds gesch&uuml;tzt. Wer solche Produkte erwirbt, muss sich privat gegen einen Ausfall absichern. Dies werden im Falle Island nur die wenigsten Finanzinstitute getan haben. Es stand jedoch nie zur Debatte, dass Steuerzahler, egal aus welchem Land, f&uuml;r diese Verluste haften. <\/p><p><strong>Und worum ging es dann?<\/strong><\/p><p>Gegenstand der Verhandlung am EFTA-Gerichtshof waren vielmehr zwei voneinander zu trennende Fragen. <\/p><ol>\n<li>Muss ein Staat auch im Falle eines Zusammenbruchs des Finanzsystems f&uuml;r die Versprechungen der Einlagensicherung geradestehen?<\/li>\n<li>Darf ein Staat bei der Abwicklung einer Bank seine eigenen Staatsb&uuml;rger bevorzugt behandeln?<\/li>\n<\/ol><p>Da Island sich ohnehin dazu bereiterkl&auml;rt, die Forderungen zu bedienen, war dies auch nie Gegenstand der Verhandlung. Gegenstand war jedoch, gegen welche isl&auml;ndische Institution die Forderungen &uuml;berhaupt zu richten sind. Und dies ist auch f&uuml;r die Isl&auml;nder ein sehr wichtiger Punkt. Nach Ansicht der Briten und Niederl&auml;nder sind die Forderungen an den Einlagensicherungsfonds und in letzter Konsequenz an den isl&auml;ndischen Staat zu richten, der rechtlich bindend f&uuml;r die Einlagensicherung haftet. Nach Ansicht der Isl&auml;nder haftet f&uuml;r die Forderungen der Rechtsnachfolger der Landesbanki, zu der Icesave geh&ouml;rte. Dieser Rechtsnachfolger ist eine Abwicklungsanstalt, die die &bdquo;toxischen Papiere&ldquo; der Landesbanki abwickelt. So toxisch waren die Papiere jedoch offenbar gar nicht, so dass die Abwicklungsanstalt bereits 93,5% der abgesicherten Einlagen an die Gl&auml;ubiger &uuml;berweisen konnte.<\/p><p>W&auml;re das Gericht der britisch-niederl&auml;ndischen Argumentation gefolgt, h&auml;tte Island nicht nur einen Rechtsbruch begangen, sondern w&auml;re auch f&uuml;r die Zinsen aus diesen Forderungen in Haftung zu nehmen. Bei der gesamten Frage geht es n&auml;mlich auch um den Zeitpunkt der R&uuml;ckzahlung der Forderungen. Sinn und Zweck eines Einlagensicherungsfonds ist es, Forderungen sofort zu begleichen. Eine Abwicklungsanstalt hat jedoch das Recht, Forderungen nach eigenem Ermessen zeitlich gestaffelt zu begleichen. Dies ist in diesem Falle von besonderer Bedeutung. Die Aktiva der Landesbanki waren zu einem sehr gro&szlig;en Teil inl&auml;ndische Forderungen. Doch wer h&auml;tte der Bank im Herbst 2008 diese Forderungen abgekauft? Und vor allem: zu welchem Preis? Dadurch, dass die Landesbanki ordnungsgem&auml;&szlig; abgewickelt wurde, kam die Abwicklungsanstalt erst in die Situation, die Forderungen &uuml;berhaupt begleichen zu k&ouml;nnen. <\/p><p>In diesem Punkt ist Gericht voll und ganz der isl&auml;ndischen Argumentation gefolgt. Auch im Punkt der Diskriminierung &ndash; und das ist &uuml;berraschend &ndash; ist der EFTA-Gerichtshof der isl&auml;ndischen Argumentation gefolgt. Island hat die Einlagen der Isl&auml;nder ohne Abschlag in neue Banken (also &bdquo;Good Banks&ldquo;) &uuml;bertragen, w&auml;hrend ausl&auml;ndische Sparer an den viel zu gering bemessenen Einlagensicherungsfonds verwiesen wurden. Dadurch ist jedoch auch die &bdquo;Insolvenzmasse&ldquo; deutlich geschrumpft, was dazu f&uuml;hrte, dass ausl&auml;ndische B&uuml;rger nicht nur schlechter gestellt wurden, sondern dass zudem ihre Forderungen schlechter und niedriger bedient wurden. <\/p><p>Dieser Punkt war f&uuml;r die isl&auml;ndische Regierung von besonderer Bedeutung. H&auml;tte sich hier die britisch-niederl&auml;ndische Argumentation durchgesetzt, w&auml;re die Forderungssumme merklich in die H&ouml;he geschnellt. Dann m&uuml;sste Island n&auml;mlich nicht in H&ouml;he der isl&auml;ndischen Einlagensicherung (max. 20.000 Euro), sondern in voller H&ouml;he haften. Anstatt 650 Mrd. ISK (3,7 Mrd. Euro) h&auml;tte Island dann f&uuml;r 1.150 Mrd. ISK (6,6 Mrd. Euro) haften m&uuml;ssen &ndash; dies entspricht 66% des isl&auml;ndischen BIP und w&auml;re, trotz aller wenig glaubw&uuml;rdigen Zusicherungen der isl&auml;ndischen Regierung, wohl auch nicht durch die Abwicklungsanstalt finanzierbar. <\/p><p><strong>Was bedeutet dieses Urteil f&uuml;r Europa?<\/strong><\/p><p>Schlussendlich bedeutet das Urteil das, was wir eigentlich schon immer wissen: Ein Zusammenbruch des Finanzsystems ist eine h&ouml;here Gewalt (Force Majeure) und ein Einlagensicherungsfonds muss nicht so bemessen sein, dass er in diesem Falle seine Versprechungen einh&auml;lt. Aufgabe eines Einlagensicherungsfonds ist es lediglich, in normalen Zeiten seinen Aufgaben nachzukommen. Dies entspricht auch voll und ganz dem gesunden Menschenverstand. Oder glaubt irgendwer ernsthaft, dass die Bundesregierung im Falle eines Zusammenbruchs des deutschen Finanzsystems tats&auml;chlich s&auml;mtliche Bankeinlagen absichern kann? Wichtig ist jedoch, dass dies nun auch h&ouml;chstrichterlich so gesehen wird. <\/p><p>Noch wichtiger ist der Teilaspekt, dass Regierungen ihre eigenen Staatsb&uuml;rger bei der Einlagensicherung bevorzugt behandeln d&uuml;rfen. F&uuml;r Irland kommt dieses Urteil zu sp&auml;t, aber vor allem f&uuml;r Zypern stellt sich genau diese Frage in diesen Tagen. Vielleicht ist dies auch der Grund daf&uuml;r, dass Russland heute angek&uuml;ndigt hat, die zypriotischen Banken <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/finanzen\/article113277723\/Russland-rettet-seinen-Geldwaschsalon-Zypern.html\">zu retten<\/a>. Was f&uuml;r Island die Briten und Niederl&auml;nder waren, w&auml;ren im Falle eines Crashs die Russen f&uuml;r Zypern. Und nach dem Urteil des EFTA-Gerichtshofs h&auml;tte Zypern die Russen nicht mit mehr Geld entsch&auml;digen m&uuml;ssen, als es die zypriotische Einlagensicherung vorh&auml;lt. Die Forderungen der Russen w&auml;ren nicht an den Staat Zypern, sondern stattdessen an die Abwicklungsanstalten der zypriotischen Banken zu richten gewesen &ndash; und da diese Banken &uuml;beraus aktiv in Griechenland investiert sind, w&auml;ren hier sicher sehr hohe Abschreibungen notwendig. Island hat es da besser.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/edff631cab294f5689b1813c5df66e78\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein &uuml;beraus wichtiger Sieg, den der Staat Island an diesem Montag vor dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/EFTA-Gerichtshof\">EFTA-Gerichtshof<\/a> erzielt hat. 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