{"id":16400,"date":"2013-03-05T13:33:01","date_gmt":"2013-03-05T12:33:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16400"},"modified":"2015-07-14T09:11:34","modified_gmt":"2015-07-14T07:11:34","slug":"schweizer-abzockerinitiative-viel-aufregung-um-fast-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16400","title":{"rendered":"Schweizer \u201eAbzockerinitiative\u201c \u2013 Viel Aufregung um (fast) nichts"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich gestern die Portale der gro&szlig;en deutschen Verlagsmedien angeschaut hat, konnte seinen Augen kaum trauen. Die kreuzbraven Eidgenossen, so der Tenor, seien auf einmal zu &bdquo;Wutschweizern&ldquo; (Zitat: Frankfurter Rundschau) mutiert. Den Vogel schoss diesmal die ZEIT ab, die aufgeregt <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2013-03\/schweiz-abstimmung-initiative-abzocke-managergehaelter\">titelte<\/a>, &bdquo;die Schweiz entdeck[e] den Staatskapitalismus&ldquo;. Und nun will sogar die FDP auf den fahrenden Zug <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article114108770\/Auch-Rainer-Bruederle-will-ein-Boni-Zeichen-setzen.html\">aufspringen<\/a>, sich die Schweiz zum Vorbild nehmen und noch vor den Wahlen ein &bdquo;Zeichen setzen&ldquo;. FDP und Staatskapitalismus? Passt das zusammen? Nat&uuml;rlich nicht. Aber anders als die Leitartikler scheinen Br&uuml;derle und Co. die Schweizer Initiative zumindest gelesen zu haben. Denn diese ist wesentlich marktkonformer als mancher denkt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Der genaue Wortlaut der &bdquo;Eidgen&ouml;ssischen Volksinitiative gegen die Abzockerei&ldquo; ist auf den <a href=\"http:\/\/www.abzockerinitiativeja.ch\/eidgenossische-volksinitiative-gegen-die-abzockerei\/\">Seiten der Initiative nachzulesen<\/a>.<\/em> <\/p><p>Der Inhalt der Schweizer Initiative l&auml;sst sich grob in zwei Themenbereiche unterteilen:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Ein neues Verfahren zur Regelung von Managergeh&auml;ltern in Aktiengesellschaften<\/li>\n<li>Strenge Regularien bei Sonderzahlungen f&uuml;r Manager von Aktiengesellschaften<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die Aktion&auml;re bekommen st&auml;rkere Rechte<\/strong><\/p><p>Das besondere Interesse deutschen Kommentatoren und Politiker hat dabei der erste Themenbereich erlangt. Dies ist erstaunlich, denn hier unterscheiden sich die Forderungen der Initiative nur marginal von dem, was in Deutschland schon l&auml;ngst gesetzlich festgeschrieben ist. K&uuml;nftig entscheidet in der Schweiz die Generalversammlung der Aktion&auml;re &uuml;ber die Bez&uuml;ge des Top-Managements der Schweizer Aktiengesellschaften. Bis jetzt wurden die Bez&uuml;ge in der Schweiz vom Management selbst festgelegt. <\/p><p>Und wie sieht dies in Deutschland aus? In Deutschland entscheidet die Hauptversammlung der Aktion&auml;re schon heute direkt &uuml;ber die Bez&uuml;ge des Aufsichtsrats einer Aktiengesellschaft und das System der Verg&uuml;tungen &ndash; aber nicht die H&ouml;he &ndash; des Vorstands, also des operativen Top-Managements. Die H&ouml;he der Vorstandsbez&uuml;ge wird wiederum vom Aufsichtsrat der AG festgelegt, der durch das Mitbestimmungsgesetz parit&auml;tisch mit Vertretern der Kapitalseite, also den Besitzern des Unternehmens, und Vertretern der Arbeitnehmerseite besetzt ist.<\/p><p>Nach dem Text der Schweizer &bdquo;Abzockerinitiative&ldquo; w&uuml;rde also ausschlie&szlig;lich die Kapitalseite die Bez&uuml;ge des Top-Managements festlegen, w&auml;hrend in Deutschland hier auch die Arbeitnehmerseite ein Mitspracherecht hat. W&uuml;rde Deutschland die neue Schweizer Regelung &uuml;bernehmen, w&auml;re dies kein Schritt nach vorn, sondern ein Schritt zur&uuml;ck. Da ist es kein Wunder, dass FDP-Politiker wie Rainer Br&uuml;derle oder Volker Wissing ganz begeistert vom Schweizer Entwurf sind. <\/p><blockquote><p><em>&ldquo;Die Schweizer haben die Rechte der Aktion&auml;re und damit der Eigent&uuml;mer gest&auml;rkt. (&hellip;) Die Schweizerinnen und Schweizer haben auf starre Grenzen verzichtet, sondern den Mut zu einer differenzierten und anspruchsvollen Regelung gezeigt. (&hellip;) Die deutsche Opposition k&ouml;nnte viel von der Schweiz lernen.&rdquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Volker Wissing (FDP)<\/p><p>Die FDP hat kein Interesse daran, die Ausw&uuml;chse des Kapitalismus zu begrenzen, ihr geht es vielmehr darum, das deutsche System der parit&auml;tischen Mitbestimmung zu unterminieren und die Arbeitnehmervertreter zu entmachten. Was daran nun &bdquo;staatskapitalistisch&ldquo; sein soll, wissen wohl auch nur die Leitartikler, die sich diesen Quatsch ausgedacht haben.<\/p><p>Ob die Schweizer Initiative in diesem Punkt &uuml;berhaupt dazu geeignet ist, &bdquo;Abzockerei&ldquo; zu verhindern, sei &uuml;berdies dahingestellt. In einer Hauptversammlung der Aktion&auml;re haben schlie&szlig;lich nicht die Kleinaktion&auml;re das Sagen, sondern die gro&szlig;en Anteilseigner und die Banken und Fonds, an die die allermeisten Kleinaktion&auml;ren ihr Stimmrecht automatisch abtreten. Auch wenn es in deutschen Aktiengesellschaften zweifelsohne &bdquo;Gehaltsexesse&ldquo; gibt, so gab es bislang nur einen einzigen Fall (HeidelbergCement), bei dem die Hauptversammlung sich gegen das vorgeschlagene Verg&uuml;tungssystem <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/22674_22678.htm\">ausgesprochen hat<\/a>. Es ist daher auch nicht wahrscheinlich, dass sich in der Schweiz irgendetwas an der H&ouml;he der Bez&uuml;ge der Top-Manager &auml;ndern wird, wenn diese k&uuml;nftig von den Aktion&auml;ren bestimmt werden.<\/p><p><strong>Weg mit dem goldenen Handschlag<\/strong><\/p><p>L&ouml;blich ist indes der zweite Themenbereich der &bdquo;Abzockerintiative&ldquo;. Demnach sollen k&uuml;nftig Sonderverg&uuml;tungen, wie Antrittszahlungen oder der goldene Handschlag, generell untersagt werden. Eine solche Regelung w&auml;re f&uuml;r Deutschland w&uuml;nschenswert, da in der Vergangenheit sowohl die Kapital- als auch die Arbeitnehmerseite des &Ouml;fteren auch exzessiven und unanst&auml;ndigen Abfindungen (z.B. in den F&auml;llen Klaus Esser und Utz Claasen) zugestimmt haben. Der deutsche Corporate Governance Kodex sieht zwar vor, dass solche Abfindungen das doppelte Jahressal&auml;r nicht &uuml;bersteigen sollen. Dieser Kodex ist jedoch nicht rechtlich bindend und wird in steter Regelm&auml;&szlig;igkeit verletzt. Er ist nicht als Gesetz, sondern als Richtlinie zur freiwilligen Selbstkontrolle konzipiert. Wenn die FDP von der Schweizer Initiative denn wirklich derart begeistert sind, k&ouml;nnte sie ja in diesem Punkt &bdquo;Zeichen setzen&ldquo; und zumindest die &uuml;beraus laschen Regelungen des Corporate Governance Kodex ins deutsche Recht &uuml;bernehmen. Aber davon h&auml;lt die FDP freilich &uuml;berhaupt nichts und zeigt dabei, um was es ihr eigentlich geht.<\/p><p><strong>Die grundlegenden Probleme werden ignoriert<\/strong><\/p><p>Dabei ist der Schweizer &bdquo;Abzockerinitiative&ldquo; deutlich anzusehen, dass sie nicht aus einer linken Feder, sondern vom parteilosen Abgeordneten Thomas Minder stammt, der sich der Fraktion der rechtspopulistischen SVP angeschlossen hat. In der Initiative ist beispielswiese &uuml;berhaupt nicht die Rede von einer Deckelung der erfolgsabh&auml;ngigen Boni oder gar einer h&ouml;heren Besteuerung von Top-Einkommen. Es geht nur darum, dass die Kapitalseite zu entscheiden hat, wer welche Boni und Top-Einkommen bezieht. Nach dem Schweizer Modell w&auml;ren die Bez&uuml;ge von VW-Chef Winterkorn (17,5 Millionen Euro) gar kein Problem, da die Kapitalseite sie schlie&szlig;lich genehmigt hat. Der Bonus von 80 Millionen Euro, den der Investmentbanker Christian Bittar von seinem Arbeitgeber Deutsche Bank erhalten hat, w&auml;re durch die Initiative noch nicht einmal ber&uuml;hrt, da Bittar in keinem der Organe der AG sitzt, sondern ein normaler Angestellter ist. Auch die vorbildliche Regelung der Sonderverg&uuml;tungen gilt nicht f&uuml;r normale Angestellte, sondern nur f&uuml;r die Mitglieder der Organe, also bei einer Schweizer AG dem Verwaltungsrat. <\/p><p>Das Problem der falschen Anreize durch Boni ignoriert die &bdquo;Abzockerinitative&ldquo; damit vollkommen und bleibt damit weit hinter j&uuml;ngst verabschiedeten EU-Initiative gegen Banker-Boni zur&uuml;ck. Dabei ist jedoch anzumerken, dass die EU-Initiative, die Boni verbietet, die h&ouml;her sind als das Fixeinkommen, nur f&uuml;r die Finanzbranche gilt. W&uuml;rde man diese Initiative auf alle Wirtschaftsbereiche ausdehnen, w&auml;re dies ein richtiger und wichtiger Schritt nach vorn. Und dabei geht es weniger um die absolute H&ouml;he der Bez&uuml;ge, sondern vielmehr um fragw&uuml;rdige Anreize, die durch die Boni geschaffen werden. Wenn sich die Boni auf kurzfristige Ziele, wie den Aktienkurs oder die Quartals- bzw. Jahresbilanz, beziehen, so widerspricht dies einer nachhaltigen und langfristigen Strategie, bei der oft kurz- und mittelfristig schlechtere Zahlen in Kauf genommen werden m&uuml;ssen. <\/p><p><strong>Das Steuersystem als Universalwerkzeug<\/strong><\/p><p>Wenn es um die H&ouml;he der Bez&uuml;ge geht, greift ohnehin nur das Steuersystem als wirkungsvolle Regulation. Sollte der Gesetzgeber beispielsweise der Ansicht sein, dass kein Manager mehr als 500.000 Euro pro Jahr verdienen solle, k&ouml;nnte er hier gleich doppelt ansetzen: Auf Seiten des Arbeitgebers k&ouml;nnte er eine Regelung verabschieden, nach der Managerbez&uuml;ge von mehr als 500.000 Euro steuerlich nicht mehr als Ausgaben absetzbar sind. Dies h&auml;tte zweifelsohne einen Lenkungseffekt, da die hohen Geh&auml;lter dann direkt aus der Rendite der Aktion&auml;re abflie&szlig;en w&uuml;rden. Und selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnte der Gesetzgeber sich zus&auml;tzlich auch noch &uuml;ber die Einkommensteuer einen Gro&szlig;teil der Top-Geh&auml;lter zur&uuml;ckholen. Bei einem Spitzensteuersatz von 75%, wie er in Frankreich umgesetzt werden soll, w&uuml;rden drei Viertel der Gehaltssumme, die eine bestimmte Schwelle &uuml;berschreitet, dem Fiskus zugef&uuml;hrt. Bei einer solchen Steuerquote w&auml;ren exzessive Geh&auml;lter kein gesellschaftliches Problem mehr. Doch davon wollen weder die Schweizer noch die FDP etwas wissen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/d08566fd6d2c4c4ea52554555e5932a1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich gestern die Portale der gro&szlig;en deutschen Verlagsmedien angeschaut hat, konnte seinen Augen kaum trauen. Die kreuzbraven Eidgenossen, so der Tenor, seien auf einmal zu &bdquo;Wutschweizern&ldquo; (Zitat: Frankfurter Rundschau) mutiert. Den Vogel schoss diesmal die ZEIT ab, die aufgeregt <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2013-03\/schweiz-abstimmung-initiative-abzocke-managergehaelter\">titelte<\/a>, &bdquo;die Schweiz entdeck[e] den Staatskapitalismus&ldquo;. 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