{"id":1625,"date":"2006-08-23T17:36:10","date_gmt":"2006-08-23T15:36:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1625"},"modified":"2016-01-30T10:24:41","modified_gmt":"2016-01-30T09:24:41","slug":"new-deal-fur-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1625","title":{"rendered":"New Deal f\u00fcr Deutschland."},"content":{"rendered":"<p>Achim Truger hat in der FR ein neues Buch besprochen: Pl&auml;doyer f&uuml;r h&ouml;here Steuern und konstante Reall&ouml;hne.<br>\n<!--more--><br>\nNew Deal f&uuml;r Deutschland.<br>\nDer dritte Weg zum Wachstum.<br>\nGiacomo Corneo.<\/p><p>Campus-Verlag, Frankfurt a.M. 2006,<br>\n215 Seiten, 24,90 Euro.<\/p><p>Die Lehre von den &ouml;ffentlichen Finanzen hat sich in den vergangenen 25 Jahren radikal gewandelt. Fr&uuml;her betonten viele renommierte Professoren, dass es gute Gr&uuml;nde f&uuml;r ein T&auml;tigwerden des Staates gibt. Umverteilung betrachteten sie als wesentliche Aufgabe des Staats. Ganz anders heute. Fast scheint es, als seien die universit&auml;ren Finanzwissenschaftler ihrem Untersuchungsobjekt und Br&ouml;tchengeber &ndash; dem Staat &ndash; feindlich gesinnt. Ihre finanzpolitischen Empfehlungen laufen fast immer auf das Zur&uuml;ckdr&auml;ngen von Staatst&auml;tigkeit hinaus. Den umverteilenden Wohlfahrtsstaat sehen sie als Wachstums- und Besch&auml;ftigungshemmnis Nummer eins. Entsprechend setzen sie auf weniger Umverteilung &ndash; also weniger Steuern f&uuml;r Unternehmen und Reiche sowie geringere Sozialtransfers &ndash; als Wachstumsrezept.<\/p><p>Doch genau dieser Weg ist nicht Erfolg versprechend. Das jedenfalls sagt Giacomo Corneo in seinem Buch New Deal f&uuml;r Deutschland. Seine Thesen lassen sich auch von standesbewussten deutschen &Ouml;konomen schlecht als unwissenschaftlich abtun, denn er benutzt dieselben mikro&ouml;konomischen Methoden wie sie. Zudem ist der geb&uuml;rtige Italiener Inhaber eines Lehrstuhles f&uuml;r Finanzwissenschaft an der Freien Universit&auml;t Berlin. Er hat an den renommierten Universit&auml;ten in Berkeley und Philadelphia geforscht und in hochrangigen internationalen akademischen Zeitschriften &uuml;ber das Thema Steuern publiziert.<\/p><p>Eine kleine Sensation<\/p><p>Die Thesen, die Corneo als Kenner des internationalen Forschungsstandes vertritt, kommen in der angestaubten deutschen Debatte einer kleinen Sensation gleich. Zun&auml;chst singt er ein Loblied auf die segensreichen Wirkungen der Umverteilung. Die aufgrund der Globalisierung zu beobachtende Polarisierung der Einkommensverteilung zu Gunsten der hoch Qualifizierten sieht er nicht als verdiente Belohnung f&uuml;r die Leistungstr&auml;ger, sondern als zuf&auml;llige Beg&uuml;nstigung. Sie solle im Dienste des friedlichen Fortbestandes der demokratischen Gesellschaft korrigiert werden.<\/p><p>Das Problem nur: Die Steuerpolitik tue schon seit langem das genaue Gegenteil. Schon seit den fr&uuml;hen 1980er Jahren befinde sich Deutschland auf dem Weg in den Lohnsteuerstaat. Ausgerechnet Rot-Gr&uuml;n habe den schleichenden Prozess enorm beschleunigt und mit Steuersenkungen Reiche und Unternehmen besonders entlastet. Dem Argument, solche Steuergeschenke seien zur F&ouml;rderung der Investitions- und Leistungsbereitschaft n&ouml;tig, tritt er vehement entgegen. Nach aktuellem Forschungsstand gebe es keine Anzeichen f&uuml;r gravierende negative Auswirkungen umverteilender Besteuerung auf Wachstum und Besch&auml;ftigung.<\/p><p>Wenig &uuml;berraschend lautet daher ein Teil seines &ldquo;New Deal&rdquo; f&uuml;r Deutschland: (Moderat) h&ouml;here Einkommen- und Erbschaftssteuern f&uuml;r Wohlhabende sowie h&ouml;here Steuern auf Verm&ouml;genseinkommen. Mit den zus&auml;tzlichen Einnahmen sollen &ouml;ffentliche Investitionen und Sozialprogramme finanziert werden.<\/p><p>Gibt es auch einen Haken? Ja und zwar einen gewaltigen: Der andere Teil des &ldquo;New Deal&rdquo; besteht in einer radikalisierten Politik der Lohnzur&uuml;ckhaltung. Die Gewerkschaften sollen sich f&uuml;r f&uuml;nf bis sieben Jahre auf konstante Reall&ouml;hne trotz steigender Produktivit&auml;t verpflichten. Durch die relative Verbilligung des Faktors Arbeit k&ouml;nnten dann riesige Besch&auml;ftigungsgewinne erzielt werden. Hier r&auml;cht sich Corneos rein mikro&ouml;konomische Perspektive, derzufolge Arbeitslosigkeit immer in zu hohen L&ouml;hnen begr&uuml;ndet liegen muss. An einigen Formulierungen und Inkonsistenzen merkt man, dass der Autor auf dem makro&ouml;konomischen Terrain der Lohnpolitik ganz im Gegensatz zur Steuerpolitik nur Laie ist. Die Umsetzung seines Konzeptes w&uuml;rde denn auch eher in Deflation als in ein Besch&auml;ftigungswunder m&uuml;nden.<\/p><p>Dennoch: F&uuml;r die steuerpolitische Debatte ist Corneos Werk unverzichtbar. Die Tatsache, dass er mit demselben Instrumentarium zu ganz anderen Ergebnissen als seine deutschen Kollegen kommt, setzt diese einem peinlichen Verdacht aus: K&ouml;nnte es sein, dass ihre steuerpolitische Empfehlungen nicht wissenschaftlichem Urteil, sondern politischem Interesse entspringen?<\/p><p><em>&copy; FR online 2006<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achim Truger hat in der FR ein neues Buch besprochen: Pl&auml;doyer f&uuml;r h&ouml;here Steuern und konstante Reall&ouml;hne.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,208,137],"tags":[319,413,291],"class_list":["post-1625","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-rezensionen","category-steuern-und-abgaben","tag-lohnentwicklung","tag-schlanker-staat","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1625"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1625\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30699,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1625\/revisions\/30699"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}