{"id":167,"date":"2005-03-07T15:52:13","date_gmt":"2005-03-07T14:52:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=167"},"modified":"2016-03-18T09:14:23","modified_gmt":"2016-03-18T08:14:23","slug":"denn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=167","title":{"rendered":"&#8220;Denn sie wissen nicht, was sie tun\u2026&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Erfahrungen eines Betriebsratsvorsitzenden eines mittelst&auml;ndischen Unternehmens<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Arbeiter [und Angestellten] in den Industriestaaten und ihre Gewerkschaften, die angesichts der Massenarbeitslosigkeit mit dem R&uuml;cken zur Wand stehen, f&uuml;hlen sich anonymen M&auml;chten ausgeliefert, die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Gehirne zerfrisst.&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Heiner Gei&szlig;ler in: Die Zeit 47\/2004 &bdquo;Wo bleibt euer Aufschrei?&ldquo;<\/p>\n<\/blockquote><p>Wie sehr spricht uns Betriebsr&auml;ten Herr Gei&szlig;ler da aus dem Herzen! K&ouml;nnen Betriebsr&auml;te &uuml;berhaupt noch frei agieren, k&ouml;nnen sie sich &uuml;berhaupt noch konsequent f&uuml;r Arbeitnehmerinteressen einsetzen oder sind sie nicht st&auml;ndig irgendwelchen Sachzw&auml;ngen, Repressalien und Erpressungen von Arbeitgeberseite ausgesetzt, bei denen sie zwangsl&auml;ufig den K&uuml;rzeren ziehen? Wie sollen sie sich &uuml;berhaupt noch verhalten, um ihren Belegschaften nicht wom&ouml;glich gar zu schaden? Eine Gratwanderung, die wir heutzutage kaum noch meistern k&ouml;nnen! <\/p><p>Gerne wird ja von der Politik und den Wirtschaftsbossen die M&auml;r in die Welt gesetzt, wie einfach alle Probleme auf Betriebsebene mit den Betriebsr&auml;ten zu l&ouml;sen sind. Es mag den einen oder anderen Unternehmer geben, wo die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat in der Tat gut l&auml;uft, aber die Regel ist das wahrlich nicht. Dahinter verbirgt sich vielmehr die kluge Taktik, den Einfluss der Gewerkschaften in den Betrieben auf ein Minimum zur&uuml;ckzudr&auml;ngen und nach M&ouml;glichkeit alles &uuml;ber die Betriebsr&auml;te zu regeln, weil sie hier den n&ouml;tigen Druck aufbauen und ihre hinl&auml;nglich bekannten Erpressungsmethoden anwenden k&ouml;nnen: &bdquo;Wenn nicht &hellip;, dann m&uuml;ssen wir leider soundsoviele Stellen ins Ausland verlagern usw., usw. &hellip;&ldquo; Dem Druck kann sich kaum ein Betriebsrat entziehen. Und wenn er dann zugestimmt hat, ist die Zusammenarbeit nat&uuml;rlich wieder einmal hervorragend gelaufen! Und man hat mal wieder alles im Sinne der Besch&auml;ftigten einvernehmlich gel&ouml;st, noch dazu ohne Politik und Gewerkschaft! Und die FDP und ihre Klientel und einige andere brechen in Jubel aus! <\/p><p>Kluge Manager pflegen in der Regel zu sagen: &bdquo;Mit Betriebsrat geht fast alles, ohne Betriebsrat gar nichts!&ldquo; (Man achte auf den feinen Unterschied!). Was allerdings nicht nachvollziehbar ist: Handeln tut kaum einer danach. Oft machen sie sich noch nicht einmal die M&uuml;he, das Betriebsverfassungsgesetz zu lesen, geschweige denn es einzuhalten, obwohl sie ansonsten vollmundige Bekenntnisse zum Rechtsstaat abgeben und diesen auch f&uuml;r sich beanspruchen, und haben dann nichts Besseres zu tun, als &uuml;ber das BetrVG herzuziehen und starke Einschnitte zu fordern. Herr Rogowski gar m&ouml;chte es einem gro&szlig;en Lagerfeuer anvertrauen und die Tarifvertr&auml;ge gleich mit dazu, um einfach wieder ganz von vorne anzufangen (Michael Rogowski vor der Amerikanischen Handelskammer, Oktober 2003 &ndash; Zitiert nach Albrecht M&uuml;ller: Die Reforml&uuml;ge). <\/p><p>Es beginnt schon mit dem ber&uuml;hmten &sect; 2 BetrVG, dem Gebot nach vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat. Diese vertrauensvolle Zusammenarbeit fordern Arbeitgeber immer wieder von Betriebsr&auml;ten ein, aber wehe, Betriebsr&auml;te fordern dies umgekehrt von ihren Arbeitgebern! Ein ewiger Streitpunkt ist die rechtzeitige und umfassende Herausgabe von notwendigen Unterlagen f&uuml;r die Betriebsratsarbeit. Was ist rechtzeitig und umfassend? In der Regel m&uuml;ssen Betriebsr&auml;te diesen Informationen st&auml;ndig hinterherlaufen, obwohl es eine Bringschuld der Arbeitgeber ist. <\/p><p>Um- und Restrukturierungen (galante Umschreibung f&uuml;r die Schlie&szlig;ung von Abteilungen und Betriebsteilen!), Betriebs&auml;nderungen und Betriebs&uuml;berg&auml;nge pflegen Arbeitgeber gerne als unternehmerische Entscheidungen zu verkaufen, genau wissend, dass diese vom Betriebsrat nicht angreifbar und vor Gericht nicht &uuml;berpr&uuml;fbar sind. Selbst die entsprechenden Paragraphen des BetrVG (&sect;&sect; 111-113 Interessenausgleich\/Sozialplan bei Betriebs&auml;nderungen, erzwingbarer Sozialplan bei Personalabbau, Nachteilsausgleich bei Nichteinhaltung) und des BGB (&sect; 613a Rechte und Pflichten bei Betriebs&uuml;bergang) versuchen sie zu umgehen. Obwohl ihnen bei Versto&szlig; dagegen erhebliche Nachteile drohen, riskieren sie dies, auch hier wissend, dass es sich um Individualrecht handelt, das nicht der Betriebsrat, sondern der einzelne Arbeitnehmer einklagen muss. Und wer traut sich das schon? <\/p><p>Beispielhaft m&ouml;chte ich als letztes die Mitbestimmung bei personellen Einzelma&szlig;nahmen (sprich konkret bei Einstellungen und K&uuml;ndigungen) herausgreifen (&sect;&sect; 99-105 BetrVG). Viele Betriebsr&auml;te machen den Fehler zu glauben, sie k&ouml;nnten &uuml;ber Einstellungen entscheiden und K&uuml;ndigungen verhindern. Fakt ist: Der Unternehmer stellt eh ein, wen er will, und er wirft raus, wen er will. Betriebsr&auml;te sollten hier nicht unn&ouml;tige Kr&auml;fte vergeuden (Eine altbekannte Taktik von Arbeitgebern: Besch&auml;ftige Betriebsr&auml;te mit Unwichtigkeiten, dann kommen sie nicht zu den Kernpunkten!), sondern sich darauf beschr&auml;nken, bei K&uuml;ndigungen handfeste Widerspr&uuml;che zu formulieren. Dies hilft den betroffenen KollegInnen am meisten weiter (Weiterbesch&auml;ftigungs- und Lohnfortzahlungsanspruch bis zur Entscheidung des Arbeitsgerichtes!). Obwohl Personalleiter dies genau wissen, versuchen sie auch das zu umgehen und vertrauen darauf, dass nicht jeder Arbeitnehmer dies einklagt, und unterlassen es zudem, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind (&sect; 102 (4) BetrVG), der K&uuml;ndigung die Stellungnahme des Betriebsrates beizuf&uuml;gen. <\/p><p>Nun enth&auml;lt das BetrVG durchaus einige Zwangsma&szlig;nahmen bei Nichteinhaltung von Vorschriften (Einigungsstelle, Beschlussverfahren beim Arbeitsgericht, Anzeige bei Ordnungswidrigkeiten bis hin zur Vollstreckung von Zwangsgeldern) und man sollte meinen, dass wenigstens das den geg&auml;ngelten Betriebsr&auml;ten hilft. Aber weit gefehlt: Das Klima in Deutschland ist mittlerweile so arbeitgeberfreundlich, dass sich wahrlich niemand an irgendeinen Arbeitgeber herantraut, und mag er noch so sehr gegen Recht und Gesetz versto&szlig;en. Und hat sich wirklich einmal ein Betriebsrat erdreistet, gegen seinen Arbeitgeber vorzugehen, ziehen sich die Verfahren in der Regel &uuml;ber Jahre und enden nahezu ergebnislos. Ganz abgesehen davon, dass Betriebsrat und wom&ouml;glich sogar die Belegschaft bitter darunter zu leiden haben. Beliebt ist gerade in heutigen Zeiten die Verrechnung von Tariferh&ouml;hungen mit &uuml;bertariflichen Zulagen unter Vorspiegelung der angeblich wirtschaftlich schlechten Lage! <\/p><p>Gibt es &uuml;berhaupt noch Hoffnung? Obwohl ich von Haus aus ein optimistischer Mensch bin, ich f&uuml;rchte nicht. Solange wir weiterhin von M&auml;chten beherrscht werden, deren Gier nach Geld die Gehirne zerfrisst, solange wir mit betriebswirtschaftlichem Denken unsere Volkswirtschaft ruinieren, solange wir immer weiter versuchen, die globalwirtschaftlichen Probleme mit betriebswirtschaftlichen Mitteln zu l&ouml;sen, solange die deutsche Politik nicht den Mut findet, im Interesse unseres Landes nicht zu allem &bdquo;Hurra!&ldquo; zu schreien, sondern auch mal konsequent nein zu sagen, solange wir vor allen Dingen nicht zum Kernsatz humanistischer Bildung &bdquo;Der Mensch ist das Ma&szlig; aller Dinge.&ldquo; zur&uuml;ckfinden, solange wird es immer weiter bergab gehen, und ich f&uuml;rchte, so wird das Modell Deutschland letztendlich vor die Wand gefahren. Allen Arbeitnehmern muss klar sein, dass mit den jetzigen Forderungen aus Politik und Wirtschaft s&auml;mtliche Errungenschaften der letzten 20-25 Jahre, f&uuml;r die wir und unsere V&auml;ter erbittert gek&auml;mpft haben, mit einem Streich &uuml;ber den Haufen geworfen werden. <\/p><p>Seit zwei, drei Jahren w&uuml;nsche ich mir jedes Mal zum Jahreswechsel kl&uuml;gere Politiker und umsichtigere Wirtschaftsf&uuml;hrer. Mein Wunsch will einfach nicht in Erf&uuml;llung gehen!\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrungen eines Betriebsratsvorsitzenden eines mittelst&auml;ndischen Unternehmens <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,109],"tags":[595,1020,1879,324],"class_list":["post-167","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-gewerkschaften","tag-betriebliche-mitbestimmung","tag-betriebsraete","tag-rogowski-michael","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=167"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/167\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32244,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/167\/revisions\/32244"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}