{"id":166,"date":"2005-03-03T15:49:02","date_gmt":"2005-03-03T14:49:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=166"},"modified":"2016-03-18T11:41:47","modified_gmt":"2016-03-18T10:41:47","slug":"kohler-rat-zu-keynes-und-konjunkturprogrammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=166","title":{"rendered":"K\u00f6hler r\u00e4t zu Keynes und Konjunkturprogrammen"},"content":{"rendered":"<p>Von Kai van de Loo.<br>\n<!--more--><br>\nIn Zeiten ungebrochen hoher Arbeitslosigkeit erscheint guter &ouml;konomischer Rat teuer. W&auml;hrend Regierung und Opposition vor allem dar&uuml;ber streiten, ob der neue Arbeitslosenrekord nur statistischen Effekten geschuldet ist, ob bei den eingeleiteten &bdquo;Reformen&ldquo; handwerkliche Fehler gemacht wurden oder noch mehr Zeit n&ouml;tig ist und ob nicht noch konsequentere angebotspolitische Reformma&szlig;nahmen angebracht w&auml;ren, stellt sich dem kritischen Beobachter und Zeitgenossen mehr denn je die Frage: Braucht die deutsche Politik nicht eine andere, weniger einseitige &ouml;konomische Beratung? <\/p><p>Geeignete Berater gab und gibt es hierzulande. Einer hei&szlig;t z.B. K&ouml;hler, ein Mann von gro&szlig;em &ouml;konomischen Sachverstand, ausgewogener Betrachtungsweise und langj&auml;hriger Erfahrung in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten. Nein, nicht Horst K&ouml;hler ist gemeint, unser vom IWF reimportierter Ex-Staatssekret&auml;r und amtierender Bundespr&auml;sident, sondern Claus K&ouml;hler, emeritierter Volkswirtschaftsprofessor, ehemaliges Mitglied des Sachverst&auml;ndigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftwirtschaftlichen Entwicklung und des Direktoriums der Deutschen Bundesbank. <\/p><p>Weil ihm die deutsche Wirtschaftspolitik der letzten Jahre wohl ziemlich desorientiert vorkam, hat Prof. K&ouml;hler selber &bdquo;Orientierungshilfen&ldquo; f&uuml;r das wirtschafts-, finanz- und geldpolitische Handeln in den modernen Zeiten der Globalisierung formuliert. Weitgehend unbemerkt von der &Ouml;ffentlichkeit und bisher ohne gro&szlig;e Resonanz erschien im letzten Jahr sein neues Buch, das den Titel tr&auml;gt &bdquo;Orientierungshilfen f&uuml;r die Wirtschaftspolitik&ldquo; (Duncker &amp; Humblot-Verlag, Berlin 2004, 135 S.). Darin gibt er als &Ouml;konom n&uuml;chterne Ratschl&auml;ge, wie die Ziele Wachstum und Besch&auml;ftigung, Preisniveau- und Wechselkursstabilit&auml;t besser erreicht werden k&ouml;nnen als bisher. Adressat des Buches ist wohl vor allem die politische Klasse. Sie wird mit vielen Zitaten an ihre eigenen Aussagen und Zielsetzungen sowie die ma&szlig;geblichen Normen erinnert. Leider ist das Buch nicht immer ganz allgemeinverst&auml;ndlich. Neben reichlich Fachjargon und Zahlen werden wesentliche Zusammenh&auml;nge stets mit einem Schuss Mathematik erl&auml;utert. Denn auf saubere Analysen und messbare Quantit&auml;ten kommt es Prof. K&ouml;hler sehr an, nicht auf Spr&uuml;che und Behauptungen. Weil ein hoher Besch&auml;ftigungsstand bzw. die Verminderung der Arbeitslosigkeit ist f&uuml;r ihn ein wirtschaftspolitisches Ziel nicht nur von gro&szlig;er, sondern gesellschaftlich von &bdquo;existenzieller Bedeutung&ldquo; ist, sollte man Besch&auml;ftigungsziele quantifizieren und Erfolge nachweisbar berechnen k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Angemessenes Wirtschaftswachstum unabdingbar <\/strong><\/p><p>Arbeitslosigkeit kann aus volkswirtschaftlicher Sicht zwar verschiedene Ursachen haben. Aber die makro&ouml;konomische Bedingung, sie zu verringern, ist stets ein angemessenes Wirtschaftswachstum oder umgekehrt: Wachstum ist erst dann &bdquo;angemessen&ldquo;, so definiert es Prof. K&ouml;hler, wenn es, ohne die Inflation anzuheizen, die Besch&auml;ftigungssituation verbessert oder &ndash; bei Vollbesch&auml;ftigung &ndash; stabilisiert. Und Prof. K&ouml;hler rechnet vor: Besteht Arbeitslosigkeit, muss f&uuml;r ein angemessenes, also besch&auml;ftigungswirksames Wachstum die Zuwachsrate des realen BIP (Bruttoinlandsprodukt), oder anders gesagt: die inflationsbereinigte Gesamtnachfrage nach G&uuml;tern und Diensten, gr&ouml;&szlig;er sein als die Wachstumsrate des Produktionspotenzials, d.h. die maximale gesamtwirtschaftliche Leistung bei gegebener Besch&auml;ftigung und Arbeitsproduktivit&auml;t. Nur dann werden die Kapazit&auml;ten so ausgelastet und Erweiterungsinvestitionen vorgenommen, dass auch zus&auml;tzliche Arbeitskr&auml;fte nachgefragt werden und die Arbeitslosigkeit sinkt. In der Kurzform hei&szlig;t das nichst anders, als dass die volkswirtschaftliche Nachfrage (wieder) schneller wachsen muss als das volkswirtschaftliche Angebot. Das bedeutet nicht, dass es auf die Angebotsseite und deren internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit nicht ank&auml;me. Doch mehr Besch&auml;ftigung setzt zugleich immer eine entsprechend starke Nachfragebelebung voraus. <\/p><p>Alle Diskussionen, ob sich die Wirtschaft noch in einer Rezession oder schon in einem Aufschwung befindet oder dass es , seien &bdquo;im Hinblick auf das Besch&auml;ftigungsproblem irrelevant. Relevant ist allein, ob das Wirtschaftswachstum angemessen ist oder nicht.&ldquo; Und &bdquo;angemessen&ldquo; hei&szlig;t aus heutiger Sicht deutlich h&ouml;her als heute mit unter 2% oder weniger. Beispielsweise brauchen wir bei einer jahresdurchschnittlichen realen Wachstumsrate des Produktionspozentials von 1,5% (wie in den Jahren 1998-2002) und einer Inflationsrate von z.B. 2% mindestens 3,5% nominales BIP-Wachstum, um die Arbeitslosigkeit zu senken. Mit weniger Wachstum gelangt man nur zu noch mehr Arbeitslosigkeit. Und mehr Arbeit setzt mehr Wachstum und dieses wiederum mehr Nachfrage voraus. <\/p><p>F&uuml;r Prof. K&ouml;hler ist es absolut unverst&auml;ndlich, dass es in Deutschland zwar viel &uuml;ber strukturelle Ursachen der Wachstumsschw&auml;che geredet wird und sog. Strukturreformen in den Vordergrund gestellt werden, es aber &uuml;berhaupt keine quantitativen Zielvorgaben f&uuml;r das Wachstum gibt und nicht dargestellt wird, welche quantitativen Wirkungen die ergriffenen oder zur Debatte gestellten &bdquo;Struktur&ldquo;-Ma&szlig;nahmen auf die Besch&auml;ftigung haben. Da es aber kein angemessenes Wachstumsziel, geschweige denn eine dazu passende Strategie gebe, sei es zu vielen &bdquo;unsozialen Ma&szlig;nahmen&ldquo; gekommen, deren H&auml;rte nutzlos war. <\/p><p>Bis hierhin k&ouml;nnten ihm vermutlich auch manche Konservative noch folgen. In Vielem scheint Prof. K&ouml;hler selbst auch eigentlich eher konservativ zu sein, durchaus kein Linker. So ist f&uuml;r ihn als Geldexperten und ehemaligen Bundesbanker neben der Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit die Inflationsvermeidung ebenfalls ein zentrales wirtschaftspolitisches Ziel, das niemals aus dem Auge verloren werden darf; seine neuen Kollegen von der Europ&auml;ischen Zentralbank nimmt er gegen Kritik an ihrer Zinspolitik sogar in Schutz und verteidigt ihre Unabh&auml;ngigkeit (auch wenn er sich mehr Abstimmung mit der Finanzpolitik w&uuml;nscht). Er zeigt sich z.B. auch bedingt offen gegen&uuml;ber einem gr&ouml;&szlig;eren Ma&szlig; privater Altersvorsorge und fordert ein hartes Vorgehen gegen den Missbrauch von Sozialleistungen. &Uuml;berdies pl&auml;diert er f&uuml;r die st&auml;rkere F&ouml;rderung und Nutzung von Hochtechnologien, zu denen er auch die Kerntechnik oder die Gentechnik z&auml;hlt, um bei uns ein Gegengewicht zum weiteren &bdquo;Offshoring&ldquo; von Arbeitspl&auml;tzen und Wertsch&ouml;pfung in Billiglohnl&auml;nder zu schaffen. Alles heute keine Punkte einer linken und schon gar nicht einer gr&uuml;nen Agenda.Aber in anderen Punkten wirkt er in Deutschland heute fast revolution&auml;r: Er r&auml;t zur R&uuml;ckbesinnung auf die Erkenntnisse der Keynes-Schule und zu Konjunkturprogrammen. <\/p><p><strong>Weniger Klassik und mehr Keynes: Notwendigkeit der aktiven Finanzpolitik <\/strong><\/p><p>Die (neo-)klassische Theorie werde heute &bdquo;&uuml;berbetont&ldquo;, stellt Prof. K&ouml;hler lakonisch fest. Die Wirtschaftspolitik m&uuml;sse sich des gesamten Wissens &uuml;ber &ouml;konomische Zusammenh&auml;nge bedienen, von der Klassik bis zu Keynes. Nicht Ideologie, sondern die jeweilige Situation entscheide, auf welche Theorie das Schwergewicht gelegt werden muss. Je nach Situation k&ouml;nnen auch staatliche Konjunkturprogramme berechtigt sein. Wer sein Bem&uuml;hen allein auf eine Theorie st&uuml;tzt, sei schlecht beraten. So d&uuml;rfe der Arbeitsmarkt nicht allein der Nachfragemacht der Arbeitgeber und schon gar nicht der freien Lohnkurrenz mit Entwicklungs- und Schwellenl&auml;ndern ausgesetzt werden. Mit freier Lohnbildung sei der Trend zu steigender Arbeitslosigkeit heute nicht zu brechen. Wer am Arbeitsmarkt die Beseitigung tariflicher Schutzrechte zugunsten von Marktl&ouml;sungen fordere, verlange, der Markt solle l&ouml;sen, was er schon seit Jahrzehnten nicht zu l&ouml;sen imstande ist. Durch die einseitige Ausrichtung auf die neo-klassischen Rezepte k&ouml;nnten sich die Regierung &uuml;berdies ihrer besch&auml;ftigungspolitischen Verantwortung entziehen. Genau das geschehe de facto gegenw&auml;rtig. <\/p><p>Prof. K&ouml;hler geht aber noch einen Schritt weiter: Wer wirtschaftspolitische Ziele verfolge, insbesondere die Arbeitslosigkeit bek&auml;mpfen und sich nicht mit ihr abfinden wolle, d&uuml;rfe zielgerichtete &ouml;ffentliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen und dessen Ausgaben- und Einnahmestr&ouml;me nicht verwerfen. Deshalb ist er als &Ouml;konom dezidiert f&uuml;r Konjunkturprogramme und f&uuml;r eine Haushaltskonsolidierung durch eine &bdquo;aktive Finanzpolitik&ldquo; anstatt durch einen Sparkurs &ndash; dass heute das Gegenteil praktiziert und propagiert wird, findet er &bdquo;unverantwortlich&ldquo;Zitat (S. 63):<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es ist schwer verst&auml;ndlich, ja erscheint unverantwortlich, wenn ein Staat angesichts verschlechternder wirtschaftlicher Lage Konjunkturprogramme ablehnt. Ein Haushalt, dessen &ouml;ffentliche Ausgaben gemessen am nominalen BIP ungef&auml;hr 50% und dessen Steuereinnahmen und Abgabeerl&ouml;se ann&auml;hernd 40% betragen, hat immer M&ouml;glichkeiten konjunkturgl&auml;ttend einzugreifen &hellip; Das Sparkonzept der Bundesregierung f&uuml;hrt dagegen zu h&ouml;herer Arbeitslosigkeit, ged&auml;mpfter Einkommensentwicklung und damit zu Steuerausf&auml;llen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p> (&Auml;hnlich kritisch &auml;u&szlig;ert er sich zu dem Vorschlag des bayerischen MP Stoiber, die Arbeitszeiten in Deutschland generell zu verl&auml;ngern: Konjunktur- und besch&auml;ftigungssch&auml;dlich und im internationalen Standortwettbewerb allenfalls von marginaler Bedeutung.) <\/p><p>Die Auffassung, Konjunkturprogramme und antizyklische Finanzpolitik w&uuml;rden nur ein &bdquo;Strohfeuer&ldquo; entz&uuml;nden und keine dauerhaften Arbeitspl&auml;tze schaffen, ist f&uuml;r K&ouml;hler &ouml;konomisch &ldquo;nicht haltbar&ldquo;. Dass das deutsche Stabilit&auml;ts- und Wachstumsgesetz mit seinem konjunkturpolitischen Instrumentarium heute bewusst nicht mehr angewendet wird, findet Prof. K&ouml;hler aus volkswirtschaftlicher Sicht mehr als erstaunlich und sei urs&auml;chlich f&uuml;r die Wachstumsschw&auml;che in Deutschland. Die Finanzpolitik habe die Verantwortung und auch die wesentliche Handhabe zur Wachstums- und Besch&auml;ftigungsbelebung. Lohn- und Geldpolitik k&ouml;nnen die Finanzpolitik dabei nur flankieren und haben im &Uuml;brigen f&uuml;r Preisniveaustabilit&auml;t zu sorgen. Statt auf weitere Strukturma&szlig;nahmen am Arbeitsmarkt, die die Konjunktur nur belasten, setzt Prof. K&ouml;hler auf Infrastrukturma&szlig;nahmen am G&uuml;termarkt i.w.S. (Bau, Verkehr, Bildung und Forschung etc.); er sieht in Anbetracht der absoluten und relativen Gr&ouml;&szlig;e der &ouml;ffentlichen Haushaltsvolumina auch bei manchen Inflexibilit&auml;ten praktisch immer ausreichend M&ouml;glichkeiten, wirtschaftspolitische Ziele anzusteuern und Besch&auml;ftigungsimpulse zu geben. Schon relativ geringf&uuml;gige Haushaltsvariationen einschl zus&auml;tzlicher staatlicher Kreditaufnahme k&ouml;nnten die gesamtwirtschaftliche Entwicklung sp&uuml;rbar beeinflussen, Staatsausgaben seien immer &ldquo;einflussreich&rdquo;. <\/p><p>Die Behauptung, es sei heute kein &ouml;ffentliches Geld mehr verf&uuml;gbar, um die Arbeitslosigkeit durch wachstumsf&ouml;rdernde Investitionen und Schaffung von Nachfrageimpulse zu bek&auml;mpfen, ist demnach substanzlos. Sie ist sogar haushalterisch kontraproduktiv, wie Prof. K&ouml;hler darlegt. Denn auch Haushaltskonsolidierung sei realistisch nur durch aktive Finanzpolitik, nicht durch blindes Sparen auch noch in der Rezession zu erreichen. Durch Konjunkturprogramme etwa mittels Vorziehen oder Ausweitung staatlicher Infrastrukturinvestitionen k&ouml;nnten Konjunkturschwankungen eingeebnet, Wachstum stimuliert und Besch&auml;ftigung z.T. direkt erh&ouml;ht werden. Dadurch stabilisiert sich dann mittel- bis l&auml;ngerfristig auch die Haushaltslage wieder:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Der Ablauf muss sein: Zus&auml;tzliche staatliche Ausgaben; sie bedeuten Auftr&auml;ge, Produktion, Investitionen und Einkommen in der privaten Wirtschaft. Zunehmende Einkommen f&uuml;hren zu zus&auml;tzlichen Steuereinnahmen, und zwar, wenn auch zeitverz&ouml;gert, wegen der Steuerprogression, &uuml;berproportional im Vergleich zu den &ouml;ffentlichen Ausgaben &hellip; Aktive Finanzpolitik ist damit ein Instrument, &ouml;ffentliche Haushalte zu konsolidieren.&rdquo; (S. 51)\n<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r Prof. K&ouml;hler ist diese Wirkungslogik theoretisch seit Keynes ausreichend fundiert und empirisch vielfach belegt. Der Vorwurf des keynesianischen Inflationismus ist f&uuml;r ihn lediglich ein pauschaler Diskriminierungsversuch der klassischen Lehre (dem sog. Neoliberalismus), die selber nichts anbieten k&ouml;nne, den steigenden Trend der Arbeitslosigkeit wirksam zu brechen, weil sie die Nachfrageseite ausblendet. <\/p><p><strong>Staatsverschuldung kann &ouml;konomisch sinnvoll sein <\/strong><\/p><p>Auch die Verweise auf die &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; und die Belastung der nachwachsenden Generationen als Argument gegen die f&uuml;r Konjunkturprogramme u.U. erforderliche zus&auml;tzliche Staatsverschuldung l&auml;sst er als &Ouml;konom nicht gelten. Ungerecht sei vielmehr die Belastung der aktiven und &auml;lteren Generation durch einen Sparkurs, der laufende Steuereinnahmen nur zum Schuldenabbau verwendet und k&uuml;nftige Generationen an der Finanzierung heute get&auml;tigter &ouml;ffentlicher Investitionen, von denen sie auch profitieren werden, nicht beteiligt. Zudem ist Schuldenabbau in rezessiven Phasen illusorisch und gef&auml;hrdet die f&uuml;r die R&uuml;ckkehr auf einen Wachstumspfad und f&uuml;r die &ouml;konomische Vorleistung der heutigen gegen&uuml;ber kommenden Generationen n&ouml;tigen &ouml;ffentlichen Investitionen. Da Entschuldung und Zinsersparnisse des Staates au&szlig;erdem im Kreislaufzusammenhang automatisch h&ouml;here Schulden f&uuml;r Unternehmen und geringere Ersparnisse bzw. Zinsverluste der privaten Haushalte bedeuten, werden auch die privaten Investitionen beeintr&auml;chtigt und somit Wachstum und Steueraufkommen zus&auml;tzlich beeintr&auml;chtigt. Im Saldo kann diese Rechnung nicht aufgehen. Die These, die Schulden von heute seien die Steuern von morgen, sei deshalb volkswirtschaftlich ohne wirkliche Aussagekraft. <\/p><p>Selbst unter rein betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten sei eine sofortige vollst&auml;ndige Finanzierung von Investitionen ohne Kreditaufnahme nicht sinnvoll (und in der freien Wirtschaft auch nicht &uuml;blich). Kaufm&auml;nnisch ausgerichtetes Schuldenmanagement w&auml;re es, die Laufzeit der Kredite der Lebensdauer der &ouml;ffentlichen Investitionen anzupassen. Dann k&ouml;nnte aus Abschreibungen der Investitionen entsprechend ihrer Lebensdauer zinssparend eine Teilr&uuml;ckzahlung der Kredite erfolgen. Verzicht auf neue Schulden als solcher ist dagegen kein &ouml;konomisch sinnvolles Ziel. <\/p><p>Genauso wenig h&auml;lt Prof. K&ouml;hler von einer Finanzpolitik, die ihre Kreditaufnahme nur nach den sog. automatischen Stabilisatoren ausrichtet. Danach d&uuml;rfen Haushaltsdefizite nur in dem Umfang hingenommen werden, wie im Fall einer Rezession daraus z.B. Mindereinahmen an Steuern und Mehrausgaben f&uuml;r Arbeitslosengeld resultierende. Dadurch wird ein Abschwung zwar nicht noch zus&auml;tzlich versch&auml;rft, aber auch kein neuer Wachstumsimpuls ausgel&ouml;st und der negative Trend nicht umgekehrt. Die Entwicklung der Haushalte in der EU 2001-2003 sei gen&uuml;gender Beleg daf&uuml;r. <\/p><p><strong>Europ&auml;ischer Stabilit&auml;tspakt dringend reformbed&uuml;rftig <\/strong><\/p><p>Schlie&szlig;lich h&auml;lt Prof. K&ouml;hler auch nichts davon, den Europ&auml;ischen Stabilit&auml;tspakt als Begr&uuml;ndung gegen staatliche Konjunkturprogramme ins Feld zu f&uuml;hren. Diesen Pakt erachtet er als h&ouml;chst problematisch und reformbed&uuml;rftig. K&ouml;hler ist zwar nicht generell gegen gewisse Haushaltsregeln innerhalb der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion, weil sie Koordinationsschwierigkeiten und eventuelle Konflikte zwischen den nationalen Finanzpolitiken und der einheitlicher Europ&auml;ischen Geldpolitik in der Eurozone zumindest eingrenzen k&ouml;nnen. <\/p><p>Doch die fixen quantitativen Referenzwerte des Stabilit&auml;tspaktes &ndash; Neuverschuldungsgrenze 3% und Schuldenstandsgrenze 60% des (nominalen) BIP &ndash; h&auml;tten &ldquo;keine stichhaltige theoretische Basis&rdquo;. Sie beschr&auml;nkten die Finanzpolitik gerade bei Wachstums- und Besch&auml;ftigungsdefiziten unangemessen und wirkten im Konjunkturverlauf prozyklisch statt antizyklisch. Au&szlig;erdem untergraben sie so selbst systematisch die Voraussetzungen, unter denen sie &uuml;berhaupt nur funktionieren k&ouml;nnen. V&ouml;llig &uuml;bersehen werde n&auml;mlich meist, dass beide Referenzwerte ja stets zusammen gelten sollen. Damit implizieren sie ein bestimmtes (Mindest-)Wirtschaftswachstum, das heute f&uuml;r viele Mitgliedstaaten realit&auml;tsfern ist. 3% Haushaltsdefizit ist bei Einhaltung einer Schuldenstandsquote von 60% nur mit einem nominalen BIP-Wachstum von (mindestens) 5% zu gew&auml;hrleisten. W&auml;chst das BIP weniger, erfordert die Einhaltung der Schuldenstandsgrenze eigentlich ein noch geringeres Haushaltsdefizit als 3%. Umgekehrt k&ouml;nnte die 3%-Defizitregel dann nur unter Inkaufnahme eines h&ouml;heren Schuldenstandes als 60% gewahrt werden. Der Pakt kann, wie Prof. K&ouml;hler mit einfacher Mathematik zeigt, prinzipiell nur funktionieren, wenn die Zuwachsrate des BIP dauerhaft gr&ouml;&szlig;er oder gleich dem Quotienten von Defizitquote und Schuldenstandquote ist und d.h. beid en vorgegebenen Refrenzwerten gr&ouml;&szlig;er oder gleich 5%. (Er sagt es zwar selber nicht explizit, doch es wird deutllich: Hier liegt ein Versto&szlig; gegen diverse Gebote des EG-Vertrags vor und es greift der alte Rechtsgrundsatz &ldquo;ultra posse nemo obligatur&rdquo; &ndash; niemand darf zu etwas verpflichtet werden, was er tats&auml;chlich gar nicht leisten kann.) <\/p><p>Klar macht Prof. K&ouml;hler zudem, dass der Stabilit&auml;tspakt auch im entgegengesetzten Fall nicht das zu leisten vermag, was er verspricht. Bei &uuml;berhitztem Wachstum mit inflatorischen Tendenzen k&ouml;nnen zwar die Haushaltsregeln relativ leicht eingehalten werden, doch er gibt gerade dann, wenn es wirklich erforderlich w&auml;re, keine Anreize durch eine restriktivere Haushaltspolitik den Inflationsgefahren vorzubeugen. Die Schlussfolgerung ist offensichtlich: Der Stabilit&auml;tspakt ist &ouml;konomisch schlicht fehlkonstruiert. <\/p><p>Wieviel &bdquo;Orientierungshilfe&ldquo; wird von der deutschen Wirtschaftspolitik noch ben&ouml;tigt?\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Kai van de Loo. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,141,208,30],"tags":[477,1151,325,454,510,402],"class_list":["post-166","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-rezensionen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-keynesianismus","tag-konjunkturpolitik","tag-staatsschulden","tag-stabilitaetspakt","tag-vollbeschaeftigung","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/166","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=166"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/166\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32253,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/166\/revisions\/32253"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=166"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=166"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=166"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}