{"id":16795,"date":"2013-04-08T16:33:02","date_gmt":"2013-04-08T14:33:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16795"},"modified":"2015-08-05T17:05:02","modified_gmt":"2015-08-05T15:05:02","slug":"jagd-auf-kranke-hartz-iv-empfanger-die-kleinen-hangt-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16795","title":{"rendered":"Jagd auf kranke Hartz-IV-Empf\u00e4nger \u2013 die Kleinen h\u00e4ngt man &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Nach Sch&auml;tzungen der OECD <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/41281_41291.htm\">sch&auml;digen<\/a> Steuerhinterzieher den deutschen Staat mit j&auml;hrlich mehr als 100 Mrd. Euro. Durch die Aufdeckung der &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Offshore-Leaks\">Offshore Leaks<\/a>&ldquo; ist das Thema wieder auf die Tagesordnung zur&uuml;ckgekehrt. Doch was machen die deutschen Beh&ouml;rden? Jagen sie Steuerhinterzieher und deren Helfershelfer bei der Deutschen Bank? Nein. Deutsche Beh&ouml;rden machen stattdessen Jagd auf kranke Hartz-IV-Empf&auml;nger. Wenn erwerbsf&auml;hige Erwerbslose sich krankmelden, droht ihnen k&uuml;nftig ein Termin beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Und wenn das subjektive Gesundheitsempfinden nicht mit den objektiven Kriterien des MDK &uuml;bereinstimmt, m&uuml;ssen die Erwerbslosen mit einer Sanktion rechnen &ndash; was nichts anderes hei&szlig;t, als dass der Staat ihnen zeitweise die vom Grundgesetz garantierte Menschenw&uuml;rde entzieht und ihnen das Existenzminimum verweigert. Die Kleinen h&auml;ngt man, die Gro&szlig;en d&uuml;rfen ihre eigenen Gesetze schreiben. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Um was geht es?<\/strong><\/p><p>Der angebliche &bdquo;Geheimplan&ldquo; auf den sich die <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/bundesagentur-fuer-arbeit\/krank-und-hartz-4-blaumachern-sollen-leistungen-gekuerzt-werden-29905224.bild.html\">BILD-Zeitung<\/a> in ihrer heutigen Ausgabe bezieht, ist nicht sonderlich geheim, sondern vielmehr eine <a href=\"http:\/\/www.arbeitsagentur.de\/nn_166486\/zentraler-Content\/HEGA-Internet\/A07-Geldleistung\/Dokument\/HEGA-03-2013-VG-Fachliche-Hinweise-23-26-31-KV-56.html\">Dienstanweisung<\/a> der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit, die auf den 20. M&auml;rz datiert und nicht nur &bdquo;BILD vorliegt&ldquo;, sondern im Internet f&uuml;r jedermann <a href=\"http:\/\/www.arbeitsagentur.de\/zentraler-Content\/A01-Allgemein-Info\/A015-Oeffentlichkeitsarbeit\/Publikation\/pdf\/Gesetzestext-56-SGB-II.pdf\">abrufbar [PDF &ndash; 84.7 KB]<\/a> ist. Auch der gesetzliche Rahmen f&uuml;r diese Anweisung ist keinesfalls neu, sondern wurde am 21. Dezember 2008 &ndash; p&uuml;nktlich vor Weihnachten &ndash; von der gro&szlig;en Koalition im &bdquo;Gesetz zur Neuausrichtung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente&ldquo; verabschiedet. Neu ist jedoch, dass die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit den Mitarbeitern ihrer Jobcenter einen detaillierten Leitfaden an die Hand gibt, um die rechtlichen M&ouml;glichkeiten voll auszusch&ouml;pfen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/130408_bild.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><em>So stellt man sich bei der BILD offenbar kranke Erwerbslose vor: Die soziale H&auml;ngematte. Ein Wunder, dass der zust&auml;ndige Bild-Redakteur kein Agenturbild mit H&auml;ngematte und Palmenhintergrund vor wei&szlig;em Sand und blauen Meer herausgesucht hat.<\/em><br>\n<em>Screenshot: bild.de<\/em><\/p><p><strong>Ist Krankheit sanktionierbar?<\/strong><\/p><p>Bei &bdquo;begr&uuml;ndetem&ldquo; Verdacht, dass ein ansonsten erwerbsf&auml;higer Erwerbsloser trotz &auml;rztlichen Attests doch nicht krank &ndash; also arbeitsunf&auml;hig &ndash; ist, k&ouml;nnen die Mitarbeiter in den Jobcentern nun den MDK einschalten und eine Pr&uuml;fung veranlassen. Eine solche Begr&uuml;ndung liegt laut Dienstanweisung beispielsweise dann vor, wenn der Erwerbslose das Pech hat und am Ende seines Urlaubs, am falschen Wochentag oder einfach nur &bdquo;auff&auml;llig h&auml;ufig&ldquo; krank wird. Eine Pr&uuml;fung soll auch dann veranlasst werden, wenn der krankschreibende Arzt dem Jobcenter in welcher Art auch immer verd&auml;chtig erscheint. Der Willk&uuml;r sind dabei T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet.<\/p><p>Der MDK ist eine Einrichtung der gesetzlichen Krankenkassen, der f&uuml;r so wichtige Dinge wie der Frage, ob man &uuml;berhaupt als erwerbsf&auml;hig gilt oder ob man pflegebed&uuml;rftig ist. Mit der Frage, ob ein Hartz-IV-Empf&auml;nger beim Arzt bei der Krankschreibung ein wenig gemogelt hat, hatte der MDK bis dato nichts zu tun. Es geht der Bundesagentur jedoch nicht nur ums &bdquo;Blaumachen&ldquo;, sondern auch um &bdquo;Irrt&uuml;mer&ldquo; bei der &bdquo;Selbsteinsch&auml;tzung&ldquo; ihrer Kunden. Sprich &ndash; das Jobcenter darf Erwerbslose auch dann sanktionieren, wenn sie &bdquo;irrt&uuml;mlich&ldquo; der Meinung waren, aufgrund einer Erkrankung arbeitsunf&auml;hig zu sein, dies jedoch vom MDK &bdquo;objektiv&ldquo; anders gesehen wird. In der Dienstanweisung hei&szlig;t es w&ouml;rtlich: &bdquo;Ein solcher Irrtum hindert den Eintritt einer Sanktion nicht&ldquo;. Erwerbslose, die von psychischen und psychosomatischen Beschwerden gepeinigt werden, k&ouml;nnten dadurch eine b&ouml;se &Uuml;berraschung erleben und f&uuml;r ihre Erkrankung doppelt bestraft werden &ndash; unter anderem mit einer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15274\">Sanktionierung<\/a>, also einem zeitweisen Entzug des soziokulturellen Existenzminimums. <\/p><p>Eine Pr&uuml;fung durch den MDK kostet die Bundesagentur &ndash; und damit die Steuerzahler &ndash; bis zu 260 Euro, also drei Viertel des Hartz-IV-Regelsatzes. Ein wie auch immer geartetes Einsparpotential ist durch diese Ma&szlig;nahmen somit nicht zu erwarten &ndash; im Gegenteil. Es geht vielmehr darum, den massiven Druck auf die Erwerbslosen abermals zu steigern: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Und wer beispielsweise unter sporadischen Migr&auml;neanf&auml;llen leidet, sollte sich doch bitte zweimal &uuml;berlegen, ob er sich beim Jobcenter krank meldet und damit vielleicht eine Sanktionierung riskiert. Wieder einmal zeigt sich, dass die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15274\">Sanktionen<\/a> nicht nur in Ausnahmef&auml;llen als letztes Mittel eingesetzt werden, sondern mittlerweile ein allt&auml;gliches Disziplinierungsinstrument zur Zwangsaus&uuml;bung sind. Die Politik ist stets ganz weit vorn, wenn es darum geht, Menschenrechtsverletzungen in L&auml;ndern, die nicht mit uns verb&uuml;ndet sind, zu beklagen. An die Menschenrechte der Erwerbslosen im eigenen Land denkt dabei niemand; erst recht dann nicht, wenn es sich um kranke Erwerbslose handelt. <\/p><p><strong>Halali! Die Hatz auf die Armen ist er&ouml;ffnet<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es Erwerbslose, die lieber &bdquo;blaumachen&ldquo; als einem Vermittlungsangebot der Arbeitsagentur folge leisten. Und dazu z&auml;hlt nicht nur der ehemalige Ingenieur, der mit seinen 55 Jahren keine Lust hat, sich die Beine f&uuml;r sechs Euro pro Stunde als Wachmann in den Bauch zu stehen. Warum sollten Erwerbslose auch musterg&uuml;ltigere B&uuml;rger als der Rest der Gesellschaft sein. Und? Ist das wirklich so dramatisch? Was kommt als n&auml;chstes? Die elektronische Fu&szlig;fessel f&uuml;r Erwerbslose? Schlie&szlig;lich steht ja auch der Vorwurf im Raum, dass nicht jeder Erwerbslose 24 Stunden am Tag vor seinem Telefon auf einen Vermittlungsvorschlag des Jobcenters wartet. <\/p><p>Glauben unsere Politiker denn wirklich an den &bdquo;anstrengungslosen Wohlstand&ldquo;, die &bdquo;sp&auml;tr&ouml;mische Dekadenz&ldquo;, die &bdquo;soziale H&auml;ngematte&ldquo;, in der man es sich mit 382 Euro im Monat gem&uuml;tlich machen kann? Oder hat der Niedriglohnsektor etwa auch schon einen &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; vermeldet, weil Millionen Erwerbslose lieber &bdquo;blaumachen&ldquo; als einen miserabel bezahlten Job anzunehmen? Dagegen g&auml;be es eine Medizin: L&ouml;hne rauf! Aber das w&auml;re ja der Untergang des Abendlandes. Dann lassen wir lieber kranke Erwerbslose vom MDK jagen. Wer wei&szlig;? Vielleicht verbringt einer dieser erwerbslosen Faulenzer seine erwerbslose Zeit ja in Wirklichkeit nicht krank, sondern gesund auf der Couch? Als ob dieses Land keine anderen Probleme h&auml;tte. W&uuml;rden die Beh&ouml;rden bei potentiellen Steuerhinterziehern nur ansatzweise so gnadenlos sein wie bei potentiellen Hartz-IV-Blaumachern, h&auml;tte der Staat zumindest mehr als genug Geld, um Erwerbslose sinnvoll zu f&ouml;rdern. Aber dann w&uuml;rde ja auch der Druck auf potentielle Niedrigl&ouml;hner sinken und das darf im Niedriglohnparadies Deutschland nat&uuml;rlich nie geschehen. <\/p><p>Eine kleine Notiz am Rande: Da der MDK eine Einrichtung der gesetzlichen Krankenkassen ist, gilt die Regelung der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit nicht f&uuml;r privatversicherte Erwerbslose. Die d&uuml;rfen &ndash; wenn Sie es denn wollen &ndash; auch k&uuml;nftig blau machen. Ob damit der Wettbewerb zwischen den Krankenkassensystemen angekurbelt werden soll? Man wei&szlig; so wenig &hellip;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/7d2c06b1b420489c8a1be1309162c635\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Sch&auml;tzungen der OECD <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/41281_41291.htm\">sch&auml;digen<\/a> Steuerhinterzieher den deutschen Staat mit j&auml;hrlich mehr als 100 Mrd. Euro. Durch die Aufdeckung der &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Offshore-Leaks\">Offshore Leaks<\/a>&ldquo; ist das Thema wieder auf die Tagesordnung zur&uuml;ckgekehrt. Doch was machen die deutschen Beh&ouml;rden? Jagen sie Steuerhinterzieher und deren Helfershelfer bei der Deutschen Bank? Nein. 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