{"id":1650,"date":"2006-08-29T11:11:33","date_gmt":"2006-08-29T09:11:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1650"},"modified":"2016-01-28T11:43:23","modified_gmt":"2016-01-28T10:43:23","slug":"die-ideale-alterspyramide-zeichen-einer-gesellschaft-des-sterbens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1650","title":{"rendered":"Die ideale Alterspyramide \u2013 Zeichen einer Gesellschaft des Sterbens"},"content":{"rendered":"<p>Der NachDenkSeiten-Nutzer Roberto J. De Lapuente hat, angesto&szlig;en durch uns, recherchiert und Interessantes &uuml;ber die &bdquo;ideale&ldquo; Alterspyramide gefunden.<br>\n<!--more--><br>\nRoberto J. De Lapuente<\/p><p>Durch das Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo; wurde mir die demographische Heilsvorstellung der Alterspyramide als Blendwerk bewu&szlig;t. Freilich, ein Prediger der Pyramide war ich nie, aber an der Aufrichtigkeit dieser These habe ich kaum gezweifelt, nicht gewusst, ob daran &uuml;berhaupt Zweifel festzumachen seien. Einem &Ouml;konomie-Laien ist dies zu verzeihen, wenn er nicht erkennt, da&szlig; die Pyramide &ndash; also ein breites Fu&szlig;segment, welches sich bis zur Spitze hin kontinuierlich verj&uuml;ngt &ndash; ein todbringendes Modell ist. Ja, drastisch ausgedr&uuml;ckt: Wer glaubt eine Alterspyramide sei die Rettung der staatlichen Rente, fordert nolens volens eine Gesellschaft des Sterbens.<\/p><p>Wie gesagt, Sie (AM mit Machtwahn) waren der Erste, der mich darauf hingewiesen, der zudem mein Interesse an Demographie geweckt hat. Auch wenn mein Wissen ein rudiment&auml;res ist, hilft es zu begreifen, zumindest aber zu hinterfragen. So fiel mir beim Lesen des Buches &bdquo;Aufbruch aus der Behaglichkeit &ndash; Deutschland im Biedermeier&ldquo; auf, wie der Autor Gerhard Schildt, etwas Demographisches pr&auml;sentierte, welches sich mit Ihren Ausf&uuml;hrungen im &bdquo;Machtwahn&ldquo; deckt, ja quasi Ihnen ein historisch-demographisches Fundament legt.<\/p><p>Folgend ein Diagramm, welches die Alterspyramide Preu&szlig;ens im Jahre 1866 aufzeigt, im Vergleich dazu (darunter) der Altersaufbau der Bundesrepublik 1986. Vorweg: 1866 war die Zeit des Biedermeier, der Vorm&auml;rz bereits Geschichte, doch innerhalb dieser zwei, drei Jahrzehnte hat sich kaum etwas an der demographischen Zusammensetzung (genauer: an den Lebenszust&auml;nden der Menschen) ge&auml;ndert, wom&ouml;glich sah es um 1830 noch gravierender aus.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/060829.gif\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Folgende Bildunterschrift dazu: <\/p><blockquote><p>Das obere Diagramm zeigt den Altersaufbau der preu&szlig;ischen Bev&ouml;lkerung im Jahre 1866. In den vorhergehenden Jahrzehnten war er im &uuml;brigen Deutschland mit Sicherheit ebenso. Rechts sind die Frauen Jahrgang f&uuml;r Jahrgang verzeichnet, links die M&auml;nner. Es gibt besonders viele S&auml;uglinge. Die Zahl der Kinder, die &uuml;ber zehn Jahre alt sind, ist bedeutend niedriger als die der Kleinkinder und gar der S&auml;uglinge. Das ist Ausdruck der hohen S&auml;uglings- und Kindersterblichkeit. Die Zahl der Erwachsenen nimmt relativ gleichm&auml;&szlig;ig ab (geringf&uuml;gig erkennt man die Auswirkung guter und schlechter Ernten). Es gibt im wesentlichen gleich viele M&auml;nner wie Frauen.<br>\nDer Altersaufbau der bundesrepublikanischen Bev&ouml;lkerung hat sich v&ouml;llig ver&auml;ndert. Bei den &Auml;lteren (ab 65) gibt es einen gewaltigen Frauen&uuml;berschu&szlig;, weil viele M&auml;nner dieser Jahrg&auml;nge im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Die oberste &bdquo;Kerbe&ldquo; im Bev&ouml;lkerungsaufbau ist auf den Geburtenr&uuml;ckgang im Ersten Weltkrieg zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, die zweite tiefe &bdquo;Kerbe&ldquo; auf den Geburtenr&uuml;ckgang w&auml;hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg. Der drastische R&uuml;ckgang der j&uuml;ngeren Jahrg&auml;nge ist das Ergebnis der &bdquo;Pille&ldquo;. Der gegenw&auml;rtige Altersaufbau spiegelt die Katastrophen unserer j&uuml;ngeren Geschichte wider. Die Deutschen des 19.Jahrhunderts waren davon verschont. Ihr Altersaufbau zeigt hohe Kinderzahlen und eine wachsende Gesamtbev&ouml;lkerung. Er entspricht ganz dem Erscheinungsbild heutiger Entwicklungsl&auml;nder.<\/p><\/blockquote><p>Hier also decken sich bereits Ihre Fakten mit den Ausf&uuml;hrungen Schildts: Hohe S&auml;uglings- und Kindersterblichkeit, gleichm&auml;&szlig;iges Abnehmen der Erwachsenen, Altersaufbau wie in heutigen Entwicklungsl&auml;ndern.<\/p><p>So darf man weiterfolgern, da&szlig; das Fordern einer solchen Pyramide, wie es viele Apologeten der privaten Altersversorge tun, ein Fordern nach hungriger Gesellschaft ist. Das klingt vielleicht verwirrend, daher anders formuliert: Alterspyramiden der sogenannten idealen Form entstehen nur durch Hunger und Mangelversorgung; nur dadurch, eine hohe Kindersterblichkeit zuzulassen. Dazu nochmals Schildt:<\/p><blockquote><p>&Auml;hnlich karg war das Essen. Trocken Brot und Wasser geh&ouml;rten noch zu der besseren Ern&auml;hrung. Ein normales Essen waren gekochte Kartoffeln und ein bi&szlig;chen Salz &ndash; sonst nichts. In besonders elender Lage kochte man etwas Mehl in Wasser und a&szlig; diese &bdquo;Suppe&ldquo;. Trotz aller Einschr&auml;nkungen reichte das Geld manchmal nicht. In solchem Fall versorgte sich zuerst der Vater und nahm so viel, wie er brauchte, um einigerma&szlig;en satt zu werden. Dann a&szlig; die Mutter, und dann kamen die Kinder, wenn es noch etwas gab. Dieses Verfahren war grausam, aber gewisserma&szlig;en zweckm&auml;&szlig;ig. Wenn n&auml;mlich der Vater erkrankte oder starb, der doch der Ern&auml;hrer der Familie war, gerieten auch die anderen Familienmitglieder in Lebensgefahr. Starb dagegen eines der Kinder, erleichterte das die Lage der &uuml;brigen Familien.<br>\nDie Kinder verhungerten nicht direkt. Der menschliche K&ouml;rper kann unzureichende Ern&auml;hrung oder Hunger ziemlich lange ertragen. Er greift dann aber alle Reserven an, unter anderem auch die Immuneiwei&szlig;e, die sich im Blut befinden, die sogenannten Antik&ouml;rper. Dadurch verliert der hungernde Mensch die Abwehrkraft gegen Krankheiten. Jeder Ansteckung f&auml;llt er dann zum Opfer.<br>\nDer Hunger der Unterschichtenkinder &auml;u&szlig;erte sich deshalb in einer hohen Kindersterblichkeit. Die Todesursachen waren scheinbar &bdquo;normale&ldquo; Krankheiten, die tiefere Ursache war der Hunger. Besonders die Tuberkulose forderte ihre Opfer, daneben auch Scharlach, Diphterie, Grippe und viele andere Infektionen. In den Kirchenb&uuml;chern kann man noch heute verfolgen, wie in manchen Familien f&uuml;nf oder acht Kinder geboren wurden, und von diesen doch nur zwei oder drei &uuml;berlebten. Auch in den Ober- und Mittelklassen starben viele Kinder, denn die medizinische Versorgung und die hygienischen Bedingungen waren f&uuml;r alle unzureichend, aber die meisten Opfer hatten die Unterschichten zu beklagen. Das wurde auch damals schon statistisch erfa&szlig;t und kann noch heute nachgez&auml;hlt werden.<\/p><\/blockquote><p>Freilich schwarz gemalt, dunkelschwarz. Aber so mu&szlig; eine Gesellschaft beschrieben werden, die in der Alterstruktur eine &bdquo;ideale&ldquo; Pyramide aufweist. So sehen Gesellschaften in den Entwicklungsl&auml;ndern heute aus, Ellenbogen und pers&ouml;nliches Durchsetzungsverm&ouml;gen, gepaart mit dem Gl&uuml;ck, nicht krank zu werden oder behindert zur Welt zu kommen, sind die Maximen; so sah auch Deutschland im Biedermeier aus. Sozialstaat, Solidarit&auml;t, Mitmenschlichkeit, R&uuml;cksicht: all dies sind Werte, die bestenfalls rudiment&auml;r entwickelt sind, in einer &bdquo;Pyramiden-Gesellschaft&ldquo;.<\/p><p>Somit ist das Madigmachen der staatlichen Rente, indem man auf das Schwinden der einstigen Alterspyramide verweist, auch im historischen Kontext entbl&ouml;&szlig;t worden. Ja, dies Verweisen auf Pyramiden, welche als optimale Struktur anzusehen seien, ist nichts anderes, wie eine Restauration, wie ein Zur&uuml;ckschreiten ins Biedermeiersche. Dem herrschenden Zeitgeist des Neoliberalen ist so eine Gesellschaft der Ellenbogen kein Graus, Pyramide und das Recht des St&auml;rkeren und Gesunden gehen gemeinsame Wege.<\/p><p>Man w&auml;re also gerne im Vorm&auml;rz, davon mu&szlig; man ausgehen, wenn man diese Forderungen vernimmt. Wie passend, wenn man genauso wie einst, auch heute den Opponenten das Wort verbieten will und dem konservativen Denken eine Art Heilwirkung nachsagt, somit soziale Ideen als Utopien oder Nostalgien hinstellt. Auch das stete Stillhalten und Zur&uuml;ckziehen in die heimische &bdquo;Festung&ldquo;, diese Metapher des Biedermeier, dies Schweigen zum Unrecht, all dies l&auml;&szlig;t sich dieser Tage erkennen, wenn Massen es nicht umzusetzen wissen, Politik wider ihren Interessen, demokratisch zu bek&auml;mpfen.<br>\nUnd wie passend die Worte Gerhard Schildts, mit denen ich dieses Schreiben beenden m&ouml;chte. Man f&uuml;hlt sich, zumindest vom Wortlaut, in unsere Zeit versetzt:<\/p><blockquote><p>Die Armenunterst&uuml;tzung reichte nicht aus, um die Not bek&auml;mpfen zu k&ouml;nnen. Die Mittel waren beschr&auml;nkt, das Elend war schier unabsehbar. Die zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden wurden von einer panischen Angst geplagt, die Armen k&ouml;nnten im Vertrauen auf die Unterst&uuml;tzung die H&auml;nde in den Scho&szlig; legen. In den Instruktionen wird den zust&auml;ndigen Beamten deshalb auch immer wieder eingesch&auml;rft, niemanden zu unterst&uuml;tzen, der noch irgendwie arbeitsf&auml;hig sei. Sehr viele Menschen wurden von der Armenpflege &uuml;berhaupt nicht erfa&szlig;t. Vor allem waren die Unterst&uuml;tzungss&auml;tze v&ouml;llig unzureichend. Sie verlangsamten das Verhungern, aber verhinderten es nicht. Hinzu kam, da&szlig; ein Gro&szlig;teil der Unterst&uuml;tzungen erst einmal f&uuml;r die Bezahlung der Miete abgezweigt wurde. Man hat oft den Eindruck, als sei es den Beh&ouml;rden mehr um die Sicherstellung des Vermieters gegangen als um Hilfe f&uuml;r den Bed&uuml;rftigen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der NachDenkSeiten-Nutzer Roberto J. 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