{"id":1668,"date":"2006-09-05T12:28:42","date_gmt":"2006-09-05T10:28:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1668"},"modified":"2019-07-23T18:53:13","modified_gmt":"2019-07-23T16:53:13","slug":"hartz-iv-ist-das-existenzminimum-fur-arme-familien-zu-hoch-oder-wie-herr-jorges-vom-stern-der-raffinierten-verschworung-des-fursorgestaats-zugunsten-von-familien-auf-die-schliche-gekommen-is","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1668","title":{"rendered":"Hartz IV: Ist das Existenzminimum f\u00fcr arme Familien zu hoch? \u2013 oder: wie Herr J\u00f6rges vom Stern der raffinierten Verschw\u00f6rung des F\u00fcrsorgestaats zugunsten von Familien auf die Schliche gekommen ist."},"content":{"rendered":"<p>Sie erinnern sich sicher, im Mai 2006 hat Ulrich J&ouml;rges, der stellvertretende Chefredakteur des Stern, unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Der Kommunismus siegt&ldquo;, &bdquo;Arbeit wird verh&ouml;hnt, Nichtstun belohnt.&ldquo; eine Polemik gegen den Sozialstaat und gegen Hartz IV-Empf&auml;nger geschrieben, die Schlagzeilen und ihn zum Stammgast vieler Talk-Shows gemacht hat. Helga Spindler, Professorin f&uuml;r &ouml;ffentliches Recht, Sozial- und Arbeitsrecht an der Universit&auml;t Essen, ist den Fakten nachgegangen und sieht in der Argumentation von J&ouml;rges ein Beispiel daf&uuml;r, wie ein Teil der Gesellschaft Abschied vom Anspruch an Solidarit&auml;t im Staatswesen nimmt und es offenbar f&uuml;r schick h&auml;lt, die humanit&auml;ren und verfassungsgeschichtlichen Wurzeln zu kappen und dabei vermutlich noch nicht einmal ahnt, was das f&uuml;r Folgen haben wird. Helga Spindler hat den NachDenkSeiten diesen Beitrag zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Der Kommunismus siegt: Hartz IV ist das glatte Gegenteil dessen geworden, was es sein sollte: Ausbau statt Abbau des Sozialstaats. Arbeit wird verh&ouml;hnt. Nichtstun belohnt&ldquo; so beginnt der Kommentar von Hans Ulrich J&ouml;rges im Stern 22\/2006 S. 56.<\/strong><\/p><p>Von Helga Spindler<\/p><p>Aus: neue praxis, Zeitschrift f&uuml;r Sozialarbeit, Sozialp&auml;dagogik und Sozialpolitik, Verlag neue praxis, Lahnstein, 2006 Heft 3 S. 251 &ndash; 256<\/p><p><strong style=\"display:block; text-align: center\">I.<\/strong><\/p><p>Ulrich J&ouml;rges zentrales Argument: Statt Arbeitslose aller Art &bdquo;zu jeder Art von Besch&auml;ftigung zu pressen&ldquo;, &ldquo;Arbeit unter allen Umst&auml;nden zu erzwingen&ldquo;, w&uuml;rden wie in der Utopie des Kommunismus die Menschen dank Hartz IV durch Alimentierung ihrer Bed&uuml;rfnisse von Arbeit befreit. Mit dem Arbeitslosengeld und einem &bdquo;ausgewucherten System von Zusatzleistungen&ldquo; &bdquo;- von der Miete bis zum Kinderwagen&ldquo; kann es eine Familie mit zwei Kindern &bdquo;unter g&uuml;nstigsten Umst&auml;nden auf monatlich fast 2.000 Euro bringen, was einem Stundenlohn von gut 12 Euro brutto entspricht. Ohne Arbeit. Das ist deutlich mehr als ein Bauarbeiter in der Stunde verdient. Unter Schwei&szlig;.&ldquo; <\/p><p>Leider l&auml;sst er die von ihm angenommenen &bdquo;g&uuml;nstigsten Umst&auml;nde&ldquo; im Dunkeln, weswegen alle, die sich im System ein wenig auskennen und t&auml;glich mit Betroffenen zu tun haben, nur etwas verwirrt gegenhalten k&ouml;nnen, sie k&auml;men aber f&uuml;r eine 4 &ndash; k&ouml;pfige Durchschnittsfamilie nur h&ouml;chstens auf etwa 1.600 Euro und vor allem im Osten auf deutlich weniger. Er kann auch auf Nachfrage (etwa durch den taz &ndash; Autor Jens K&ouml;nig: Stimmungsmacher der Hartz Republik , 31.5.2006, S.5 ) seine Beispiele nicht konkret beschreiben.<br>\nVermutlich hat er oder einer seiner Berater sie mit einer Lupe am Ende einer nicht verstandenen Statistik entdeckt, die die Arbeitsagentur im Januar 2006 unter dem Titel: &bdquo;Geldleistungen an Bedarfsgemeinschaften&ldquo; ins Netz gestellt hat. Danach bestehen 5,3% von 2.777.322 Millionen ausgewerteten Haushalten aus Paaren mit 2 Kindern. Und bei 0,1 % (!) von diesen Haushalten sind laufende Nettozahlungen von 2.000 Euro und mehr ausgewiesen. Das entspricht etwa 147 Haushalten in Deutschland &ndash; wenn nicht in diesem Promillebereich noch aufgerundet wurde &ndash; ; bei weiteren 0,1 % sind zwischen 1.900 und 2.000 Euro ausgewiesen.<\/p><p>Aber der Hinweis dass die F&auml;lle im halben Promillebereich aller Haushalte liegen, w&uuml;rde Herrn J&ouml;rges nicht bes&auml;nftigen, sondern das w&auml;re ihm, jedenfalls wenn er brutto von netto unterscheiden k&ouml;nnte, auch noch zu viel.<\/p><p>Um diese Angabe einordnen zu k&ouml;nnen, bleibe ich zun&auml;chst bei der besagten Statistik. Ein Vergleich mit einer weiteren Datenreihe ergibt, dass bei einer dreifachen Anzahl dieser Haushaltstypen 1.000 Euro und mehr Warmmiete ausgewiesen werden, was die Praktiker wieder stutzen l&auml;sst, weil in vielen Regionen 4- Personen Haushalte schon bei der H&auml;lfte dieser Miete zur Kostensenkung oder zum Umzug aufgefordert werden. Keiner erkl&auml;rt, wie diese weit &uuml;berdurchschnittlichen Mietzahlungen zustande kommen, ob sie nicht schon l&auml;ngst gesenkt wurden oder ob es sich hier um Belegwohnungen handelt, mit denen manche Kommunen lokale Vermieter &uuml;ppig subventionieren, oder ob zu hohe, sozusagen virtuelle Kostenans&auml;tze f&uuml;r st&auml;dtische Notunterk&uuml;nfte eingeflossen sind oder ob im Erhebungsmonat zuf&auml;llig eine Nebenkostennachzahlung abgerechnet wurde. Es ist noch nicht einmal auszuschlie&szlig;en, dass Eingabe- oder Rechenfehler in diese Statistik eingeflossen sind. <\/p><p>Eine Erkl&auml;rung f&uuml;r den hohen Betrag gibt es demnach schon, aber es geht Herrn J&ouml;rges offenbar auch nicht um &uuml;berh&ouml;hte Mieten, sondern um mehr, n&auml;mlich um das Prinzip eines bedarfsorientierten F&uuml;rsorgesystems und um dieses Prinzip deutlich zu machen mache ich mich auf Spurensuche in den einen oder anderen weiteren Haushalt , der keine eindeutig &uuml;berh&ouml;hte Miete zahlt, und trotzdem mit guten Gr&uuml;nden 2.000 Euro erh&auml;lt. Ich will ihn kurz beschreiben: <\/p><p>Meine Familie hat zwei Kinder &uuml;ber 14 Jahre und bezieht deshalb zusammen 1.174 Euro Regelleistung. Sie zahlt in einem Ort mit hohem Mietniveau 600 Euro Warmmiete. Ich stelle mir vor, dass die Mutter noch einmal schwanger ist ( vielleicht einer der &bdquo;g&uuml;nstigen Umst&auml;nde&ldquo; von Herrn J&ouml;rges), und wegen dieser Mehraufwendungen 53 Euro Mehrbedarf bekommt und dass die Familie gerade erst vom Arbeitslosengeld I ins Arbeitslosengeld II gekommen ist und in diesem ersten Jahr noch 180 Euro befristeten Zuschlag erh&auml;lt ( Dazu muss ich allerdings voraussetzen , dass etwa der Vater einer der wenigen war, der im letzten Jahr noch knapp 2.100 Euro Arbeitslosengeld I bezogen hat, was voraussetzt, dass er im vorletzten Jahr noch Lohn in H&ouml;he von ca.3.200 netto\/ 5.150 brutto bezogen hat, wovon er reichlich Beitr&auml;ge und Steuern f&uuml;r damalige Arbeitslose zur Verf&uuml;gung gestellt hat und das m&ouml;glicherweise &uuml;ber viele Jahre hinweg&hellip;.)<br>\nMacht in diesem Fall in der Summe eine Geldleistung von 2007 Euro. <\/p><p>Es ist anzunehmen, dass es solche oder &auml;hnliche Konstellationen zeitweise bei einigen weiteren der maximal 147 Familien gibt, je nachdem, wie sich bei Ihnen die befristetet und einzelfallbezogen wirkenden Bedarfskomponenten darstellen und ich halte das &ndash;im Gegensatz zur dauerhaften &Uuml;bernahme von weit &uuml;berdurchschnittlichen Mieten &ndash; f&uuml;r angemessen und vertretbar.<\/p><p>Wenn ich ein Jahr weiter denke, reduzieren sich die 180 Euro Zuschlag auf 90 Euro. Vielleicht hat die Mutter ja auch den &bdquo;Stern&ldquo; gelesen und vor Schreck &uuml;ber ihre &bdquo;Verh&ouml;hnung der Arbeit&ldquo; ihr Kind noch schnell abgetrieben, dann sind das noch 53 Euro weniger. Oder sie hat das Kind bekommen, dann bekommt das Kind &ndash; oh Graus &ndash; weitere 207 Euro Sozialgeld, das macht f&uuml;r die dann 5 -k&ouml;pfige Familie 2.071 Euro plus einer &bdquo;wuchernden&ldquo; Babyerstausstattung, die mehr umfasst als nur einen Kinderwagen. Auch solche Haushalte mit 3 Kindern werden im Promillebereich ( ca. 170 Haushalte in Deutschland ) ausgewiesen. <\/p><p>Vergleichen wir die Situation aber mit der Situation Ende 2004, dann h&auml;tte diese Familie als eine von ganz wenigen noch eine h&ouml;here Zahlung aus Arbeitslosenhilfe plus Kinder- und Wohngeld bekommen. Aber das wollte man ja unbedingt abschaffen. <\/p><p>Doch, was Herr J&ouml;rges offenbar nicht wei&szlig;, auch ihr Sozialhilfesatz w&auml;re unter gleichen Bedingungen &auml;hnlich hoch gewesen: Der Vergleich ist da etwa schwieriger, die beiden Kinder h&auml;tten jeweils einen 10 % h&ouml;heren Regelsatz gehabt, die in der Sozialhilfe viel &bdquo;wuchernderen&ldquo; einmaligen Beihilfen w&auml;ren durchschnittlich etwas h&ouml;her gewesen, kurz sie h&auml;tten auch ca. 1900.- Euro Sozialhilfeanspruch gehabt, einen Anspruch, den sie ohne den befristeten Zuschlag f&uuml;r ehemalige Besserverdiener heute im Arbeitslosengeld II &uuml;berhaupt nicht mehr erreichen k&ouml;nnen. Das bedeutet aber, die Lage ist nicht erst seit Hartz IV so &bdquo;komfortabel&ldquo; wie Herr J&ouml;rges meint- sie ist auch schon vorher &uuml;ber 40 Jahre in der Bundesrepublik mindestens genauso &bdquo;komfortabel&ldquo; gewesen. Genau genommen seit Inkrafttreten des Bundessozialhilfegesetzes ( BSHG ) 1962 unter einer christdemokratischen Regierung. Seitdem hatten solche Familien einen Anspruch auf bedarfsdeckende Existenzsicherung, um ihnen ein menschenw&uuml;rdiges Leben zu erm&ouml;glichen. Das war Ziel in &sect; 1 BSHG. Es gab nur lange Zeit nicht so viele Arme und Arbeitslose, die darauf zur&uuml;ckgreifen mussten, u.a. weil es die Arbeitslosenhilfe gab.<\/p><p>Und die Politik hat das auch ausdr&uuml;cklich gest&uuml;tzt. Denn Ziel dieses Gesetzes sollte sein, endg&uuml;ltig die letzten Reste der Diskriminierung der F&uuml;rsorgeempf&auml;nger zu beseitigen und das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes zu verwirklichen, forderte etwa zu Beginn dieses Gesetzes ein anderer Gerhard Schr&ouml;der ( damals ein Minister von der CDU ). &bdquo;Sozialhilfe- Ihr gutes Recht&ldquo; war in der Folge der Titel der zentralen Aufkl&auml;rungsbrosch&uuml;re des zust&auml;ndigen Ministeriums. Im Vorwort darin schrieb z.B. Anke Fuchs ( SPD) 1982: &bdquo;Sozialhilfe hat nichts mit der fr&uuml;heren F&uuml;rsorge zu tun. Sie ist eine moderne Sozialleistung, wie das Kindergeld, das Wohngeld und die Ausbildungsf&ouml;rderung. Sicher freuen wir uns &uuml;ber jede Mark, die in den &ouml;ffentlichen Kassen bleibt. Hier aber geht es um wichtigeres, n&auml;mlich darum, dass Menschen in Not geholfen wird. Auch darum haben wir diese Brosch&uuml;re gemacht und darum bitte ich alle Leser, diese Informationen weiterzugeben an Menschen, die Hilfe brauchen&ldquo;. <\/p><p>Herr J&ouml;rges entdeckt auch noch weitere &bdquo;komfortable&ldquo; Feinheiten: mit dem beschlossenen Elterngeld, das eigentlich nur Lohnersatz sein solle, komme bei den Hartz- Empf&auml;ngern &ndash; damit auch bei meiner Familie im Folgejahr &ndash; mit monatlich 300 Euro ein Jahr lang &bdquo;noch was drauf&ldquo;. Stimmt! Aber 300 Euro Erziehungsgeld kamen auch schon seit 1985 &ndash; ebenfalls unter einer christdemokratischen Regierung &ndash; noch auf die Sozialhilfe &bdquo;drauf&ldquo; und das nicht nur ein Jahr, sondern zwei Jahre lang, in manchen Bundesl&auml;ndern wie etwa Baden W&uuml;rttemberg sogar drei Jahre lang. Kommunismus de luxe ! <\/p><p>Wenn diese bedarfsdeckenden ( heute eher nur noch bedarfsorientierten ) Sozialleistungen schon Kommunismus sein sollen, dann ist unserem Verfassungsschutz eine &uuml;ber 40- j&auml;hrige partei&uuml;bergreifende kommunistische Verschw&ouml;rung entgangen und man m&uuml;sste Herrn J&ouml;rges dringend einen Berufswechsel etwa in die Bundesanwaltschaft empfehlen.<\/p><p><strong style=\"display:block; text-align: center\">II.<\/strong><\/p><p>Aber Spa&szlig; beiseite: F&uuml;rsorgesysteme funktionieren anders als L&ouml;hne. So gerne ich Mindestl&ouml;hne fordern w&uuml;rde, mit denen man zwei, drei oder mehr Kinder ern&auml;hren kann: es hat nicht jeder in jeder Lebensphase eine solche Familie und deshalb w&auml;re die Forderung &uuml;berzogen. Ein F&uuml;rsorgesystem wie die Sozialhilfe oder heute das Arbeitslosengeld II ist aber zielgenau f&uuml;r diejenigen da, die nicht genug Einkommen und Verm&ouml;gen und trotzdem eine solche Familie haben, die man ja nicht je nach Einkommenslage flexibel entlassen kann. Und weil nun mal in diesen Familien jeder Mensch ein Mensch ist, drum braucht nicht nur jeder was zu essen (&bdquo;bitte sehr&hellip;&ldquo;(Brecht)), sondern auch Kleidung, Wohnung, Hausrat , Hygieneartikel. Die &bdquo;wuchernden&ldquo; Kosten f&uuml;r Energie, Kommunikation, den &ouml;ffentlich Nahverkehr m&uuml;ssen bezahlt sein und sogar ( anders als fr&uuml;her in der Sozialhilfe ) ein immer &bdquo;wuchernderer&ldquo; Anteil der Gesundheitskosten. Das alles flie&szlig;t in die Ermittlung eines Mindestbedarfs ein &ndash; der, wenn er seri&ouml;s die Lebenshaltungskosten ber&uuml;cksichtigen w&uuml;rde, sogar etwas h&ouml;her sein m&uuml;sste. Der DPVW schl&auml;gt als Eckregelsatz gegenw&auml;rtig mit guten Gr&uuml;nden 415.- Euro vor und bei den Kindern eine Erh&ouml;hung, die die steigenden Kosten der Bildung etwas auffangen kann, weil etwa pfiffige Landesregierungen wie die abgew&auml;hlte rot &ndash;gr&uuml;ne NRW- Regierung rechtzeitig zu Hartz VI die ehemalige Lernmittelbefreiung f&uuml;r solche Kinder aufgehoben hat. Unbeeindruckt von solchen Erw&auml;gungen mokiert sich Herr J&ouml;rges im Gegenteil dar&uuml;ber, dass der Regelsatz von 345.- Euro als &bdquo;unantastbar&ldquo; gelte. Wie viel davon m&ouml;chte er denn antasten?? Ein F&uuml;rsorgesystem ist immer an Bed&uuml;rfnissen und konkreten Lebenshaltungskosten orientiert ( &bdquo;final&ldquo; ausgerichtet ) &ndash; das ist ein bisschen kommunistisch &ndash; , aber orientiert an Mindestbed&uuml;rfnissen verbunden mit hohen Selbsthilfeverpflichtungen, &ndash; das ist wieder mehr kapitalistisch, erg&auml;nzt um ein soziales Notnetz, weil der Kapitalismus aus eigener Kraft eine menschenw&uuml;rdige Lebensf&uuml;hrung f&uuml;r diese armen Familien nirgendwo auf der Welt gew&auml;hrleisten kann. Man ist ja schon froh, wenn Kinderarbeit nicht mehr vermarktet wird. <\/p><p>Weil sich diese Mindestbedarfe mit der Anzahl der Familienmitglieder addieren, k&ouml;nnen sie in bestimmten Konstellationen h&ouml;her sein als der Lohn, h&ouml;her auch als der leider sehr niedrige Mindestlohn eines Bauarbeiters ( , den viele Firmen auch gerne erh&ouml;hen w&uuml;rden, etwa wenn nicht der Dumpingwettbewerb, den &ouml;ffentliche Ausschreibungen hervorbringen, angemessene Lohniveaus geradezu zersetzen w&uuml;rde). Weil der Bauarbeiter oder der kleine Selbst&auml;ndige aber die gleichen Existenzbed&uuml;rfnisse hat wie andere, kann er, wenn er eine mehrk&ouml;pfige Familie hat, erg&auml;nzend zu seinem um einen sehr berechtigten Erwerbst&auml;tigenfreibetrag bereinigten Lohn, die gleiche F&uuml;rsorgeleistung beantragen wie alle anderen auch; seinen Mindestbedarf f&uuml;r die Dauer der Familienphase aufstocken.<\/p><p>Dieses an sich simple Gebot der Gerechtigkeit bringt das Fass f&uuml;r Herrn J&ouml;rges zum &Uuml;berlaufen (&bdquo;die wahre Honigroute zum Kommunismus&ldquo;) : Diese Niedrigeinkommensbezieher mit Familie mit bis zu 2.000 Euro brutto pro Monat d&uuml;rften sich nicht weiter durch F&uuml;rsorgeleistungen &bdquo;subventionieren lassen&ldquo;, d&uuml;rften ihr bescheidenes Einkommen nicht weiter auf -&bdquo;polstern&ldquo;. Paare mit Kindern geh&ouml;ren nach einer anderen Statistik tats&auml;chlich zu der Gruppe von Aufstockern, die die h&ouml;chsten anrechenbaren Erwerbseinkommen erzielen und trotzdem F&uuml;rsorgeleistungen ben&ouml;tigen, nicht weil sie zu faul sind, sondern weil gerade hier die niedrigen L&ouml;hne besonders fatal wirken. <\/p><p>Doch J&ouml;rges&acute; Fazit lautet: &bdquo;&hellip; eigentlich m&uuml;ssten die &bdquo;Aufstocker&ldquo; aus dem System gekippt werden.&ldquo;. Er befindet sich hier mit seiner Forderung in bester Gesellschaft. Auch die kommunalen Spitzenverb&auml;nde wollen diese Leute aus dem System kippen, weil sie nach einer raffinierten Verrechnungsformel bei Hartz IV ( &sect; 19 Satz 2 SGB II ) einen &uuml;berwiegenden Anteil dieser Aufstockerleistungen finanzieren m&uuml;ssen und die Vorst&auml;nde von AWO, DRK und Diakonie m&ouml;gen diese Familien aus anderen Gr&uuml;nden auch nicht gut leiden, z.B. weil man ihnen nun wirklich keine 1- Euro Jobs mehr andienen kann. Diese arbeitenden armen Familien passen auch nicht ins Klischee der verhaltensgest&ouml;rten Langzeitarbeitslosen, als die man die Hartz IV Bezieher gerne der &Ouml;ffentlichkeit vorf&uuml;hrt; sie eignen sich noch nicht einmal f&uuml;r schl&uuml;pfrige Berichte &uuml;ber ehe&auml;hnliche Partnerschaften, &bdquo;parasit&auml;re Zellteilungen&ldquo; und was es da sonst noch an Strategien f&uuml;r &Ouml;ffentlichkeitsarbeit gibt. <\/p><p>Nur: Wohin m&ouml;chten Herr J&ouml;rges und seine Gesellschafter diese Aufstockerfamilien denn kippen? Auf die Stra&szlig;e, ins Obdachlosenasyl oder m&ouml;chten sie gleich N&auml;gel mit K&ouml;pfen machen wie in der armutspolitischen Fr&uuml;hzeit: ein Heiratsverbot am besten noch erg&auml;nzt um ein Abtreibungsgebot f&uuml;r Menschen unterer Einkommensgruppen? Bei Paaren ohne Kinder gibt es kaum jemanden, der mehr als 1200 Euro Nettoleistungen bekommt, damit w&auml;re ihr Problem der Beibehaltung von Niedrigl&ouml;hnen ohne die Notwendigkeit erg&auml;nzender Sozialleistungen elegant gel&ouml;st.<\/p><p>An diesen denkbaren Alternativen wird eines deutlich: hinter der Argumentation mit der angeblich zu hohen Familienleistung des F&uuml;rsorgesystems liegt immer eine zutiefst familienfeindliche Grundhaltung, die sich bewusst bedeckt h&auml;lt, wie sie das Problem l&ouml;sen m&ouml;chte. <\/p><p>Wenn man die angedeuteten brutalen L&ouml;sungen nicht anstrebt und die Kinder auch nicht einfach verhungern sollen, muss man entweder die L&ouml;hne erh&ouml;hen, &ndash; und das &uuml;ber 12 Euro brutto hinaus. Das ist aber in einem Land, das sich noch nicht einmal zu moderaten 7,50 Euro Mindestlohn durchringen kann, schwierig. Oder man l&auml;sst beide Eltern Tag und Nacht schuften, nach dem Prinzip: je mehr Kinder und je niedriger der Lohn desto l&auml;nger; denn familienfreundliche Teilzeitarbeit aus den Hochglanzmodellprojekten f&uuml;r Mittelschichten ist bei diesen Verdiensten nicht drin. Das scheint gegenw&auml;rtig der Weg zu sein, den hochprivilegierte Doppelverdiener- PolitikerInnen ( auch partei&uuml;bergreifend ) den unteren Klassen nach angloamerikanischem Vorbild aufzwingen wollen.<br>\nOder man kann das Kindergeld bedarfsdeckend ausgestalten. Dann m&uuml;sste es aber auch etwa verdoppelt werden und m&uuml;sste wegen einer verfassungsrechtlichen Grund&uuml;berlegung allen Schichten der Bev&ouml;lkerung zugute kommen und wegen internationaler Verpflichtungen in viele L&auml;nder Europas und die T&uuml;rkei exportiert werden. Das w&auml;re richtig teuer und ganz wenig zielgenau.<br>\nOder man nimmt dieses verungl&uuml;ckte Verwaltungsmonstrum &bdquo;Kinderzuschlag&ldquo; (&sect; 6a BKGG), das ja irgendwie diese Funktion &uuml;bernehmen sollte. Das m&uuml;sste aber gro&szlig;z&uuml;gig pauschaliert werden: Einkommensgrenzen runter, Leistungen h&ouml;her und verstetigen. Auch das w&uuml;rde mehr kosten und der verwaltungstechnische Unsinn bliebe erhalten, wegen eines relativ geringen Betrages eine aufwendige Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung durch eine zweite Beh&ouml;rde durchf&uuml;hren zu lassen. (auch das ist unter der Regierung Kohl mit dem Kindergeldzuschlag schon einmal versucht und wieder verworfen worden)<\/p><p>Andere L&ouml;sungen gibt es nicht, die im Moment einfachste, gerechteste und dabei billigste L&ouml;sung ist, bei diesen Familien, von denen es ja noch nicht einmal viele gibt ( 5,3 % aller Bedarfsgemeinschaften s.o.), aufzustocken und ihnen mittelfristig zu besser bezahlter Arbeit zu verhelfen. <\/p><p>Weil Herrn J&ouml;rges aber bereits diese Kosten f&uuml;r Hartz IV zu hoch sind, kann ich nur schlie&szlig;en, dass er die brutaleren Alternativen anstrebt. Die Kostensteigerung f&uuml;r Hartz IV Leistungen &bdquo;&uuml;bersp&uuml;len&ldquo; seiner Meinung nach &bdquo;den Bundesetat wie eine Tsunami- Welle&ldquo;. Das w&auml;re rei&szlig;erisches Vokabular, selbst wenn es mit Fakten unterlegt w&auml;re( eine Tsunami ist f&uuml;r die Gesellschaft eine kaum beherrschbare, t&ouml;dliche Bedrohung). Die Behauptung, der explosionsartig steigenden Kosten ist aber schlicht falsch. Eine Zeitungsente, die seit dem Abgang von Minister Clement immer wieder mal auftaucht, widerlegt wird, abtaucht, wieder auftaucht, wieder widerlegt wird, zuletzt am 8. Mai 2006 in einer ausf&uuml;hrlichen Stellungnahme durch Staatsekret&auml;r Andres aus dem Bundesministerium selber. Aber weil Herrn J&ouml;rges das selbst als Berlinkorrespondent offenbar entgangen ist, kann er die nicht vorhandene Kosten-Tsunami mit dem ebenfalls nicht vorhandenen Komfort kommunistischer Endzeitl&ouml;sung f&uuml;r 4-k&ouml;pfige Familien mit leichter Hand verkn&uuml;pfen. <\/p><p><strong style=\"display:block; text-align: center\">III.<\/strong><\/p><p>Doch falsche Argumente und Bilder sind immer noch n&uuml;tzlich, wenn die Gesellschaft gespalten werden soll. Sie sind sogar ausgesprochen Talkshow-geeignet, weil jeder der sich ernsthaft mit der Sache befasst, erst einmal fassungslos vor solchen Behauptungen steht und nicht wei&szlig;, womit er beginnen soll. Die 39 Prozent der Deutschen, die nach einer weiteren seiner willk&uuml;rlich herausgegriffene Statistiken von Arbeitseinkommen leben, die m&ouml;chte er gerne gegen das F&uuml;rsorgesystem und insbesondere die Leistungen f&uuml;r Familien aufbringen. <\/p><p>Dieser R&uuml;ckgang von registrierter Besch&auml;ftigung gibt sicher Anlass zur Sorge, aber gerade keinen Anlass zur Abschaffung von F&uuml;rsorge. Er vergisst dabei, dass es vor 15 Jahren, als es die Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe noch gab, die im Verh&auml;ltnis h&ouml;her waren, als heute, auch nur 44 Prozent waren, weil vor allem in Westdeutschland eben traditionell eine eher niedrige Erwerbsquote herrschte, die man sich gerade wegen der hohen L&ouml;hne leisten konnte. Er vergisst, dass bei diesen arbeitenden Menschen, auch die Aufstocker erfasst sind, denen er gerade noch die erg&auml;nzenden Leistungen wegnehmen will. Und er vergisst Leute wie mich. Ich halte mich nicht f&uuml;r &bdquo;bl&ouml;d&ldquo; sondern bin froh, wenn meine Steuern und Geb&uuml;hren Leuten mit 2 oder 3 Kindern , denen es schlechter geht als mir, direkt zugute kommen und ich bef&uuml;rchte, dass das noch nicht einmal reicht, um denen eine echte Chance auf Bildung und Teilhabe zu geben. In Deutschland sind gegenw&auml;rtig schwierige Umwandlungsprozesse, auch individuelle Abstiegsprozesse zu bew&auml;ltigen. Aber das l&auml;sst sich nur zusammen mit den Arbeitslosen und den Niedrigverdienern, mit Arbeitnehmern und verantwortungsbewussten Unternehmern l&ouml;sen und nicht durch verbales Treten nach unten. <\/p><p>Was sich an dieser wie vieler anderer Stellungnahmen der letzten Zeit zeigt: die rot- gr&uuml;ne Koalition hat mit der Hartz- Gesetzgebung ein klein wenig Elemente aus den fr&uuml;heren Zeiten erhalten, wohl vornehmlich ohne zu wissen, was sie taten. Aber sie haben Schleusen ge&ouml;ffnet, in ihren eigenen K&ouml;pfen und den K&ouml;pfen vieler Meinungsmacher, denen ein Menschenleben &ndash; in diesem konkreten Fall zwei bis drei Kinderleben- immer weniger wert ist. Man konnte das schon bei dem bisher wenig beachteten Wegfall des Schutzes von unbeteiligten Familienmitgliedern (vormals &sect; 25 Abs.3 BSHG) vor den Auswirkungen von Sozialleistungsk&uuml;rzungen gegen&uuml;ber einem Mitglied erkennen. In Zukunft sollen sie alle mithungern. Und Ministerpr&auml;sident Koch ist auch das noch zu wenig. &bdquo;Derzeit nutzen Arbeitslose die Familie als Schutzschild gegen Leistungsk&uuml;rzungen&ldquo; bedauert er laut Spiegel, weil in der ersten K&uuml;rzungsphase die Restfamilie noch nicht richtig betroffen ist. Ja es stimmt, &bdquo;die D&auml;mme der Scham scheinen zu brechen&ldquo;, wie Herr J&ouml;rges richtig feststellt. Aber nicht wie er meint, bei den zahlreicher werdenden Armen, die ( wie fr&uuml;her auch in der Sozialhilfe ) Rundfunkgeb&uuml;hrenbefreiung beantragen, mit denen sie zum Unterhalt millionenschwerer Sport- und Medienidole beitragen sollen, sondern bei ihm und in seinen Kreisen. <\/p><p>Franz Walter spricht an anderer Stelle von der &bdquo;ziellosen Republik&ldquo;. Solche Meinungs&auml;u&szlig;erungen wie in diesem Fall im &bdquo;Stern&ldquo; sind so ein Beispiel daf&uuml;r, wie ein Teil der Gesellschaft mit dem Abschied vom Anspruch an Solidarit&auml;t im Staatswesen, es offenbar f&uuml;r schick h&auml;lt, die humanit&auml;ren und verfassungsgeschichtlichen Wurzeln zu kappen und vermutlich noch nicht einmal ahnt, was das f&uuml;r Folgen haben wird. Da wird mit Marx und Hartz, dem Schwei&szlig; der Arbeit und dem Komfort des Nichtstuns jongliert als sei Sozialpolitik eine Varieteeveranstaltung. <\/p><p>Und irgendwo hat Herr J&ouml;rges in seiner Orientierungslosigkeit dabei auch ein wenig Recht. Hartz IV entwickelt mit jeder neuen &bdquo;Optimierung&ldquo; ein St&uuml;ck mehr Gemeinsamkeiten mit der Menschenverachtung, nicht des utopischen, wohl aber des realen Kommunismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie erinnern sich sicher, im Mai 2006 hat Ulrich J&ouml;rges, der stellvertretende Chefredakteur des Stern, unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Der Kommunismus siegt&ldquo;, &bdquo;Arbeit wird verh&ouml;hnt, Nichtstun belohnt.&ldquo; eine Polemik gegen den Sozialstaat und gegen Hartz IV-Empf&auml;nger geschrieben, die Schlagzeilen und ihn zum Stammgast vieler Talk-Shows gemacht hat. Helga Spindler, Professorin f&uuml;r &ouml;ffentliches Recht, Sozial- und Arbeitsrecht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1668\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,123,132],"tags":[308,406,214,389],"class_list":["post-1668","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-existenzminimum","tag-joerges-hans-ulrich","tag-regelsatz","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1668","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1668"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1668\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53600,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1668\/revisions\/53600"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1668"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1668"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1668"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}