{"id":16050,"date":"2013-02-01T14:40:09","date_gmt":"2013-02-01T13:40:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16050"},"modified":"2015-06-23T15:52:02","modified_gmt":"2015-06-23T13:52:02","slug":"rezension-joke-und-petra-frerichs-literarische-entdeckungen-vergessene-und-neu-gelesene-texte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16050","title":{"rendered":"Rezension: Joke und Petra Frerichs, Literarische Entdeckungen. Vergessene und neu gelesene Texte"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem Buch <em>Literarische Entdeckungen<\/em>. <em>Vergessene und neu gelesene Texte<\/em> stellen <strong>Joke<\/strong> und <strong>Petra Frerichs<\/strong> eine Reihe von Schriftstellern vor, die der Literaturbetrieb weitgehend ignoriert oder schlichtweg vergessen hat (<em>Schreyer; Mickel; Hilbig; N&eacute;mirovsky; Reimann; Steffens; Wilms<\/em>). Sie wieder st&auml;rker in den Fokus der Aufmerksamkeit zu r&uuml;cken, ist eines der Anliegen des Buches.<br>\nAndere Werke haben die Autoren nach erneuter Lekt&uuml;re neu interpretiert; das gilt f&uuml;r <em>Die Wellen<\/em> von <em>Virginia Woolf<\/em>; <em>Rot und Schwarz<\/em> von <em>Stendhal<\/em> und die Lyrik <em>Rolf Dieter Brinkmanns<\/em>. Und schlie&szlig;lich wurde die Erz&auml;hlung Die Augen von Dieter Wellershoff analysiert, deren subtile Konstruktion sie zur Auseinandersetzung mit dem Text reizte.<br>\n<!--more--><br>\nAls ein Beispiel f&uuml;r &bdquo;vergessene&ldquo; Autoren kann <em>Wolfgang Schreyer<\/em> gelten.<br>\nWolfgang Schreyer geh&ouml;rte zu den Erfolgsautoren der fr&uuml;heren DDR. Er schrieb zahlreiche gesellschaftskritische Kriminal-, Abenteuer- und Science-Fiction-Romane, die eine Gesamtauflage von ca. 6 Millionen erreichten; hinzu kommen Film- und Fernsehdrehb&uuml;cher. Er erhielt u.a. den <em>Heinrich-Mann-Preis<\/em>.<br>\nDie Werke Schreyers werden &uuml;berwiegend der Unterhaltungs-Literatur zugerechnet. Dass diese &bdquo;Zurechnung&ldquo; immer auch einen negativen Unterton enth&auml;lt, mag einer der Gr&uuml;nde daf&uuml;r sein, dass Schreyer nach der Wende nahezu in Vergessenheit geriet. Das erstaunt umso mehr, als Schreyer mit seinen Romanen <em>Unabwendbar<\/em> (1988), <em>Nebel<\/em> (1991) und <em>Das Quartett<\/em> (1994) eine Wende-Trilogie von beachtlicher literarischer Qualit&auml;t vorgelegt hat. <\/p><p>In seinem Roman <em>Das Quartett<\/em> schildert Schleyer, wie sich die Profiteure der Deutschen Einheit die Filetst&uuml;cke des Kunst- und Immobilienmarktes gegenseitig zuschanzen. Er zeigt, wie ein schier undurchdringlicher Sumpf aus Wirtschaft, Politik und Justiz entsteht; ein fein gekn&uuml;pftes Netzwerk, an dessen Knotenpunkten meist westdeutsche Investoren sitzen, die sich mit Hilfe willf&auml;hriger und zuweilen auch korrupter Politiker sog. Schn&auml;ppchen unter den Nagel rei&szlig;en. Dass dabei immer wieder auch Recht und Gesetz gebeugt und wenn es sein muss auch gebrochen werden, liegt in der Natur der Sache. Es wird gezeigt, wie die geballte Kapitalmacht das Land wie eine Naturgewalt &uuml;berrollt und umkrempelt.<br>\nPrototyp dieser Entwicklung ist ein gewisser Prill; ein Wendehals, wie er im Buche steht. Von ihm hei&szlig;t es an einer Stelle des Romans: <\/p><blockquote><p><em>Er stinkt nach Geld. Immobilien, Seehandel, Tourismus, Investoren. Sein Team schiebt f&uuml;r ihn die Millionen hin und her, ganz legal. Wenig Strafsachen, au&szlig;er vielleicht den eigenen!<\/em><\/p><\/blockquote><p> &Uuml;berall haben die Aasgeier des Kapitalismus ihre Finger drin. Und stets stellen sie ihr Tun so dar, als diente es dem Wohl der Allgemeinheit, der Erhaltung von Arbeitspl&auml;tzen usw.<\/p><p>Hauptmann Wendt, ein zun&auml;chst &uuml;berzeugter und aufrichtiger Repr&auml;sentant des alten Sicherheitsapparats der DDR, steckt irgendwann selbst mittendrin in dem ganzen Schlamassel. Er hat von den illegalen Machenschaften im Zusammenhang mit verschwundenen Kunstwerken Wind bekommen. Aber wie sehr er sich auch bem&uuml;ht, eine l&uuml;ckenlose Beweiskette zu liefern und noch andere Verstrickungen der T&auml;ter in illegale Gesch&auml;ftspraktiken nachzuweisen &ndash; er steht <em>vor einer Mauer des Schweigens<\/em>. Die Ergebnisse seiner Ermittlungen will keiner h&ouml;ren. Sie sind politisch nicht erw&uuml;nscht, st&ouml;ren das Image des erfolgreichen Aufbaus Ost. <\/p><p>Wendt erlebt  &ndash;  wie zur Zeit der Wende &ndash; noch einmal die ganze Machtlosigkeit des Sicherheitsapparates. In das unentwirrbare Gespinst aus Wirtschaft, Recht und Politik sieht er auch den Polizeiapparat eingebunden; denn auch der spielt mit. Eine Hand w&auml;scht die andere und alle versuchen, davon zu profitieren. Das ist nicht mehr die Welt von Wendt; er ist zum St&ouml;rfaktor geworden und wird schlie&szlig;lich mit fadenscheinigen Begr&uuml;ndungen suspendiert. <\/p><p>Schreyer hat seine drei Wenderomane so konzipiert, dass man sie auch einzeln und f&uuml;r sich lesen kann. In <em>Unabwendbar<\/em> entwickelt er die Charaktere Wendt und Jenny, die zu Protagonisten der auseinander strebenden DDR-Gesellschaft mutieren. Der eigentliche Wenderoman aber ist <em>Nebel<\/em>. Hier zeigt Schreyer, wie der historische Ver&auml;nderungsprozess sich in den subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen der Akteure niederschl&auml;gt; wie er an Fahrt gewinnt und irgendwann unumkehrbar wird. Schreyer schildert die Entwicklung zur sog. Wende &uuml;beraus anschaulich und stets spannend; durch seine Schilderungen wird sie auf einmal greifbar und begreifbar. Es ist das gro&szlig;e Verdienst Schreyers, den geschichtlichen Verlauf einerseits bis ins Detail dokumentiert, aber dar&uuml;ber hinaus auch gezeigt zu haben, welche emotionalen Wirkungen sie auf  Seiten der Beteiligten ausgel&ouml;st hat. Beide Ebenen aufeinander bezogen und in Einklang gebracht zu haben &ndash; das ist eine schriftstellerische Leistung, die Beachtung verdient. Umso unbegreiflicher ist es, dass Schreyers Romane nach der  Wende kaum noch rezipiert wurden. Der interessengesteuerte, schnelllebige Literaturmarkt hatte f&uuml;r einen derart sensiblen Stoff offenbar keinen Sensor.<br>\nDie Romane von Wolfgang Schreyer sind im <em>Verlag Das Neue Berlin<\/em> erschienen.<\/p><p>Eine ausf&uuml;hrliche Besprechung der Romane Schreyers und der o.g. Autoren findet sich in:<br>\n<em>Literarische Entdeckungen. Vergessene und neu gelesene Texte<\/em> von Joke und Petra Frerichs, erschienen 2012 bei BoD.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem Buch <em>Literarische Entdeckungen<\/em>. <em>Vergessene und neu gelesene Texte<\/em> stellen <strong>Joke<\/strong> und <strong>Petra Frerichs<\/strong> eine Reihe von Schriftstellern vor, die der Literaturbetrieb weitgehend ignoriert oder schlichtweg vergessen hat (<em>Schreyer; Mickel; Hilbig; N&eacute;mirovsky; Reimann; Steffens; Wilms<\/em>). Sie wieder st&auml;rker in den Fokus der Aufmerksamkeit zu r&uuml;cken, ist eines der Anliegen des Buches.<br \/> Andere Werke haben<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16050\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208],"tags":[277,1543],"class_list":["post-16050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-ddr","tag-deutsche-einheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16050"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16052,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16050\/revisions\/16052"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}