{"id":16631,"date":"2013-03-22T17:30:22","date_gmt":"2013-03-22T16:30:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16631"},"modified":"2015-07-22T10:21:14","modified_gmt":"2015-07-22T08:21:14","slug":"zypern-irrsinn-pur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16631","title":{"rendered":"Zypern \u2013 Irrsinn pur!"},"content":{"rendered":"<p>Ein alter chinesischer Fluch lautet: &bdquo;M&ouml;gest du in interessanten Zeiten leben&ldquo;. Europa durchl&auml;uft leider momentan eine sehr interessante Zeit und das kommende Wochenende d&uuml;rfte besonders interessant werden. Sollten Zypern und die &bdquo;Euroretter&ldquo; bis Montagmorgen nicht zu einer beidseitigen &Uuml;bereinkunft, wird die EZB &ndash; so die unverhohlene Drohung aus Frankfurt &ndash; die beiden gr&ouml;&szlig;ten zypriotischen Banken nicht mehr mit Liquidit&auml;t versorgen. Dann w&uuml;rden auf Zypern die Lichter ausgehen. Und genau danach sieht es momentan auch aus. Durch ihre vollkommen unverantwortlichen Entschl&uuml;sse vom letzten Wochenende haben die &bdquo;Euroretter&ldquo; eine Situation geschaffen, in der es nur Verlierer geben kann. Aber auch die zypriotische Regierung bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nGeht es nach den Euro-Finanzministern, der Eurogruppe, dem IWF und der EZB gibt es nur eine einzige M&ouml;glichkeit, den gordischen Knoten zu zerschlagen: Das zypriotische Parlament widerruft seine Ablehnung der am letzten Wochenende ausgehandelten Bankensonderabgabe und sorgt so daf&uuml;r, dass Zypern sich bereits in der n&auml;chsten Woche 5,8 Mrd. Euro in Cash an der &bdquo;Rettung&ldquo; des eigenen Bankensystems beteiligen kann. Diese Vorgabe, die von Wolfgang Sch&auml;uble stammt, ist im Laufe der Woche zur conditio sine qua non geworden. Und es ist unwahrscheinlich, dass die Troika von dieser Forderung abweicht. Denn dann w&uuml;rde sie in der Welt&ouml;ffentlichkeit wie ein begossener Pudel dastehen, der sich vom kleinen, renitenten Zypern hat auf der Nase herumtanzen lassen. Die Autorit&auml;t der &bdquo;Euroretter&ldquo; w&auml;re dann ein und f&uuml;r alle Male zerst&ouml;rt.<\/p><p><strong>Plan B &ndash; Zyperns nicht ernst zu nehmender Alibi-Plan<\/strong><\/p><p>Geht es hingegen nach den zypriotischen Politikern, d&uuml;rfte dem ESM-Kredit nichts mehr im Wege stehen. Zypern will n&auml;mlich einen &bdquo;Plan B&ldquo; verabschieden, der die geforderte Eigenbeteiligung von 5,8 Mrd. Euro auch ohne eine Bankensonderabgabe aufbringt. Doch wie soll das geschehen? Offenbar haben die Zyprioten mit der Idee gelieb&auml;ugelt, einen &bdquo;Solidarit&auml;tsfonds&ldquo; aufzulegen, der dem Staat die n&ouml;tigen Milliarden leiht. Finanzieren soll sich dieser Fonds &uuml;ber eine Anleihe. Es ist dabei nicht vollkommen ersichtlich, wer diese Anleihe kaufen soll. Immer wieder ist dabei die Rede von dem Verm&ouml;gen der zypriotischen Kirche, von einem Teil der Goldreserven der zypriotischen Zentralbank und von den heimischen Rentenkassen. Unklar ist jedoch, ob es hier um die Sicherheiten f&uuml;r die Anleihe geht, oder ob diese drei Quellen die Anleihe erwerben sollen. Sollte es sich um Sicherheiten handeln, m&uuml;ssten erst einmal K&auml;ufer f&uuml;r die Anleihe gefunden werden. Aber wer kommt da in Frage? Niemand, denn die einheimischen Banken haben ebenso wie ihre Kunden kein freies Geld. Und ob Ausl&auml;nder ein derart hoch spekulatives Papier zeichnen w&uuml;rden, darf doch sehr bezweifelt werden. <\/p><p>Auch als Finanziers scheiden die drei Quellen jedoch aus. Die Kirche hat ihr Verm&ouml;gen in Sachanlagen &ndash; v.a. Immobilien &ndash; angelegt und kann auf die Schnelle nicht genug Kapital fl&uuml;ssig machen, selbst wenn sie es h&auml;tte. Doch auch hier ist Zweifel angebracht. Der gr&ouml;&szlig;te Aktivposten in der Verm&ouml;gensbilanz der zypriotischen Kirche ist eine 29%-Beteiligung an der drittgr&ouml;&szlig;ten Bank der Landes, der <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hellenic_Bank\">&bdquo;Hellenic Bank&ldquo;<\/a>. Und diese Beteiligung d&uuml;rfte momentan so gut wie nichts wert sein. Eine Pl&uuml;nderung der Rentenkassen wird &ndash; zum Gl&uuml;ck &ndash; von der Troika nicht akzeptiert und ob die zypriotische Zentralbank &uuml;berhaupt ihre Goldreserven ver&auml;u&szlig;ern darf, die ja immerhin eine Sicherheit im Eurosystem sind, bei dem sie alleine &uuml;ber die Target-2-Mechanismen mit 8,9 Mrd. Euro verschuldet ist, darf doch sehr bezweifelt werden. Und selbst wenn, beim aktuellen Marktpreis w&auml;ren die gesamten Goldreserven nicht einmal 500 Mio. Euro wert &ndash; ein Tropfen auf dem hei&szlig;en Stein. Hinzu kommt, dass Zypern sich bei diesem &bdquo;Plan B&ldquo; wiederum neu verschulden m&uuml;sste. Und dies sollte durch die geplante Bankabgabe ja eben verhindert werden.<\/p><p>Wenn dies der &bdquo;Plan B&ldquo; ist und &bdquo;Plan A&ldquo; (die Sonderabgabe) weiterhin abgelehnt wird, werden in den beiden gr&ouml;&szlig;ten Banken des Landes am Montag die Lichter ausgehen. Einen solchen, mit hei&szlig;er Nadel zusammengestrickten, Plan kann die Troika gar nicht akzeptieren und nach j&uuml;ngsten <a href=\"http:\/\/www.ekathimerini.com\/4dcgi\/_w_articles_wsite1_1_22\/03\/2013_489334\">Pressemeldungen<\/a> wird sie das auch nicht. Was &uuml;berhaupt in die zypriotischen Politiker gefahren ist, mit den Rentenkassen die finanzielle Absicherung ihrer Bev&ouml;lkerung als Man&ouml;vrierma&szlig;e ins Spiel zu bringen, ist unverst&auml;ndlich. Gerade f&uuml;r die normalen Menschen w&auml;re ein Verlust der Rentenanspr&uuml;che wesentlich gef&auml;hrlicher als die anfangs diskutierte Sonderabgabe auf ihre Bankeinlagen. Man muss hier die Frage stellen, um was es der zypriotischen Politik eigentlich geht: Um die Bankkunden mit mehr als 100.000 Euro Einlagen oder um ihre Bev&ouml;lkerung? Momentan wirkt die Politik des Inselstaats jedenfalls so, als sei sie in Geiselhaft der Gro&szlig;anleger. Nicht nur die &bdquo;Euroretter&ldquo;, sondern auch die zypriotische Politik gibt in dieser Woche ein ganz erb&auml;rmliches Bild ab.<\/p><p><strong>Zwei Szenarien &ndash; Friss oder stirb!<\/strong><\/p><p>Nach momentaner Gemengelage bleiben zwei Alternativen &uuml;brig, wie die Sache weitergeht.<\/p><ol>\n<li>Zypern pokert hoch und verliert alles<\/li>\n<li>Zypern verabschiedet die Bankenabgabe doch<\/li>\n<\/ol><p>sp&auml;testens seit bekannt wurde, dass Russland Zypern nicht zur Seite steht, ohne zuvor die Entscheidung der Troika abzuwarten, war klar, dass der Finanzstandort Zypern nun der Vergangenheit angeh&ouml;rt. Es wird weder ein wei&szlig;er noch ein schwarzer Ritter am Horizont erscheinen, der die notwendigen 5,8 Mrd. Euro an die Republik Zypern &uuml;berweist. Sollte man in Nikosia planen, sein eigenes Blatt zu &uuml;berreizen, wird man am Montag mit einem heftigen Kater aufwachen und sich mit dem unkontrollierten Bankrott der beiden gr&ouml;&szlig;ten Banken des Landes (und durch die Querverbindungen wahrscheinlich sogar des gesamten Bankensystems) konfrontiert sehen. Dies wird bei der Troika offenbar einkalkuliert, die Folgen k&ouml;nnten indes verheerend sein.<\/p><p>Zu verhindern w&auml;re dies, wenn Zyperns Parlament bis zum Sonntag doch einer Bankenabgabe zustimmt. Da eine Beteiligung der Kleinsparer mittlerweile ja ausgeschlossen wird, m&uuml;ssten dann die Einlagen &uuml;ber 100.000 Euro mit 15,5% <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16567\">versteuert werden<\/a>. Das mag f&uuml;r einige Gro&szlig;anleger schmerzhaft sein. Aber was ist die Alternative? Gehen die Banken von heute auf morgen in den Konkurs, m&uuml;ssen sich die Gro&szlig;anleger mit Verlusten in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von 40% abfinden. Sollte die Troika nicht &ndash; entgegen ihrer eigenen Aussagen &ndash; von ihrem Kurs abweichen, w&uuml;rden die Gro&szlig;anleger mit einer Bankenabgabe immer noch besser dastehen, als mit Einlagen bei einer Bank, die abgewickelt werden muss.<\/p><p><strong>Warum &uuml;berhaupt die Banken retten?<\/strong><\/p><p>Es bleibt jedoch die Frage im Raum, warum Zypern &uuml;berhaupt 17 Mrd. Euro bekommen soll. Rund 11 Mrd. Euro davon sind einzig und allein f&uuml;r die Rekapitalisierung des &uuml;berdimensionierten und zutiefst maroden Bankensystems der Insel vorgesehen. Man will also Banken, die zusammen rund 500 Mio. Euro <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16567\">wert sind<\/a>, f&uuml;r das zweiundzwanzigfache ihres Wertes &bdquo;retten&ldquo;. Das ist Irrsinn pur! Sollte dieser Irrsinn Wirklichkeit werden, w&uuml;rde sich die Staatsschuldenquote Zyperns zudem mit einem Schlag von 90% auf 160% erh&ouml;hen &ndash; ein Wert, der in der absehbar kommenden Rezession viel zu hoch ist. Zypern will die Einleger seiner Banken retten und provoziert daf&uuml;r einen fast sicheren kommenden Staatsbankrott. Eigentlich m&uuml;sste die Troika die ESM-Kredite in dieser Form ablehnen. Will man sich auf dieses Abenteuer einlassen, m&uuml;sste nicht der Staat Zypern, sondern der ESM die Banken direkt rekapitalisieren. Da dies ein verlustversprechendes Unterfangen ist, hat der ESM jedoch kein Interesse daran. So viel zum Thema &bdquo;Rettungsschirm&ldquo; &ndash; man rettet die Banken und deren Einlagen, setzt daf&uuml;r aber die Zukunft eines ganzen Landes aufs Spiel.<\/p><p>Der Geist ist nun aus der Flasche. Durch die komplett destruktive &bdquo;Friss-oder-stirb-Strategie&ldquo; vom letzten Wochenende haben sich alle Beteiligten vollkommen unn&ouml;tig unter zeitlichen Druck gesetzt. Warum eigentlich? Man h&auml;tte die gro&szlig;en Banken des Landes auch kontrolliert abwickeln k&ouml;nnen, h&auml;tte man sich nicht unn&ouml;tig selbst limitiert. Doch das wollten weder die &bdquo;Euroretter&ldquo;, noch die zypriotische Regierung, die noch immer nicht wahrhaben will, dass der Finanzstandort Zypern bereits jetzt der Geschichte angeh&ouml;rt. Nun geht es vor allem um die Menschen und die Zukunft Zyperns. Und da kann einem nur angst und bange sein. Am einen Ende des Verhandlungstisches sitzt die Troika, der es um das Wohl der Finanzm&auml;rkte geht und am anderen Ende sitzt die zypriotische Regierung, der es um das Wohl der Gro&szlig;anleger geht. F&uuml;r das Volk bleibt da kein Platz.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/1287b7cddc5f4e79b758686c244c4a45\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein alter chinesischer Fluch lautet: &bdquo;M&ouml;gest du in interessanten Zeiten leben&ldquo;. Europa durchl&auml;uft leider momentan eine sehr interessante Zeit und das kommende Wochenende d&uuml;rfte besonders interessant werden. 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