{"id":16321,"date":"2013-02-25T10:02:28","date_gmt":"2013-02-25T09:02:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16321"},"modified":"2015-07-10T12:06:34","modified_gmt":"2015-07-10T10:06:34","slug":"bundesprasident-gauck-rede-zu-perspektiven-der-europaischen-idee-eine-einschatzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16321","title":{"rendered":"Bundespr\u00e4sident Gauck: Rede zu Perspektiven der europ\u00e4ischen Idee. Eine Einsch\u00e4tzung."},"content":{"rendered":"<p>In den NachDenkSeiten war am 22. Februar eine ausf&uuml;hrliche Bewertung der Rede Joachim Gaucks zu Europa angek&uuml;ndigt worden. Hier ist sie. Da ich im vergangenen Jahr mit dem kleinen Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=16315\">Der Falsche Pr&auml;sident. Was Pfarrer Gauck noch lernen muss, damit wir gl&uuml;cklich mit dem werden<\/a>&ldquo; rechtzeitig vor der Wahl des Bundespr&auml;sidenten eine kritische Analyse geschrieben hatte und ich diese kritische Sicht gerne korrigieren w&uuml;rde, hatte ich mit einer positiven Hoffnung auf die Rede gewartet. Diese Hoffnung wurde durch die Auswahl des Themas und das emotionale Engagement des Bundespr&auml;sidenten f&uuml;r Europa nicht entt&auml;uscht. Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen in Deutschland europafeindlichen Parolen entgegentreten und sichtbar machen, dass die enge Zusammenarbeit der V&ouml;lker Europas ein Riesenfortschritt darstellt. Es ist gut, dass Joachim Gauck der europafeindlichen Meckerei entgegentritt. Damit bin ich aber auch leider schon fast am Ende meines Lateins beim Versuch, die Rede des Bundespr&auml;sidenten gut zu finden. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3575\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-16321-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/25022013-Bundespraesident-Gauck-Rede-zu-Perspektiven-der-europaeischen-Idee-Eine-Einschaetzung.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/25022013-Bundespraesident-Gauck-Rede-zu-Perspektiven-der-europaeischen-Idee-Eine-Einschaetzung.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/25022013-Bundespraesident-Gauck-Rede-zu-Perspektiven-der-europaeischen-Idee-Eine-Einschaetzung.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/25022013-Bundespraesident-Gauck-Rede-zu-Perspektiven-der-europaeischen-Idee-Eine-Einschaetzung.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=16321-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/25022013-Bundespraesident-Gauck-Rede-zu-Perspektiven-der-europaeischen-Idee-Eine-Einschaetzung.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"25022013-Bundespraesident-Gauck-Rede-zu-Perspektiven-der-europaeischen-Idee-Eine-Einschaetzung.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Zun&auml;chst noch zu den Quellen: <\/strong><br>\nSie k&ouml;nnen die Rede des Bundespr&auml;sidenten auf der Internetseite des Bundespr&auml;sidialamtes <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Reden\/2013\/02\/130222-Europa.html;jsessionid=F22A66376B0FBB2DA8CBDA745FD4C39F.2_cid379\">Bundespr&auml;sidialamt<\/a> als Text auf Deutsch und auf Englisch sowie als Video in der Fassung der ARD Mediathek abrufen.<\/p><p><strong>Und dann vor der kritischen Betrachtung noch ein paar Hinweise auf das Positive in des Bundespr&auml;sidenten Rede:<\/strong><\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Mehr Europa hei&szlig;t: mehr geliebte und geeinte Vielfalt. &hellip; Vielfalt ist Alltag in der Mitte unserer Gesellschaft geworden.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Der Bundespr&auml;sident f&ouml;rdert also nicht die konservative Ideologie vom allein christlich gepr&auml;gten Abendland. Christen, Gottlose, Muslime, Juden und andere machen zusammen die interessante Vielfalt Europas aus.<br>\nOder Gauck sagte:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Mehr Europa fordert: mehr Mut bei allen! Europa braucht jetzt keine Bedenkentr&auml;ger, sondern Bannertr&auml;ger, keine Zauderer, sondern Zupacker, keine Getriebenen, sondern Gestalter.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Das ist gut formuliert. Und die Richtung stimmt. <\/p><p>Was noch positiv auff&auml;llt: In dieser Rede hat Joachim Gauck seine &uuml;bliche Praxis, in jedem zweiten Absatz das Wort Freiheit zu gebrauchen und diesen Grundwert &uuml;ber alles zu stellen, korrigiert. Das f&auml;llt positiv auf, weil der h&auml;ufige Gebrauch des Wortes Freiheit mit der Zeit einen schalen Beigeschmack hinterlassen hat.<\/p><p><strong>Danke k&ouml;nnte man sagen, wenn es in der gro&szlig;en Rede vom 22.2.2013 nicht zu viele Ungereimtheiten und M&auml;ngel g&auml;be:<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Der Bundespr&auml;sident besch&ouml;nigt die Lage in Europa und in den einzelnen L&auml;ndern<\/strong>\n<p>Die soziale und wirtschaftliche Not, die hohe Arbeitslosigkeit und Verzweiflung von Millionen Menschen in den s&uuml;dlichen L&auml;ndern wie auch von vielen hier in Deutschland ist kein gro&szlig;es Thema dieser als gro&szlig;e Rede gedachten Rede des Bundespr&auml;sidenten. <\/p>\n<p>Der Bundespr&auml;sident behauptet, Europa garantiere eine immer w&auml;hrende kritische &Ouml;ffentlichkeit und freie Medien. Und er behauptet, unsere europ&auml;ischen Werte seien verbindlich.<br>\nMan gewinnt angesichts dieser euphorischen Einlassungen den Eindruck, der Bundespr&auml;sident lebe hinter undurchl&auml;ssigen Mauern. Hat er nichts mitgekriegt von der Bedrohung der Pressefreiheit in Ungarn? Kriegt er nichts mit vom Konzentrationsprozess der Medien und Verlage in Deutschland? Hat er keine Ahnung von der Bedrohung der Medienfreiheit in Gro&szlig;britannien durch die Machenschaften eines Murdoch? Ja, hat man im Bundespr&auml;sidialamt Italien schon von der europ&auml;ischen Landkarte gestrichen? Erf&uuml;llt es den Bundespr&auml;sidenten nicht mit Sorge um seine hoch gehaltenen Werte Freiheit und Demokratie, wenn sich in Italien ein Unternehmer erst private Sender beschaffen kann und dann nach &Uuml;bernahme der politischen Macht auf &ouml;ffentlich-rechtliche Sender zugreift und seine Macht nutzt, um sich dem Zugriff der Justiz zu entziehen? Und dies alles schon mehrmals. M&ouml;glicherweise kommt bei den gestern und heute stattgefundenen Wahlen in Italien wieder eine Best&auml;tigung dieser bedrohlichen Entwicklung? Wer das Ph&auml;nomen Berlusconi und &auml;hnliche Entwicklungen in anderen L&auml;ndern Europas ernst nimmt, der kann nicht so besch&ouml;nigend daher reden, wie Bundespr&auml;sident Gauck das tut.<\/p>\n<p>Pr&auml;sident Gauck hatte auch noch auf einem anderen Feld massiv besch&ouml;nigt: Der spanische Ministerpr&auml;sident und der slowenische Ministerpr&auml;sident stehen unter Korruptionsverdacht; hierzulande ergab eine Kleine Anfrage der Linkspartei, dass die Vertreter von Goldman Sachs und anderen Banken privilegierten Zugang zum Kanzleramt haben; viele politische Entscheidungen in unserem Land wie etwa die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente und die F&ouml;rderung der Privatvorsorge sind nur zu verstehen, wenn man politische Korruption in Rechnung stellt. Dar&uuml;ber kann man doch nicht einfach durch Schweigen hinwegreden, wenn man eine Europa-Rede h&auml;lt. Der Kampf gegen die Korruption und dabei vor allem gegen die politische Korruption ist eine der zentralen Aufgaben bei der Weiterentwicklung der Europ&auml;ischen Gemeinschaft.<\/p><\/li>\n<li><strong>Das eigentliche wirtschaftliche Problem des Euroraums hat Joachim Gauck nicht verstanden. <\/strong>\n<p>F&uuml;r ihn folgt das Problem des Euroraums vor allem daraus, dass es bei Gr&uuml;ndung des Euroraums keine durchgreifende finanzpolitische Steuerung gab. Diesen Konstruktionsfehler sieht er durch &bdquo;Rettungsma&szlig;nahmen wie den Europ&auml;ischen Stabilit&auml;tsmechanismus und den Fiskalpakt notd&uuml;rftig korrigiert&ldquo;.<\/p>\n<p>Da t&auml;uscht er sich und vers&auml;umt es deshalb, wenigstens ein kleines Signal an die Bundesregierung zu senden, sich um die Anpassung der Wettbewerbsf&auml;higkeit und d.h. der Lohnentwicklung in den Eurol&auml;ndern zu k&uuml;mmern. Und vor allem sagt er nicht, dass dies nicht einseitig eine Aufgabe der Leistungsbilanzdefizitl&auml;nder im S&uuml;den, sondern auch eine Aufgabe der exportstarken Volkswirtschaften in Finnland, den Niederlanden, Deutschland und &Ouml;sterreich ist.<\/p>\n<p>Von diesem Bundespr&auml;sidenten kommt kein Beitrag zur Aufkl&auml;rung &uuml;ber die komplizierte Lage eines W&auml;hrungsraums, dessen fundamentale Daten der Lohn- und Produktivit&auml;tsentwicklung auseinanderklaffen. Hier ein bisschen aufzukl&auml;ren, w&auml;re aber eine staatspolitische Aufgabe sondergleichen gewesen, weil die Mahner zur Vernunft in einer hoffnungslosen Minderheit sind und ohne die R&uuml;ckkehr zur Vernunft der gemeinsame W&auml;hrungsraum auch nicht gesunden kann. <\/p>\n<p>Aber diese Mahnung zur Vernunft ist offensichtlich von einem Bundespr&auml;sidenten, der fast keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen hat und sich in den vergangenen elf Monaten wahrscheinlich auch nicht bem&uuml;ht hat, etwas Nachhilfeunterricht zu nehmen, nicht zu erwarten. Schade. In dem erw&auml;hnten B&uuml;chlein &bdquo;Der falsche Pr&auml;sident&ldquo; hatte ich diesen Mangel beschrieben. Genutzt hat es nichts.<\/p><\/li>\n<li><strong>Joachim Gauck hat sich auch in dieser Rede wieder als ein Pr&auml;sident der Oberen zu erkennen gegeben.<\/strong>\n<p>Die Sorgen der Menschen im Niedriglohnsektor, der Leiharbeiter und Besitzer von Zeitvertr&auml;gen, die Angst vor Altersarmut, der Skandal einer absichtlich betriebenen Verringerung der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente &ndash; das alles kommt nicht vor. An einem kleinen Detail wird dann sichtbar, aus welcher Warte dieser Bundespr&auml;sident das Geschehen betrachtet und bewertet. In einer Passage &uuml;ber die Vorteile, die Europa mit seiner gemeinsamen W&auml;hrung und dem Handel ohne Zollaufschl&auml;ge uns bringt, sagte er folgendes:<\/p>\n<blockquote><p><em>&bdquo;Wir lassen uns in Deutschland vielerorts von polnischen &Auml;rzten behandeln und sind dankbar daf&uuml;r, weil manche Praxen sonst schlie&szlig;en m&uuml;ssten. Unsere Unternehmer besch&auml;ftigen zunehmend Arbeitskr&auml;fte aus allen Mitgliedsl&auml;ndern der Union, die in ihren eigenen L&auml;ndern oft keine Arbeit oder nur Jobs unter sehr viel schlechteren Bedingungen finden w&uuml;rden.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist richtig. Aber wir h&auml;tten vom Bundespr&auml;sidenten auch gerne geh&ouml;rt, dass es ein Skandal ist, wenn junge Griechen und Spanier und Portugiesen notgedrungen nach Deutschland auswandern m&uuml;ssen und wir bzw. deutsche Unternehmen damit die Profiteure der Ausbildungsleistung jener V&ouml;lker werden. Es w&auml;re dem Bundespr&auml;sidenten kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn er in diesem Zusammenhang ein paar kritische Bemerkungen zu Frau Merkel und Herrn Sch&auml;uble gemacht h&auml;tte, die ma&szlig;geblich verantwortlich sind daf&uuml;r, dass mit der Austerit&auml;tspolitik die Volkswirtschaften in Spanien, Portugal und Griechenland in den Keller getrieben, Millionen von Menschen arbeitslos und Sozialleistungen gestrichen werden.<\/p><\/li>\n<li><strong>Ohne nachzudenken sagt er die g&auml;ngigen Redensarten nach. Dem Sinne nach: Uns geht es gut, weil wir die Agenda 2010-Reformen gemacht haben.<\/strong>\n<p>Dieser Bundespr&auml;sident ist ein Vertreter der neoliberalen Ideologie und er macht keinen Hehl daraus, dass er es f&uuml;r gut hielte, wenn die anderen V&ouml;lker diese Art von so genannten Reformen auch bei sich durchziehen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Joachim Gauck plagt sich und uns &uuml;ber mehrere Abs&auml;tze, ja &uuml;ber lange Minuten, mit der Suche nach der &bdquo;Identit&auml;t&ldquo; Europas oder der &bdquo;Identit&auml;t&ldquo; der Menschen in Europa.<\/strong>\n<p>Er zeigt damit, dass er in einer Gedankenwelt lebt, die mit der Wirklichkeit der Menschen nahezu nichts zu tun haben. Wer von uns macht sich schon Gedanken &uuml;ber seine Identit&auml;t? Der Bundespr&auml;sident macht sich da offenbar eine Gedankenwelt, einen Jargon k&ouml;nnte man auch sagen, zu eigen. In bildungsb&uuml;rgerlichen Kreisen mag es &uuml;blich sein, &uuml;ber solche Fragen zu schwadronieren. Von Relevanz ist das nicht. Das kann man auch an der Gauck-Rede sehen. Denn nach langen Erw&auml;gungen zur Identit&auml;t kommt er zum Ergebnis, dass wir uns f&uuml;r einen gemeinsamen Wertekanon &bdquo;versammeln&ldquo; &ndash; &bdquo;f&uuml;r Frieden und Freiheit, f&uuml;r Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, f&uuml;r Gleichheit, f&uuml;r Menschenrechte, Solidarit&auml;t.&ldquo; Und die Vielfalt ist bei ihm wohl auch Identit&auml;t stiftend.<\/p>\n<p>Ich kann mit diesen langen Passagen nichts anfangen. Das sind Denkfiguren, die den Alltag der Menschen nicht bestimmen. Joachim Gauck lebt in einer anderen Welt. In einer Welt der geliehenen Gedanken. Das verst&auml;rkt den Eindruck der Oberfl&auml;chlichkeit. Da ist kein Tiefgang. Da sind keine einigerma&szlig;en verl&auml;sslichen Analysen. Dieser Bundespr&auml;sident schnappt auf, was er gerade interessant findet. Ohne zu pr&uuml;fen, ob das wirklich von Bedeutung ist.<\/p><\/li>\n<li><strong>Joachim Gauck h&auml;lt die &Uuml;berregulierung f&uuml;r ein gro&szlig;es Problem Europas und Br&uuml;ssels und sagt kein einziges Wort zu den Folgen der Deregulierung und Liberalisierung, die auf der Basis von mehr oder minder zwingenden Festlegungen von Br&uuml;ssel aus betrieben werden und viele Menschen betreffen und emp&ouml;ren.<\/strong>\n<p>Mehrmals kommt in seiner Rede die Klage &uuml;ber die &bdquo;Regelungswut&ldquo; Br&uuml;ssels vor. Es mag ja sein, dass die Festlegung der Gr&ouml;&szlig;e von &Auml;pfeln und Tomaten und der Kr&uuml;mmung von Gurken ein &Auml;rgernis ist. Aber was ist dieses Problem im Vergleich zum Druck auf Privatisierung und Deregulierung bei der Wasserversorgung und beim Schienenverkehr, bei der M&uuml;llentsorgung und bei den Mediensystemen, dem die einzelnen V&ouml;lker Europas von Br&uuml;ssel ausgesetzt sind. In der Erfahrungswelt unseres Bundespr&auml;sidenten hat sich die Regelungswut zu den Gurken und Tomaten festgesetzt; von der Deregulierungswut und der Privatisierungswut Br&uuml;ssels hat der Herr von Schloss Bellevue offenbar nichts mitbekommen.<br>\nAm 13.12.2012, also gut zwei Monate vor der Berliner Rede des Bundespr&auml;sidenten, berichtete &bdquo;Monitor&ldquo; in einer Sendung mit dem Titel &bdquo;Geheimoperation Wasser: Wie die EU-Kommission Wasser zur Handelsware machen will&ldquo;: <\/p>\n<blockquote><p><em>&ldquo;Die wichtigsten politischen Ver&auml;nderungen verbergen sich manchmal im Kleingedruckten. Klammheimlich, versteckt in einer Richtlinie, versucht die Europ&auml;ische Kommission gerade ein Jahrhundertprojekt durchzusetzen. Es geht um nicht weniger als um die europaweite Privatisierung der Wasserversorgung. Wenn sich die EU-Kommission durchsetzt, d&uuml;rfte aus einem Allgemeingut dann ein Spekulationsobjekt werden, mit dem sich &ndash; auch in Deutschland &ndash; Milliarden verdienen lassen. Es ist ein Sieg gro&szlig;er multinationaler Konzerne, die f&uuml;r diese Privatisierung jahrelang gek&auml;mpft haben. Die Folgen f&uuml;r uns Verbraucher k&ouml;nnten erheblich sein.&rdquo;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Joachim Gauck h&auml;tte gar nicht bei &bdquo;Monitor&ldquo; vorbeischauen m&uuml;ssen. Er oder seine Redenschreiber h&auml;tten in den letzten beiden Monaten einfach nur die &ouml;ffentliche Debatte um dieses Problem verfolgen m&uuml;ssen. Dann h&auml;tte der Bundespr&auml;sident nie und nimmer &uuml;ber die l&auml;cherliche Kleinigkeit der Regelungswut gesprochen, sondern &uuml;ber die wirklich gro&szlig;en Probleme, die daraus folgen, dass Europas Weiterentwicklung auf der neoliberal gepr&auml;gten Schiene, auf einer klar falschen und dem solidarischen Geist Europas widersprechenden Weg, betrieben wird. Das betrifft das Wasser, das betrifft den Abfall, das betrifft die Stadtwerke, das betrifft die Stromversorgung, das betrifft die Organisation und Lebensf&auml;higkeit der &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien, es betrifft den Schienenverkehr, es betrifft die bei uns teilweise noch &ouml;ffentlich-rechtlich verfassten Sparkassen, es betrifft die Frage, ob es noch sozialen Wohnungsbau gibt, oder ob die Wohnungen weiterhin vornehmlich zum Spekulationsobjekt werden, wie auch die Nahrungsmittel.<\/p>\n<p>Wenn man die &ouml;ffentlichen Debatten in Deutschland Revue passieren l&auml;sst, wenn man verfolgt, was engagierte junge Leute bewegt, viele Alten auch, dann begreift man diesen Bundespr&auml;sidenten nicht. Kein Wort zu diesem Problem! Wir haben wahrlich einen weniger oberfl&auml;chlichen Bundespr&auml;sidenten verdient. Wir br&auml;uchten einen, der wenigstens ein bisschen zu einer eigenen Analyse von Problemen f&auml;hig ist.<\/p><\/li>\n<li><strong>Den Umgang deutscher Politiker und deutscher Medien mit europ&auml;ischen V&ouml;lkern, die in wirtschaftlichen Krisen stecken, besch&ouml;nigt der Bundespr&auml;sident.<\/strong>\n<p>Er h&auml;tte die demagogischen Schlagzeilen und Bilder jenes Medienkonzerns, der ihn als Kandidat aufs Schild gehoben hat, des Springer-Konzerns mit seiner Bild-Zeitung, wenigstens erw&auml;hnen m&uuml;ssen. Ihr Pleitegriechen, verkauft eure Akropolis und eure Inseln &ndash; dies und vieles &auml;hnliches war &uuml;ber Monate hinweg Kern einer Kampagne gegen Griechenland. Statt dies zu erw&auml;hnen und sich gar ein bisschen zu entschuldigen, ergeht sich Gauck in S&auml;tzen wie diesem: &bdquo;Sollte aus kritischen Kommentaren allerdings Geringsch&auml;tzung oder gar Verachtung gesprochen haben, so ist dies nicht nur grob verletzend, sondern auch politisch kontraproduktiv&ldquo;.<br>\n&bdquo;Sollte &hellip;&ldquo;? Warum nicht deutlicher? Gauck will dem Medienkonzern, der ihn st&uuml;tzt, offensichtlich nicht weh tun. Das ist gelebte &bdquo;Freiheit&ldquo;. Vom &bdquo;Demokratielehrer&ldquo;, wie sich Joachim Gauck einmal selbst nannte, keine Spur.<\/p>\n<p>Selbstverst&auml;ndlich kommt von diesem Bundespr&auml;sidenten auch kein einziges Wort zu den Profiteuren der krisenhaften Entwicklung in Europa, zu den Spekulanten und den Finanzgruppen, die nur darauf warten, dass sie die &ouml;ffentlichen Einrichtungen, die in den von Krisen geplagten Regionen auf Befehl der Troika privatisiert werden, als Schn&auml;ppchen erwerben k&ouml;nnen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Was sonst noch in dieser Rede fehlte, und was wichtig gewesen w&auml;re:<\/strong>\n<p>Bevor ich mir die Rede Gaucks angesehen habe, hatte ich mir &uuml;berlegt, was ich in einer Rede zum Thema Europa schwerpunktm&auml;&szlig;ig gesagt h&auml;tte:<\/p>\n<ul>\n<li>Europas Markenzeichen m&uuml;sste seine Sozialstaatlichkeit sein, soziale Sicherheit und eine gute Versorgung mit &ouml;ffentlichen Leistungen. Darin sehen manche Beobachter von au&szlig;en, manche US Amerikaner zum Beispiel, den Kern des europ&auml;ischen Modells. Dieses Modell wird aber gerade geschreddert. Also w&auml;re es die akute Aufgabe des Bundespr&auml;sidenten, die Sorge und Pflege dieses Modells einzufordern.<\/li>\n<li>In Europa k&ouml;nnte der Kampf gegen die Vorherrschaft der neoliberalen Ideologie aufgenommen werden. Wir k&ouml;nnten zeigen, dass die neoliberale Behauptung, es g&auml;be keine Alternativen, Unsinn ist. Wir k&ouml;nnten praktisch beweisen, dass es eine bessere Alternative gibt. Welch eine tolle Profilierung Europas w&auml;re so m&ouml;glich!<\/li>\n<li>Wir beobachten &uuml;berall, dass es den Verm&ouml;genden und gut Verdienenden immer besser geht und die gro&szlig;e Mehrheit in Stagnation verharren muss. Also m&uuml;sste der Bundespr&auml;sident bei einer Rede zur Europa diese miserable Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung zum gro&szlig;en Thema machen. Es ist ein europ&auml;isches Thema, weil es alle angeht und weil die Korrektur leichter ist, wenn man das gemeinsam anpackt. Fehlanzeige.<\/li>\n<li>Steueroasen gibt es mitten in Europa. Sie sind weitweites und ein europ&auml;isches Problem. Auch die Nutzung von Unterschieden bei der Besteuerung zur Abwerbung von Unternehmen aus anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern ist ein brisantes Thema. Das wurde letzthin sichtbar, als Irland, obwohl gerade genesen mithilfe anderer europ&auml;ischer V&ouml;lker, mit niedrigen Steuern um Unternehmen aus anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern warb. &Uuml;ber den dahinter steckenden Skandal kann man doch in einer Europa Rede nicht hinweggehen.<\/li>\n<li>Der Einfluss der Lobby in Br&uuml;ssel ist erwiesenerma&szlig;en gro&szlig;. Das ist nicht nur ein technisches Problem. Es ist ein gro&szlig;es politisches und europ&auml;isches Problem. Also kann man dar&uuml;ber nicht hinweggehen, wenn man nicht besch&ouml;nigen will.<\/li>\n<li>Der Bundespr&auml;sident m&uuml;sste darauf pochen, dass Art. 1 des Grundgesetzes, wo von der W&uuml;rde des Menschen die Rede ist, praktisch verlangt, den Niedriglohnsektor abzubauen, Leiharbeit zu verringern, prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse abzuschaffen, soziale Sicherheit zur Regel zu machen. Er m&uuml;sste den abh&auml;ngig Arbeitenden seine Stimme leihen. Das hat er in der Rede vom 22.2.2013 nicht getan. Deshalb ist es f&uuml;r mich ein nicht l&ouml;sbares R&auml;tsel, wie unter diesen Umst&auml;nden der DGB Vorsitzende Michael Sommer vor den Kameras seine Zufriedenheit mit dieser Rede &auml;u&szlig;ern kann.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p><strong>Mein Fazit:<\/strong> Wir haben leider einen Bundespr&auml;sidenten ohne allzu gro&szlig;e eigene analytische und konzeptionelle F&auml;higkeiten. Stattdessen lebt er in Welten geliehener Gedanken und redet im vorgestanzten Jargon. Die meisten Medien finden das offensichtlich gut. Deshalb wird das Medienprodukt Bundespr&auml;sident Gauck auch weiterhin ein popul&auml;rer Bundespr&auml;sident bleiben. Weiter bringt er uns damit allerdings nicht. Eine verpasste Chance.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den NachDenkSeiten war am 22. Februar eine ausf&uuml;hrliche Bewertung der Rede Joachim Gaucks zu Europa angek&uuml;ndigt worden. Hier ist sie. Da ich im vergangenen Jahr mit dem kleinen Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?page_id=16315\">Der Falsche Pr&auml;sident. Was Pfarrer Gauck noch lernen muss, damit wir gl&uuml;cklich mit dem werden<\/a>&ldquo; rechtzeitig vor der Wahl des Bundespr&auml;sidenten eine kritische Analyse<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16321\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,96,22,161],"tags":[423,284,764,499,319,288,312],"class_list":["post-16321","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-bundespraesident","category-europaische-union","category-wertedebatte","tag-austeritaetspolitik","tag-deregulierung","tag-gauck-joachim","tag-handelsbilanz","tag-lohnentwicklung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16321","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16321"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16321\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16369,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16321\/revisions\/16369"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16321"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16321"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16321"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}