{"id":169,"date":"2005-03-16T16:26:23","date_gmt":"2005-03-16T15:26:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=169"},"modified":"2019-03-02T13:53:39","modified_gmt":"2019-03-02T12:53:39","slug":"lohnsenkung-gegen-den-rest-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=169","title":{"rendered":"Lohnsenkung gegen den Rest der Welt?"},"content":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, SZ, 15. M&auml;rz 2005<br>\n<!--more--><br>\nDie &ouml;konomischen Reformer in Deutschland sind gewaltig in die Defensive geraten. Bei 5,2 Millionen Arbeitslosen nach Hartz IV und erneut sinkenden Wachstumserwartungen hilft offenbar nur noch lautes Pfeifen im Walde. Die Ratschl&auml;ge werden radikaler und die Begr&uuml;ndungen werden diffuser. Lohnzur&uuml;ckhaltung reicht nun nicht mehr aus, die L&ouml;hne m&uuml;ssen schon drastisch sinken, um Deutschland noch zu retten. So hat etwa der &bdquo;beste Professor Deutschlands&ldquo; (Hans Werner Sinn laut BILD-Zeitung) in der SZ am 4.3.2005 noch einmal vorgef&uuml;hrt, wie Ost- und Westdeutschland gleicherma&szlig;en unter der Globalisierung und zu hohen L&ouml;hnen &auml;chzen. Leider geht bei solchen Vergleichen von Ost und West einiges durcheinander und es wird schlicht &uuml;bersehen, dass die L&ouml;hne in internationaler W&auml;hrung, also in US-Dollar oder in chinesischen Renminbi, gar nicht in Deutschland gemacht werden. <\/p><p>Schon Ost- und Westdeutschland zusammenzuwerfen, produziert einen unverdaulichen Eintopf. Das ostdeutsche Problem besteht darin, dass dort nach der Vereinigung die realen und die ausbezahlten L&ouml;hne weit schneller als die Produktivit&auml;t gestiegen sind. Ein riesiges Leistungsbilanzdefizit zeugt vom allgemeinen Verlust an Wettbewerbsf&auml;higkeit. Es werden zu viele G&uuml;ter eingef&uuml;hrt und zu wenige ausgef&uuml;hrt. Die Region hat einen Nachfrage&uuml;berhang, es wird zu viel konsumiert und zu wenig produziert. Kurz gesagt, die Menschen in den neuen Bundesl&auml;ndern leben &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse. Sie brauchen Kapital bzw. &ouml;ffentliche Transfers, um das Loch in ihrer Leistungsbilanz zu stopfen. Das ist richtig und wird von keinem ernst zu nehmenden Beobachter bestritten. <\/p><p>Westdeutschland aber hat einen riesigen Leistungsbilanz&uuml;berschuss. Rechnete man das ostdeutsche Defizit &ndash; f&uuml;r das es leider keine exakten Daten mehr gibt, das man aber auf etwa die H&auml;lfte der ostdeutschen Wirtschaftsleistung sch&auml;tzt &ndash; aus dem gesamtdeutschen &Uuml;berschuss heraus, d&uuml;rfte Westdeutschland den mit Abstand h&ouml;chsten Leistungsbilanz&uuml;berschuss im Verh&auml;ltnis zu seiner Wirtschaftsleistung in der ganzen Welt haben. Westdeutschland lebt folglich unter seinen Verh&auml;ltnissen, es konsumiert zu wenig, es hat einen gewaltigen Angebots&uuml;berhang. <\/p><p>Den &Uuml;berschuss in Westdeutschland damit zu erkl&auml;ren, dass die Region per Saldo Kapital ausf&uuml;hrt, macht den Eintopf nicht verdaulicher, weil es nun mal selbstverst&auml;ndlich ist, dass eine Region, die zu wenig einf&uuml;hrt, die hohen Einfuhren der anderen L&auml;nder, die die eigenen Ausfuhren logischerweise darstellen, finanzieren muss. Niemand kann, wie die USA oder eben Ostdeutschland, &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse leben, ohne dass es einen anderen gibt, der das &uuml;ber Kredite finanziert bzw. im Schuldnerland Grundst&uuml;cke, Aktien oder ganze Unternehmen kauft. <\/p><p>Wenn aber festgestellt wird, dass auch in Westdeutschland die L&ouml;hne im Verh&auml;ltnis zum Ausland absolut viel zu hoch sind, wird es vollends unbegreiflich. Das l&auml;uft n&auml;mlich darauf hinaus, zu sagen, wer viel einf&uuml;hrt und wenig ausf&uuml;hrt hat ein Wettbewerbsproblem, wer wenig einf&uuml;hrt und sehr viel exportiert aber auch. Wer Kapital per Saldo importiert, wie Ostdeutschland, zeigt damit seine Abh&auml;ngigkeit vom Ausland, wer Kapital ausf&uuml;hrt, wie Westdeutschland, zeigt nur, dass die Investoren fliehen. Nie ist es Recht. <\/p><p>Um solche Ergebnisse &bdquo;abzuleiten&ldquo;, muss man allerdings virtuos die Lohn-Ma&szlig;st&auml;be wechseln. Ist Ostdeutschland zur&uuml;ckgefallen, weil die Reall&ouml;hne schneller als die Produktivit&auml;t gestiegen sind, scheint Westdeutschland unabh&auml;ngig von seiner Produktivit&auml;t nicht mehr wettbewerbsf&auml;hig zu sein, weil die L&ouml;hne absolut h&ouml;her als im Ausland sind. H&auml;tte man sich um vergleichbare Ma&szlig;st&auml;be bem&uuml;ht, w&auml;re aufgefallen, dass in Westdeutschland seit vielen Jahren die Reall&ouml;hne weit weniger als die Produktivit&auml;t gestiegen ist und die ausbezahlten L&ouml;hne, die f&uuml;r die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit entscheidend sind, &ndash; selbstverst&auml;ndlich auch hier in Relation zur Produktivit&auml;t &ndash; im Vergleich zu allen wichtigen Handelspartnern dramatisch gesunken sind. <\/p><p>Besonders beeindruckend ist das innerhalb der europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion. Deutschland hat hier mittlerweile, wie selbst der konservative &bdquo;Economist&ldquo; am17. 2. 2005 feststellt, unglaubliche Exporterfolge aufzuweisen. Diese Erfolge basieren darauf, so das britische Blatt, dass die ausbezahlten L&ouml;hne im Verh&auml;ltnis zur Produktivit&auml;t, die Lohnst&uuml;ckkosten also, in Deutschland allein seit 1999 um 10 % gegen&uuml;ber dem europ&auml;ischen Durchschnitt zur&uuml;ckgeblieben sind. <\/p><p>Dumm nur, in internationaler W&auml;hrung, also z. B. in Dollar gerechnet, sind die deutschen Lohnst&uuml;ckkosten seit 2000 massiv gestiegen. Das liegt aber einzig und allein daran, dass der Euro um mehr als 30 % gegen&uuml;ber der US-W&auml;hrung aufgewertet hat. Die USA, das nach herrschender Meinung flexibelste Land der Welt, haben &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt. Folglich war eine dramatische Abwertung gegen&uuml;ber dem scheinbar so unflexiblen Euro-Raum n&ouml;tig. Noch erstaunlicher, mit dem Eurokurs sind die deutschen L&ouml;hne gegen&uuml;ber den L&auml;ndern noch einmal gestiegen, deren L&ouml;hne &ndash; absolut gesehen &ndash; schon viel niedriger sind. Das gilt etwa f&uuml;r China. Was die akademischen Advokaten einer Lohnsenkung jedoch nicht verstehen: Der absolute Abstand der L&ouml;hne interessiert den Devisenh&auml;ndler nicht, weil der wei&szlig;, dass dem niedrigen Lohn in China eine ebenso niedrige Produktivit&auml;t entspricht. <\/p><p>Das hei&szlig;t, geht man in die Richtung einer absoluten Angleichung der deutschen L&ouml;hne an die chinesischen, ist eine weitere drastische Aufwertung des Euro unvermeidlich. Wechselkurse gleichen nun mal systematisch Lohnst&uuml;ckkostendifferenzen aus und niemals die absoluten L&ouml;hne. Anders als viele &Ouml;konomieprofessoren wissen Devisenh&auml;ndler, worauf es im internationalen Vergleich ankommt. Nur der Ausgleich von Lohnst&uuml;ckkosten macht Sinn, weil sonst die Entwicklungsl&auml;nder hoffnungslos unterlegen w&auml;ren und sich Freihandel niemals leisten k&ouml;nnten. &Uuml;brigens, Devisenh&auml;ndler werden gnadenlos gefeuert, wenn sie grob falsch liegen, deutsche Professoren wohl noch nicht, oder? <\/p><p><em>&copy; SZ<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, SZ, 15. 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