{"id":16690,"date":"2013-03-28T09:34:16","date_gmt":"2013-03-28T08:34:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16690"},"modified":"2019-07-25T11:27:24","modified_gmt":"2019-07-25T09:27:24","slug":"rezension-wolfgang-bittner-hellers-allmahliche-heimkehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16690","title":{"rendered":"Rezension. Wolfgang Bittner, Hellers allm\u00e4hliche Heimkehr"},"content":{"rendered":"<p>Ein Roman, der im Vorfeld des Prozesses gegen die Neonazi-Terrorzelle NSU in die Zeit passt, denn auch hier geht es um eine rechtsradikale Gruppe und deren Wirken in der Provinz. Aber es geht auch um Korruption. Am Beispiel einer norddeutschen Kleinstadt werden deren Mechanismen im Zuge aktueller Privatisierungspolitiken aufgezeigt und mit dem von den Ordnungskr&auml;ften geduldeten, verharmlosten Agieren der rechtsradikalen Gruppierung in Verbindung gebracht. Der in seine Heimatstadt zur&uuml;ckgekehrte Journalist Heller sorgt als neuer Chefredakteur des Lokalblatts f&uuml;r Aufkl&auml;rung und l&auml;sst einen doppelten Skandal auffliegen &ndash; auch wenn es ihn den Posten bei der Zeitung kostet. Von <strong>Petra Frerichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Autor repr&auml;sentiert mit Romanen wie diesem die politisch engagierte Literatur &ndash; daf&uuml;r erhielt er auch 2010 den K&ouml;lner Karls-Preis f&uuml;r engagierte Literatur und Publizistik; seine Dankesrede wurde in den NDS ver&ouml;ffentlicht (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=6505\">am 17.08.2010<\/a>). Wie Erasmus Sch&ouml;pfer mit seiner vierb&auml;ndigen Geschichte der politisch-sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik unter dem Titel Die Kinder des Sisyfos (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3759\">besprochen in den NDS am 11.02.09<\/a>) oder &ndash; als Stimme aus dem Osten &ndash; Wolfgang Schreyer mit seinen Tatsachen-Romanen wie etwa dem Wenderoman Nebel (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16050\">besprochen in den NDS am 01.02.13<\/a>) verbindet Bittner das Reale mit dem Fiktiven aufgrund von intensiven Recherchen, meist in Bereichen der Wirtschaftskriminalit&auml;t, der Korruption und des politischen Skandals. Damit wirkt der Schriftsteller als Aufkl&auml;rer und kann mit den Mitteln der Literatur eine breitere &Ouml;ffentlichkeit erreichen, als dies in der Regel mit Sachb&uuml;chern m&ouml;glich ist. Denn der politisch engagierte Literat versteht es, seine Leser mit spannender Darstellung zu fesseln und sie &uuml;ber den Aufkl&auml;rungseffekt hinaus auch zu unterhalten.  <\/p><p>Wolfgang Bittner, der sich als Autor von zahlreichen Romanen, Erz&auml;hlungen, Essays wie auch als Verfasser von Kinder- und Jugendb&uuml;chern einen Namen gemacht hat, f&uuml;hrt uns mit seinem Protagonisten Heller an den fiktiven Ort Salfelden, der wie ein Mikrokosmos alles zu bieten hat, was man sich an politischen, wirtschaftlichen und publizistischen Interessenverflechtungen und Skandalen vorstellen kann und deswegen <em>realistisch<\/em> erscheint, weil man st&auml;ndig und &uuml;berall damit konfrontiert ist: Es gibt alteingesessene Familien, die sich in der Bauwirtschaft, als Fabrikanten, als h&ouml;here Beamte oder als Herausgeber der Lokalzeitung in Schl&uuml;sselpositionen befinden; die Privatisierung kommunaler Bereiche (M&uuml;ll, St&auml;dtischer Wohnungsbau, Wasser) ist in vollem Gange; am Fluss ist ein gro&szlig;es Bebauungsprojekt mit hohen Gewinnerwartungen in der Planung, aber noch unter Verschluss; es gibt eine rechtsradikale Gruppierung mit dem doppeldeutigen Signum &bdquo;SS&ldquo; f&uuml;r &bdquo;Soldaten Sportverein&ldquo;, deren Mitglieder die Kinder der Honoratioren sind und die sich nicht nur mit Anschl&auml;gen und Schmierereien an Geb&auml;uden und Gr&auml;bern hervortun, sondern auch (verdeckte) Wehrsport&uuml;bungen abhalten. Und es gibt einen Polizeichef und seinen Mitarbeiterstab, die es nahezu verinnerlicht haben, auf dem rechten Auge blind zu sein. Den <em>Sumpf<\/em> will die Polizei nicht wahrhaben; immer wieder wird auf Beschwerden und Anzeigen mit Verharmlosungen, dem Herunterspielen, Bagatellisieren und Verleugnen von politisch motivieren und organisierten Aktionen seitens der Ordnungskr&auml;fte reagiert: <em>Ein politischer Hintergrund ist nicht festzustellen; es handelt sich nur um einzelne Randalierer<\/em>  etc. Bis Heller seinen neuen Posten &uuml;bernimmt, hatte auch die Presse nicht sonderlich f&uuml;r &Ouml;ffentlichkeit und Aufdeckung von im Dunkeln sich abspielenden Gesch&auml;ften gesorgt; man sah geflissentlich &uuml;ber Dinge hinweg, die f&uuml;r (noch) nicht spruchreif gehalten oder erkl&auml;rt wurden. Und die Gegendemonstration der Nazis zur Kundgebung des DGB am1. Mai l&auml;uft unter der Weihe von <em>Meinungsfreiheit<\/em>. <\/p><p>Das Bedr&uuml;ckende an Bittners Lokalkolorit ist nicht so sehr die Skandalebene als vielmehr das stille Einverst&auml;ndnis aller Beteiligten: ob auf h&ouml;chster kommunalpolitischer Ebene oder am Stammtisch, als Meinung von Wirtsleuten, G&auml;sten oder Menschen auf der Stra&szlig;e &ndash; alles passt zusammen und vereinigt sich zu einem einverst&auml;ndigen Geraume: wie selbstverst&auml;ndlich gegen Ausl&auml;nder gerichtet, auch wenn sie hier schon lange eine Gastst&auml;tte betreiben; gegen den <em>Ausverkauf deutscher Interessen<\/em> &ndash; wie es der Fabrikant eloquent formuliert; und damit auch gegen diejenigen, die dieses Einverst&auml;ndnis aufbrechen wollen: gegen den Chefredakteur Heller, dem man wegen seiner kritischen Berichterstattung die Autoreifen zersticht, gegen die Psychologin, die mit dem neuen Redakteur sympathisiert, gegen die Friedensgruppe, die hier sowieso nur st&ouml;rt. <\/p><p>Wie es Heller gleichwohl schafft, mittels seiner journalistischen M&ouml;glichkeiten und einer Gruppe von &bdquo;Andersdenkenden&ldquo; der <em>korrupten Clique<\/em> das Handwerk und den nazistischen Sumpf trocken zu legen, wird in diesem Roman spannend beschrieben. Er deckt die Mechanismen der Macht auf, zeigt, wie sich Interessenverflechtungen und Korruption konkret entfalten und wie eine neonationalistische Gruppierung ihr Unwesen treiben kann, ohne dass dies die b&uuml;rgerliche Ordnung gro&szlig; st&ouml;rt. Und wenn Wolfgang Bittner dann auch noch aufzeigt, dass und wie man mit Zivilcourage und dem Aufbau von Gegen&ouml;ffentlichkeit dagegen vorgehen kann, dann mag das f&uuml;r viele ein Zeichen der Hoffnung sein. <\/p><p>Wolfgang Bittner: Hellers allm&auml;hliche Heimkehr, Verlag Andr&eacute; Thiele, 2012, 241 S., &euro; 19,90. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Roman, der im Vorfeld des Prozesses gegen die Neonazi-Terrorzelle NSU in die Zeit passt, denn auch hier geht es um eine rechtsradikale Gruppe und deren Wirken in der Provinz. Aber es geht auch um Korruption. 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