{"id":16116,"date":"2013-02-08T08:13:53","date_gmt":"2013-02-08T07:13:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16116"},"modified":"2013-02-08T08:14:43","modified_gmt":"2013-02-08T07:14:43","slug":"leserbrief-von-a-g","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16116","title":{"rendered":"Leserbrief von A. G."},"content":{"rendered":"<p>Liebes Team der NachDenkSeiten,<\/p><p>in der Presse finden sich zum Fall von Ministerin Schavan nahezu ausschlie&szlig;lich oberfl&auml;chliche Diskussionsans&auml;tze. <\/p><p>Dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit wissenschaftsrechtlichen Fragen der T&auml;uschung weitgehend ausbleibt, ist nur die eine Sache. <\/p><p>Daneben m&uuml;sste Fall weit mehr Anlass geben, grunds&auml;tzliche Fragen zur Doktorandenbetreuung an deutschen Universit&auml;ten zu stellen. <\/p><p>Schavan ist offenbar ein Beispiel f&uuml;r Betreuungsversagen auf allen Ebenen der Erstellung einer Dissertation: <\/p><ol>\n<li>Die Themenauswahl. Dass ein Betreuer in den Erziehungswissenschaften, dazu noch in einem Direktpromotionsverfahren einer Mittzwanzigerin, eine Arbeit &ldquo;zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung&rdquo; (vgl. den Untertitel der Arbeit) annimmt, muss zumindest arg verwundern. Dieses Thema w&auml;re selbst f&uuml;r eine Habilitationsschrift zu breit, ist aber f&uuml;r eine Dissertation g&auml;nzlich ungeeignet. Daf&uuml;r gibt es mehrere Gr&uuml;nde. Einmal muss die schiere Masse der Literatur, mit der sich der Doktorand auseinandersetzen muss, bereits den zeitlichen Rahmen sprengen, der f&uuml;r eine Dissertation zur Verf&uuml;gung steht. Auch ist das Thema zu schwierig, ist doch &ldquo;die Gewissensbildung&rdquo; in dieser allgemeinen Fragestellung ein so komplexer, die Grenzen gleich mehrerer Fachdisziplinen (z.B. allgemeine Psychologie, Enwicklungspsychologie, Neuropsycholgie, diverse Teildisziplinen der p&auml;dagogischen Wissenschaften, vielleicht der Philosophie, insbesondere der Ethik) ber&uuml;hrerender Gegenstand, dass ein Doktarand ihn selbst bei Hochbegabung kaum voll erfassen und dann in einer eigenst&auml;ndigen Bearbeitung (!) nicht nur darstellen, sondern ihm auch noch eigene Thesen hinzuf&uuml;gen kann, die wiederum dem kritischen Auge gleich mehrerer &ldquo;Fachwelten&rdquo; standhalten m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Die Betreuung w&auml;hrend der Erstellung. Zur Qualit&auml;t der Betreuung wei&szlig; man nicht viel. H&auml;tte es sich um einen vorbildlichen Kontakt zwischen Betreuer und Doktorandin gehandelt, h&auml;tte aber schon noch einigen Monaten auffallen m&uuml;ssen, dass die Arbeit sich in eine v&ouml;llig falsche Richtung bewegt, indem die Erstellerin tats&auml;chlich versucht, das Thema in all seinen Grundsatzfragen abzubilden, statt eine sinnvolle Schwerpunktbildung zu verfolgen. Es ist doch nicht verwunderlich, dass Schavan mit Kapiteln wie &ldquo;Der Verstehenshorizont&rdquo;, &ldquo;Kant: Das Gewissen als Richter der Vernunft&rdquo;, &ldquo;Gewissen in tiefenpsychologischer Sicht&rdquo; oder &ldquo;Das Gewissen in der christlichen Ethik&rdquo; nahezu zwangsl&auml;ufig am Anspruch vertiefter, eigenst&auml;ndiger Auseinandersetzung scheitern muss. Ein guter Betreuuer h&auml;tte zu einer klaren Schwerpunktsetzung angehalten und der Doktorandin klar gemacht, dass jedes (!) ihrer Kapitel eigenst&auml;ndige Habilitationsschriften verdient.<\/li>\n<li>Die Begutachtung. Der Betreuer h&auml;tte unzureichende Quellenangaben erkennen und die Arbeit (zur nochmaligen &Uuml;berarbeitung) zur&uuml;ckweisen m&uuml;ssen. Denn es ist zumindest f&uuml;r den wissenschaftlich ausgebildeten Leser offensichtlich, dass Schavan ihre Ausf&uuml;hrungen unzureichend belegt. Nur ein Beispiel: In ihrem Kapitel zur christlichen Ethik schreibt Schavan (S. 244): &ldquo;Die Epikie-Lehre gewinnt bei Aristoteles ihre volle Legitimation im Kontext der Lehre von der Polis und damit dem Verst&auml;ndnis vom Menschen als &ldquo;zoon politikon&rdquo;, bei Thomas hingegen im Bild vom Menschen als &ldquo;imago Dei&rdquo;.&rdquo; &Uuml;bernommen hat sie diese Inhalte nach &ldquo;Schavan-Plag&rdquo; aus einem Text von Korff (1979): &ldquo;Gewinnt die Lehre von der Epikie bei Aristoteles ihre volle Begr&uuml;ndung erst aus dem Kontext seiner Lehre von der Polis [&hellip;], so gewinnt sie ihre genuine Legitimation bei Thomas vorg&auml;ngig aus dem Kontext seiner theologischen Freiheitslehre [&hellip;]. Ausgangspunkt ist hier nicht der Mensch als &ldquo;zoon politikon&rdquo;, sondern der Mensch als &ldquo;imago Dei&rdquo; [&hellip;].&rdquo; Dazu wirft ihr &ldquo;Schavan-Plag&rdquo; vor: &ldquo;Die Verfasserin verweist vor bzw. nach diesem Fragment auf S. 31 bzw. 33 bei Korff (1979), macht aber nicht kenntlich, dass sie die vorliegende Aussage von S. 32 &uuml;bernimmt.&rdquo; So etwas nennt man ein &ldquo;Bauernopfer&rdquo;. Nur: Dass sich Schavan diese Ausf&uuml;hrungen zu der Lehre von der Epikie bei Aristoteles nicht selbst ausgedacht haben konnte, gewisserma&szlig;en als aus sich selbst sch&ouml;pfendes Genie, muss jedem Leser aus dem Fach klar sein. Folglich muss auch klar sein, dass sie hier entweder die Prim&auml;rquellen h&auml;tte nennen, oder aber deutlich machen m&uuml;ssen, sich weiter auf Korff zu beziehen. So ist es immer wieder: Das Fehlen von ausreichenden Belegen wird nicht &ndash; von einigen F&auml;llen abgesehen &ndash; verschleiert, sondern es ist offensichtlich.<\/li>\n<\/ol><p>Ich kann nicht abschlie&szlig;end beurteilen, sondern nur mutma&szlig;en, dass im Fall Schavan auch ein Betreuungsversagen eine gewichtige Rolle spielte. Zumindest h&auml;tte der Fall doch aber ANLASS geben sollen, die Missst&auml;nde an deutschen Fakult&auml;ten einmal grundlegend zu diskutieren. Aus meiner eigenen Erfahrung leider typisch sind folgende Umst&auml;nde: 1. Oft verkennen Betreuer, dass Doktoranden die Themenauswahl nicht allein &uuml;berlassen werden kann. Denn am Anfang wissenschaftlicher T&auml;tigkeit stehen nicht selten Fehleinsch&auml;tzungen der eigenen F&auml;higkeiten, was zu zu breit angelegten, &uuml;berkomplexen Themen f&uuml;hrt. 2. Ebenfalls eher die Regel denn die Ausnahme ist die ausbleibende &Uuml;berwachung des Arbeitsfortschritts. Die Aussage von Betreuern &ldquo;Dann bis zur Abgabe!&rdquo; ist kein Scherz, sondern Realit&auml;t, die oftmals noch mit dem verlogenen moralischen Wert unterf&uuml;ttert, man &uuml;berlasse die Arbeit eben dem Doktoranden, pflege somit die Freiheit der Wissenschaft und erziehe zum eigenst&auml;ndigen wissenschaftlichen Arbeiten. Zur Diskussion &uuml;ber Themen, die bei der heutigen Komplexit&auml;t der Wissenschaften unentbehrlich ist, wird seitens der Betreuer nicht einladen, so dass die Doktaranden sich fast schon wie Versager vorkommen, wenn sie beim Prof. anklopfen, um Nachfragen zu stellen. 3. Fehlentwicklungen bei der Erstellung wird nicht gegengesteuert. 4. Auch nach Abgabe sind viele Betreuer keine hilfreichen, kritischen Leser einer &ldquo;Erstfassung&rdquo;, bei der es naturgem&auml;&szlig; &ndash; die Dissertation ist eine wissenschaftliche Einstiegsarbeit! &ndash; Fehler auftreten k&ouml;nnen, die nun noch gut zu korrigieren w&auml;ren. Dabei wird oftmals gesagt &ldquo;Und bitte keine halbfertige Fassung!&rdquo;, was aber bedeutet, dass der Doktarand von vornherein einem Perfektionszwang unterworfen wird, an dem er nur scheitern kann. Die Scham, eigene Grenzen erfahren zu haben, wird in solch einem &ldquo;Betreuungsverfahren&rdquo; nicht abgebaut bzw. relativiert, sondern geradezu heraufbeschworen, und mit ihr auch die Gefahr, dass Doktoranden zu viel Literatur und fremde Gedanken einflie&szlig;en lassen, und sich zu wenig auf ihre eigenen, gegen&uuml;ber den gro&szlig;en Meistern des Fachs oft geringgewichtig oder unterkomplex anmutenden Ideen verlassen. <\/p><p>Erst mit diesen Fragestellungen w&uuml;rden wir zu einer politischen Debatte gelangen: Warum sind die Betreuungsrelationen in vielen Fakult&auml;ten so schlecht? Warum sind unter den Professoren so viele, die sich als Betreuer, als &ldquo;Anreger eigenst&auml;ndiger Gedanken&rdquo;, nicht eignen (i.e.: Welche Charaktere &ldquo;sp&uuml;lt&rdquo; das System &ldquo;Uni&rdquo; eigentlich nach oben, also auf die Lehrst&uuml;hle?). <\/p><p>Lesenswert: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/bildung\/rolle-der-uni-im-fall-schavan-taeuschen-und-verschleiern-1.1593293\">T&auml;uschen und Verschleiern<\/a><\/p><p>Beste Gr&uuml;&szlig;e,<\/p><p>A.G.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebes Team der NachDenkSeiten,<\/p>\n<p>in der Presse finden sich zum Fall von Ministerin Schavan nahezu ausschlie&szlig;lich oberfl&auml;chliche Diskussionsans&auml;tze. <\/p>\n<p>Dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit wissenschaftsrechtlichen Fragen der T&auml;uschung weitgehend ausbleibt, ist nur die eine Sache. <\/p>\n<p>Daneben m&uuml;sste Fall weit mehr Anlass geben, grunds&auml;tzliche Fragen zur Doktorandenbetreuung an deutschen Universit&auml;ten zu stellen. <\/p>\n<p>Schavan ist offenbar ein Beispiel f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16116\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[103],"tags":[],"class_list":["post-16116","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-leserbriefe"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16116"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16118,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16116\/revisions\/16118"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}