{"id":16289,"date":"2013-02-22T09:05:07","date_gmt":"2013-02-22T08:05:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16289"},"modified":"2015-07-03T08:36:52","modified_gmt":"2015-07-03T06:36:52","slug":"tafta-eine-weitere-hintertur-fur-neoliberale-reformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16289","title":{"rendered":"TAFTA \u2013 eine weitere Hintert\u00fcr f\u00fcr neoliberale Reformen"},"content":{"rendered":"<p>Das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU ist in aller Munde. US-Pr&auml;sident Obama thematisierte die Transatlantic Free Trade Area (TAFTA) in seiner j&uuml;ngsten Regierungserkl&auml;rung und auch Angela Merkel und David Cameron konnten sich auf dem letzten EU-Gipfel kaum etwas Sch&ouml;neres vorstellen, als mit den USA eine Freihandelszone zu gr&uuml;nden. Woher kommt dieser pl&ouml;tzliche Enthusiasmus? Die Idee einer transatlantischen Freihandelszone ist ein alter Hut und es ist mehr als unwahrscheinlich, dass die anstehenden Verhandlungen, die Mitte dieses Jahres beginnen sollen, je zu einem nennenswerten Ergebnis kommen. Die Verhandlungen zu TAFTA eignen sich jedoch hervorragend, um auf vielen politischen Ebenen sogenannte &bdquo;Handelshemmnisse&ldquo; abzubauen. TAFTA ist somit wie eine Matroschka-Puppe. Man wei&szlig; nicht, was in ihr steckt. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie Idee des Freihandels ist so alt wie der internationale Handel selbst. Teile der Wirtschaft haben kein Interesse daran, entweder im eigenen oder in einem anderen Land durch Z&ouml;lle oder protektionistische Politik behindert zu werden. Andere Teile der Wirtschaft wollen hingegen durch Z&ouml;lle und Protektionismus gegen die Konkurrenz aus dem Ausland gesch&uuml;tzt werden &ndash; dazu z&auml;hlt in Europa beispielsweise die Agrarwirtschaft. Freunde des Freihandels begr&uuml;nden den Abbau von Handelsschranken dabei immer wieder gerne mit dem Argument, Freihandel w&uuml;rde Wachstum schaffen. Doch dieses Argument ist in einer globalisierten Welt reichlich schr&auml;g und gilt streng genommen nur dann, wenn der Freihandel die eigene Seite deutlich gegen&uuml;ber der anderen Seite bevorteilt. Bereits <a href=\"http:\/\/krugman.blogs.nytimes.com\/2009\/12\/10\/things-free-trade-doesnt-do\/\">im ersten Semester<\/a> lernt jeder &Ouml;konomie-Student, dass sich das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen nach der Formel BIP = C (Konsum) + I (Investitionen) + G (Staatsausgaben) + Ex (Exporte) &ndash; Im (Importe) berechnet. Der Freihandel l&auml;sst zwar die Summe der Exporte steigen, gleichzeitig steigt jedoch auch die Summe der Importe. Ein &bdquo;faires&ldquo; Freihandelsabkommen, von dem beide Seiten gleichzeitig profitieren, ist somit wachstumsneutral. In der Praxis geht es auch selten um die absoluten Zahlen, sondern meist nur um Handelsstr&ouml;me. Wer in einer Freihandelszone ist, hat deutliche Vorteile gegen&uuml;ber Mitbewerbern, die au&szlig;erhalb dieser Freihandelszone sind. Es wird globale dadurch kein Wachstum geschaffen, es werden lediglich Handelsstr&ouml;me umgelenkt.<\/p><p><strong>Schon heute spielen die Z&ouml;lle fast keine Rolle mehr<\/strong><\/p><p>Meist wird Freihandel mit dem Wegfall von Zollschranken assoziiert. Das ist generell auch nicht falsch, bei der Diskussion rund um TAFTA spielen die Z&ouml;lle jedoch eine sehr untergeordnete Rolle. Im Schnitt fallen beim transatlantischen Handel gerade einmal drei Prozent f&uuml;r die Z&ouml;lle an. Viele technische Produkte sind bereits heute zollfrei, jedoch gibt es nennenswerte Z&ouml;lle auf Agrarprodukte. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die Freunde eines Freihandelsabkommens ihre Wachstumshoffnungen auf Export&uuml;bersch&uuml;sse im Agrarsektor setzen. In Deutschland z&auml;hlen neben dem Au&szlig;en- und Gro&szlig;handel vor allem die Industrielobbys mit ihrem verl&auml;ngerten Arm in die CDU, CSU, FDP und SPD zu den gro&szlig;en Bef&uuml;rwortern von TAFTA. Und dabei geht es nicht um ein paar Prozent Zollgeb&uuml;hren.<\/p><p>Diesseits und jenseits des Atlantiks erhofft man sich, durch TAFTA Wettbewerbsvorteile gegen&uuml;ber Konkurrenten aus anderen Regionen zu gewinnen &ndash; und hier spielt neben China auch Japan eine Rolle. Neben den eher geringen Vorteilen durch den Wegfall der Zollschranken geht es dabei vor allem um einheitliche Richtlinien. F&uuml;r die europ&auml;ische Pharma-Industrie w&auml;re es beispielsweise ein gro&szlig;er Vorteil, wenn ihre Medikamente, die bereits nach der vergleichsweise laschen EU-Arzneimittelverordnung zugelassen wurden, ohne weitere Zulassungsverfahren durch die Food and Drug Administration auch in den USA vertrieben werden d&uuml;rften. Es ist jedoch extrem unwahrscheinlich, dass die USA sich einem solchen Passus im Freihandelsabkommen beugen w&uuml;rden. Umgekehrt ist es kaum vorstellbar, dass die EU ihren Markt f&uuml;r Agrarprodukte aus den USA &ouml;ffnet und beispielsweise ihre Richtlinien f&uuml;r &bdquo;Genmais&ldquo;, &bdquo;Hormonrindfleisch&ldquo; und &bdquo;Chlorh&uuml;hner&ldquo; abschafft &ndash; nicht wegen des Verbraucherschutzes, der ohnehin nur klein geschrieben wird, sondern wegen der wirtschaftlichen Interessen der &uuml;berm&auml;chtigen europ&auml;ischen Agrarlobby.<\/p><p><strong>USA und EU &ndash; in Freihandelsfragen chronisch uneins<\/strong><\/p><p>Wer denkt, dass die USA und die EU in Sachen Freihandel auf einer Wellenl&auml;nge liegen, t&auml;uscht sich gewaltig. Seit Ewigkeiten streiten sich die Lobbyisten beider Wirtschaftsr&auml;ume bereits in den Verhandlungen zu den GATT- und sp&auml;ter den WTO-Runden. Die aktuelle WTO-Runde mit dem Namen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Doha-Runde\">&bdquo;Doha-Runde&ldquo;<\/a> l&auml;uft nun schon seit 2001 und es ist heute unwahrscheinlicher denn je, dass sie jemals zu einem Ergebnis kommt. Anders als TAFTA ist die Doha-Runde kein bilateraler Ansatz, sondern ein globaler, der f&uuml;r alle 158 WTO-Mitglieder gilt und daher auch von allen Mitgliedern verhandelt wird. Die EU war in der Doha-Runde stets ein treibender Part, w&auml;hrend neben China vor allem auch die USA immer wieder auf die Bremse dr&uuml;ckten. Und nun sollen die beiden Wirtschaftsr&auml;ume, die bei der Doha-Runde in zahlreichen Punkten meilenweit auseinander liegen, einen &bdquo;gro&szlig;en Wurf&ldquo; bei TAFTA hinlegen, wie es Bundeswirtschaftsminister R&ouml;sler eben so nassforsch wie kompetenzfrei <a href=\"http:\/\/www.badische-zeitung.de\/wirtschaft-3\/roesler-will-weitreichendes-freihandelsabkommen-mit-usa--69204225.html\">verk&uuml;ndet<\/a>? Nicht nur die EU und die US-Regierung m&uuml;ssten TAFTA zustimmen, sondern auch das Europaparlament und jedes der 27 nationalen EU-Parlamente. Wer wei&szlig;, mit welchen Mitteln sich alleine die verschiedenen nationalen Agrarlobbys auf EU-Ebene bek&auml;mpfen, kann sich schwerlich vorstellen, dass es diesseits des Atlantiks ein einstimmiges Votum zu einem &bdquo;gro&szlig;en Wurf&ldquo; in Sachen TAFTA kommen k&ouml;nnte. Und auch die USA sind nat&uuml;rlich nicht frei von Lobbyinteressen. Es ist kaum vorstellbar, dass der US-Kongress seine Zustimmung zu einem Handelsabkommen geben wird, das die Zollschranken f&uuml;r hochsubventionierte EU-Agrarprodukte aufhebt und den US-Farmern ernsthafte Konkurrenz entstehen l&auml;sst.<\/p><p>Und das ist alles auch gut so. Ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU ist &uuml;berfl&uuml;ssig wie ein Kropf. Da es, wie erw&auml;hnt, kaum Zollschranken gibt, wird es bei den Verhandlungen vor allem um den sogenannten &bdquo;B&uuml;rokratieabbau&ldquo; gehen. Die B&uuml;rokratie, die abgebaut werden soll, ist aber zum Nutzen der Gesellschaft. Die Amerikaner wollen zu Recht keine schlecht getesteten europ&auml;ischen Arzneimittel und die Europ&auml;er wollen ebenfalls zu Recht keinen Genmais und kein Hormonrindfleisch. Die entscheidende Frage ist daher: Warum verhandelt man, wenn man ohnehin zu keinem Ergebnis kommt?<\/p><p><strong>TRIPS, SOPA, ACTA &ndash; was steckt in TAFTA?<\/strong><\/p><p>Die TAFTA-Verhandlungen sind erst einmal auf zwei Jahre angelegt. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass solche Verhandlungen auch mehrere Jahrzehnte dauern k&ouml;nnen &ndash; erst Recht, wenn sie so komplex sind, wie es bei den TAFTA-Verhandlungen zu erwarten ist. Unter dem Vorwand, diese oder jene Gesetzgebung sei &bdquo;alternativlos&ldquo;, da sie eine Grundvoraussetzung f&uuml;r ein TAFTA-Abkommen sei, kann unpopul&auml;ren Gesetzen so das Label des &bdquo;Sachzwangs&ldquo; verpasst werden. Was geh&ouml;rt dazu? <\/p><p>Es ist zu erwarten, dass &uuml;ber die TAFTA-Verhandlungen auch die Themen Versch&auml;rfung des Urheberrechts und Schutz geistigen Eigentums wieder auf den Tisch kommen. Die USA haben gro&szlig;es Interesse daran, dass die amerikanischen Rechte und Patente f&uuml;r immaterielle G&uuml;ter wie multimediale Inhalte und Software in der EU gest&auml;rkt werden. Das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/TRIPS\">TRIPS-Abkommen<\/a> geht vielen Lobbyisten hier nicht weit genug. Akronyme wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SOPA\">SOPA<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Acta\">ACTA<\/a> lassen erahnen, wohin die Reise geht. Aber auch in der materiellen Wirtschaft k&ouml;nnte TAFTA als Vorwand f&uuml;r eine weitere Deregulierung und Privatisierung genutzt werden. &Uuml;berall dort, wo amerikanischen Unternehmen der unbehinderte Zugang zu den europ&auml;ischen M&auml;rkten fehlt, k&ouml;nnte im Rahmen der TAFTA-Verhandlungen eine Deregulierung gefordert werden. Dies reicht von der Wasserversorgung &uuml;ber das Gesundheitssystem (z.B. beim britischen NHS) bis zum breiten Feld der Finanzmarktprodukte. Und hier sind es wohlgemerkt nicht nur die US-Unternehmen, die sich steigende Profite versprechen. Es geht vor allem darum, den Staat aus m&ouml;glichst vielen Bereichen heraus zu dr&auml;ngen, M&auml;rkte zu deregulieren und die Privatisierung voranzutreiben. Es ist daher auch gar kein Wunder, dass TAFTA vor allem von Angela Merkel und David Cameron vorangetrieben wird und &bdquo;Fipsi&ldquo; R&ouml;sler laut applaudiert. TAFTA hat in letzter Konsequenz alleine schon wegen der geringen Wahrscheinlichkeit, dass es jemals umgesetzt wird, wenig mit dem transatlantischen Handel zu tun. Es geht vielmehr darum, unpopul&auml;re marktliberale Ma&szlig;nahmen gegen den Willen der eigenen Bev&ouml;lkerung umzusetzen.<\/p><p>TAFTA ist momentan nicht mehr als eine leere H&uuml;lle. Was TAFTA &uuml;berhaupt beinhalten soll, wird sich erst w&auml;hrend der Verhandlungen zeigen, die im Juni dieses Jahres beginnen. Man muss jedoch kein Prophet sein, um zu erahnen, welche &bdquo;Reformen&ldquo; die europ&auml;ische Seite im Schlepptau von TAFTA anstrebt. Schreibt der Fiskalpakt den europ&auml;ischen L&auml;ndern eine neoliberale Finanzpolitik vor, k&ouml;nnte TAFTA die von Merkel und Co. gew&uuml;nschte Erg&auml;nzung darstellen, um auch den neoliberalen Deregulierungstraum europaweit umzusetzen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/66866b47955e4ddf954fdc454c0883d4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU ist in aller Munde. US-Pr&auml;sident Obama thematisierte die Transatlantic Free Trade Area (TAFTA) in seiner j&uuml;ngsten Regierungserkl&auml;rung und auch Angela Merkel und David Cameron konnten sich auf dem letzten EU-Gipfel kaum etwas Sch&ouml;neres vorstellen, als mit den USA eine Freihandelszone zu gr&uuml;nden. 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