{"id":1652,"date":"2006-08-30T11:20:18","date_gmt":"2006-08-30T09:20:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1652"},"modified":"2019-02-15T13:18:28","modified_gmt":"2019-02-15T12:18:28","slug":"christoph-butterwegge-wer-uber-den-reichtum-nicht-reden-will-kann-auch-keine-losungsangebote-zur-steigenden-kinderarmut-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1652","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge: Wer \u00fcber den Reichtum nicht reden will, kann auch keine L\u00f6sungsangebote zur steigenden Kinderarmut machen"},"content":{"rendered":"<p>Laut Kinderschutzbund ist die Zahl armer Kinder seit 2004 um hundert Prozent gestiegen. Insgesamt 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre leben heute auf Sozialhilfeniveau. In Berlin liegt die Quote der in Armut lebenden Kinder bei 37 Prozent. Auch die Bundeskanzlerin konnte sich auf dem Berliner Forum &bdquo;Deutschland f&uuml;r Kinder&ldquo; diesem gesellschaftspolitischen Skandal nicht mehr entziehen. Zu mehr als dem &uuml;blichen Statement: &bdquo;alle Familienf&ouml;rderungsinstrumente auf den Pr&uuml;fstand stellen&ldquo;, mochte sich <a href=\"http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/print\/politik\/581829.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/print\/politik\/581829.html\">Angela Merkel aber nicht durchringen<\/a>.<br>\nKinderarmut k&ouml;nne nur durch eine integrale Besch&auml;ftigungs-, Bildungs-, Familien- und Sozialpolitik, die Ma&szlig;nahmen zur Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Verm&ouml;gen einschlie&szlig;t, beseitigt werden, meint Butterwegge in einem Vortrag, den wir in unserer Rubrik &bdquo;Andere interessante Beitr&auml;ge&ldquo; dokumentieren.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kinderarmut in einem reichen Land<\/strong><\/p><p>Christoph Butterwegge<\/p><p>Vortrag beim Kinderschutz-Forum &bdquo;Entmutigte Familien bewegen (sich) &ndash; Entwicklungsm&ouml;glichkeiten in Risikosituationen&ldquo;, veranstaltet von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren in K&ouml;ln am 13. September 2006<\/p><p>(Kinder-)Armut war jahrzehntelang kein Thema, das die deutsche &Ouml;ffentlichkeit bewegte. H&ouml;chstens in der Vorweihnachtszeit und im Sommerloch nahmen die Massenmedien der Bundesrepublik davon Notiz. Hierf&uuml;r gibt es mehrere Gr&uuml;nde: Erstens ist unser Armutsbild von absoluter Not und Elend in der sog. Dritten Welt gepr&auml;gt, was viele B&uuml;rger\/innen hindert, durchaus vergleichbare Erscheinungen &bdquo;vor der eigenen Haust&uuml;r&ldquo; auch nur zu erkennen, zumal Kinderarmut hierzulande weniger spektakul&auml;r daherkommt. Zweitens sind sogar Erzieher\/innen, Lehrer\/innen und andere P&auml;dagog(inn)en aufgrund ihrer Mittelschichtzugeh&ouml;rigkeit manchmal nicht in der Lage, die Probleme von Unterschichtkindern zu erkennen, die wahrscheinlich in einem anderen, weniger b&uuml;rgerlich gepr&auml;gten Stadtteil oder einem sozialen Brennpunkt wohnen. Ein weiterer Grund, warum Armut leicht &bdquo;&uuml;bersehen&ldquo; wird, liegt in den Versuchen begr&uuml;ndet, die Schuld daf&uuml;r den Betroffenen selbst oder im Falle der Kinder ihren Eltern in die Schuhe zu schieben. Viertens glaubt man irrt&uuml;mlich, Kinderarmut in Karlsruhe, Kiel oder Konstanz sei weniger problematisch als solche in Kalkutta, sodass es sich gar nicht lohne, &uuml;ber das Problem zu reden. Dabei kann Armut hierzulande sogar deprimierender, bedr&uuml;ckender und bedr&auml;ngender sein, weil vor allem Kinder in einer wohlst&auml;ndigen Konsumgesellschaft einem viel st&auml;rkeren Druck von Seiten der Werbeindustrie wie auch Spielkamerad(inn)en und Mitsch&uuml;ler\/innen ausgeliefert sind, durch das Tragen teurer Markenkleidung oder den Besitz immer neuer, m&ouml;glichst hochwertiger Konsumg&uuml;ter &bdquo;mitzuhalten&ldquo;. Empathie und Solidarit&auml;t erfahren die von Armut oder Unterversorgung betroffenen Kinder hingegen in einem geringeren Ma&szlig;e, als dies normalerweise dort der Fall ist, wo kaum jemand ein gro&szlig;es (Geld-)Verm&ouml;gen besitzt. Mit der Armut und den Armen hat f&uuml;nftens kaum jemand gern zu tun, weil selbst der Umgang damit stigmatisiert und die Betroffenen nach eher negativen Erfahrungen selten zu denjenigen Menschen geh&ouml;ren, deren offenes Wesen ihnen Freunde und Sympathie einbringt.<\/p><p>Mittlerweile mutiert Kinderarmut beinahe zu einem richtigen Modethema, das immer wieder Schlagzeilen macht. Gleichwohl hat man den Eindruck, dass sich Fachwissenschaft, Massenmedien und etablierte Parteien nie ernsthaft mit dem Problem auseinandergesetzt haben, dass ein zunehmender Teil der Bev&ouml;lkerung sozialer Exklusion unterliegt, w&auml;hrend eine Minderheit unter ma&szlig;geblicher Beteiligung der Regierungspolitik (Senkung der Gewinnsteuern, Entlastung der Unternehmen, Steuergeschenke an Firmenerben) immer mehr Reichtum anh&auml;uft. Es ist diese sich weiterhin vertiefende Kluft, von der akute Gefahren f&uuml;r den inneren Frieden, die Humanit&auml;t und die Zukunftsf&auml;higkeit der Gesellschaft ausgehen.<\/p><p><strong>Ausma&szlig;, Erscheinungsformen und Folgen der Kinderarmut<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens seit dem 2. Armuts- und Reichtumsbericht, den die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung am 2. M&auml;rz 2005 vorgelegt hat, ist weiten Teilen der &Ouml;ffentlichkeit bewusst, dass (Kinder-)Armut nicht nur in der sog. Dritten Welt, sondern auch hierzulande ein Problem darstellt. Dies gilt zumindest dann, wenn man darunter nicht nur absolutes Elend, vielmehr auch ein relatives Ma&szlig; an sozialer Ungleichheit versteht, das Betroffene daran hindert, sich ihrer pers&ouml;nlichen F&auml;higkeiten gem&auml;&szlig; zu entfalten, sich optimal zu entwickeln und selbstbestimmt am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen. <\/p><p>Von den knapp 11,65 Millionen Kindern unter 15 Jahren lebten im April 2006 nach Angaben der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit nicht weniger als 1,89 Millionen in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften (sog. Hartz-IV-Haushalte). Rechnet man die &uuml;brigen Betroffenen (Kinder in Sozialhilfehaushalten, in Asylbewerber-Familien, die weniger als die Sozialhilfe erhalten, und von sog. Illegalen, die keine Transferleistungen beantragen k&ouml;nnen) hinzu und ber&uuml;cksichtigt au&szlig;erdem die Dunkelziffer, leben 2,2 bis 2,5 Millionen Kinder, d.h. mindestens jedes f&uuml;nfte Kind dieses Alters, auf Sozialhilfeniveau. (Kinder-)Armut ist aber mehr, als wenig Geld zu haben. Wenn man sinnvollere, n&auml;mlich qualitative und nichtmonet&auml;re Kriterien f&uuml;r das Armsein anlegt, steigt die Zahl armer Kinder bis 18 Jahre, vom Kinderschutzbund auf 2,5 Millionen gesch&auml;tzt, sogar auf 3 bis 3,3 Millionen Kinder. &Uuml;ber die H&auml;lfte davon leben auf Sozialhilfe-Niveau; die Eltern der anderen haben keinen Antrag gestellt oder etwas mehr Geld zur Verf&uuml;gung, ohne deshalb eine sorgenfreie Kindheit ihres Nachwuchses gew&auml;hrleisten zu k&ouml;nnen. Man spricht seit Ende der 1980er-\/Anfang der 1990er-Jahre von einer &bdquo;Infantilisierung der Armut&ldquo; (Richard Hauser), weil junge Menschen die am h&auml;ufigsten und am st&auml;rksten von Armut bedrohte Altersgruppe bilden, w&auml;hrend fr&uuml;her haupts&auml;chlich Rentner\/innen betroffen waren.<\/p><p>Kinderarmut &auml;u&szlig;ert sich in einem wohlhabenden, wenn nicht reichen Land wie der Bundesrepublik weniger spektakul&auml;r als in Bangladesch oder Burkina Faso, wo Menschen auf der Stra&szlig;e verhungern. Sie wirkt eher subtil, aber nicht minder dramatisch und lange. Hierzulande ist es f&uuml;r Kinder manchmal noch schwerer, arm zu sein, als in einer Gesellschaft, die s&auml;mtlichen Mitgliedern nur das Allern&ouml;tigste bietet. Konsumchancen, z.B. das Tragen modischer Kleidung (&bdquo;Markenklamotten&ldquo;), der Besitz des modernsten Handys und teure Freizeitaktivit&auml;ten, bestimmen mit &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten, die ein Kind bei uns im Freundeskreis bzw. der Clique hat. Jenseits von Nike und Nokia wird man gar nicht ernst genommen, was zu psychosozialen Belastungen f&uuml;hren kann und den Ausschluss junger Menschen aus vielen Lebenszusammenh&auml;ngen nach sich zieht.<\/p><p>Besonders f&uuml;r Kinder und Jugendliche, deren Lebenswelt noch viel mehr als jene von Erwachsenen durch eine zunehmende &Ouml;konomisierung und Kommerzialisierung gepr&auml;gt ist, bedeutet arm zu sein, in mehreren Lebensbereichen (Einkommen, Beruf, Wohnen, Gesundheit, Bildung und Freizeit) Defizite aufzuweisen. Bei einem Kind ist ein solches Defizit beispielsweise im Wohnbereich dann gegeben, wenn es kein eigenes Zimmer hat. Weil auch die famili&auml;ren Wohnverh&auml;ltnisse beengt sind, wird der Kindergeburtstag nicht im Kreis der Schulkamerad(inn)en und Freund(inn)en zu Hause gefeiert, was zusammen mit anderen Restriktionen eine Isolation der Betroffenen nach sich ziehen kann. In vielen Familien reicht das Haushaltsgeld heute h&ouml;chstens bis zur Monatsmitte; von da an ist Schmalhans K&uuml;chenmeister. Da den Eltern das Geld f&uuml;r die Klassenfahrt ihres Spr&ouml;sslings fehlt, t&auml;uscht man oft ein Unwohlsein des Kindes vor.<\/p><p>Betroffen sind vor allem Alleinerziehende (&uuml;berwiegend Frauen) und kinderreiche Familien, deren Haushaltseinkommen zu gering ist, um den Unterhalt von Kindern zu bestreiten, was zu sozialer Unterversorgung und Ausgrenzung (Exklusion) f&uuml;hrt. F&uuml;r die betroffenen Familien erwachsen daraus &ouml;konomische, soziale und psychische Belastungen, ja sie geraten h&auml;ufig in eine schwere Zerrei&szlig;probe. Familien fungieren n&auml;mlich als &bdquo;emotionaler Puffer&ldquo; (Sabine Walper) zwischen dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, das die sozio&ouml;konomische Deprivation hervorruft, und den Kindern, die aufgrund solcher Restriktionen in ihrer kognitiven Entwicklung, schulischen Leistungsf&auml;higkeit, psychischen Stabilit&auml;t und physischen Konstitution gef&auml;hrdet sind. <\/p><p>Alleinerziehende und kinderreiche Familien tragen nicht nur ein gr&ouml;&szlig;eres Risiko als Kinderlose, arm zu werden, sondern bleiben auch l&auml;nger in einer Notlage. Zwischen den prek&auml;ren Lebenslagen von Familien, den psychosozialen Folgen f&uuml;r die Kinder und Sozialisationsdefiziten besteht ein Kausal- bzw. Wechselverh&auml;ltnis, das in einen &bdquo;Teufelskreis der Armut&ldquo; f&uuml;hren und einen &bdquo;intergenerationalen Schneeball-Effekt&ldquo; (Michael Klein) hervorrufen kann. Dies gilt nicht zuletzt f&uuml;r Hartz-IV-Haushalte bzw. SGB-Bedarfsgemeinschaften.<\/p><p><strong>Ursachen der Verarmung von Familien, Frauen und Kindern<\/strong><\/p><p>Sind junge Menschen arm oder unterversorgt, macht man daf&uuml;r gew&ouml;hnlich ihre Eltern, ein von der Norm abweichendes Verhalten (z.B. &uuml;berm&auml;&szlig;igen Alkoholkonsum) oder einschneidende Ereignisse in der Familienbiografie verantwortlich. Kinder gelten &ndash; im Unterschied zu arbeitslosen Erwachsenen, Bettlern und Obdachlosen &ndash; als &bdquo;w&uuml;rdige Arme&ldquo;. Man schiebt ihnen nicht pers&ouml;nlich die Schuld an ihrer Not zu, sondern blickt viel eher auf die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse. Hier liegt tats&auml;chlich der Schl&uuml;ssel zur Erkl&auml;rung des Umstandes, dass es heute vermehrt Armut gibt und &uuml;berwiegend Kinder bzw. Jugendliche davon betroffen sind. In der &ouml;ffentlichen Diskussion wie der Fachliteratur werden die Ausl&ouml;ser von (Kinder-)Armut jedoch h&auml;ufig mit deren Ursachen verwechselt. W&auml;hrend strukturelle Zusammenh&auml;nge und gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse, unter denen Menschen leben bzw. in denen Kinder aufwachsen, die Voraussetzungen f&uuml;r Pauperisierungsprozesse bilden, l&ouml;sen ganz bestimmte Ereignisse im Lebensverlauf solche Entwicklungen aus oder lassen sie voll zur Wirkung gelangen. Dadurch scheint es so, als sei der Tod des (Familien-)Ern&auml;hrers, die Scheidung bzw. Trennung vom (Ehe-)Partner oder eine Mehrlingsgeburt schuld am Entzug materieller Ressourcen, den Kinder und Jugendliche anschlie&szlig;end erleiden. Tats&auml;chlich waren sie, ihre Eltern oder M&uuml;tter bereits vor dem betreffenden Schicksalsschlag unzureichend gesichert.<\/p><p>Armutsph&auml;nomene, Mangelerscheinungen und soziale Bed&uuml;rftigkeit sind nichts Neues, vielmehr so alt wie die Menschheit selbst. Auch die Kinderarmut, eine besonders subtile Form der Ausgrenzung und der Gewalt gegen&uuml;ber den schw&auml;chsten Gesellschaftsmitgliedern, gibt es keineswegs erst seit kurzem. Gleichwohl weist sie &bdquo;postmoderne&ldquo; Z&uuml;ge auf, die es nahe legen, ihre Entstehungsursachen in j&uuml;ngerer Zeit zu suchen. Macht man den als &bdquo;Globalisierung&ldquo; bezeichneten Prozess einer Umstrukturierung fast aller Gesellschaftsbereiche nach Markterfordernissen, der &Ouml;konomisierung und Kommerzialisierung f&uuml;r die Pauperisierung, soziale Polarisierung und Entsolidarisierung verantwortlich, liegen die Wurzeln des stark vermehrten Auftretens von (Kinder-)Armut auf drei Ebenen:<\/p><p>Im Produktionsprozess l&ouml;st sich das &bdquo;Normalarbeitsverh&auml;ltnis&ldquo; (Ulrich M&uuml;ckenberger), von der Kapitalseite unter den Stichworten &bdquo;Liberalisierung&ldquo;, &bdquo;Deregulierung&ldquo; und &bdquo;Flexibilisierung&ldquo; vorangetrieben, tendenziell auf. Es wird zwar keineswegs ersetzt, aber durch eine steigende Zahl atypischer, prek&auml;rer, befristeter, Leih- und (Zwangs-)Teilzeitarbeitsverh&auml;ltnisse, die den so oder &uuml;berhaupt nicht (mehr) Besch&auml;ftigten wie ihren Familienangeh&ouml;rigen weder ein ausreichendes Einkommen noch den gerade im viel beschworenen &bdquo;Zeitalter der Globalisierung&ldquo; erforderlichen arbeits- und sozialrechtlichen Schutz bieten, in seiner Bedeutung stark relativiert.<br>\nIm Reproduktionsbereich b&uuml;&szlig;t die &bdquo;Normalfamilie&ldquo;, d.h. die z.B. durch das Ehegattensplitting im Einkommensteuerrecht staatlicherseits subventionierte traditionelle Hausfrauenehe mit ein, zwei oder drei Kindern, in vergleichbarer Weise an gesellschaftlicher Relevanz ein. Neben sie treten Lebens- und Liebesformen, die tendenziell weniger materielle Sicherheit f&uuml;r Kinder gew&auml;hrleisten (sog. Ein-Elternteil-Familien, &bdquo;Patchwork-Familien&ldquo;, gleichgeschlechtliche Partnerschaften usw.). Hinsichtlich der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates bedingt der forcierte Wettbewerb zwischen &bdquo;Wirtschaftsstandorten&ldquo; einen Abbau von Sicherungselementen f&uuml;r &bdquo;weniger Leistungsf&auml;hige&ldquo;, zu denen allemal Erwachsene geh&ouml;ren, die (mehrere) Kinder haben. Kinder und Jugendliche sind nicht zuletzt deshalb stark von Arbeitslosigkeit und\/oder Armut betroffen, weil das neoliberale Projekt eines &bdquo;Umbaus&ldquo; des Sozialstaates auf Kosten vieler Eltern geht, die weniger Absicherung als vorherige Generationen genie&szlig;en.<\/p><p><strong>Sozialreformen f&uuml;hren zur Armut von Familien und Kindern: das Beispiel der sog. Hartz-Gesetze<\/strong><\/p><p>Bei den sog. Hartz-Gesetzen, der &bdquo;Agenda 2010&ldquo;, der Gesundheitsreform 2004 und den erst teilweise (z.B. im &bdquo;RV-Nachhaltigkeitsgesetz&ldquo;) legislativ umgesetzten Vorschl&auml;gen der sog. R&uuml;rup-Kommission handelt es sich um Ma&szlig;nahmen zum Um- bzw. Abbau des Sozialstaates, die seine ganze Architektur, Struktur und Konstruktionslogik ver&auml;ndern. Es geht l&auml;ngst nicht mehr nur um Leistungsk&uuml;rzungen im sozialen Sicherungssystem, sondern um einen Systemwechsel, anders ausgedr&uuml;ckt: um eine zentrale gesellschaftliche Richtungsentscheidung, welche das Gesicht der Bundesrepublik auf absehbare Zeit pr&auml;gen d&uuml;rfte. Das nach Peter Hartz benannte Gesetzespaket markiert eine historische Z&auml;sur f&uuml;r die Entwicklung von Armut bzw. Unterversorgung in Ost- und Westdeutschland. Besonders mit Hartz IV waren grundlegende &Auml;nderungen im Arbeits- und Sozialrecht verbunden, die das politische Klima der Bundesrepublik auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verschlechtern d&uuml;rften.<\/p><p>Mit dem &bdquo;Ersten Gesetz f&uuml;r moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt&ldquo; (Hartz I), das am 1. Januar 2003 in Kraft trat, wurden die Barrieren der Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung erh&ouml;ht, welcher sich Bezieher\/innen von Arbeitslosenhilfe unterziehen mussten. W&auml;hrend die Verm&ouml;gensfreibetr&auml;ge deutlich gesenkt und die Mindestfreibetr&auml;ge f&uuml;r verdienende (Ehe-)Partner\/innen um 20 Prozent gek&uuml;rzt wurden, entfiel der Erwerbst&auml;tigenfreibetrag ganz. Bislang wurde die Bemessungsgrundlage der Arbeitslosenhilfe, wie noch von der Kohl-Regierung verwirklicht, einmal im Jahr um 3 Prozent gek&uuml;rzt, die so errechnete Leistung f&uuml;r Langzeitarbeitslose wegen der gesetzlich vorgesehenen Dynamisierung jedoch erh&ouml;ht, was fortan unterblieb. Dadurch stieg das Risiko von Langzeitarbeitslosen, sozialhilfebed&uuml;rftig zu werden, drastisch.<\/p><p>Auf der Grundlage des &bdquo;Zweiten Gesetzes f&uuml;r moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt&ldquo; (Hartz II) wurden &bdquo;Ich-&ldquo; bzw. &bdquo;Familien-AGs&ldquo; und &bdquo;Mini-&ldquo; bzw. &bdquo;Midi-Jobs&ldquo; eingef&uuml;hrt, auf der Grundlage des &bdquo;Dritten Gesetzes f&uuml;r moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt&ldquo; (Hartz III), das am 1. Januar 2004 in Kraft trat, strukturierte man die seither &bdquo;Bundesagentur f&uuml;r Arbeit&ldquo; hei&szlig;ende N&uuml;rnberger Beh&ouml;rde nach dem Vorbild der Privatwirtschaft und mit Hilfe moderner Managementkonzepte zu einem reinen Dienstleistungsunternehmen um. Die im Unterschied zu den &bdquo;Markt-&ldquo; und &bdquo;Beratungskunden&ldquo; als &bdquo;Betreuungskunden&ldquo; abgestempelten Langzeitarbeitslosen werden kaum noch durch gezielte und hochwertige Qualifizierungsma&szlig;nahmen reintegriert, sondern mit kurzen, m&ouml;glichst kosteng&uuml;nstigen Trainingsma&szlig;nahmen abgespeist.<\/p><p>Mit dem &bdquo;Vierten Gesetz f&uuml;r moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt&ldquo; (Hartz IV) wurde die Arbeitslosenhilfe durch das Arbeitslosengeld (Alg) II, eine reine F&uuml;rsorgeleistung, die nicht mehr den fr&uuml;heren Lebensstandard zum Ma&szlig;stab der Leistungsgew&auml;hrung f&uuml;r Langzeitarbeitslose macht, ersetzt. Dies f&uuml;hrte zur Schlechterstellung von Millionen Menschen sowie zur Aufspaltung der bisherigen Sozialhilfeempf&auml;nger\/innen in erwerbsf&auml;hige, die Alg II beziehen, einerseits und nichterwerbsf&auml;hige, die Sozialgeld bzw. -hilfe erhalten, andererseits. Daraus wiederum erwachsen neue Gefahren einer Stigmatisierung nach dem Grad der N&uuml;tzlichkeit bzw. nach der &ouml;konomischen Verwertbarkeit dieser Personen. <\/p><p>Langzeitarbeitslose m&uuml;ssen jede &bdquo;zumutbare&ldquo; Stelle annehmen, auch wenn die Bezahlung weder tarifgerecht ist noch dem orts&uuml;blichen Lohn entspricht. Eingerichtet wurde damit eine Rutsche in die Armut: Nach der von maximal 32 auf 18 Monate verk&uuml;rzten Bezugszeit des Alg (I) bekommen Erwerbslose ein Arbeitslosengeld II, das pr&auml;ziser &bdquo;Sozialhilfe II&ldquo; hei&szlig;en w&uuml;rde, weil es den Charakter einer reinen F&uuml;rsorgeleistung hat. Mit seinem Grundbetrag von 345 EUR (bis zum 1. Juli 2006 in Ostdeutschland 331 EUR) monatlich f&uuml;r den Haushaltsvorstand (plus Erstattung der Aufwendungen f&uuml;r Unterkunft und Heizung, sofern sie &bdquo;angemessen&ldquo; sind) ist das Alg II so hoch wie der Sozialhilfe-Regelsatz. Kinder bis 14 Jahre erhalten ein Sozialgeld in H&ouml;he von 207 EUR, Jugendliche von 15 bis 18 Jahren 276 EUR.<\/p><p>Seit dem In-Kraft-Treten von Hartz IV am 1. Januar 2005 m&uuml;ssen Langzeitarbeitslose gegen eine minimale &bdquo;Mehraufwandsentsch&auml;digung&ldquo; von einem halben, 1 oder 2 EUR pro Stunde im &ouml;ffentlichen Interesse liegende und zus&auml;tzliche Arbeit leisten, wollen sie ihren Anspruch auf Unterst&uuml;tzung nicht zu 30 Prozent (und sp&auml;ter ganz) einb&uuml;&szlig;en. Auf dem Arbeitsmarkt f&uuml;hren die sog. 1-Euro-Jobs zu einem Verdr&auml;ngungswettbewerb von oben nach unten. Geringqualifizierte m&uuml;ssen gew&auml;rtigen, durch Alg-II-Bezieher\/innen ersetzt zu werden, was Auswirkungen auf das gesamte Lohngef&uuml;ge haben kann.<\/p><p>Durch die Umsetzung des im Vermittlungsausschuss von Bundestag und -rat weiter radikalisierten Konzepts der sog. Hartz-Kommission (Ausweitung nicht nur &bdquo;haushaltsnaher&ldquo; Mini-Jobs sowie der Leih- bzw. Zeitarbeit durch Einrichtung von Personal-Service-Agenturen und &bdquo;Entb&uuml;rokratisierung&ldquo; der zeitweilig in &bdquo;Ich-&ldquo; bzw. &bdquo;Familien-AGs&ldquo; organisierten Scheinselbstst&auml;ndigkeit) hat der staatlich subventionierte Niedriglohnsektor an Bedeutung gewonnen. Den armen Erwerbslosen, die das Fehlen von oder die unzureichende H&ouml;he der Entgeltersatzleistungen auf das Existenzminimum zur&uuml;ckwirft, treten massenhaft erwerbst&auml;tige Arme zur Seite. L&auml;ngst reichen selbst viele Vollzeitarbeitsverh&auml;ltnisse nicht mehr aus, um &bdquo;eine Familie zu ern&auml;hren&ldquo;, sodass man ein oder mehrere Nebenjobs &uuml;bernimmt und nach Feierabend bzw. an Wochenenden (schwarz) weitergearbeitet wird. F&uuml;r die Kinder der davon Betroffenen hei&szlig;t dies, dass sie ihre Eltern kaum noch zu Gesicht bekommen, f&uuml;r die Eltern mit einem McJob, dass sie ihre Kinder vernachl&auml;ssigen m&uuml;ssen.<\/p><p>Die negativen Folgen der sog. Hartz-Gesetzgebung f&uuml;r Kinder und Jugendliche werden kontrovers diskutiert. Der Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband und der Deutsche Kinderschutzbund haben die &Ouml;ffentlichkeit fr&uuml;hzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe bzw. die Einf&uuml;hrung des Arbeitslosengeldes II f&uuml;r Langzeitarbeitslose neue Zonen der Armut entstehen, wovon die Familien nat&uuml;rlich nicht unber&uuml;hrt bleiben. Wie die Rekordh&ouml;he der Kinderarmut nach In-Kraft-Treten der Arbeitsmarktreform, geh&ouml;ren Heranwachsende gemeinsam mit den Migrant(inn)en zu den Hauptverlierer(inne)n von Hartz IV. Hingewiesen sei noch auf einen weiteren, aber nichtmonet&auml;ren Aspekt: Wenn man die Zumutbarkeitsregelungen versch&auml;rft und die Mobilit&auml;tsanforderungen gegen&uuml;ber den Arbeitsuchenden erh&ouml;ht, verschlechtern sich die Chancen f&uuml;r Familien, ein geregeltes, nicht durch Zeitdruck und\/oder r&auml;umliche Trennung von Eltern und Kindern beeintr&auml;chtigtes Leben zu f&uuml;hren.<\/p><p>Die sog. Hartz-Gesetze konterkarierten Bem&uuml;hungen zur Armutsbek&auml;mpfung. Besonders Hartz IV trug durch das Abdr&auml;ngen der Langzeitarbeitslosen samt ihren Familienangeh&ouml;rigen in den F&uuml;rsorgebereich dazu bei, dass Kinderarmut &bdquo;normal&ldquo; wird, was sie schwerer skandalisierbar macht. Die finanzielle Lage von Familien mit Alhi-Empf&auml;nger(inne)n hat sich durch den &Uuml;bergang zum Alg II verschlechtert, was erhebliche materielle Einschr&auml;nkungen f&uuml;r betroffene Kinder einschlie&szlig;t. Gleichzeitig d&uuml;rfte die daraus resultierende Resignation von Erwachsenen eine negative Vorbildwirkung f&uuml;r die Kinder nach sich ziehen.<\/p><p>Eine soziale Grundsicherung, wie sie das Arbeitslosengeld II laut Gesetzestext sein m&ouml;chte, muss vor Armut sch&uuml;tzen, damit sie diesen Namen verdient. Das kann man in Anbetracht der &auml;u&szlig;erst niedrigen Grundbetr&auml;ge beim Alg II allerdings nicht behaupten. Auf 2 Jahre befristete &Uuml;bergangszuschl&auml;ge in H&ouml;he von maximal 160 EUR f&uuml;r Erwachsene und bis zu 60 EUR f&uuml;r Kinder monatlich, die nach einem Jahr halbiert werden, sowie auf 3 Jahre befristete Kinderzuschl&auml;ge f&uuml;r Geringverdiener in der H&ouml;he von maximal 140 EUR monatlich verhindern nicht, dass Familien, die (sonst) darauf zur&uuml;ckgreifen m&uuml;ssen, an den Rand der Gesellschaft gedr&auml;ngt werden. Betroffen sind auch diejenigen Kinder, deren V&auml;ter aufgrund ihres gegen&uuml;ber der Arbeitslosenhilfe niedrigeren Arbeitslosengeldes II keinen oder weniger Unterhalt zahlen (k&ouml;nnen), denn die Unterhaltsvorschusskassen bei den Jugend&auml;mtern treten maximal 6 Jahre lang und auch nur bis zum 12. Lebensjahr des Kindes ein.<\/p><p>Die im Fr&uuml;hjahr\/Sommer 2006 vorgenommenen &bdquo;Korrekturen&ldquo; an Hartz IV, mit denen mehrere Mrd. EUR j&auml;hrlich eingespart werden sollen, kann man trotz Anhebung des Arbeitslosengeldes II im Osten an seine H&ouml;he in Westdeutschland als &bdquo;Hartz V&ldquo; bezeichnen, stellen sie doch eine deutliche Fortsetzung und Versch&auml;rfung des Drucks auf (Langzeit-)Arbeitslose dar. Heranwachsende und junge Erwachsene unter 25 Jahren wieder in der Abh&auml;ngigkeit von ihren Eltern zu belassen und ihnen per Mittelentzug die M&ouml;glichkeit der Gr&uuml;ndung eines eigenen Hausstandes zu nehmen, ist einer so reichen und hoch individualisierten Gesellschaft unw&uuml;rdig. Aber auch die &uuml;brigen K&uuml;rzungs- und Kontrollma&szlig;nahmen im SGB-II-&Auml;nderungsgesetz und im Hartz-IV-Fortentwicklungsgesetz zeigen, dass Hartz IV nicht das Ende der Reformen, sondern nur einen Zwischenschritt auf dem Wege vom Sozialversicherungs- zum F&uuml;rsorge-, Almosen- und Suppenk&uuml;chenstaat darstellt.<\/p><p>Von den &bdquo;Ich-AGs&ldquo;, die in gro&szlig;er Zahl entstehen sollten, versprach sich die Bundesregierung, wie man heute wei&szlig;: zu Unrecht, einen Schub an marktwirtschaftlicher Dynamik. Dass sich nur wenige Arbeitslose mit einem von 600 EUR pro Monat im ersten Jahr &uuml;ber 360 EUR pro Monat im zweiten auf 240 EUR pro Monat im dritten Jahr sinkenden F&ouml;rderungsbetrag als &bdquo;Ich-AG&ldquo;-Gr&uuml;nder\/innen versuchten, aber viele davon scheiterten, verwundert einen kritischen Beobachter kaum. Nicht nur die materielle Situation, sondern auch die Position von Frauen und (alleinerziehenden) M&uuml;ttern auf dem Arbeitsmarkt hat sich dadurch verschlechtert. Die sog. Mini- und Midi-Jobs &uuml;bernehmen gr&ouml;&szlig;tenteils Frauen. &bdquo;Haushaltsnahe Dienstleistungen&ldquo;, die sie erbringen sollen, hei&szlig;t im Wesentlichen, dass ihnen Besserverdienende, denen daf&uuml;r nach vor&uuml;bergehendem Wegfall des sog. Dienstm&auml;dchenprivilegs nun auch wieder Steuerverg&uuml;nstigungen einger&auml;umt werden, geringe (Zu-)Verdienstm&ouml;glichkeiten als Reinigungskraft, Kinderfrau oder Haush&auml;lterin bieten. Ist die &bdquo;Mini-Jobberin&ldquo; mit einem sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten verheiratet, braucht sie wegen der kostenfreien Familienmitversicherung keine Krankenkassenbeitr&auml;ge zu entrichten. Um die vollen Leistungen der Rentenversicherung in Anspruch nehmen zu k&ouml;nnen, muss eine (Putz-)Frau jedoch erg&auml;nzende Beitr&auml;ge zahlen. Andernfalls drohen Sozialhilfebed&uuml;rftigkeit und Altersarmut.<\/p><p>Die drastischen Verschlechterungen trafen nicht nur fr&uuml;here Bezieher\/innen von Arbeitslosenhilfe, z.B. Frauen, deren Ehem&auml;nner mit ihrem Einkommen &uuml;ber den neuen, niedrigeren Freibetr&auml;gen lagen. Auch jene Empf&auml;nger\/innen von Sozialhilfe, die nicht erwerbsf&auml;hig sind, also nicht mindestens 3 Stunden t&auml;glich arbeiten k&ouml;nnen, m&uuml;ssen Einbu&szlig;en hinnehmen. Sie erhalten zum Teil nach der ab 1. Januar 2005 g&uuml;ltigen Regelsatzverordnung weniger Geld, weil Einmalleistungen als pauschalierter Betrag im Regelsatz aufgingen. Beim HLU-Regelsatz stehen sich Kinder unter 7 Jahren jetzt zwar etwas besser, die &uuml;brigen Kinder und Jugendlichen jedoch schlechter als fr&uuml;her. Unter dem Wegfall der meisten wiederkehrenden einmaligen Leistungen, etwa f&uuml;r Kleidungsst&uuml;cke oder defekte Haushaltsger&auml;te, sowie ihrer Umstellung auf den neuen, gegen&uuml;ber dem bisherigen nur leicht angehobenen Eckregelsatz leiden prim&auml;r Familien mit Kindern, deren Bedarf in dieser Hinsicht ausgesprochen hoch ist.<\/p><p>Die zum 1. Januar 2007 angek&uuml;ndigte Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent ist nicht nur Gift f&uuml;r die Binnenkonjunktur, sondern auch f&uuml;r Familien, besonders von Geringverdienern, die einen Gro&szlig;teil ihres Einkommens in den Konsum stecken. Deshalb trifft sie die Mehrwertsteuer st&auml;rker als Besserverdienende (ohne Kinder). Indirekte bzw. Verbrauchssteuern sind eher unsozial, weil sie die Leistungsf&auml;higkeit und finanzielle Lage der Steuerpflichtigen nicht ber&uuml;cksichtigen. Dagegen bildet die &bdquo;Reichensteuer&ldquo;, von der B&uuml;rger erst ab einem Jahreseinkommen von 250.000 EUR bzw. Verheiratete ab einem Jahreseinkommen von 500.000 EUR erfasst werden, Unternehmer, Freiberufler und Selbstst&auml;ndige jedoch vorerst ausgenommen sind, nur eine Beruhigungspille f&uuml;r die SPD-Basis mit h&ouml;chstens symbolischem Wert. Gleichzeitig &ouml;ffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter: Auf der einen Seite gibt es mehr (Kinder-)Armut, auf der anderen mehr (Kinder-)Reichtum. Denn ebenfalls am 1. Januar 2007 werden Firmenerben von der Erbschaftsteuer befreit, wenn sie das Familienunternehmen 10 Jahre lang fortf&uuml;hren und bestimmte Auflagen erf&uuml;llen. <\/p><p><strong>Ma&szlig;nahmen zur Verringerung\/Verhinderung von Kinderarmut<\/strong><\/p><p>Wenn die heutige Auspr&auml;gung von (Kinder-)Armut in der Bundesrepublik prim&auml;r eine Folge der Globalisierung bzw. der neoliberalen Modernisierung\/Umstrukturierung fast aller Lebensbereiche ist, kann sie ohne ihr Gegenst&uuml;ck, d.h. den in wenigen H&auml;nden konzentrierten Reichtum, nicht verstanden werden. Wer &uuml;ber den Reichtum nicht reden will, sollte auch von der (Kinder-)Armut schweigen. Und wer die wachsende Kinderarmut mit Erfolg bek&auml;mpfen will, muss die Reichen (durch die Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;gen- bzw. Erh&ouml;hung der Erbschaftsteuer) st&auml;rker zur Kasse bitten, also daf&uuml;r sorgen, dass der Staat &uuml;ber ausreichende Finanzmittel verf&uuml;gt, denn eine wirksame Armutsbek&auml;mpfung kostet viel Geld. Kinderarmut kann nur durch eine integrale Besch&auml;ftigungs-, Bildungs-, Familien- und Sozialpolitik, die Ma&szlig;nahmen zur Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Verm&ouml;gen einschlie&szlig;t, beseitigt werden. Durch einzelne Schritte, etwa h&ouml;here Transferleistungen an (s&auml;mtliche) Eltern, sind prek&auml;re Lebenslagen zwar zu verbessern, ihre Ursachen aber kaum zu beseitigen. N&ouml;tig w&auml;re vielmehr ein Paradigmawechsel vom &bdquo;schlanken&ldquo;, wenn nicht magers&uuml;chtigen, zum interventionsf&auml;higen und -bereiten Sozialstaat.<\/p><p>Die sich heute in allen entwickelten Industriestaaten verfestigende Massenarbeitslosigkeit zieht oft einen sozialen Abstieg nach sich, der meist stufenf&ouml;rmig verl&auml;uft und nicht nur direkt Betroffene, sondern auch deren Familien hart trifft, besonders dann, wenn es sich um Alleinerziehende handelt. Deshalb bildet die nachhaltige Verringerung der Arbeitslosigkeit auch einen Hebel zur Bek&auml;mpfung der Kinderarmut. Eine konsequentere Besch&auml;ftigungspolitik m&uuml;sste von einer Umverteilung der Arbeit durch &Uuml;berstundenabbau und einer Verk&uuml;rzung der Wochen- wie der Lebensarbeitszeit &uuml;ber staatliche Investitionsprogramme bis zu einem &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten Dienstleistungssektor alle M&ouml;glichkeiten f&uuml;r die Schaffung von mehr Stellen nutzen.<\/p><p>Da die Aush&ouml;hlung bzw. Erosion des &bdquo;Normalarbeitsverh&auml;ltnisses&ldquo; ma&szlig;geblich zur Verbreitung von (Kinder-)Armut beitr&auml;gt, ist die Bewahrung des Fl&auml;chentarifvertrages ein weiterer Baustein zu ihrer wirkungsvollen und nachhaltigen Bek&auml;mpfung. Hinzutreten sollten Mindestlohnregelungen, wie sie in einer Mehrzahl der EU-Staaten l&auml;ngst bestehen. Sinnvoll w&auml;re auch eine st&auml;rkere R&uuml;ckbindung der Arbeitszeitregelungen in Betrieben und Verwaltungen an die Lebensbed&uuml;rfnisse der Besch&auml;ftigten und ihrer Familien, was im Grunde eine Neujustierung des Normalarbeitsverh&auml;ltnisses bedeuten w&uuml;rde: Besch&auml;ftigte m&uuml;ssten zwischen Vollzeitarbeit, Teilzeitarbeit und Arbeitsunterbrechung ohne Einbu&szlig;en an sozialer Sicherheit und beruflichen Weiterbildungsm&ouml;glichkeiten wechseln k&ouml;nnen, Arbeitgeber auf die je nach der Lebenssituation wechselnden Interessen ihrer Besch&auml;ftigten R&uuml;cksicht nehmen.<\/p><p>Ein neues, flexibles und den ver&auml;nderten Bedingungen im Zeichen der Globalisierung gen&uuml;gendes Normalarbeitsverh&auml;ltnis muss genauso wie das althergebrachte gesellschaftlich eingebettet sein und sozial flankiert werden, wozu ein Ausbau der &ouml;ffentlichen Infrastruktur mit Ganztagsbetreuung f&uuml;r Kinder unter 3 Jahren und im Schulalter (Ganztagsschule) geh&ouml;rt. Kinder- l&auml;sst sich in der Regel auf Frauen- bzw. M&uuml;tterarmut zur&uuml;ckf&uuml;hren, sodass der Schl&uuml;ssel zu ihrer Verringerung in einer Erh&ouml;hung der weiblichen Erwerbsbeteiligung liegt, was eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie voraussetzt. Auf dem Weg dahin kann man zwei Strategien unterscheiden: Die simultane optiert f&uuml;r den Ausbau &ouml;ffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen, wohingegen die sukzessive ein &bdquo;Erziehungsgehalt&ldquo; favorisiert.<\/p><p>&bdquo;Umverteilung von oben nach unten!&ldquo;, nicht &bdquo;Umverteilung von den Kinderlosen zu den Eltern!&ldquo; m&uuml;sste die Devise einer gerecht(er)en Familienpolitik lauten. Daf&uuml;r bietet sich auf den ersten Blick eine massive Erh&ouml;hung des Kindergeldes an, wie sie etwa der Deutsche Kinderschutzbund verlangt. Das in der 14. Legislaturperiode des Bundestages (1998 bis 2002) drei Mal angehobene Kindergeld ist zwar die wichtigste Sozialleistung zur Bek&auml;mpfung der Armut von Familien. Es wird aber voll auf die Unterhaltszahlungen bzw. Unterhaltsersatzleistungen f&uuml;r Kinder angerechnet, was zur Folge hat, dass ausgerechnet jene Familien\/Haushalte nicht an Erh&ouml;hungen partizipieren w&uuml;rden, deren Einkommen am niedrigsten ist.<\/p><p>Ganztagsschulen, die Kindergarten-, Krippen- und Hortpl&auml;tze erg&auml;nzen sollten, h&auml;tten hingegen einen p&auml;dagogisch-sozialen Doppeleffekt: Einerseits w&uuml;rden von Armut betroffene oder bedrohte Kinder umfassender betreut und systematischer gef&ouml;rdert als bisher, andererseits k&ouml;nnten ihre M&uuml;tter leichter als sonst einer Vollzeitbesch&auml;ftigung nachgehen, was sie finanzielle Probleme besser meistern lie&szlig;e. Erg&auml;nzend dazu m&uuml;ssten (gr&ouml;&szlig;ere) Unternehmen f&uuml;r Alleinerziehende g&uuml;nstige Arbeitszeitmodelle und\/oder Betriebskinderg&auml;rten anbieten. Durch die Ganztags- als Regelschule lassen sich soziale Handikaps kompensieren, weil eine bessere Versorgung der Kinder mit Nahrung (bei gemeinsamen Mittagessen), eine gezielte Unterst&uuml;tzung vor allem leistungsschw&auml;cherer Sch&uuml;ler\/innen (nicht nur aus Migrantenfamilien) bei der Erledigung von Hausaufgaben und eine sinnvollere Gestaltung der Freizeit m&ouml;glich w&auml;ren.<\/p><p>Schulen m&uuml;ssen nicht nur l&auml;nger ge&ouml;ffnet sein, sondern sich auch in ihrer strukturellen Verfasstheit st&auml;rker f&uuml;r Kinder und Jugendliche &ouml;ffnen. Ohne die schon l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige Abschaffung der Drei- bzw. Viergliedrigkeit des deutschen (Sekundar-)Schulsystems bleibt die Ganztagsschule insofern St&uuml;ckwerk, als sich nichts an seiner von PISA einmal mehr offengelegten sozialen Selektivit&auml;t &auml;ndern w&uuml;rde. Bildungs-, besonders Schulpolitik, und (Sozial-)P&auml;dagogik sind gleicherma&szlig;en gefordert, f&uuml;r alle Menschen befriedigende Lebensverh&auml;ltnisse und ein H&ouml;chstma&szlig; an Chancengleichheit zwischen Kindern unterschiedlicher sozialer wie ethnischer Herkunft zu schaffen. Bildung ist keine politische Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut, kann aber gerade im viel beschworenen &bdquo;Zeitalter der Globalisierung&ldquo;, wo (Arbeits-)Produktivit&auml;t und eine hohe Qualifikation des &bdquo;Humankapitals&ldquo; als Standortfaktoren fungieren, zur Erh&ouml;hung der Lebenschancen von Kindern aus &bdquo;Problemfamilien&ldquo; beitragen, allerdings nur, wenn sie nicht den Marktgesetzen bzw. privaten Verwertungsinteressen unterworfen und f&uuml;r die kaufkr&auml;ftige Kundschaft reserviert wird.<\/p><p>Das deutsche System der sozialen Sicherung ist nicht nur erwerbsarbeits- und ehe-, sondern auch zu erwachsenenzentriert. Eine auf die Verringerung bzw. Vermeidung von Armut zielende Kinder- und Jugendpolitik darf nicht zulassen, dass die kommunalen Angebote f&uuml;r diese Altersgruppe aufgrund staatlicher Sparma&szlig;nahmen und leerer &ouml;ffentlicher Kassen weiter verringert werden. Bildungs-, Erziehungs- und Kultureinrichtungen sind f&uuml;r eine gedeihliche Entwicklung und freie Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit sozial benachteiligter Kinder unentbehrlich, weshalb sie nicht &ndash; dem neoliberalen Zeitgeist entsprechend &ndash; privatisiert, sondern weiterhin &ouml;ffentlich finanziert und noch ausgebaut werden sollten.<\/p><p>Politik f&uuml;r Kinder bzw. Jugendliche muss auch Politik von und mit Kindern bzw. Jugendlichen sein, wenn sie als gegenw&auml;rtig wohl am meisten von Armut und Unterversorgung betroffene Subjekte wirklich ernst genommen werden sollen. Kinder- und Jugendforen k&ouml;nnten dazu beitragen, dass die Betroffenen zumindest auf lokaler Ebene selbst mit &uuml;ber geeignete Ma&szlig;nahmen zur Verringerung wie zur Verhinderung von Armut entscheiden. Eine die &bdquo;vor Ort&ldquo; bestehenden Verh&auml;ltnisse ignorierende Armutsbek&auml;mpfung von oben m&uuml;sste in der kommunalen Sozialpolitik von St&auml;dten und Gemeinden durch eine Armutsbek&auml;mpfung von unten erg&auml;nzt bzw. ersetzt werden.<\/p><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><p>Butterwegge, Christoph\/Klundt, Michael\/Zeng, Matthias: Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland, Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2005<\/p><p>Butterwegge, Christoph: Krise und Zukunft des Sozialstaates, 1. und 2. Aufl. Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2005<\/p><p>Zur Person: Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, leitet die Abteilung f&uuml;r Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut Kinderschutzbund ist die Zahl armer Kinder seit 2004 um hundert Prozent gestiegen. Insgesamt 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre leben heute auf Sozialhilfeniveau. 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