{"id":16201,"date":"2013-02-18T09:37:03","date_gmt":"2013-02-18T08:37:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16201"},"modified":"2015-06-26T09:10:28","modified_gmt":"2015-06-26T07:10:28","slug":"fluchtpunkt-chancengerechtigkeit-oder-wie-die-insm-uber-die-einkommens-und-verteilungsungerechtigkeit-hinwegzutauschen-versucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16201","title":{"rendered":"Fluchtpunkt \u201eChancengerechtigkeit\u201c \u2013 Oder: Wie die INSM \u00fcber die Einkommens- und Verteilungsungerechtigkeit hinwegzut\u00e4uschen versucht"},"content":{"rendered":"<p>Die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) macht sich Sorge, dass sich in der von 70 Prozent der Deutschen empfundenen Gerechtigkeitsl&uuml;cke politischer Sprengstoff ansammeln k&ouml;nnte. Um den wachsenden Unmut &uuml;ber die zunehmende Einkommens- und Verteilungsungerechtigkeit umzulenken, hat die neoliberale Propagandaagentur beim demoskopischen Hoflieferanten der CDU, <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/Presse\/Pressemeldungen\/Umfrage--Chancen-wichtiger-als-Verteilungsgerechtigkeit.html\">dem Institut f&uuml;r Demoskopie Allensbach eine Umfrage bestellt<\/a>, die nat&uuml;rlich vorab in der Bild-Zeitung ver&ouml;ffentlicht wurde. Mit dieser Untersuchung wird die Behauptung begr&uuml;ndet, dass die Deutschen gar nicht so sehr die manifeste soziale Ungleichheit bek&uuml;mmert, sondern dass sie eher auf mehr &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; in der Zukunft hoffen.<br>\nDiese Behauptung ist eine doppelte Manipulation: einmal durch die Studie selbst, dann aber vor allem durch deren Interpretation durch die INSM. Es ist ein kl&auml;glicher, aber leider wohl wirkungsvoller Versuch die politische Debatte im Wahljahr zu beeinflussen. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p>Die allein im Jahr 2012 mit knapp <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/ueber-die-insm\/FAQ.html\">7 Millionen durch die Arbeitgeberverb&auml;nde der Metall- und Elektroindustrie finanzierte<\/a>, sich selbst als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.neoliberalyse.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=133:was-denkt-die-insm-ueber-neoliberalismus-&amp;catid=42:neoliberale-texte&amp;Itemid=29\">neoliberal<\/a>&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/neoliberal_2010.pdf\">bezeichnende [PDF &ndash; 292 KB]<\/a> Propagandaagentur &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) ist besorgt, dass die &ouml;ffentliche Diskussion im Wahljahr die von ihr vertretene Ideologie in Frage stellen k&ouml;nnte. Die unerwartete Wahlniederlage der CDU in Niedersachsen hat gezeigt, dass das Thema &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; f&uuml;r die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler auch im Bundestagswahlkampf eine gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung hat, als bisher &uuml;blicherweise angenommen wurde, weil 60 Prozent der Bev&ouml;lkerung inzwischen sp&uuml;ren, dass die von der Bundesregierung und den Mainstreammedien ger&uuml;hmten wirtschaftlichen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15908\">&bdquo;Erfolge&ldquo; nicht bei ihr ankommen<\/a> sind.<\/p><p>Dass eine immer gr&ouml;&szlig;er werdende Mehrheit der Meinung ist, dass es in Deutschland nicht gerecht zugeht und dass zwei Drittel der Menschen daf&uuml;r die (derzeitige) Politik verantwortlich machen, muss nat&uuml;rlich bei dieser Arbeitgeber-Lobbyorganisation h&ouml;chsten Alarm ausl&ouml;sen. K&ouml;nnten doch bei einer solchen Stimmungslage im Lande die von der INSM propagandistisch unterst&uuml;tzte herrschende Politik und die &bdquo;Agenda-Reformen&ldquo; an Zustimmung verlieren. <\/p><p>Um die &ouml;ffentliche Meinung zu beeinflussen und die aufkommende Kritik an den bestehenden Verh&auml;ltnissen umzulenken, hat die INSM den demoskopischen Hoflieferanten der CDU, das Institut f&uuml;r Demoskopie Allensbach (IfD), mit einer Umfrage beauftragt. Mit der Untersuchung sollte der Frage nachgegangen werden, welche Vorstellungen die Bev&ouml;lkerung von einer sozial gerechten Gesellschaft hat.  (Vgl. <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/Presse\/Pressemeldungen\/Umfrage--Chancen-wichtiger-als-Verteilungsgerechtigkeit.html\">Was ist gerecht? IfD Allensbach<\/a>) <\/p><p>Nun kommt selbst dieses konservativ ausgerichtete Umfrage-Institut nicht daran vorbei, dass 69 Prozent der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger davon &uuml;berzeugt sind, dass Einkommen und Verm&ouml;gen nicht gerecht verteilt sind. Sogar 77 Prozent sind bei den benachteiligten sozialen Schichten dieser &Uuml;berzeugung und selbst in der Oberschicht sind noch 58 Prozent dieser Auffassung. (Umfrage S. 2) &Uuml;ber alle Schichten hinweg h&auml;lt es eine deutliche Mehrheit (insgesamt 57 Prozent) f&uuml;r ein gro&szlig;es Problem, wenn der Unterschicht zwischen Arm und Reich immer gr&ouml;&szlig;er wird (Schaubild 16). <\/p><p>Noch schlimmer f&uuml;r die Vork&auml;mpfer des herrschenden politischen Kurses ist aber: Knapp zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung sind davon &uuml;berzeugt, dass soziale Gerechtigkeit eher auf dem R&uuml;ckzug ist und in den letzten drei, vier Jahren abgenommen hat. Lediglich ein verschwindender Bruchteil von 7 Prozent sieht eine positive Entwicklung (Umfrage S. 3). <\/p><p>&Uuml;ber diesen f&uuml;r die Verteidiger der Umverteilungspolitik von unten nach oben schockierenden Befund kann auch der (zur heute &uuml;blichen politischen Sch&ouml;nf&auml;rberei geh&ouml;rende) <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12190\">relativierende Vergleich mit dem Ausland<\/a> nicht hinweg t&auml;uschen. Auch diese Verteidigungsstrategie wird selbstverst&auml;ndlich in der Allensbach-Untersuchung getestet. Es wird danach gefragt, in welchen L&auml;ndern nach Meinung der Befragten es mehr oder weniger soziale Gerechtigkeit gebe (Umfrage S. 3f.). Doch aus der Tatsache, dass die Menschen meinen, dass es in China oder in den USA sozial ungerechter zugeht als bei uns, l&auml;sst sich halt noch lange keine Zufriedenheit oder gar Zustimmung zu den bei uns bestehenden Verh&auml;ltnissen und schon gar nicht zur hier herrschenden Politik ableiten. Denn wiederum knapp zwei Drittel (65 Prozent) machen gerade die Politik der letzten Jahre f&uuml;r die zunehmende Ungerechtigkeit verantwortlich. <\/p><p><strong>Wie kann man als Verteidiger der derzeitigen Politik diesem Dilemma entkommen?<\/strong><\/p><p>Um &uuml;ber die von der weit&uuml;berwiegenden Mehrheit empfundenen Ungerechtigkeit bei Besitz und Verdienst (so die Ausgangsfrage nach der Gerechtigkeitsl&uuml;cke) hinwegzut&auml;uschen bedient sich das Allensbach-Institut eines Kniffs: man f&uuml;hrt einen &bdquo;mehrdimensionalen Gerechtigkeitsbegriff&ldquo; ein, d.h. man spaltet die Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit in ein paar (mehr oder weniger beliebige) Beispiele auf. <\/p><p>Zwar halten 60 Prozent die bestehende Verm&ouml;gensverteilung f&uuml;r ungerecht und 70 Prozent halten es f&uuml;r ungerecht, wenn Manager ein Vielfaches verdienen, was einfache Arbeiter verdienen, aber bei den vorgegebenen Antwortangeboten in der Umfrage, was denn &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; nach den Vorstellungen der Befragten bedeutet, taucht die gerechte oder faire Verteilung der Einkommen und Verm&ouml;gen erst gar nicht auf (Siehe Schaubild 4).<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130218_bild01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130218_bild01_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Mit diesem umfragetechnischen Trick &ndash; man k&ouml;nnte auch von einer glatten Manipulation sprechen &ndash; hat man auf geradezu zauberhafte Weise die von einer gro&szlig;en Mehrheit empfundene manifeste Gerechtigkeitsl&uuml;cke bei den Einkommen und bei der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung einfach verschwinden lassen. <\/p><p>Da wird also auf die Frage, was soziale Gerechtigkeit ist,  etwa das unsinnige Antwortangebot gemacht, dass sich L&ouml;hne &bdquo;nur nach der gearbeiteten Zeit, nicht nach der Qualifikation oder beruflichen Stellung&ldquo; richten sollen. Kaum ein vern&uuml;nftiger Mensch fordert aber eine Bezahlung ausschlie&szlig;lich nach der gearbeiteten Zeit. Die Forderung, dass wer mehr leistet, auch mehr verdienen soll, als derjenige der weniger leistet, bestreiten selbstverst&auml;ndlich auch nur Wenige. Als absurdestes Beispiel f&uuml;r soziale Gerechtigkeit wird dann auch noch die Antwort angeboten, dass Verm&ouml;gen &bdquo;ohne Erbschaftssteuer an die Nachkommen weitergegeben werden k&ouml;nnen&ldquo;. (Das war ja wohl eher eine Testfrage f&uuml;r eine politische Kampagne f&uuml;r eine Abschaffung der Erbschaftssteuer.)<\/p><p>&Uuml;ber dieses Ablenkungsman&ouml;ver von der Verteilungsfrage hinaus, baute das Umfrage-Institut noch ein weiteres Schlupfloch im Fragebogen ein. Man spaltete den Gerechtigkeitsbegriff auf und fragte nach einer Rangfolge verschiedener Facetten von Gerechtigkeit. (Schaubild 8) <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130218_bild02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130218_bild02_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Vorrang vor der Verteilungsgerechtigkeit (21 Prozent) habe die &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; (57 Prozent). Damit werden die eindeutigen Meinungen, dass die wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse im Hinblick auf Besitz und Verdienst nicht gerecht sind und die Kritik vor allem an der &bdquo;in den letzten drei, vier Jahren&ldquo; abnehmenden sozialen Gerechtigkeit beiseitegeschoben. <\/p><p>&bdquo;Chancen entscheidender Faktor f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/Presse\/Pressemeldungen\/Umfrage--Chancen-wichtiger-als-Verteilungsgerechtigkeit.html\">macht die INSM zur Hauptbotschaft<\/a>. Hinter der &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; &bdquo;treten Aspekte wie die Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen in den Hintergrund&ldquo; verk&uuml;ndet der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der INSM, Hubertus Pellengahr, als wichtigstes Ergebnis der Untersuchung. <\/p><p>Damit stellt die INSM die &ndash; ohnehin aus konservativem Erkenntnisinteresse angelegte &ndash; Umfrage auf den Kopf. Dem Allensbach-Institut muss man n&auml;mlich fairerweise anerkennen, dass es zu einer ganz anderen Interpretation seiner Ergebnisse gelangte. <\/p><p>Schon im Inhaltsverzeichnis hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Kritik vor allem an der Verteilungsgerechtigkeit, aber auch an der Chancen- und Generationengerechtigkeit&ldquo;. Und im Text der Auswertung hei&szlig;t es weiter: Die gro&szlig;e Mehrheit ist seit Jahren &uuml;berzeugt, dass die sozialen Unterschiede kontinuierlich wachsen und ein ungesundes Ma&szlig; erreicht haben. F&uuml;r die Zukunft geht die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit davon aus, dass die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten gr&ouml;&szlig;er werden und bef&uuml;rchtet auch, dass ein Teil der Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ckbleibt und wirtschaftlich und sozial nicht mehr mithalten kann. Entsprechend wird die Spreizung der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung von der gro&szlig;en Mehrheit als ungerecht empfunden. 70 Prozent empfinden es beispielsweise als ungerecht, wenn Manager ein Vielfaches von dem verdienen, was einfache Arbeiter an Entlohnung erhalten. An der derzeitigen Verm&ouml;gensverteilung nehmen 60 Prozent Ansto&szlig;.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>(Umfrage S. 8) Und 56 Prozent halten es f&uuml;r besonders wichtig, dass Einkommen und Verm&ouml;gen in Deutschland m&ouml;glichst gerecht verteilt sein sollten (Schaubild 9). <\/p><p>Dass die INSM die ungerechte Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen beim Verst&auml;ndnis von sozialer Gerechtigkeit als nachrangiges Problem abtun will, hat Methode. &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; das ist eines der wichtigsten Tarnw&ouml;rter der Neoliberalen. Dieser Begriff mit seiner sympathischen Anmutung f&uuml;r jedermann, verbirgt n&auml;mlich mehr, als dass er aufkl&auml;rt.<\/p><p>Zum Ersten lenkt dieser Begriff von den bestehenden Verh&auml;ltnissen ab und verweist in die Zukunft, n&auml;mlich vor allem auf (formal) gleiche Bildungschancen. Die Konservativen haben erkannt, dass Bildung den Fluchtweg aus allen gegenw&auml;rtigen Problemen bietet. Bildung wird als &bdquo;K&ouml;nigsweg&ldquo; aus der Spaltung der Gesellschaft in oben und unten, aus der Arbeitslosigkeit, aus prek&auml;rer Besch&auml;ftigung, aus Altersarmut und schon gar aus der bestehenden Gerechtigkeitsl&uuml;cke angepriesen. Das erkl&auml;rt auch warum sich gerade auch die INSM in letzter Zeit das <a href=\"http:\/\/www.insm-bildungsmonitor.de\/\">Bildungsthema auf ihre Fahnen geschrieben hat<\/a>. (Deshalb ist &ndash; nebenbei bemerkt &ndash; Bildung auch f&uuml;r die Bertelsmann Stiftung zum wichtigsten Thema geworden.) Mit der Forderung nach mehr Chancengerechtigkeit im Bereich der Bildung versuchen konservative Kreise ihre Fortschrittlichkeit vorzut&auml;uschen. Wer h&auml;tte schon etwas gegen Vorrang f&uuml;r die Bildung?<\/p><p>Doch Bildung ist ein langandauernder Prozess von der Kindertagesst&auml;tte, &uuml;ber die Schule, bis zur Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss, ja bis hin zur beruflichen Weiterbildung. Und weil die Fr&uuml;chte von Bildung vom  Einzelnen, wie von der Gesellschaft erst nach vielen Jahren geerntet werden k&ouml;nnen, sind bildungspolitische Appelle zumal vom konservativen Lager oftmals nur politische Ablenkungsman&ouml;ver von wirtschafts- und sozialpolitischem Versagen gegen&uuml;ber den Problemen der Gegenwart und von einer gescheiterten &bdquo;Reform&ldquo;-Politik. <\/p><p>Zum Zweiten ist &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; etwas v&ouml;llig anderes als die Schaffung der (tats&auml;chlichen) Voraussetzungen f&uuml;r mehr &bdquo;Chancengleichheit&ldquo;. Wenn Konservative Begriffe wie &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; oder &bdquo;gleiche Zugangschancen&ldquo; im Munde f&uuml;hren, dann handelt es sich um nichts anderes als die bildungspolitische unterf&uuml;tterte Variante der neoliberalen Parole &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo;. Denn wenn jeder (formal) gleiche Chancen auf Bildung und Qualifikation hat, dann ist eben ein ausbleibender beruflicher oder sozialer Aufstieg oder auch Arbeitslosigkeit und Armut den &bdquo;eigenen F&auml;higkeiten und Leistungen&ldquo; (so Pellengahr in seinem Pressestatement) zuzurechnen, dann reichen eben seine &bdquo;Talente und F&auml;higkeiten nicht dazu aus&hellip;, um am Arbeitsmarkt ein ausreichend hohes Einkommen zu erzielen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/ueber-die-insm\/Positionen\/gerechtigkeit.html\">Pellengahr a.a.O. und INSM- Position Gerechtigkeit<\/a>).<br>\n&bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; hei&szlig;t also nicht mehr und nicht weniger als die Verteidigung bestehender gesellschaftlicher Rollen und Verteilungsverh&auml;ltnisse.<\/p><p>Gerade umgekehrt wird aber ein Schuh draus: Wenn nichts dagegen unternommen wird, dass der Fahrstuhl f&uuml;r eine immer gr&ouml;&szlig;ere Zahl von Menschen nach unten geht, f&uuml;hrt das nur dazu, dass auch die Gleichheit der Bildungschancen weiter abnimmt, weil je gr&ouml;&szlig;er die soziale Ungleichheit, desto gr&ouml;&szlig;er der Aufwand f&uuml;r die Herstellung gleicher Bildungschancen (Friedhelm Hengsbach). <\/p><p>Um &uuml;ber dieses Ursache-Wirkungsverh&auml;ltnis zwischen Verteilungsungerechtigkeit und Chancenungleichheit beim Bildungsaufstieg hinwegzut&auml;uschen, ist es f&uuml;r Konservative wie den Sprecher der INSM so wichtig, zu behaupten, dass &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; Vorrang vor der Verteilungsgerechtigkeit genie&szlig;e. <\/p><p>Wenn aber &ndash; wie die Umfrage ergibt &ndash; 90 Prozent es f&uuml;r &bdquo;sozial gerecht&ldquo; halten, dass &bdquo;alle Kinder&hellip;die gleichen Chancen auf eine gute Schulbildung&ldquo; haben sollen, so kommt damit doch gerade zum Ausdruck, dass aus Sicht der Befragten diese gleichen Chancen eben nicht bestehen bzw. mehr Chancengleichheit gefordert wird. Bei den Facharbeitern sind 58 Prozent davon &uuml;berzeugt, dass es um die Aufstiegschancen eines Arbeiterkindes nicht gut steht. (Schaubild 10) <\/p><p>Und mit dieser Meinung treffen sie auch den vielfach empirisch best&auml;tigten Sachverhalt, dass in kaum einem anderen vergleichbaren Land die Bildungschancen der Kinder so sehr vom Geldbeutel ihrer Eltern abh&auml;ngen wie bei uns. <\/p><p><strong>P.S.: Einzelne Befunde<\/strong><\/p><p>Im &Uuml;brigen finden sich in der Allensbach-Umfrage viele Ergebnisse, die so gar nicht ins politische Konzept der INSM passen und deswegen entweder verschwiegen oder uminterpretiert werden.<\/p><p>F&uuml;r die Chefin des Allensbach-Instituts, Renate K&ouml;cher, ist die Meinung, dass es in Deutschland sozial nicht gerecht zugehe, eher herbeigeredet als real begr&uuml;ndet. Als Grund f&uuml;r dieses Meinungsbild sieht sie die &bdquo;intensive Diskussion &uuml;ber Themen wie Armut in der Gesellschaft.&ldquo;<\/p><p>Bei den &bdquo;politischen Priorit&auml;ten&ldquo; liegen etwa die Rentensicherung, die Reduzierung der Arbeitslosigkeit oder die Sicherung bezahlbarer Energie mit 70 bis 80 Prozent in der Wichtigkeit deutlich vor der &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo;.<\/p><p>Im oben erw&auml;hnten Antwortkatalog, auf die Frage, was sozial gerecht ist, erf&auml;hrt mit 91 Prozent die h&ouml;chste Zustimmung, dass man von dem Lohn f&uuml;r seine Arbeit auch leben kann. Man h&auml;tte also auch die &Uuml;berschrift w&auml;hlen k&ouml;nnen: Nahezu alle Deutsche sind f&uuml;r einen ausk&ouml;mmlichen Mindestlohn. Aber das h&auml;tte ja nicht zum Kampf der Arbeitgeber-Lobby gegen einen fl&auml;chendeckenden Mindestlohn gepasst, f&uuml;r den sich 72 Prozent aussprechen (Schaubild 21). <\/p><p>Daf&uuml;r betont die INSM umso mehr das &bdquo;Lohnabstandsgebot&ldquo; zwischen den Sozialleistungen f&uuml;r Arbeitslose und dem Einkommen von Erwerbst&auml;tigen. Verst&auml;ndlicherweise sind 76 Prozent der Meinung, dass Arbeitslose deutlich weniger bekommen sollten als Erwerbst&auml;tige. Diese Aussage l&auml;sst sich aber angesichts des h&ouml;chsten Zustimmungswertes f&uuml;r einen ausk&ouml;mmlichen Lohn nicht gegen die staatliche Unterst&uuml;tzung Arbeitsloser wenden, sondern eher umgekehrt als Votum f&uuml;r einen Lohn interpretieren, der deutlich &uuml;ber den Sozialleistungen liegt.<\/p><p>75 Prozent der Bev&ouml;lkerung nehmen Ansto&szlig;, wenn Unternehmen Gewinne machen und<br>\ngleichzeitig Mitarbeiter entlassen. Auch befristete Arbeitsvertr&auml;ge widersprechen<br>\ndem Gerechtigkeitsempfinden der Mehrheit (57 Prozent).<\/p><p>Interessant auch, dass &uuml;ber die H&auml;lfte der Meinung ist, dass der Staat durch Steuern daf&uuml;r sorgen m&uuml;sse, dass die Einkommensunterschiede nicht gr&ouml;&szlig;er werden. Deshalb halten wohl auch &ndash; wie an anderer Stelle gefragt (Schaubild 5) &ndash;  73 Prozent progressive Steuers&auml;tze f&uuml;r gerecht und mehrheitlich (58 Prozent) sprechen sich die Befragten daf&uuml;r aus, dass die Steuern, die vom Verdienst\/Verm&ouml;gen abh&auml;ngen erh&ouml;ht werden, statt dass die Mehrwertsteuer angehoben wird. 73 Prozent meinen, dass das gegenw&auml;rtige Steuersystem die sozialen Unterschiede vergr&ouml;&szlig;ert. Man k&ouml;nnte, ohne interpretatorische Klimmz&uuml;ge, dieses Meinungsbild auch als ein politisches Votum f&uuml;r die (Wieder-)Einf&uuml;hrung einer Verm&ouml;genssteuer oder einer Erh&ouml;hung der Spitzensteuer betrachten. Immerhin h&auml;lt die H&auml;lfte der Befragten das Steuersystem f&uuml;r Ungerecht und ist f&uuml;r eine Erh&ouml;hung dieser Steuern. 52 Prozent halten eine st&auml;rkere Besteuerung von Unternehmensgewinnen f&uuml;r eine wichtige Ma&szlig;nahme, jeder Zweite auch die Erh&ouml;hung des Spitzensteuersatzes und die Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;genssteuer.<br>\nDoch die INSM sieht in diesen Befunden eine Absage an &bdquo;r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Steuerdiskussionen oder populistische Umverteilungsforderungen&ldquo; (Pellengahr, Pressemitteilung). <\/p><p>76 Prozent sind daf&uuml;r Steuerschlupfl&ouml;cher abzuschaffen. <\/p><p>54 Prozent sind f&uuml;r eine Abschaffung der Studiengeb&uuml;hren und 56 Prozent sind daf&uuml;r, dass Kinder schon im Vorschulalter besser gef&ouml;rdert werden sollen. Und eine ganz gro&szlig;e Mehrheit von 71 Prozent ist f&uuml;r eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.<br>\nNur 21 Prozent halten das Betreuungsgeld f&uuml;r eine Ma&szlig;nahme, die die Familiengerechtigkeit verbessert. <\/p><p>Nur 6 Prozent der Bev&ouml;lkerung und 3 Prozent der Unter-30-J&auml;hrigen votieren daf&uuml;r, im<br>\nInteresse der Generationengerechtigkeit das Renteneintrittsalter zu erh&ouml;hen. Und nur 4 Prozent sprechen sich daf&uuml;r aus, den jetzigen Rentnern weniger Rente zu bezahlen (Schaubild 23). <\/p><p>Geradezu entsetzt hat den Sprecher der INSM offenbar das Umfrageergebnis, wonach 58 Prozent die Chancengerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt &bdquo;weniger gut&ldquo; und weitere 10 Prozent sogar als &bdquo;gar nicht gut&ldquo; einsch&auml;tzen. &Uuml;ber ein Drittel (36 Prozent) der Befragten meint dar&uuml;ber hinaus, dass die Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt abgenommen habe (Schaubild 11). <\/p><p>Voller Entsetzen meint Pellengahr bei der Vorstellung der Untersuchung dazu: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Die Bewertung ist bemerkenswert, ber&uuml;cksichtigt man, dass sich die Besch&auml;ftigungschancen vieler durch die stabile deutsche Konjunktur verbessert haben. Mehr Menschen denn je gehen einer sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung nach. Wir sind der &Uuml;berzeugung, dass die Agenda-Reformen fair und gerecht sind. Ihnen verdanken wir zu einem wesentlichen Teil unsere derzeitige Stabilit&auml;t &ndash; ohne die all die soziale Leistungen gar nicht finanzierbar w&auml;ren&ldquo;.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Mit diesem Urteil belegt Pellengahr dankenswerterweise ganz offen die Ideologie seiner Propaganda-Agentur. <\/p><p>Auch die Allensbach-Forscherin gibt an dieser Stelle ihr politisches Bekenntnis preis: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Die Bewertung der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ist bemerkenswert, ber&uuml;cksichtigt man, dass sich die Besch&auml;ftigungschancen vieler durch die stabile deutsche Konjunktur der letzten Jahre signifikant verbessert haben. Die &ouml;ffentliche Diskussion war jedoch in den letzten Jahren in hohem Ma&szlig;e von Themen wie Zeitarbeit, Mindestl&ouml;hnen, Geringverdienern und der Debatte &uuml;ber Minijobs gepr&auml;gt, wodurch sich in der Bev&ouml;lkerung der Eindruck verfestigt hat, dass auf dem Arbeitsmarkt vieles im Argen liegt, obwohl dort gro&szlig;e Erfolge erzielt wurden.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Frau Kr&ouml;cher hat wohl in ihrem Institut am sch&ouml;nen Bodensee offenbar nicht viel &uuml;ber die Realit&auml;t der Ausweitung prek&auml;rer Besch&auml;ftigung mitbekommen. Wohlgemerkt, diese Aussage findet sich in einer angeblich wissenschaftlichen Untersuchung. <\/p><p>&Uuml;ber die Meinung von 43 Prozent, dass Marktwirtschaft zu &bdquo;weniger sozialer Gerechtigkeit&ldquo; f&uuml;hrt, redet die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft am liebsten erst gar nicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) macht sich Sorge, dass sich in der von 70 Prozent der Deutschen empfundenen Gerechtigkeitsl&uuml;cke politischer Sprengstoff ansammeln k&ouml;nnte. Um den wachsenden Unmut &uuml;ber die zunehmende Einkommens- und Verteilungsungerechtigkeit umzulenken, hat die neoliberale Propagandaagentur beim demoskopischen Hoflieferanten der CDU, <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/Presse\/Pressemeldungen\/Umfrage--Chancen-wichtiger-als-Verteilungsgerechtigkeit.html\">dem Institut f&uuml;r Demoskopie Allensbach eine Umfrage bestellt<\/a>, die nat&uuml;rlich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16201\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[128,12,11,132],"tags":[484,291],"class_list":["post-16201","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-insm","category-manipulation-des-monats","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-ifd-allensbach","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16201"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16204,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16201\/revisions\/16204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}