{"id":16608,"date":"2013-03-21T13:47:19","date_gmt":"2013-03-21T12:47:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16608"},"modified":"2019-03-05T12:39:04","modified_gmt":"2019-03-05T11:39:04","slug":"lagerwahlkampf-keineswegs-wir-haben-ein-einparteiensystem-mit-vier-flugeln-meint-oskar-lafontaine-in-einer-lesenswerten-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16608","title":{"rendered":"Lagerwahlkampf? Keineswegs, wir haben ein Einparteiensystem mit vier Fl\u00fcgeln, meint Oskar Lafontaine in einer lesenswerten Analyse."},"content":{"rendered":"<p>Wenn Sie sich Klarheit &uuml;ber die Kom&ouml;die des kommenden Bundestagswahlkampf verschaffen und damit eine der gro&szlig;en Manipulationen durchschauen wollen, dann tun sie gut daran, einen Artikel von Oskar Lafontaine zu lesen, der heute in der &bdquo;jungen Welt&ldquo; erschienen ist. Ich jedenfalls habe trotz meiner sonstigen Skepsis noch einiges dazugelernt. Auch Journalistinnen und Journalisten ist die Lekt&uuml;re dieses Beitrags dringend zu empfehlen, wenn sie im Bundestagswahlkampf den Durchblick behalten wollen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Lagerwahlkampf<\/strong><\/p><p><strong>von Oskar Lafontaine<\/strong><\/p><p>In den kommenden Monaten wird in Deutschland eine Kom&ouml;die aufgef&uuml;hrt. Das St&uuml;ck hei&szlig;t Lagerwahlkampf. Die Hauptdarsteller sind Merkel und Steinbr&uuml;ck. In den Nebenrollen sehen wir Seehofer, Gabriel, R&ouml;sler, Trittin und das &uuml;brige F&uuml;hrungspersonal von CDU\/CSU, SPD, FDP und Gr&uuml;nen. F&uuml;r die Linke ist in dieser Revue eigentlich kein Auftritt vorgesehen. Mit Hilfe des Verfassungsschutzes, der Konzernmedien und der &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird alles versucht, die unbequeme Partei vom Laufsteg des Kapitalismus zu vertreiben. <\/p><p>Der scharfz&uuml;ngige US-Schriftsteller Gore Vidal hatte schon vor Jahren formuliert: &bdquo;Demokratie ist ganz offensichtlich ein Ort, wo unz&auml;hlige Wahlen abgehalten werden, zu immensen Kosten ohne Themen und mit austauschbaren Kandidaten.&ldquo; In den USA gab es f&uuml;r ihn nicht mehrere Parteien sondern ein &bdquo;Einparteiensystem mit zwei rechten Fl&uuml;geln&ldquo;, die f&uuml;r die Interessen der Gro&szlig;konzerne eintreten. In den Medien sah er Instrumente der Propaganda zur Konservierung der gesellschaftlichen Machtverh&auml;ltnisse.<\/p><p>Mag man die Meinung Gore Vidals noch als literarische &Uuml;bertreibung eines Schriftstellers abtun, so wird die &Uuml;bertragung seines Urteils &uuml;ber die US-Politik auf die bevorstehende Bundestagswahl durch Heribert Prantl in der S&uuml;ddeutschen Zeitung best&auml;tigt: &bdquo;Der Lagerwahlkampf ist ein Wahlkampf, den es eigentlich nicht mehr gibt&hellip;. Lagerwahlkampf ist ein ungutes Wort, auch wenn es von Heiner Gei&szlig;ler stammt&hellip; Was Gei&szlig;ler damals bezeichnen wollte, existierte in der Tat. Es gab kontr&auml;re Positionen in allen Grundfragen der Politik: Au&szlig;en-, Wirtschafts-, Energie- und Ausl&auml;nderpolitik&hellip; Die fundamentalen Unterschiede zwischen den Parteien (die Linke ausgenommen) sind verschwunden.&ldquo; <\/p><p>Zweifellos hat die Amerikanisierung der deutschen Politik dazu gef&uuml;hrt, dass wir heute, auch in Deutschland, ein Einparteiensystem mit vier Fl&uuml;geln haben, um in dem Bild Gore Vidals zu bleiben. Die Fl&uuml;gel nennen sich CDU\/CSU, SPD, FDP oder Gr&uuml;ne und treten mal mehr, mal weniger f&uuml;r die Interessen der Banken und Gro&szlig;konzerne ein, wie die die Steuerpolitik der letzten Jahre und die vielen Rettungsschirme beweisen. Sie bejahen ohne Einschr&auml;nkung eine Wirtschaftsordnung, in der die ungleiche Reichtums-, Verm&ouml;gens- und Machtverteilung dadurch zu Stande kommt, dass eine Minderheit die Mehrheit f&uuml;r sich arbeiten l&auml;sst und dieser Mehrheit den ihr in Form von L&ouml;hnen und Belegschaftsanteilen zustehenden vollen Ertrag ihrer Arbeit vorenth&auml;lt. Im Gegensatz zur bundesdeutschen Einheitspartei sagt die Linke: Eigentum sollte nur durch eigenes Tun, durch eigene Arbeit entstehen und nicht dadurch, dass man andere f&uuml;r sich arbeiten l&auml;sst. So lange sich gro&szlig;e Verm&ouml;gen und die daraus hervorgehende gesellschaftliche Machtstruktur dadurch bilden, dass die Minderheit die Arbeit der Mehrheit &bdquo;ausbeutet&ldquo;, so lange k&ouml;nnen sich logischerweise die Interessen der Mehrheit nicht durchsetzen. Mit anderen Worten: Eine Demokratie, das hei&szlig;t eine Gesellschaftsordnung, in der sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen, scheitert an den von der deutschen Einheitspartei zementierten Machtstrukturen. <\/p><p>So lange diese nicht angetastet werden, d&uuml;rfen Schauk&auml;mpfe ausgetragen und heftige Auseinandersetzungen auf Nebenkriegsschaupl&auml;tzen gef&uuml;hrt werden. Je weniger die grunds&auml;tzlichen politischen Standpunkte voneinander abweichen, um so lauter muss das Geschrei sein, um den Anschein eines Lagerwahlkampfes aufrecht zu erhalten. Dazu noch einmal Heribert Prantl: &bdquo;Wahrscheinlich gibt es, trotz des Boheis, der um die Rentenpolitik gemacht wird, nur tausend Leute in Deutschland, die hier die Differenzen zwischen Union und SPD buchstabieren k&ouml;nnen. Bei anderen Fragen ist es &auml;hnlich.&bdquo; Auch die FAZ spricht von einem &bdquo;unechten Lagerwahlkampf&ldquo;.<\/p><p>Man darf sich auch nicht blenden lassen durch die rot-gr&uuml;ne &bdquo;Plagiatsaffaire&ldquo;. Mit gro&szlig;em Flei&szlig; haben Sozialdemokraten und Gr&uuml;ne Politikvorschl&auml;ge der Linken abgeschrieben und abgewandelt, um die durch ihre Regierungspolitik verursachten gesellschaftlichen Verwerfungen &ndash; prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse, Niedrigl&ouml;hne, Altersarmut, Zerst&ouml;rung der sozialen Sicherungssysteme &ndash; vergessen zu machen. Das gilt ohne Anspruch auf Vollst&auml;ndigkeit f&uuml;r den Mindestlohn, die bescheidenen Rentenverbesserungsvorschl&auml;ge, die Erh&ouml;hung des Hartz IV-Satzes, die Praxisgeb&uuml;hr, die Studiengeb&uuml;hr, die Leiharbeit, die Werkvertr&auml;ge, den Spitzensteuersatz, die Verm&ouml;genssteuer, die Abgeltungssteuer, die Finanztransaktionssteuer, die Mietbegrenzung, die Energiepreisbegrenzung, die Deckelung der Dispozinsen, die Eurobonds, den Lizenzentzug f&uuml;r Banken die Steuerhinterziehung f&ouml;rdern, das Trennbanksystem, die Begrenzung der Managergeh&auml;lter, die Gl&auml;ubigerhaftung und den Schuldenschnitt, um nur einige Beispiele zu nennen. <\/p><p>Dieser Ideenklau kann nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass sich SPD und Gr&uuml;ne ebenso wie CDU\/CSU und FDP, wenn es darauf ankommt, als systemtreue Abteilungen der bundesdeutschen Einheitspartei erweisen. Die einheitliche Zustimmung zur Schuldenbremse im Grundgesetz, zum europ&auml;ischen Fiskalpakt und zu den verschiedenen Rettungsschirmen zeigt, dass sich das &bdquo;linke Lager&ldquo;, bestehend aus SPD und Gr&uuml;nen nicht von seiner Hartz IV und Agenda 2010 Politik gel&ouml;st hat. Der Fiskalpakt ist die Festschreibung dieser brutalen K&uuml;rzungspolitik f&uuml;r ganz Europa. SPD und Gr&uuml;ne haben nur deshalb die Chuzpe, sich Europaparteien zu nennen, weil sie das Europa des freien Marktes und der Konzerne als das Alleinm&ouml;gliche verinnerlicht haben. <\/p><p>Misst man die soziale Wirklichkeit an der erkl&auml;rten politischen Absicht, dann ist es kein zu hartes Urteil wenn man die beiden &bdquo;linken&ldquo; Protagonisten des bevorstehenden &bdquo;Lagerwahlkampfes&ldquo; als europ&auml;ische Blindg&auml;nger bezeichnet. Der Europ&auml;ische Rat beschloss im Dezember 2000 in Lissabon, unter Mitwirkung des rot-gr&uuml;nen Kanzlers Gerhard Schr&ouml;der, &bdquo;die europ&auml;ische Union zum wettbewerbsf&auml;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen &ndash; einen Wirtschaftsraum der f&auml;hig ist, ein dauerhaftes Wachstum mit mehr und besseren Arbeitspl&auml;tzen und einen gr&ouml;&szlig;eren sozialen Zusammenhalt zu erzielen.&ldquo; Das war die hehre Absicht. Und wie sieht die Wirklichkeit aus?<\/p><p>Wenn die jungen Europ&auml;er, die in zunehmendem Ma&szlig;e arbeitslos werden, das heute lesen, sind sie wohl berechtigt, an der Urteilsf&auml;higkeit dieser Staatenlenker zu zweifeln. Wann werden die Politiker der deutschen Einheitspartei begreifen, dass ein Wirtschaftssystem, das die Gewinn- und Verm&ouml;gensmaximierung der Minderheit zum Ziel hat, notwendigerweise Zust&auml;nde hervorbringt, wie wir sie jetzt in Europa beobachten k&ouml;nnen?<\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist es ein schlechter Witz, wenn CDU\/CSU, SPD, FDP und Gr&uuml;ne die soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt des &bdquo;Lagerwahlkampfes&ldquo; stellen wollen. <\/p><p>Logisch, weil systemimmanent, ist es ebenfalls, dass beide &bdquo;Lager&ldquo;  die Menschenrechtskriege zum wesentlichen Instrument ihrer Au&szlig;enpolitik erkoren haben. In unnachahmlicher Weise hat Prinz Harry die Quintessenz dieser neuen &Auml;ra der deutschen Au&szlig;enpolitik auf der ersten Seite der Bild Zeitung zusammengefasst: &bdquo;T&ouml;ten, um Leben zu retten, darum geht es&ldquo;. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist sicherlich, dass Politiker von SPD und Gr&uuml;nen Merkel und Westerwelle heftig kritisierten, weil die Bundesregierung beim Lybien Krieg nicht mitmachte.<\/p><p>Die Linke, und das wei&szlig; die gro&szlig;e Mehrheit ihrer Anh&auml;nger und Mitglieder, hat eine Existenzberechtigung nur dann und kann sich nur dann in Wahlk&auml;mpfen erfolgreich behaupten, wenn sie nicht zu einem weiteren Fl&uuml;gel der Einheitspartei wird. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist die Bef&uuml;rwortung einer Wirtschaftsordnung, in der jedem der volle Ertrag seiner Arbeit zukommt. Diese Wirtschaftsverfassung f&uuml;hrt zu demokratischen Belegschaftsunternehmen und nicht zu autorit&auml;ren Wirtschaftsstrukturen mit Leiharbeit, Werkvertr&auml;gen, Niedrigl&ouml;hnen und Minijobs. Sie f&uuml;hrt zu einer friedlichen Au&szlig;enpolitik, die sich Rohstoffe durch Handel und nicht durch Menschenrechtskriege sichert. <\/p><p>Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum SPD und Gr&uuml;ne seit Jahren das Angebot der Linken zur Zusammenarbeit schroff zur&uuml;ckweisen. Die Politiker der deutschen Einheitspartei wollen unter sich bleiben. Strukturreformen, die die st&auml;ndig zunehmende ungleiche Verteilung von Wohlstand und Lebenschancen in Deutschland ver&auml;ndern w&uuml;rden, lehnen sie ab. Die Wahlprogramme von SPD und Gr&uuml;nen, in denen Vorschl&auml;ge der Partei die Linke ganz oder in abgeschw&auml;chter Form &uuml;bernommen wurden, dienen nur der Verschleierung. Die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sollen nicht erkennen, dass hinter diesen Ank&uuml;ndigungen keine Realisierungsabsicht steht. Wie sagte doch der einstige Gro&szlig;meister sozialdemokratischer Wahlkampagnen Franz M&uuml;ntefering: Es ist unfair, die Parteien nach der Wahl an ihren Wahlversprechen zu messen.<\/p><p>Der herbei geredete Lagerwahlkampf ist eine Farce. Die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler werden ein d&eacute;j&agrave;-vu Erlebnis haben. Nach der Wahl wird es in Deutschland so sein wie vor der Wahl, gleich welche Politiker und Fraktionen der Einheitspartei die Bundesregierung bilden. Erstaunlicherweise geben Vertreter der deutschen Wirtschaft einer rot-gr&uuml;nen Bundesregierung klammheimlich den Vorzug. Der ehemalige BDI Chef Keitel sagte k&uuml;rzlich: &bdquo;Wenn ein Land wirtschaftspolitische Reformen machen muss, ist es besser, wenn die Regierung keine politische Farbe hat, die sie verd&auml;chtig macht, Unternehmen zu beg&uuml;nstigen.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Sie sich Klarheit &uuml;ber die Kom&ouml;die des kommenden Bundestagswahlkampf verschaffen und damit eine der gro&szlig;en Manipulationen durchschauen wollen, dann tun sie gut daran, einen Artikel von Oskar Lafontaine zu lesen, der heute in der &bdquo;jungen Welt&ldquo; erschienen ist. Ich jedenfalls habe trotz meiner sonstigen Skepsis noch einiges dazugelernt. 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