{"id":16751,"date":"2013-04-04T11:02:39","date_gmt":"2013-04-04T10:02:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16751"},"modified":"2015-07-28T08:54:25","modified_gmt":"2015-07-28T06:54:25","slug":"chinesische-pflegekrafte-das-bose-spiel-mit-dem-fachkraftemangel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16751","title":{"rendered":"Chinesische Pflegekr\u00e4fte \u2013 das b\u00f6se Spiel mit dem \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Da hierzulande rund 30.000 Fachkr&auml;fte im Pflegebereich fehlen und potentielle Bewerber aus der EU einen weiten Bogen um das Niedriglohnparadies Deutschland machen, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/arbeitswelt\/mangel-an-fachpersonal-chinesische-pflegekraefte-fuer-deutschland-12134648.html\">will<\/a> die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit nun im gro&szlig;en Stil Pflegekr&auml;fte aus China und den Philippinen anwerben. Doch was sich hinter dem vermeintlichen &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; versteckt, ist eigentlich vielmehr die logische Folge der Privatisierung des Gesundheitssystems. Der drohende Pflegenotstand wurde mutwillig herbeigef&uuml;hrt und ist politisch durchaus gewollt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1678\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-16751-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130404_Chinesische_Pflegekraefte-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130404_Chinesische_Pflegekraefte-NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130404_Chinesische_Pflegekraefte-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130404_Chinesische_Pflegekraefte-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=16751-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/130404_Chinesische_Pflegekraefte-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"130404_Chinesische_Pflegekraefte-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nach den Zahlen der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit sind aktuell 18.000 offene Stellen in der Kranken- und Altenpflege nicht besetzt. Der Arbeitgeberverband Pflege geht sogar von aktuell 30.000 fehlenden Fachkr&auml;ften aus. Wenn man bedenkt, dass seit dem Beginn der gro&szlig;en Privatisierungswelle im Jahre 1995 alleine in der Krankenpflege rund 50.000 Vollzeitstellen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8797\">abgebaut wurden<\/a> und die anfallende Arbeit nicht weniger, sondern mehr wurde, kann der jetzige &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; kaum verwundern. Vor allem die privaten Krankenhausbetreiber haben diesen Mangel mit aller Macht herbeigef&uuml;hrt. Um die gesteckten Renditeziele zu erreichen, mussten die Kosten heruntergefahren werden und im Gesundheitssektor sind die Personalkosten nun einmal der einzige Kostenblock, bei dem nennenswertes Sparpotential vorhanden ist.<\/p><p><strong>Verzeihung, ihr Sparschwein hat gerade eine Krankenschwester verschluckt<\/strong><\/p><p>20 Prozent aller vollzeitbesch&auml;ftigten Krankenpfleger beziehen ein Bruttoeinkommen von unter 1.500 Euro und weitere 20 Prozent zwischen 1.500 und 2.000 Euro. Nur 13 Prozent beziehen mehr als 3.000 Euro brutto pro Monat. Zu den besser verdienenden Krankenpflegern z&auml;hlen dabei meist &auml;ltere Arbeitskr&auml;fte, die noch alte Arbeitsvertr&auml;ge nach dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tarifvertrag_f%C3%BCr_den_%C3%B6ffentlichen_Dienst\">TV&Ouml;D<\/a> haben, die im Rahmen der Privatisierung &uuml;bernommen werden mussten. <strong>Auch wenn dies kein Klinikbetreiber je offen zugeben w&uuml;rde: Das gr&ouml;&szlig;te Einsparpotential bei den Lohnkosten l&auml;sst sich dadurch erreichen, &auml;ltere Mitarbeiter freizusetzen und durch neue, j&uuml;ngere Mitarbeiter zu ersetzen, die nach den wesentlich schlechter dotierten Haustarifen bezahlt werden<\/strong>. Und wer nicht freiwillig seinen Beruf an den Nagel h&auml;ngt, wird durch Arbeitsverdichtung m&uuml;rbe gemacht.<\/p><p>Heute versorgt eine Pflegekraft rund 25% mehr F&auml;lle als vor 15 Jahren. Eine gro&szlig; angelegte Befragung des Pflegepersonals durch das&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.dip.de\/\">Deutsche Institut f&uuml;r angewandte Pflegeforschung<\/a> ergab, dass 60 Prozent der Befragten angaben, dass nicht in jeder Schicht ausreichend examiniertes Personal zur Verf&uuml;gung stehen w&uuml;rde, um die Versorgung fachlich abzusichern. 40 Prozent der Besch&auml;ftigten gaben an, ein &bdquo;arbeitsgef&auml;hrdendes &Uuml;berstundenkontingent&ldquo; angeh&auml;uft zu haben. Die jeden Monat geleisteten &Uuml;berstunden entsprechen dabei einem &Auml;quivalent von 15.000 Vollzeitstellen. Als letzter Ausweg bleibt den &uuml;berforderten Pflegekr&auml;ften oft nur eine &Uuml;berlastungsanzeige. Das Herrschaftsprinzip&nbsp;divide et impera&nbsp;(teile und herrsche) funktioniert jedoch vor allem in den privatisierten H&auml;usern, in denen der Betriebsrat oft systematisch behindert und das Personal unter Druck gesetzt wird. Das systemische Versagen wird auf die Angestellten abgew&auml;lzt, der Druck auf die Mitarbeiter bis zum Ma&szlig; der Unertr&auml;glichkeit gesteigert. Nicht wenige Mitarbeiter zerbrechen an diesem Druck und k&uuml;ndigen ihren Job.<\/p><p><strong>Wir basteln uns einen Fachkr&auml;ftemangel<\/strong><\/p><p>F&uuml;r j&uuml;ngere Menschen ist ein Job, bei dem eine hohe physische und psychische Belastung mit einem niedrigen Gehalt einhergeht, jedoch auch nicht sonderlich attraktiv. Vor allem im S&uuml;den der Republik f&auml;llt es den Krankenhausbetreibern immer schwerer, &uuml;berhaupt noch geeignete Kr&auml;fte zu diesen Konditionen finden. Die eigentliche Bombe tickt jedoch bereits bundesweit. <strong>In keinem anderen Berufszweig ist der Altersdurchschnitt so hoch wie in der Krankenpflege<\/strong>. Da sich aber nur jeder zweite Besch&auml;ftigte vorstellen kann, diesen physisch wie psychisch anspruchsvollen Job bis zum Eintritt ins Rentenalter auszu&uuml;ben, wird die Branche schon bald ein Nachwuchsproblem bekommen. Da die Zahl der Ausbildungspl&auml;tze bundesweit stark r&uuml;ckl&auml;ufig ist, d&uuml;rften die Konzerne schon bald Schwierigkeiten haben, die vorhandenen Stellen &uuml;berhaupt noch besetzen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Hoffnung, schlecht bezahlte Stellen in H&auml;usern mit einem miserablen Arbeitsumfeld mit ausl&auml;ndischen Fachkr&auml;ften ausgleichen zu k&ouml;nnen, ist der feuchte Traum einiger Controller in den Krankenhauskonzernen. Doch bei den momentanen Rahmenbedingungen wird sich dieser Traum nicht erf&uuml;llen und auch das ist nicht sonderlich &uuml;berraschend. Schon am Beispiel der polnischen Pflegekr&auml;fte <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9229\">hat sich gezeigt<\/a>, dass sie lieber einen besser bezahlten Job in der Schweiz, in Schweden oder in Gro&szlig;britannien annehmen als ins &bdquo;Niedriglohnparadies&ldquo; Deutschland zu emigrieren. In Polen herrscht derweil aufgrund der Abwanderung der Fachkr&auml;fte selbst ein akuter Mangel, der mit geringer qualifizierten Kr&auml;ften aus der Ukraine ausgeglichen wird.<\/p><p><strong>Einen Bogen um das Niedriglohnparadies Deutschland<\/strong><\/p><p>Wie der Arbeitgeberverband Pflege eingesteht, ist Polen da kein Einzelfall. Auch aus Tschechien, der Slowakei und Ungarn konnten deutsche Arbeitgeber nur &bdquo;wenige Pflegefachkr&auml;fte&ldquo; anwerben. Und auch die erhoffte Zuwanderung von Pflegekr&auml;ften aus Bulgarien, Rum&auml;nien und den jugoslawischen Nachfolgestaaten will nicht so recht in Gang kommen. Doch wen mag das ernsthaft wundern? So funktioniert nun einmal Marktwirtschaft. <strong>Solange deutsche Arbeitgeber keinen ordentlichen L&ouml;hne zahlen und f&uuml;r gute Arbeitsbedingungen sorgen, werden &ndash; mehr oder minder &ndash; freiz&uuml;gige europ&auml;ische Arbeitnehmer auch weiterhin einen Bogen um Deutschland machen und unsere Politiker und Leitartikler einen &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; beklagen<\/strong>. <\/p><p><strong>Und wenn selbst Bulgaren und Rum&auml;nen die L&ouml;hne in Deutschland zu gering sind, muss man seine &bdquo;Billigarbeitskr&auml;fte&ldquo; halt in den echten Niedriglohnl&auml;ndern vor Ort requirieren<\/strong>. Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit startet nun Pilotprojekte in China und auf den Philippinen, um &bdquo;ausgebildete&ldquo; Pflegerinnen f&uuml;r deutsche Krankenh&auml;user und Pflegeheime <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/arbeitswelt\/mangel-an-fachpersonal-chinesische-pflegekraefte-fuer-deutschland-12134648.html\">zu finden<\/a>. Das erinnert frappierend an das Ph&auml;nomen der chinesischen &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15098\">Gast&auml;rzte<\/a>&ldquo;, mit dem sich die NachDenkSeiten im Herbst letzten Jahres schon besch&auml;ftigt hatten.<\/p><p>Ist es wirklich so schwer, die eigentlichen Gr&uuml;nde f&uuml;r den Personalnotstand im Pflegebereich zu erkennen? Begreifen die Verantwortlichen denn &uuml;berhaupt auch nur die Grundlagen des Arbeitsmarktes? <strong>W&uuml;rde man die Besch&auml;ftigten im Pflegebereich auch nur ein wenig besser bezahlen und vor allem besser behandeln, g&auml;be es auch keinen Fachkr&auml;ftemangel. Der Berufsstand, der so sehr wie kaum ein anderer f&uuml;r unser Wohlbefinden verantwortlich ist, geh&ouml;rt zu den schlechtestbezahlten Berufen unseres Landes &ndash; das ist eine Schande<\/strong>. Doch anstatt sich zu emp&ouml;ren und gegenzusteuern will unsere Gesellschaft nun die Perversion auf die Spitze treiben und Billigarbeitskr&auml;fte aus Fernost importieren. Noch vor wenigen Jahren h&auml;tte man dies noch zurecht f&uuml;r ein Schauerm&auml;rchen gehalten. Wo sind wir gelandet? Wie konnte es so weit kommen? Warum tut niemand etwas dagegen? Ist unsere Gesellschaft<br>\nwirklich schon so weit vor die Hunde gegangen?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/dd1a87ad63f64db9a818aa64f71c473c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da hierzulande rund 30.000 Fachkr&auml;fte im Pflegebereich fehlen und potentielle Bewerber aus der EU einen weiten Bogen um das Niedriglohnparadies Deutschland machen, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/arbeitswelt\/mangel-an-fachpersonal-chinesische-pflegekraefte-fuer-deutschland-12134648.html\">will<\/a> die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit nun im gro&szlig;en Stil Pflegekr&auml;fte aus China und den Philippinen anwerben. 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