{"id":16435,"date":"2013-03-06T17:11:36","date_gmt":"2013-03-06T16:11:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16435"},"modified":"2015-07-14T09:15:17","modified_gmt":"2015-07-14T07:15:17","slug":"von-der-leyen-am-aktuellen-rand-ist-alles-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16435","title":{"rendered":"Von der Leyen: \u201eAm aktuellen Rand\u201c ist alles gut"},"content":{"rendered":"<p>Die Vorstellung des heute vom Kabinett gebilligten 4. Armuts- und Reichtumsbericht ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie Meinung gemacht wird.<br>\nDa wird  kurz vor der Presskonferenz der Arbeits- und Sozialministerin eine <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/2013\/03\/2013-03-05-armuts-u-reichtumsbericht-4.html\">Pressemeldung der Bundesregierung lanciert<\/a>, in der geradezu krampfhaft versucht wird, die Wirklichkeit in den sch&ouml;nsten Farben zu zeichnen. Jeder aber auch wirklich jeder Strohhalm wird ergriffen, um die Daten in ein g&uuml;nstiges Licht zu r&uuml;cken.<br>\nDanach tritt Ministerin von der Leyen vor die Bundespressekonferenz und pickt sich <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/PDF-Publikationen-DinA4\/a334-4-armuts-reichtumsbericht-2013.pdf?__blob=publicationFile\">aus dem &uuml;ber 500 Seiten starken Bericht [PDF &ndash; 4.1 MB]<\/a> jedes kleinste K&ouml;rnchen heraus, um die Politik der Bundesregierung in h&ouml;chsten T&ouml;nen zu loben oder um dort, wo es nichts zu besch&ouml;nigen gibt, zu verk&uuml;nden, dass sie die dabei sei, die Probleme anzugehen.<\/p><p>Die Botschaft: Alles ist besser geworden. Dort wo es noch Probleme gibt, ist die Regierung dabei, eine L&ouml;sung zu schaffen. Deutschland steht im internationalen Vergleich bestens da.<\/p><p>&bdquo;Am aktuellen Rand&ldquo; ist alles gut! Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p>Die ersten Berichte der Nachrichtenagenturen plappern diese Erfolgsmeldungen nat&uuml;rlich nach. Was sollten sie auch anders tun. Schlie&szlig;lich haben sie ja nur zu berichten, was von der Leyen auf der Pressekonferenz vorgetragen hat. Mit dieser Erstberichterstattung wird sozusagen die Grundstimmung erzeugt, die zun&auml;chst einmal die &ouml;ffentliche Wahrnehmung pr&auml;gen soll. <\/p><p>Nun h&auml;tte man erwarten k&ouml;nnen, dass in der Bundespressekonferenz, also dort wo sich die Cr&egrave;me de la Cr&egrave;me des deutschen Journalismus versammelt, die Scheinwerfer auch darauf gerichtet werden, was die Bundessozialministerin ganz bewusst im Schatten stehen lie&szlig;.<br>\nEs w&auml;re also die Gelegenheit gegeben, dass der Journalismus seine Rolle als kritischer W&auml;chter gegen&uuml;ber der (legitimen) Regierungspropaganda spielte. <\/p><p>Wenn man die &Uuml;bertragung der Pressekonferenz auf Phoenix verfolgte, dann hat der kritische Journalismus einmal mehr weitgehend versagt. Ich will hier keine allgemeine Medienschelte betreiben und das Versagen liegt sicherlich nicht allein an den anwesenden Journalisten. Wie sollte man auch angesichts der Vorinformation der Regierung (siehe oben) und angesichts der Tatsache, dass man einen telfonbuchstarken Bericht nicht in einer Viertelstunde durchackern kann, kritische Fragen stellen k&ouml;nnen. Aber anders als bei anderen Berichten der Regierung, war ja der Entwurf des Berichtes seit Herbst letzten Jahres &ndash; jedenfalls in seinen Grundz&uuml;gen und vor allem auch die dort aufgef&uuml;hrten Daten &ndash; bekannt. Ein Journalist, der sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen wollte, h&auml;tte also ausreichend Stoff f&uuml;r kritisches Nachhaken gehabt und ein wirklicher Fachjournalist m&uuml;sste auch dank seiner Kontakte in die Ministerien hinein und durch Hintergrundgespr&auml;che zumindest hinter die sch&ouml;ne Kulisse leuchten k&ouml;nnen, die von der Ministerin in der Pressekonferenz aufgebaut wurde. Doch diese Art von Fachjournalismus gibt es offenbar kaum noch. Die mit den Einsparungen bei den Presseverlagen einhergehende Personalausd&uuml;nnung, die dadurch erzwungene Arbeitssituation, dass Journalisten heute &uuml;ber Armut und morgen &uuml;ber Milit&auml;reins&auml;tze schreiben m&uuml;ssen, l&auml;sst Oberfl&auml;chlichkeit und Aktualit&auml;tshascherei zum journalistischen Berufsalltag werden.<\/p><p>Die Pressekonferenz von Ministerin von der Leyen zur Vorstellung des 4. Armuts- und Reichtumsbericht war ein beredter Beleg f&uuml;r diese Misere.<\/p><p>In der &Uuml;bertragungszeit von Phoenix kamen &uuml;berwiegend nur oberfl&auml;chliche Fragen oder man bohrte bei den &ouml;ffentlich gewordenen Differenzen zwischen dem dem Sozial- und dem Wirtschaftsministerium bei der Bewertung des Berichtes nach. Man folgte also dem beliebten Prinzip: Nachrichtenwert hat nicht die Sache selbst, sondern vor allem das, was zwischen dem Regierungslager im Streit liegt. <\/p><p>Interessant war auch, dass sich eher konservativ eingestellte Journalisten zu Wort meldeten.<br>\nSo wurde etwa die Armutsrisikodefinition in Frage gestellt und die Ma&szlig;zahl von 60 Prozent des mittleren Einkommens als unzul&auml;nglich dargestellt. Dem fragenden Journalisten war offenbar noch nicht einmal der Unterschied zwischen dem Median- und dem Durchschnittseinkommen pr&auml;sent. Von der Leyen wies zwar auf diesen Unterschied hin, gab sich dabei aber eine peinliche Bl&ouml;&szlig;e. Sie f&uuml;hrte n&auml;mlich das populistische Beispiel an, dass wenn Michael Schumacher seinen Einkommenssitz nach Deutschland verlegen w&uuml;rde, die Schwelle der Armutsgef&auml;hrdung  ansteigen w&uuml;rde. Was nat&uuml;rlich grober Unfug ist, denn beim Median z&auml;hlt nicht, der nichtssagende Durchschnitt, sondern das Einkommen wird nach Einkommensgruppen auf- und absteigend sortiert. Schumacher h&auml;tte also allenfalls das &Auml;quivalenzeinkommen der h&ouml;chsten Einkommensgruppe erh&ouml;ht, aber nicht den Zentralwert (Median). (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14856\">Siehe dazu hier<\/a>.)<\/p><p>Auch von der Leyen versuchte die Schwelle der Armutsgef&auml;hrdung zu relativieren, indem sie darauf auswich, dass die Armut in Deutschland gemessen an der Armut in Griechenland oder Portugal etwas anderes sei. Nat&uuml;rlich ist Armut in Haiti eine andere als in Deutschland, doch &auml;ndert das etwas an der relativen Armut der Menschen hierzulande. <\/p><p>Auch an der Tatsache, dass die Haushalte in der unteren H&auml;lfte der Verteilung nur &uuml;ber gut ein Prozent des gesamten Nettoverm&ouml;gens verf&uuml;gen, w&auml;hrend die verm&ouml;gensst&auml;rksten zehn Prozent der Haushalte &uuml;ber die H&auml;lfte des gesamten Nettoverm&ouml;gens auf sich vereinen, und dass der Anteil des obersten Dezils im Zeitverlauf immer weiter angestiegen ist, redete von der Leyen nat&uuml;rlich vorbei.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130306_armut_01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130306_armut_01_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Von der Leyen br&uuml;stete sich damit, dass nach dem Verteilungsma&szlig; des sog. Gini-Koeffizienten die Ungleichheit der Einkommen seit 2005 abgenommen habe.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130306_armut_02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130306_armut_02_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Die Grafik im Armutsbericht zeigt jedoch, dass der Koeffizient auf ziemlich gleichem Niveau verharrt. Dar&uuml;ber hinaus verheimlicht diese Grafik, dass er gemessen an fr&uuml;heren Jahrzehnten auf einem historischen H&ouml;chststand verharrt. Aber dar&uuml;ber redete von der Leyen lieber nicht. <\/p><p>Immerhin r&auml;umte von der Leyen auf der Pressekonferenz ein, dass sich hinter den Durchschnittswerten eine sehr ungleiche Verteilung verberge. Nach wie vor stimme der (urspr&uuml;nglich im Entwurf enthaltene) Satz, dass die ungleiche Verm&ouml;gensverteilung quer zum Gerechtigkeitsempfinden der Bev&ouml;lkerung stehe. Statt jedoch nur einen Gedanken &uuml;ber eine gerechtere steuerliche Verteilung zu verschwenden (also etwa &uuml;ber eine progressivere Einkommensteuer im obersten Bereich oder (wieder) &uuml;ber eine h&ouml;here Besteuerung von Kapitalertr&auml;gen bzw. eine Reform der Erbschaftsteuer), verwies die Ministerin auf die freiwillige (&bdquo;karitative&ldquo;) Beteiligung der Verm&ouml;genden durch Stiftungen und Spenden. (Die dann wohl auch noch steuerlich privilegiert werden.)<\/p><p>Sie begr&uuml;&szlig;te in diesem Zusammenhang die &bdquo;kluge&ldquo; Schweizer Initiative zur Begrenzung der Managergeh&auml;lter, nicht ohne allerdings hinzuzuf&uuml;gen, dass diese Entscheidung in den H&auml;nden der Aktion&auml;re, also der Eigent&uuml;mer bleiben m&uuml;sse. (Was, wie Jens Berger dargelegt hat, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16400\">reine Augenwischerei ist<\/a>)<\/p><p>Dem &bdquo;Sozialexperte&ldquo; der Bild-Zeitung, Hugo M&uuml;ller-Vogg, gingen sogar noch die leicht kritischen Untert&ouml;ne von der Leyens zur Verm&ouml;gensverteilung zu weit. Er meinte, dass die Rentenanwartschaften bei der Verm&ouml;gensverteilung nicht ausreichend ber&uuml;cksichtigt seien.<br>\nDa kam die Ministerin etwas ins Schwimmen. Dass es sich bei diesen Anwartschaften nur um einen fiktiven Verm&ouml;genswert handelt und dass selbst wenn man ihn als Verm&ouml;genswert einstellen w&uuml;rde, sich nichts an der Tatsache ver&auml;ndern w&uuml;rde, dass es eine deutliche Zunahme der Verm&ouml;gensungleichheit gegeben hat, fiel ihr nicht ein. (Siehe dazu: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7641\">So f&uuml;hren Abgeordnete der Regierungsfraktionen ihre W&auml;hler an der Nase herum<\/a>&ldquo;) <\/p><p>Nachdem die Ministerin ihre rundum positive Bilanz gezogen hatte, fragte ein Journalist danach, ob es nicht vielleicht doch Gruppen g&auml;be, die ihr Sorge bereiteten. Sie nannte &bdquo;auf Dauer&ldquo; die Altersarmut, die &bdquo;Teilzeitfalle&ldquo; f&uuml;r Frauen und die jungen Leute ohne beruflichen Abschluss.<br>\nF&uuml;r eine Gesetzesinitiative im Sinne ihrer sog. &bdquo;Lebensleistungsrente&ldquo; schob sie den Schwarzen Peter aber nicht ihrem Koalitionspartner der FDP zu, die diese Grundsicherung im Alter strikt ablehnt, sondern der SPD und ihrer Mehrheit im Bundesrat, die dort das sog. &bdquo;Solidarmodell&ldquo; vertrete.  Dass Arbeitslosigkeit, Niedrigl&ouml;hne, gebrochene Erwerbsbiografien, prek&auml;re Besch&auml;ftigung etc. die Ursachen f&uuml;r programmierte Altersarmut sind, konnte die Arbeitsministerin allerdings nicht erkennen. Im Gegenteil: Sie vertrat die Regierungsparole, dass Arbeit am besten vor Armut sch&uuml;tze &ndash; egal ob der Lohn f&uuml;r die Arbeit zum Leben reicht oder nicht. <\/p><p>Kein einziger Journalist bemerkte, dass im 4. Armuts- und Reichtumsbericht ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde. Standen bisher die Kernindikatoren f&uuml;r Armut und Reichtum im Mittelpunkt, wird im neuen Bericht auf einzelne Lebensphasen und auf die Chancen sozialen Aufstiegs abgestellt. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, wird dabei in typischer konservativer Ausflucht von der sozialen Wirklichkeit auf <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16201\">die &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; verengt<\/a>. Die Ungleichheiten die sich nicht aus Chancenungleichheit ergeben, bleiben dabei au&szlig;en vor.<br>\nD.h. der Armuts- und Reichtumsbericht wird zum Propagandainstrument f&uuml;r die Parole, dass eben jeder seines Gl&uuml;ckes Schmied sei.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong> Mangels eines ausreichend kritischen Potentials in der Bundespressekonferenz gelingt es der Bundesregierung den 4. Armuts- und Reichtumsbericht als Erfolgsstory darzustellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorstellung des heute vom Kabinett gebilligten 4. Armuts- und Reichtumsbericht ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie Meinung gemacht wird.<br \/> Da wird kurz vor der Presskonferenz der Arbeits- und Sozialministerin eine <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Artikel\/2013\/03\/2013-03-05-armuts-u-reichtumsbericht-4.html\">Pressemeldung der Bundesregierung lanciert<\/a>, in der geradezu krampfhaft versucht wird, die Wirklichkeit in den sch&ouml;nsten Farben zu zeichnen. Jeder aber auch wirklich jeder Strohhalm<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16435\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,11,132],"tags":[1383,291,626],"class_list":["post-16435","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-armuts-und-reichtumsbericht","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-von-der-leyen-ursula"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16435","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16435"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16435\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16437,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16435\/revisions\/16437"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16435"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16435"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}