{"id":16126,"date":"2013-02-08T15:33:43","date_gmt":"2013-02-08T14:33:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16126"},"modified":"2019-01-30T10:47:54","modified_gmt":"2019-01-30T09:47:54","slug":"die-finanzkrise-in-der-literatur-mitleid-kann-man-sich-hier-eigentlich-nicht-leisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16126","title":{"rendered":"Die Finanzkrise in der Literatur &#8211; \u201eMitleid kann man sich hier eigentlich nicht leisten.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt sie doch noch, die Engagierte Literatur und Schriftsteller, die sich in ihren Romanen mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit befassen. F&uuml;r sie ist Literatur kein L&rsquo;art pour l&rsquo;art, kein mond&auml;ner Zeitvertreib, sondern das Medium der Auseinandersetzung mit dr&auml;ngenden Fragen der Gegenwart. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> stellt eine Auswahl von aktuellen Romanen vor, die sich mit der Finanzkrise und ihren Akteuren befassen.<br>\n<!--more--><br>\n<em>&bdquo;In ruhigen Zeiten erforschen wir sie, in unruhigen Zeiten herrschen die Psychopathen &uuml;ber uns.&ldquo;<\/em><br>\nDer Psychiater Ernst Kretschmer<\/p><p>Inzwischen ist die Finanzkrise, die uns seit Jahren fest im Griff hat, bis in die Welt der Romane und Krimis vorgedrungen. Wer nicht nur Unterhaltung und Spannung sucht, sondern auch wissen m&ouml;chte, was ein Hedgefonds ist und wie die Finanzpsychopathen ticken, wird in ihnen f&uuml;ndig und kann so das Studium der trockenen &ouml;konomischen Fachliteratur auflockern, deren Lekt&uuml;re Adorno zufolge den Leser der Gefahr aussetzt, &bdquo;selber so gemein zu werden wie das, womit er sich abgibt, denn die &Ouml;konomie duldet keinen Spa&szlig;, und wer sie auch nur verstehen will, muss &sbquo;&ouml;konomisch denken&lsquo;.&ldquo; <\/p><p>Ich &uuml;berblicke die Finanzkrisen-Literatur nat&uuml;rlich nicht zur G&auml;nze und erw&auml;hne nur die B&uuml;cher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Beginnen wir mit Kristof Magnussons Roman <em>&bdquo;Das war ich nicht&ldquo;<\/em>. Eine der drei Figuren, von denen Magnusson erz&auml;hlt, ist der junge Jasper L&uuml;demann aus Bochum, den es nach dem Mathematikstudium in den H&auml;ndlersaal einer renommierten Investmentbank in Chicago verschl&auml;gt. Zun&auml;chst l&auml;uft alles zu seinen Gunsten und lernt die Grundvoraussetzung des Investment-Bankings: &bdquo;Mitleid kann man sich hier eigentlich nicht leisten.&ldquo; Er steigt auf und kann im ganz gro&szlig;en Gesch&auml;ft mitmischen. W&auml;hrend er sich in einem Lokal mit der ebenfalls aus Deutschland stammenden Meike trifft, verdient er 200.000 Dollar. Berauscht von seiner vermeintlichen Omnipotenz, ger&auml;t er beim Versuch, unerlaubte Gewinne zu waschen, in einen ungeheuerlichen Strudel, der zu einem Minus von sechs Milliarden Dollar und nat&uuml;rlich zum vorl&auml;ufigen Ende seiner hoffnungsvollen Karriere f&uuml;hrt. <\/p><p>Schon beim Lesen &uuml;ber seine waghalsigen und abenteuerlichen Finanztransaktionen und Man&ouml;ver wird einem schwindlig. &bdquo;Ich stie&szlig; alle Verkaufsoptionen ab. Equinox registrierte den Verlust. 650.000 Dollar. Dann kam der Trick: Ich buchte eine Transaktion mit HomeStar-Kaufoptionen in identischer H&ouml;he ein. Tat so, als h&auml;tte ich nicht nur auf das Fallen von HomeStar gewettet, sondern gleichzeitig darauf, dass die Aktie stieg. Nun sah es so aus, als h&auml;tte ich eines dieser komplexen Long-Straddle-Gesch&auml;fte gemacht, eine Gr&auml;tsche. Meinem Verlust schien nun ein &auml;hnlich gro&szlig;er Gewinn gegen&uuml;ber zu stehen. Nur dass es den Verlust wirklich gab. Den Gewinn nicht.&ldquo;<\/p><p>Dazu passt aus der realen Welt die Geschichte des Investment-Bankers Kweku Adoboli, &uuml;ber die der <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/news\/ubs-betrueger-kweku-adoboli-ein-zocker-aus-bestem-hause-1728506.html\">Stern 39\/2011<\/a> berichtet hat. Adoboli, Sohn eines ghanaischen UN-Diplomaten, lebte in London ein Bilderbuchdasein als Spekulant in Diensten der Schweizer Bank UBS. Am Ende hatte er sich bei irgendwelchen windigen Wetten auf den Deutschen Aktienindex verzockt, auf Absicherungsgesch&auml;fte hatte er verzichtet. Eine Weile versuchte er, die Verluste durch Bilanzf&auml;lschungen zu verbergen, dann l&ouml;sten die immer un&uuml;berschaubarer werdenden Zahlenkolonnen seiner Verluste Alarm aus. Aufgeflogen ist er, weil seine wilden Transaktionen schief gegangen sind, nicht, weil er so viel riskiert hat. 2,3 Milliarden Dollar soll Adoboli verspielt haben und ist nun wegen Betrugs zu sieben Jahren Haft <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/ex-banker-adoboli-schuldig-gesprochen-a-868261.html\">verurteilt worden<\/a>.<\/p><p>Der neue Roman von Robert Harris hei&szlig;t <em>&bdquo;Angst&ldquo;<\/em> und f&uuml;hrt uns vor Augen, dass es M&ouml;glichkeiten gibt, mit der Angst anderer Menschen Geld zu verdienen, viel Geld sogar. Ein Meister dieser zeitgen&ouml;ssischen alchimistischen Kunst ist die Figur des Physikers Alexander Hoffmann, der an einem einzigen Tag 4,1 Milliarden Dollar verdient. Ausgangspunkt des Romans ist der Baustopp eines Teilchenbeschleunigers, der eine ganze Generation hochambitionierter Wissenschaftler ihrer Zukunftsaussichten beraubt und ins Exil treibt. Sie finden ihre Zuflucht im boomenden Finanzsektor, wo die Physiker und Mathematiker jene Programme und Algorithmen entwickeln, &uuml;ber die heute ein immer gr&ouml;&szlig;er werdender Teil der Finanzgesch&auml;fte abl&auml;uft. Es sind Computer, die im sogenannten Hochfrequenzhandel innerhalb von Millisekunden kaufen und verkaufen: Finanzbeschleunigung tritt an die Stelle von Teilchenbeschleunigung. <\/p><p>Angst vermittelt uns Einblicke in die Finanzwelt, die &uuml;ber weite Strecken beklemmend realistisch erscheinen. Die sogenannten &bdquo;Quants&ldquo;, die sich mithilfe mathematischer Formeln komplizierte Produkte ausdenken, sogenannte &bdquo;Blackboxes&ldquo;, die weder Kunden noch die Mehrheit der Bankangestellten durchschauen, gibt es nicht nur in Harris&lsquo; Roman, sondern auch in der Realit&auml;t, sofern die Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit in diesem Gel&auml;nde &uuml;berhaupt Sinn macht. Bei Harris erf&auml;hrt man, wie ein Hedgefonds funktioniert oder wie Million&auml;re es  anstellen, nur zehn Prozent Steuern zu zahlen. Das Ende des Romans wirkt allerdings ein wenig dick aufgetragen und actionlastig. Es sollte wohl ein verfilmbarer Thriller werden und da muss es eben am Ende brennen und krachen.<\/p><p>Der Roman von Petros Markaris <em>&bdquo;Faule Kredite&ldquo;<\/em> ist als Auftakt einer &bdquo;Trilogie der Krise&ldquo; konzipiert und f&uuml;hrt uns ins krisengesch&uuml;ttelte Griechenland. Der Roman spielt im Sommer 2010 und beginnt mit einer Hochzeit. Kommissar Charitos Tochter heiratet, doch richtige Freude will nicht aufkommen. Gastgeber und G&auml;ste blicken in eine ungewisse Zukunft und bereiten sich auf eine R&uuml;ckkehr zur Selbstversorgungs&ouml;konomie vor. Charitos wird am n&auml;chsten Vormittag &ndash; noch etwas verkatert &ndash; zu einem Tatort gerufen. Die Enthauptung eines ehemaligen Bankenchefs im Garten seiner pomp&ouml;sen Villa droht ein brisanter Fall zu werden, da die M&auml;chtigen der Finanzwelt in der Bev&ouml;lkerung nicht sonderlich beliebt sind und ein solcher Mord unerwartete Sympathien wecken k&ouml;nnte und auch weckt. Bald darauf wird ein weiterer Banker enthauptet, dann das Mitglied einer Rating-Agentur und schlie&szlig;lich der Besitzer einer Inkasso-Firma. Gleichzeitig werden nachts Plakate geklebt und Anzeigen geschaltet, die zum Boykott der Banken aufrufen &ndash; man m&ouml;ge ihnen die Kredite, die sie einem aufgedr&auml;ngt haben, einfach nicht zur&uuml;ckzahlen, schlie&szlig;lich h&auml;tten sie genug Geld. Der Fall sorgt bis in allerh&ouml;chste Kreise hinein f&uuml;r Aufregung. Man f&uuml;rchtet um das Vertrauen der europ&auml;ischen Kreditgeber.<\/p><p>Der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa hat in seiner 1922 entstandenen Erz&auml;hlung &bdquo;Ein anarchistischer Bankier&ldquo; das Portrait eines erfolgreichen Gesch&auml;ftsmannes und Bankiers gezeichnet. Am Ende eines gemeinsamen Abendessens fragt ihn sein Gast, ob es stimme, dass er fr&uuml;her Anarchist gewesen sei. Er antwortet:<\/p><p><em>&bdquo;Ich bin es nicht nur gewesen, ich bin es noch immer. In dieser Hinsicht habe ich mich nicht ge&auml;ndert. Ich bin Anarchist.&ldquo;<br>\n&bdquo;Was Sie nicht sagen! Sie und Anarchist? Und wieso w&auml;ren Sie Anarchist? &hellip; Sie verstehen das Wort vielleicht anders &hellip;&ldquo;<br>\n&bdquo;Anders als im gew&ouml;hnlichen Sinn? Nein, keineswegs. Ich gebrauche es im ganz gew&ouml;hnlichen Sinn.&ldquo;<br>\n&bdquo;Sie wollen also sagen, Sie seien Anarchist im selben Sinne wie diese Typen von den Arbeiterorganisationen? Es g&auml;be also keinen Unterschied zwischen Ihnen und diesen Bombenlegern und Gewerkschaftstypen?&ldquo;<br>\n&bdquo;Doch doch, es gibt einen Unterschied &hellip; Nat&uuml;rlich gibt es einen Unterschied. Es ist aber nicht der, an den Sie denken. Sie glauben vielleicht, ich h&auml;tte andere Gesellschaftstheorien als sie?&ldquo;<br>\n&bdquo;Ach so, ich verstehe! Sie sind Anarchist in der Theorie, aber in der Praxis sind Sie &hellip;&ldquo;<br>\n&bdquo;Ich bin in der Praxis ebenso sehr Anarchist wie in der Theorie. Und das sogar noch mehr, viel mehr als jene Typen, von denen Sie sprachen. Mein Leben ist der Beweis daf&uuml;r.&ldquo;<br>\n&bdquo;Wie bitte?&ldquo;<br>\n&bdquo;Mein Leben ist der Beweis daf&uuml;r, jawohl, mein Lieber. Sie haben offenbar diesen Dingen nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb glauben Sie, ich w&uuml;rde dummes Zeug reden oder mich &uuml;ber Sie lustig machen.&ldquo;<br>\n&bdquo;Jetzt verstehe ich gar nichts mehr! Es sei denn &hellip; es sei denn, Sie gehen davon aus, das Leben, das Sie f&uuml;hren, sei zersetzend und asozial; nun, wenn Sie Anarchismus so verstehen &hellip;&ldquo;<br>\n&bdquo;Ich habe Ihnen schon gesagt: nein! Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich dem Wort Anarchismus keinen anderen als den gew&ouml;hnlichen Sinn unterlege.&ldquo;<br>\n&bdquo;Gut! &hellip; Aber ich verstehe immer noch nicht &hellip; Wollen Sie mir erz&auml;hlen, es g&auml;be keinen Unterschied zwischen Ihren wahrhaft anarchistischen Ideen und Ihrer Lebenspraxis? &mdash; ich meine: Ihrer jetzigen Lebenspraxis? Wollen Sie mir denn weismachen, Ihr Leben stimme in allen Punkten mit dem der gew&ouml;hnlichen Anarchisten &uuml;berein?&ldquo;<br>\n&bdquo;Nein! Nein, das ist es nicht. Was ich sagen will, ist, dass meine Theorien in keiner Weise von meiner Lebenspraxis abweichen; ganz im Gegenteil, beide stimmen absolut &uuml;berein. Dass ich nicht das Leben der Bombenleger und Gewerkschaftstypen f&uuml;hre, stimmt. Doch deren Leben spielt sich jenseits des Anarchismus, jenseits ihrer Ideale ab. Meines nicht. In mir &mdash; jawohl, in mir, dem Bankier, dem gro&szlig;en H&auml;ndler und Schieber, wenn Sie es so h&ouml;ren wollen &mdash; in mir vereinigen sich beide, Theorie und Praxis des Anarchismus, aufs Genaueste. Sie haben mich mit diesen Idioten von Bombenlegern, mit denen von der Gewerkschaft verglichen, um zu beweisen, ich sei anders als sie. Das bin ich auch, nur ist der Unterschied folgender: die da (jawohl, die da, nicht ich) sind nur in der Theorie Anarchisten, ich bin es in der Theorie und in der Praxis. Die da sind Anarchisten und Dummk&ouml;pfe, ich bin Anarchist und gescheit. Darum, mein Guter, bin ich der wahre Anarchist. Die von den Gewerkschaften und die Bombenleger (ich war ja auch einer von ihnen und habe sie gerade um des wahren Anarchismus willen verlassen) &mdash; sie stellen ja nur den Abfall des Anarchismus dar, sie sind die Drohnen der gro&szlig;en anarchistischen Lehre.&ldquo;<\/em><\/p><p>Der Bankier als Staats- und Gesellschaftszerst&ouml;rer, demgegen&uuml;ber die anarchistischen Bombenleger als kleine Fische und harmlose St&uuml;mper erscheinen. Mit Pessoa und Brecht k&ouml;nnte man fragen: Was sind Flugbl&auml;tter gegen Derivate, was ist eine Bombe gegen einen Hedgefonds, was sind die Selbstmord-Attent&auml;ter von <em>al-Qaida<\/em> gegen die finanziellen Massenvernichtungswaffen von <em>Goldman Sachs<\/em>? Wer diese Vergleiche f&uuml;r eine &Uuml;bertreibung h&auml;lt, dem seien hier die Sch&ouml;pfer dieser Metaphern nachgereicht: Namhafte Investmentbanker wie George Soros warnen vor den neuen Finanzderivaten und Warren Buffet beziehungsweise Felix G. Rohatyn bezeichnen sie als &ldquo;finanzielle Massenvernichtungswaffen&rdquo; oder &ldquo;potenzielle Wasserstoffbomben&rdquo;. <\/p><p>Fr&uuml;her sind Kommunisten und Anarchisten einmal angetreten, den Staat abzuschaffen. Diese wollten ihn als Ausdruck widernat&uuml;rlichen Zwangs sofort und unmittelbar beseitigen und durch eine Form kollektiver Selbstbestimmung ersetzen, jene wollten ihn w&auml;hrend einer gewissen &Uuml;bergangszeit in Gestalt einer Diktatur des Proletariats noch beibehalten. In dem Ma&szlig;e, wie die Klassengegens&auml;tze verschw&auml;nden und die Menschen sich die Bedingungen ihres Lebens wiederaneigneten und eine Gesellschaft freier und solidarischer Menschen entst&uuml;nde, w&uuml;rde die Staatsmaschine nach den Worten von Friedrich Engels dahin wandern, &bdquo;wohin sie dann geh&ouml;ren wird: ins Museum der Altert&uuml;mer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.&ldquo; So die Pl&auml;ne von Anarchisten und Kommunisten, die einstweilen scheiterten.<br>\nDer Staat war kein Papiertiger, wie Mao Tse-tung gewarnt hatte, sondern ein ernst zu nehmender und m&auml;chtiger Gegner und begrub einstweilen die Pl&auml;ne seiner Widersacher &ndash; manchmal auch diese selbst &ndash; unter sich. <\/p><p>Die Abschaffung des Staates ging dann seit den 1980er Jahren ganz anders vonstatten als gedacht und wurde vor allem von anderen Leuten und Kr&auml;ften betrieben, als den von Marx und Engels daf&uuml;r vorgesehenen gesellschaftlichen Akteuren. Nicht die Aktionen der Anarchisten, sondern die &bdquo;Anarchie des Marktes&ldquo; legte die Axt an die Wurzeln des Staates. Es waren und sind die Verfechter eines von allen Beschr&auml;nkungen befreiten, von der Leine gelassenen Marktes, die dem Staat das Wasser abgraben und die Gesellschaft zerst&ouml;ren, indem sie die sozialen K&ouml;rperschaften privatisieren und auf einen molekularen Zustand reduzieren. Was sind das f&uuml;r Zeiten, da die politische Linke den Staat gegen seine Zerst&ouml;rer verteidigen muss? <\/p><p>Die Reichen und Starken glauben, auf den Staat verzichten zu k&ouml;nnen. Sie k&ouml;nnen sich ihre Sicherheit und Vorsorge privat organisieren und brauchen allenfalls noch eine Armee um ihre Gesch&auml;ftsinteressen nach drau&szlig;en durchzusetzen, w&auml;hrend die sozial und &ouml;konomisch Schwachen auf den Schutz des Staates, auf seine Daseinsvorsorge und seine sozialstaatlichen Leistungen angewiesen sind. &bdquo;Menschen lernen den Wert eines Gutes meist erst sch&auml;tzen, wenn sie es nicht mehr haben. Was das t&auml;gliche Brot wert ist, lernen wir, wenn wir hungern m&uuml;ssen. Was Freiheit wert ist, sp&uuml;ren wir, wenn wir sie verloren haben. Was der Staat wert ist, erfahren die Menschen, die ohne Staat &uuml;berleben m&uuml;ssen&ldquo;, schreibt Erhard Eppler in seinem Buch <em>&bdquo;Auslaufmodell Staat?&ldquo;<\/em>. <\/p><p>Die Entstaatlichung, die im Namen neoliberaler Doktrinen betrieben wird, bezieht sich nicht auf den Staat als Ganzen, sondern nur auf seine sozialen, die H&auml;rten des Kapitalprinzips abmildernden Funktionen. Seine repressiven Funktionen m&uuml;ssen in dem Ma&szlig;e ausgebaut werden, wie wachsende Teile der Bev&ouml;lkerung nicht mehr &uuml;ber den Markt integriert und diszipliniert werden. Wenn der &bdquo;stumme Zwang der &ouml;konomischen Verh&auml;ltnisse&ldquo;, von dem bei Marx die Rede ist, schw&auml;cher wird, tritt wie Kai aus der Kiste manifeste Gewalt hervor. Pointiert gesagt: Der Polizeistaat kommt &uuml;ber die Herausgefallenen und &Uuml;berfl&uuml;ssigen. <\/p><p>Loic Wacquant hat den Zusammenhang zwischen dem sozialpolitischen R&uuml;ckzug und der strafrechtlichen Offensive und innenpolitischen Militarisierung des Staates in seinem Buch <em>&bdquo;Elend hinter Gittern&ldquo;<\/em> pr&auml;zise herausgearbeitet. Man trifft staatlicherseits Vorsorge gegen potenzielle Ausbruchsversuche der Massen und antwortet auf zunehmende Desintegrationstendenzen und die erneut aufbrechende soziale Frage mit Repression und Kontrolle. Wie sollen Teile der Bev&ouml;lkerung, wenn sie psychisch und sozial ent-gesellschaftet werden, im Zustand der Armut noch anders als durch Gewalt, staatlich verordnete Drogen und mediale Dauerverbl&ouml;dung regierbar sein?<\/p><p>Zur Finanzkrisen-Literatur wird auch ein Roman zu z&auml;hlen sein, in dessen Mittelpunkt <em>Pepys Road<\/em> steht, eine Stra&szlig;e mit Klinkerh&auml;usern im s&uuml;dlichen London, die einst f&uuml;r Familien aus der unteren Mittelschicht errichtet worden waren, nun aber zu Objekten der Spekulation geworden sind und auf dem Immobilienmarkt astronomische Preise erzielen. Der stammt vom Engl&auml;nder John Lanchester und hei&szlig;t im Original <em>&bdquo;Capital&ldquo;<\/em>. Das hat im Englischen einen Doppelsinn: Das Wort bezeichnet zugleich die englische Hauptstadt und das sie beherrschende Geld. In der deutschen &Uuml;bersetzung geht die Doppeldeutigkeit verloren. Die im Oktober 2012 bei Klett-Cotta in M&uuml;nchen erschienene deutsche Ausgabe hei&szlig;t schlicht <em>&bdquo;Kapital&ldquo;<\/em>. M&ouml;glicherweise enth&auml;lt die Eindimensionalit&auml;t des deutschen Wortes Kapital aber auch einen harten realen Kern: Das Kapital hat in der Hauptstadt das uneingeschr&auml;nkte Kommando &uuml;bernommen und ist mit ihr identisch geworden. Im Mikrokosmos einer einzigen Stra&szlig;e und ihrer Bewohner entfaltet Lanchester das Universum einer Gro&szlig;stadt, die sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Knotenpunkt internationaler Finanzstr&ouml;me entwickelt hat. Wir begegnen einem Banker, der noch aus einer Zeit stammt, als es im Finanzgesch&auml;ft noch mehr um pers&ouml;nliche Beziehungen und weniger um Mathematik ging. Neuerdings lautete die Ideologie: &bdquo;Arbeite hart, zocke hart und mache keine Gefangenen.&ldquo; Aus Furcht, den ertr&auml;umten Millionenbonus zu verfehlen, l&auml;sst sich Roger Yount auf riskante, hochspekulative Transaktionen ein und erleidet damit Schiffbruch. Neben ihm wohnen ein junger, aus Afrika importierter Premier-League-Star und eine alte Dame namens Petunia. &bdquo;Petunia war der &auml;lteste Mensch, der in der Pepys Road lebte, und sie war auch der letzte Mensch, der in der Stra&szlig;e geboren worden war und jetzt noch immer dort wohnte.&ldquo; Sie bekommt gelegentlich Besuch von ihrem Enkel, der ein millionenschwerer K&uuml;nstler ist und den hei&szlig; gelaufenen, im Grunde ebenfalls spekulativen zeitgen&ouml;ssischen Kunsthandel repr&auml;sentiert. Dann gibt es in der Pepys Road die aus Pakistan stammende Familie Kamal, die einen kleinen Kr&auml;merladen betreibt. Ahmed Kamal ist der Chef, der den Laden zusammenh&auml;lt. Unterst&uuml;tzung erh&auml;lt er durch seinen Bruder Shahid. Der &bdquo;war der Freigeist der Familie Kamal: ein Tr&auml;umer, Idealist und Wanderer &uuml;ber Gottes weite Erde &ndash; oder, wie Ahmed sagen w&uuml;rde, eine faule Sau.&ldquo; Shahid war der Meinung, &bdquo;dass alle, die w&auml;hrend der Arbeit einen Anzug tragen mussten, innerlich jeden Tag ein ganz klein wenig starben.&ldquo; Neben den Hauptfiguren begegnen wir Bogdan, einem polnischen Handwerker, der eigentlich Zbigniew hei&szlig;t und dessen erfolgreiches Gesch&auml;ftsmodell darin besteht, alles anders zu machen als britische Handwerker. Und der aus Zimbabwe eingewanderte Politesse Quentina Mkfesi, die von Hause aus studierte Politikwissenschaftlerin ist und mit ihren ebenfalls aus Afrika stammenden Kollegen ein Spiel mit sehr einfachen Regeln spielt: Es gewann immer der von ihnen, dem es gelang, dem teuersten Auto einen Strafzettel zu verpassen. Die Bewohner der Pepys Road erhalten seit einiger Zeit anonyme Postkarten, auf denen die Haust&uuml;ren der jeweiligen Adressaten abgebildet sind und die mit dem Text versehen sind: &bdquo;Wir wollen, was ihr habt.&ldquo; Das erinnert stark an die jungen anarchistischen Einbrecher aus dem Film <em>Die fetten Jahre sind vorbei<\/em>, die in den Villen, in die sie einbrechen ohne etwas zu rauben, Zettel mit der Aufschrift &bdquo;Sie haben zu viel Geld&ldquo; hinterlassen. <\/p><p>Zur Krisen-Literatur werden wir auch das neue Buch von Rainald Goetz: <em>&bdquo;Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft&ldquo;<\/em> z&auml;hlen d&uuml;rfen, das im Jahr 2012 bei Suhrkamp erschienen ist. Fast drei&szlig;ig Jahre nach <em>&bdquo;Irre&ldquo;<\/em> hat Rainald Goetz nach all dem Tagebuchartigen wieder einen Roman geschrieben. Dieser f&uuml;hrt uns in die Wirtschaftswelt der Jahre nach der Jahrtausendwende &ndash; also ins &bdquo;Nirwana des Geldes&ldquo;, wie der im Jahr 2012 verstorbene Robert Kurz das Imperium der nullenden Nullen genannt hat &ndash; und entwirft in Gestalt der Titelfigur ein pr&auml;zises Psychogramm des kapitalistischen Personals der Gegenwart, das zu einem nicht unbetr&auml;chtlichen Teil aus funktionalen Psychopathen besteht. &bdquo;Holtrop sa&szlig; konzentriert und b&ouml;se hinter seinem Schreibtisch. Er hatte auf seinem Weg nach oben nicht wenige Weggef&auml;hrten am Rand stehen gelassen, so manchen hatte er im Vorbeigehen wegsto&szlig;en m&uuml;ssen und gen&uuml;gend viele gegen deren Widerstand auch brutal und eigenh&auml;ndig in den Abgrund, an dem der gemeinsame Weg nach oben entlangf&uuml;hrte, hinuntergesto&szlig;en.&ldquo; Die Welt, in die Goetz uns versetzt, ist die Vorstandsetage eines weltweit operierenden deutschen Medienkonzerns mit Stammsitz in der norddeutschen Provinz. Vorstandsvorsitzender der Assperg Medien AG, die nach dem Vorbild der Bertelsmann AG gestaltet wurde, ist Johann Holtrop, von dessen kometenhaftem Aufstieg und finalen Vergl&uuml;hen der Roman erz&auml;hlt. Holtrop geh&ouml;rt zu einer neuen Spezies von Finanzfachleuten, &bdquo;die eher wie genialisch bestimmte Pianisten oder Jungphilosophen daherkamen, in heiterster Weise identisch mit ihrer Welt der Spekulation, vom Geist beseelte, hochabstrakte Naturelle, denen eindeutig und offensichtlich &hellip; die heutige, jetzige Zukunft geh&ouml;rte.&ldquo; Holtrop verk&ouml;rpert den Typ &bdquo;eines komplett entscheidungsverr&uuml;ckten, sprunghaften und r&uuml;cksichtslosen Entscheidungshysterikers&ldquo;.<\/p><p>Rainald Goetz ist ein grandioses Buch &uuml;ber den Irrsinn der b&ouml;rsengetriebenen Weltwirtschaftsexzesse und die Charaktermasken des fiktiven Kapitals gelungen. Holtrop &bdquo;liebte den Craze, das Provisorische, das Flirren in den Augen der Spinner, die ihm ihre Gesch&auml;ftsvisionen, Tr&auml;ume und Phantasien als morgen schon herbeigewirtschaftete Realit&auml;t verkauften, alles L&uuml;gen, aber herrlich und von allen geglaubt. Wirtschaft war endlich Kunst geworden, der sch&ouml;nste und gr&ouml;&szlig;te Weltfreiraum f&uuml;r alle wirklich abenteuerlich gesinnten Menschen, der Kapitalismus leuchtete, hell und wild wie noch nie.&ldquo;<\/p><p>Holtrops Universum ist eine sozialdarwinistische Konkurrenzh&ouml;lle, die von sozial gest&ouml;rten Menschen bev&ouml;lkert ist. Sie sind blo&szlig;e Geldsubjekte, Restmenschen, Ruinen, &bdquo;St&uuml;mpfe&ldquo;, von denen in Adornos Beckett-Interpretation die Rede ist. Holtrops Abstieg beginnt, als seine Untergebenen zu sp&uuml;ren beginnen, &bdquo;wie kaputt und zuinnerst abget&ouml;tet Holtrop tats&auml;chlich war, ein Freak, ein Irrer, ein Psychopath nur ohne Hitlerbart.&ldquo; Der Kurswert seiner Ich-Aktien f&auml;llt an der internen Assperg-B&ouml;rse ins Bodenlose. Nach der Lekt&uuml;re begreift man, dass das Asperger-Syndrom, das eine milde Form des Autismus bezeichnet und bei der Namensgebung der Firma Pate stand, zur sozialpsychologischen Signatur des neuen Zeitalters zu werden droht. Dabei zeichnet Goetz seine Figuren als die, die sie in der Wirklichkeit sind. Die menschlichen St&uuml;mpfe, die ihr Ich verloren haben und sich das Leben wechselseitig zur H&ouml;lle machen, sind die Produkte der Welt, in der sie und wir leben. Bei der Gro&szlig;kritik ist der Roman nicht gut angekommen, weil er bis in die Sprache hinein aus seiner Verachtung f&uuml;r die Geldwelt keinen Hehl macht. Die Kritik reagiert, als h&auml;tte Goetz den literarischen Salon mit ge&ouml;ffnetem Hosenstall betreten oder als tr&uuml;ge er einen vollgeschissenen Nachttopf in die duftende und gesittete Welt des Feuilletons. <\/p><p>Im Mittelpunkt von Ian McEwans Roman <em>&bdquo;Solar&ldquo;<\/em> steht der Physik-Nobelpreistr&auml;ger Michael Beard, ein Narzisst, wie er im Buche steht. Er t&auml;uscht sein Interesse f&uuml;r Solarenergie nur vor, um sich durch die Nutzung geklauter wissenschaftlicher Erkenntnisse bereichern zu k&ouml;nnen. Seine innere Leere &uuml;berspielt er durch Unm&auml;&szlig;igkeit nicht nur beim Sex, sondern auch beim Essen und Trinken. Mit einem amerikanischen Partner namens Toby Hammer gr&uuml;ndet Beard ein Unternehmen, um seine Patente auf dem Gebiet der k&uuml;nstlichen Photosynthese zu verwerten. In Lordsburg, New Mexico, bauen sie eine Versuchsanlage mit Solarpaneelen. Sie setzen auf die Furcht vor der Erderw&auml;rmung, die durch die herk&ouml;mmlichen Energiequellen gef&ouml;rdert wird, und versprechen sich durch eine Versch&auml;rfung der Klimakatastrophe riesige Absatzchancen f&uuml;r ihre Photovoltaik. Darunter versteht man die direkte Umwandlung von Lichtenergie, meist aus Sonnenlicht, in elektrische Energie mittels Solarzellen. Bei einem Treffen mit seinem Partner Hammer &auml;u&szlig;ert sich dieser besorgt &uuml;ber ihre Zukunftschancen. Er habe Berichte gelesen, dass die Geschichte mit der Erderw&auml;rmung und der Klimakatastrophe lediglich apokalyptische Panikmache sei. Neuere Forschungsergebnisse zeigten, dass es eigentlich keinen Grund zur Besorgnis gebe. &bdquo;Wenn die Erde sich nicht erw&auml;rmt, haben wir verschissen&ldquo;, sagt er und f&auml;hrt skeptisch  fort: &bdquo;Kein Mensch kauft uns ein einziges verflixtes Paneel ab, blo&szlig; weil es in drei&szlig;ig Jahren kein &Ouml;l mehr gibt.&ldquo; Beard trinkt noch einen Schluck, legt seinem Freund eine Hand auf den Arm und beruhigt ihn mit den Worten: &bdquo;Toby, glaub mir. Es ist eine Katastrophe. Entspann dich!&ldquo;<br>\nDass die Sorgen von Toby Hammer unbegr&uuml;ndet sind, dar&uuml;ber hat uns und vor allem die Amerikaner gerade der Wirbelsturm Sandy nachdr&uuml;cklich belehrt.<\/p><p>Dazu passt die Karikatur der beiden Zeichner Heribert Lenz und Achim Greser, die die S&uuml;ddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 16. Oktober 2012 abgedruckt hat. Man sieht zwei Aktienh&auml;ndler an einem Stehtisch des B&ouml;rsenst&uuml;berls gegen&uuml;ber der B&ouml;rse einen Latte macchiato trinken. Neben ihnen steht eine Tafel, die f&uuml;r eine Bouilla-Baisse f&uuml;r 18 Euro wirbt. Der eine scheint sich gerade &uuml;ber den Fall der Kurse, eine Baisse, beklagt zu haben, denn der andere sagt zu ihm: &bdquo;F&uuml;r mich kann es gar nicht schlimm genug kommen. Ich habe die Aktienmehrheit an der Apokalypse.&ldquo; <\/p><p>Erw&auml;hnt sei am Rande ein amerikanischer Klassiker aus der Zeit der Gro&szlig;en Depression: John Steinbecks Roman <em>&bdquo;Fr&uuml;chte des Zorns&ldquo;<\/em>. Steinbecks Roman schildert das Schicksal der in den fr&uuml;hen 30er Jahren im Gefolge der Weltwirtschaftskrise hoch verschuldeten Farmer in Oklahoma und Arkansas, die von den Grundbesitzern gewaltsam von ihrem Land vertrieben werden und auf der Suche nach Arbeit und Brot nach Kalifornien ziehen. Steinbeck beschreibt eindringlich folgende Szene: Das Land eines P&auml;chters ist verkauft worden und ein Angestellter des neuen Besitzers naht mit einer Planierraupe, um sein Haus abzurei&szlig;en. Der P&auml;chter stellt den Fahrer zur Rede und droht ihn zu erschie&szlig;en, wenn er an seinem Vorhaben festh&auml;lt. Der Fahrer sagt: &bdquo;Ich kann nichts daf&uuml;r. Ich verliere meine Arbeit, wenn ich&lsquo;s nicht mache. &hellip; Du bringst nicht den Richtigen um&ldquo; &bdquo;Ja, ja&ldquo;, sagt jetzt der P&auml;chter, &bdquo;wer hat dir den Befehl gegeben? Dann werde ich mich an den halten. Er ist der, wo umgebracht werden muss.&ldquo; &bdquo;Du hast Unrecht. Er hat auch nur seinen Befehl von der Bank. Die Bank hat ihm gesagt: &sbquo;Schmei&szlig; die Leute raus, oder du fliegst&lsquo;.&ldquo; &bdquo;Ja, aber es gibt doch einen Pr&auml;sidenten von der Bank. Es gibt doch Direktoren. Da f&uuml;lle ich eben mein Gewehrmagazin und gehe in die Bank.&ldquo;  Darauf sagt der Fahrer: &bdquo;Jemand hat mir erz&auml;hlt, die Bank hat Befehl aus dem Osten gekriegt. Und der Befehl war: &sbquo;Sorgt daf&uuml;r, dass das Land was abwirft, sonst machen wir euch die Bude zu.&ldquo; &ndash; &bdquo;Aber, wo h&ouml;rt das den auf? Wen k&ouml;nnen wir denn erschie&szlig;en? Ich habe keine Lust zu verhungern, eh&lsquo; ich den Mann umgebracht habe, der wo mich aushungert.&ldquo; &ndash; &bdquo;Ich wei&szlig; es nicht. Vielleicht ist da &uuml;berhaupt niemand zu erschie&szlig;en. Vielleicht ist das Ganze &uuml;berhaupt nicht von Menschen gemacht&ldquo;, sagt der Fahrer.<\/p><p>Warum habe ich diese Passage so ausf&uuml;hrlich zitiert? Weil sie uns dar&uuml;ber belehrt, dass Menschen, die Opfer eines abstrakten, gesichtslosen Systems und anonymer Prozesse werden, auf ihrer Wut sitzen bleiben. Ihre aggressiven Impulse sto&szlig;en ins Leere, die Wut dreht sich im Kreis und richtet unter den Opfern ihre Verheerungen an. Das zeigt auch die immer noch sehenswerte Verfilmung des Romans durch John Ford aus dem Jahr 1940 mit Henry Fonda in der Hauptrolle.<\/p><p>Der Schriftsteller F.C. Delius hat in seiner grandiosen <a href=\"http:\/\/www.fcdelius.de\/widerreden\/rede_georg_bchner_preis\/\">Rede zur Verleihung des B&uuml;chner-Preises 2011<\/a> gesagt: &bdquo;Wir wissen nicht, in welcher Epoche wir leben, habe ich von Arnold Esch gelernt, wir Zeitgenossen wissen nicht, wie man unsere Zeit einst nennen und bewerten wird. F&uuml;rs Erste aber, schlage ich vor, k&ouml;nnen wir uns an <em>Leonce und Lena<\/em> orientieren, der Kom&ouml;die der M&uuml;digkeit und der <em>universellen Langeweile<\/em>, einer Welt, &sbquo;die ihren Sinn verloren hat und richtungslos agiert&lsquo; (Mayer). Seit die b&uuml;rgerlichen Werte an den Finanzpl&auml;tzen verschleudert werden, der Liberalismus zum Lobbyismus und zur Marktbl&ouml;dheit verkommt, scheinen die Demokratien in feudalistische Zeiten zur&uuml;ckzutaumeln. Das Kapital selbst bringt die Verh&auml;ltnisse zum Tanzen &ndash; nicht weil Geld fehlt, weil wir sparen m&uuml;ssten, sondern, das ist die Kom&ouml;die daran, weil zu viel Geld da ist, das angelegt werden will.  Reiche Leute k&ouml;nnen nicht mehr mit den &uuml;berfl&uuml;ssigen Millionen und Milliarden umgehen, niemand will sich mit einer soliden Rendite von f&uuml;nf Prozent zufrieden geben, es m&uuml;ssen &uuml;berall und sofort gleich f&uuml;nfundzwanzig sein. Ich erz&auml;hle Ihnen nichts Neues, aber von B&uuml;chner: Genau wie der Staatsrat im K&ouml;nigreich Popo k&ouml;nnen sich nicht einmal die weisesten &Ouml;konomen der Welt auf L&ouml;sungen verst&auml;ndigen. Seit man in der Wirtschaft mehr mit Fiktionen, Derivaten, Utopien, mehr mit der Leere der Nullen als mit Realien handelt, sind wir im Reich des K&ouml;nig Peter angelangt, wo der Mittelstand bereits abgeschafft ist, bis auf einen Schulmeister, der die Hartz-IV-Empf&auml;nger zu dressieren versucht. Des K&ouml;nigs Weisheit beschr&auml;nkt sich auf den Satz: <em>Der Mensch muss denken.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Ganz in der Tradition von <em>Leonce und Lena<\/em> hat Heribert Prantl kurz nach der Lehman Brother-Pleite in einem Kommentar der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/jesus-und-die-finanzkrise-der-zorn-gottes-1.360258-2\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a> erkl&auml;rt, was ein Derivat ist und wie die ganze zeitgen&ouml;ssische Woodoo-&Ouml;konomie funktioniert: <em>&bdquo;Chuck kauft f&uuml;r 100 Dollar einen Esel. Das Tier stirbt vor der Lieferung. Chuck will sein Geld zur&uuml;ck, aber der ehemalige Besitzer hat es angeblich bereits ausgegeben. Nun will Chuck den toten Esel, um ihn zu verlosen. Verlosen? Ich sag den Leuten einfach nicht, sagt Chuck, dass er tot ist. Einen Monat sp&auml;ter trifft der Farmer Chuck wieder und erkundigt sich, was aus dem Esel geworden ist. Ich hab&rsquo; ihn verlost, 500 Lose zu zwei Dollar verkauft und 998 Dollar Gewinn gemacht. Hat sich keiner beschwert? Nur der Kerl, der den Esel gewonnen hat. Dem habe ich seine zwei Dollar zur&uuml;ckgegeben.&ldquo;<\/em> Prantls  Erz&auml;hlung endet mit der Bemerkung: Heute arbeitet Chuck f&uuml;r Goldman-Sachs und das Esel-Modell ist zum Weltfinanzprinzip geworden.<br>\nDie S&uuml;ddeutsche Zeitung hat am 6. September 2012 im Vorgriff auf sein neues Buch <em>Der europ&auml;ische Landbote<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.m100potsdam.de\/m100-de\/sanssouci-colloquium\/2012\/reden.html\">Rede von Robert Menasse<\/a> abgedruckt. Er spricht &uuml;ber den Zustand Europas. Es sei f&uuml;nf vor zw&ouml;lf. <em>&bdquo;Denn das europ&auml;ische Projekt befindet sich, sachlich betrachtet, an der Kippe. Allerdings besteht dennoch kein Anlass f&uuml;r Alarmismus: Die Uhr scheint ja stehen geblieben zu sein, denn ich lese seit Monaten in den Zeitungen, dass es f&uuml;nf vor zw&ouml;lf ist. Und wir wissen vom gro&szlig;en Historiker Theodor Mommsen, dass nach dem Untergang Roms Jahrzehnte vergingen, bis die R&ouml;mer begriffen, dass sie untergegangen waren.&ldquo;<\/em> <\/p><p><strong>Die erw&auml;hnte Literatur:<\/strong><\/p><p>Theodor W. Adorno: H&auml;nschen klein. In: Minima Moralia, Frankfurt\/Main 1979<br>\nF.C. Delius: Dankrede auf B&uuml;chner, in: Als die B&uuml;cher noch geholfen haben, Berlin 2012<br>\nErhard Eppler: Auslaufmodell Staat?, Frankfurt\/Main 2005<br>\nCornelia Fuchs: Nackt im Dax. Investment-Banker Kweku Adoboli hat 2,3 Milliarden Dollar verspielt, in: Stern 39\/2011<br>\nRainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft, Berlin 2012<br>\nRobert Harris: Angst, M&uuml;nchen 2011<br>\nJohn Lanchester: Kapital, M&uuml;nchen 2012<br>\nKristof Magnusson: Das war ich nicht, M&uuml;nchen 2010<br>\nPetros Markaris: Faule Kredite, Z&uuml;rich 2011<br>\nIan McEwan: Solar, Z&uuml;rich 2010<br>\nRobert Menasse: Europa Countdown, in: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 6. September 2012<br>\nRobert Menasse: Der europ&auml;ische Landbote. Die Wut der B&uuml;rger und der Friede Europas, Wien 2012<br>\nFernando Pessoa: Ein anarchistischer Bankier, Berlin 2006<br>\nHeribert Prantl: Der Zorn Gottes, S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 24.\/25.\/26. Dezember 2008<br>\nJohn Steinbeck: Fr&uuml;chte des Zorns, M&uuml;nchen 1985<br>\nLoic Wacquant: Elend hinter Gittern, Konstanz 2000<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt sie doch noch, die Engagierte Literatur und Schriftsteller, die sich in ihren Romanen mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit befassen. F&uuml;r sie ist Literatur kein L&rsquo;art pour l&rsquo;art, kein mond&auml;ner Zeitvertreib, sondern das Medium der Auseinandersetzung mit dr&auml;ngenden Fragen der Gegenwart. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> stellt eine Auswahl von aktuellen Romanen vor, die sich mit der Finanzkrise<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16126\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[50,208],"tags":[],"class_list":["post-16126","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzkrise","category-rezensionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16126","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16126"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16126\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48849,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16126\/revisions\/48849"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}