{"id":16222,"date":"2013-02-19T09:16:34","date_gmt":"2013-02-19T08:16:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16222"},"modified":"2015-06-26T09:19:15","modified_gmt":"2015-06-26T07:19:15","slug":"frank-schirrmachers-neues-buch-ego-uberhaupt-nicht-marktkonform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16222","title":{"rendered":"Frank Schirrmachers neues Buch \u201eEgo\u201c \u2013 \u00dcberhaupt nicht marktkonform"},"content":{"rendered":"<p>In seinem neuen Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Ego-Das-Spiel-des-Lebens\/Frank-Schirrmacher\/e339355.rhd\">Ego &ndash; Das Spiel Lebens<\/a>&ldquo; wirft FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher einen tiefen Blick in das Betriebssystem des Kapitalismus. Die Software dieses Betriebssystems ist es, die Schirrmacher in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt. Diese Software ist auf dem Modell des egoistischen Menschen aufgebaut und steuert heute nicht nur die vernetzten M&auml;rkte des Finanzsystems, sondern ist zudem bereits auf dem besten Weg, die Demokratie abzul&ouml;sen. Es ist zu w&uuml;nschen, dass Schirrmachers Buch weitere Diskussion &uuml;ber das Wesen des modernen Kapitalismus ausl&ouml;st &ndash; denn nur, wenn wir das Betriebssystem verstehen, k&ouml;nnen wir es &auml;ndern. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1038\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-16222-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/Schirrmacher.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/Schirrmacher.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/Schirrmacher.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/Schirrmacher.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=16222-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/Schirrmacher.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"Schirrmacher.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p><em>Dieses Buch basiert auf einer einzigen These, [&hellip;] (dem) &bdquo;&ouml;konomischen Imperialismus&ldquo; [&hellip;]. Damit ist gemeint, dass die Gedankenmodelle der &Ouml;konomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert haben und sie beherrschen.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Frank Schirrmacher<\/p><p>Was meint Angela Merkel eigentlich, wenn sie von &bdquo;marktkonformer Politik&ldquo; spricht? Um erahnen zu k&ouml;nnen, was &bdquo;marktkonform&ldquo; ist, muss man sich zun&auml;chst einmal vergegenw&auml;rtigen, was M&auml;rkte sind und wie sie ticken. Die Vorstellung von lautstark gestikulierenden B&ouml;rsenh&auml;ndlern, die sich gegenseitig ihre Order zurufen, geh&ouml;rt schon lange der Vergangenheit an. Heute handeln Supercomputer im Nanosekundentakt miteinander, sie kaufen, verkaufen, t&auml;uschen, manipulieren und testen dabei ihre Gegenspieler. Oder um es kurz zu sagen &ndash; sie spielen. &bdquo;Ego &ndash; Das Spiel des Lebens&ldquo; wirft einen Blick auf dieses Spiel, seine Spieler und die Spielregeln. <\/p><p>Grundlage der Spielregeln sind dabei Rechenmodelle, genauer gesagt Computercode, basierend auf Algorithmen. Der Mensch ist in diesen Modellen ein &bdquo;homo oeconomicus&ldquo;, ein &bdquo;rationaler Agent&ldquo;, dessen einziger Antrieb es ist, im Sinne des Egoismus seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Rational ist im Sinne dieses Menschenbilds stets nur ein Handeln, dessen einzige Triebfeder der Egoismus ist. Der &bdquo;rationale Agent&ldquo; stellt nicht nur die Grundlage neoklassischer und neoliberaler &ouml;konomischer Modelle dar, er ist auch die Kernkomponente der &bdquo;Spieltheorie&ldquo;, einem mathematischen Modell, bei dem mehrere Spieler auf Basis &bdquo;rationaler&ldquo;, also egoistischer, Motive gegeneinander antreten. <\/p><p>Schirrmachers Reise in die Welt der Algorithmen beginnt in den 1950ern, als die USA in  Denkfabriken des milit&auml;risch-industriellen Komplexes, wie der Rand-Corporation, die Spieltheorie als Handlungsmodell f&uuml;r den Kalten Krieg weiterentwickelten, um im Pokerspiel der beiden atomaren Superm&auml;chte zu gewinnen. Dieses Spiel haben, wie wir alle wissen, die USA gewonnen. Nach dem Ende des Kalten Krieges verf&uuml;gten die Denkfabriken des milit&auml;risch-industriellen Komplexes nun &uuml;ber ausgefeilte spieltheoretische Algorithmen und hoch spezialisierte Physiker und Mathematiker, denen das Spielfeld abhanden gekommen war.<\/p><blockquote><p><em>Nach einem 50 Jahre w&auml;hrenden Kalten Krieg [&hellip;] befinden wir uns nach dem Ende des Kommunismus in einem neuen Kalten Krieg zwischen demokratischen Nationalstaaten und globalisierten Finanzmarktk&ouml;rpern.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Frank Schirrmacher <\/p><p>Viele dieser Forscher fanden in den 1990ern bei den boomenden Investmentbanken einen neuen Arbeitsplatz. Die Finanzm&auml;rkte waren das neue spieltheoretische Schlachtfeld, auf dem es sehr viel Geld zu verdienen gab. So entwickelten die Mathematiker und Physiker[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] auf Basis der Spieltheorie des Kalten Krieges die Algorithmen, die heute den Handel an den Finanzm&auml;rkten bestimmen. Wenn wir also heute von &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; sprechen, dann sprechen wir streng genommen vom Ergebnis eines Spiels, dessen Spieler auf Basis vorgegebener Algorithmen handeln, die wiederum den Egoismus der handelnden Subjekte als &bdquo;Ratio&ldquo; verkl&auml;ren und ihn zu alleinigen Triebfeder menschlichen Handelns machen.<\/p><blockquote><p><em>Doch das Problem ist, dass die Theorie nicht nur Handeln beschreibt, sondern Handeln erzwingt, sie ist nicht nur deskriptiv, sondern auch normativ. Sie postuliert nicht nur Egoisten, sie produziert sie auch.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Frank Schirrmacher<\/p><p>Im komplexen Spiel der Finanzm&auml;rkte gewinnt nur derjenige, der selbst streng &bdquo;rational&ldquo; &ndash; also egoistisch &ndash; handelt. Hier setzt Schirrmachers Kritik im Kern an. Ihm geht es in seinem Buch vor allem um die Frage, &bdquo;ob die Doktrin des &raquo;rationalen Selbstinteresses&laquo;, als des vern&uuml;nftigen Egoismus, nicht gerade im Begriff ist, puren Irrsinn zu produzieren?&ldquo; Wer sich die Ereignisse auf den Finanzm&auml;rkten anschaut, kommt wohl nicht darum herum, diese Frage zu bejahen. Und dies geht weit &uuml;ber Subprime-Kredite, Lehman, HRE und Griechenland-Anleihen hinaus. Die Krise ist vielmehr der Normalzustand an den M&auml;rkten. In den USA wird eine Aktie heute im Schnitt zweiundzwanzig Sekunden gehalten &ndash; vor vier Jahren waren es noch zwei Monate. Zwischen 2006 und 2011 gab es fast laut Schirrmachers Quellen fast 19.000 ultraschnelle und v&ouml;llig unerwartete Ereignisse am Aktienmarkt. Instabilit&auml;t ist keine Ausnahme, kein schwarzer Schwan, sondern die Regel.<\/p><blockquote><p><em>Die Krise ist nur ein Symptom. Sie zeigt die Instabilit&auml;t nicht nur von M&auml;rkten, sondern von Gesellschaften, in denen Gesellschaften wie M&auml;rkte und Menschen als &bdquo;homo oeconomicus&ldquo; organisiert werden. In meinen Augen: der erste Fall eines Systemversagens der Informations&ouml;konomie.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Frank Schirrmacher<\/p><p>Handelt es sich wirklich, wie Schirrmacher schreibt, um ein Systemversagen? Oder ist dieses vermeintliche Versagen nicht doch vielmehr die n&auml;chste Stufe im gro&szlig;en Spiel um Geld und Macht? Ging es gestern noch um Subprimekredite und Kreditderivate, geht es heute ganze Volkswirtschaften. Das System hat nicht versagt, es hat heute mehr Macht als je zuvor und da jeder Spieler f&uuml;r systemrelevant erkl&auml;rt wurde, steht der Verlierer bereits fest &ndash; die Gesellschaft. <\/p><p>Auch wenn Schirrmachers These vom Systemversagen der Informations&ouml;konomie einer gr&uuml;ndlichen Pr&uuml;fung nicht standh&auml;lt, hat er sehr wohl erkannt, wohin die Reise seit der Finanzkrise geht. Nicht nur das Spielfeld, sondern auch die Spieler und der Einsatz haben sich seit dem Beginn der Krise ver&auml;ndert. Spielten fr&uuml;her Finanzinstitute gegeneinander und der Staat schaute diesem Treiben zu, sind die Nationalstaaten heute mehr oder weniger unfreiwillig selbst in die Rolle eines Mitspielers getrieben worden. Das Schicksal ganzer Volkswirtschaften bestimmen heute nicht mehr die gew&auml;hlten Regierungen. Unser Schicksal ist vielmehr der Einsatz im gro&szlig;en Spiel, dessen Regeln sich seit Beginn des Kalten Kriegs nicht ver&auml;ndert haben.<\/p><blockquote><p><em>B&uuml;rger und Staat haben keine Souver&auml;nit&auml;t mehr, sondern &raquo;spielen&laquo; sie nur. Darum werden Parlamente zu Staffagen und &Ouml;ffentlichkeiten zu Echor&auml;umen, die man anspricht, um in Wahrheit M&auml;rkte zu beeinflussen.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Frank Schirrmacher<\/p><p>Eine Politik, die &bdquo;marktkonform&ldquo; ist, ist somit nichts gro&szlig;artig anderes als eine Politik, die dieses Spiel angenommen hat und sich den Spielregeln beugt. In einer Welt, in der das neoklassische Bild des &bdquo;homo oeconomicus&ldquo; grundlegendes Element der Spielregeln ist und der Egoismus zum rationalen Handeln erkl&auml;rt wird, bleibt jedoch kein Platz mehr f&uuml;r den Menschen als Mensch. Die &bdquo;neue Supertheorie&ldquo;, die laut Schirrmacher eine Melange aus neoklassischer und neoliberaler &Ouml;konomie, Darwinismus und Computertechnologie ist, droht vielmehr in letzter Konsequenz zu einem neuen Totalitarismus zu werden. <\/p><p>Frank Schirrmacher geb&uuml;hrt Respekt und Anerkennung daf&uuml;r, dass er die Ausw&uuml;chse des modernen Kapitalismus im Kern benennt. Man kann sich vortrefflich dar&uuml;ber streiten, ob &bdquo;Ego&ldquo; wirklich &bdquo;ohne Zweifel links&ldquo; ist, wie Jakob Augstein es <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/jakob-augstein-ueber-frank-schirrmachers-neues-buch-ego-a-882547.html\">formuliert<\/a>. Die Kritik an den Ausw&uuml;chsen des modernen Kapitalismus, dem Dogma effizienter M&auml;rkte und der Pr&auml;misse, Egoismus sei die ma&szlig;gebliche Triebfeder menschlichen Handelns, ist sowohl links als auch konservativ. Wenn Politiker und Leitartikler, die sich selbst als Konservative sehen, dies nicht wahrhaben wollen, liegt es vielleicht daran, dass sie eigentlich keine Konservativen, sondern vielmehr Marktliberale sind, die ihre Werte schon l&auml;ngst &uuml;ber Bord geworfen haben. Daher ist es auch ein gro&szlig;er Gewinn f&uuml;r die Debattenkultur, dass diese &auml;u&szlig;erst wichtige Debatte nicht von einem &bdquo;Linken&ldquo;, sondern vom konservativen Vordenker Frank Schirrmacher angesto&szlig;en wurde. Denn auf die Frage, ob Algorithmen oder gew&auml;hlte Politiker &uuml;ber uns unsere Zukunft entscheiden sollen, m&uuml;ssten Linke und Konservative eigentlich die gleiche Antwort haben.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/49a2fb890b4f4e6dafe3cd8b1338f16e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] im Englischen werden die Programmierer der Handelsalgorithmen der Wall Street heute nicht umsonst &bdquo;Rocket Scientists&ldquo; genannt<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem neuen Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Ego-Das-Spiel-des-Lebens\/Frank-Schirrmacher\/e339355.rhd\">Ego &ndash; Das Spiel Lebens<\/a>&ldquo; wirft FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher einen tiefen Blick in das Betriebssystem des Kapitalismus. Die Software dieses Betriebssystems ist es, die Schirrmacher in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt. Diese Software ist auf dem Modell des egoistischen Menschen aufgebaut und steuert heute nicht nur die vernetzten M&auml;rkte des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16222\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,205,208],"tags":[283,1185,786],"class_list":["post-16222","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rezensionen","tag-finanzmaerkte","tag-marktkonforme-demokratie","tag-schirrmacher-frank"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16222","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16222"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16222\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16271,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16222\/revisions\/16271"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16222"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16222"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16222"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}