{"id":16903,"date":"2013-04-17T09:34:49","date_gmt":"2013-04-17T07:34:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16903"},"modified":"2015-08-07T09:34:33","modified_gmt":"2015-08-07T07:34:33","slug":"leistungsschutzrecht-kotau-der-regierung-vor-den-verlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16903","title":{"rendered":"Leistungsschutzrecht \u2013 Kotau der Regierung vor den Verlagen"},"content":{"rendered":"<p>Verlage sind &bdquo;schutzlos im Internet&ldquo;, so Hubert Burda, Chef eines Konzerns mit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Ins gleiche Horn st&ouml;&szlig;t der Axel-Springer-Verlag &ndash; Umsatz 2011: 3,19 Milliarden Euro, knapp eine Milliarde davon aus dem Gesch&auml;ftsbereich Digitale Medien. Daher m&uuml;sse der Gesetzgeber ein Leistungsschutzrecht einf&uuml;hren, das Suchmaschinen und andere Webdienste zwingen w&uuml;rde, eine Abgabe an die Verlage zu zahlen. Doch die Argumente der Verleger sind falsch, und dass das Leistungsschutzrecht schlie&szlig;lich auch im Bundesrat verabschiedet wurde, weil am Ende auch die SPD eingeknickt ist, ist zugleich ein Skandal und ein Armutszeugnis f&uuml;r die deutsche Politik. Von <strong>Mattias Spielkamp<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16903#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nMit dem Leistungsschutzrecht wollen Presseverlage erreichen, dar&uuml;ber bestimmen zu d&uuml;rfen, dass auch kleinste Text-Teile, so genannte &bdquo;Snippets&ldquo;, aus ihren Artikeln nur mit ihrer Erlaubnis ver&ouml;ffentlicht werden d&uuml;rfen. Textausschnitte, die so kurz sind, dass sie bisher &ndash; mit guten Gr&uuml;nden &ndash; durch das Urheberrecht nicht gesch&uuml;tzt sind. Sobald das Gesetz in Kraft ist, muss jede Suchmaschine, jeder Nachrichtenaggregator bei Verlagen um Erlaubnis fragen &ndash; und daf&uuml;r bezahlen &ndash;, derartige Snippets zu verwenden. Es handelt sich also um eine Abgabe auf bestimmte Internet-Angebote, die direkt in die Kassen der Verlage flie&szlig;en wird &ndash; nicht etwa der Urheber.<\/p><p>Presseverlage haben mit gro&szlig;en Problemen zu k&auml;mpfen. Vor allem Tageszeitungen verlieren seit mehr als 20 Jahren dramatisch an Auflage. Das bedeutet niedrigere Einnahmen aus dem Verkauf, und es bedeutet niedrigere Einnahmen durch Werbung, denn Werbekunden zahlen f&uuml;r Leserkontakte, nicht f&uuml;r Inhalte. Zudem suchen und finden wir Auto-, Immobilien- und Stellenanzeigen nicht mehr in der Zeitung, sondern im Netz. Gewaltige Einnahmen, die den Verlagen abhanden gekommen sind. Nicht zuletzt: die Leser wandern zunehmend ins Netz. Das bedeutet, dass die Inhalte entb&uuml;ndelt werden. Fr&uuml;her konnte ein Verlag seinen Lesern ein Paket verkaufen, in dem der Lokalteil das Feuilleton subventioniert hat, der Sport die Politikberichterstattung. Die Leser hatten keine Wahl, als dieses Paket zu kaufen, und die Anzeigenkunden hatten keinen anderen Weg, um zu den Kunden zu gelangen. ALDI hat das Korrespondentenb&uuml;ro in Washington bezahlt. Diese Zeiten sind zunehmend vorbei.<\/p><p>Man kann das beklagen und es gibt gute Gr&uuml;nde daf&uuml;r, sich um unabh&auml;ngigen Journalismus Sorgen zu machen. Nichts davon wird sich durch ein Leistungsschutzrecht &auml;ndern. Die deutschen Presseverleger sind ersch&uuml;tternd erfolgreich damit, sich in &Ouml;ffentlichkeit und Politik als Gralsh&uuml;ter eines &bdquo;Qualit&auml;tsjournalismus&ldquo; zu pr&auml;sentieren, der einzig dazu dient, die Demokratie aufrecht zu erhalten und den nur sie liefern k&ouml;nnen. Zugleich bauen sie massiv Stellen ab, schlagen Tarifvertr&auml;ge vor, die ein Schlag ins Gesicht der Angestellten sind und drangsalieren ihre freien Journalisten, indem sie sie mit &bdquo;Total Buyout&ldquo;-Vertr&auml;gen dazu zwingen, s&auml;mtliche Verwertungsrechte an ihren Beitr&auml;gen abzutreten. Oft genug gegen das Gesetz. Rahmenvertr&auml;ge und allgemeine Gesch&auml;ftsbedingungen &ndash; oder Teile davon &ndash; der Verlage Axel Springer, Zeit, Bauer, Gruner und Jahr, WAZ, S&uuml;ddeutsche Zeitung, S&uuml;dkurier, Ruhr-Nachrichten, Nordkurier, Braunschweiger Zeitung und Mittelbadische Presse sind von Gerichten kassiert worden, nachdem die Journalistengewerkschaften dagegen geklagt hatten. Doch selbst zu geringen Zugest&auml;ndnissen, wie etwa dem Verzicht auf solche Vertr&auml;ge, wenn ein Leistungsschutzrecht eingef&uuml;hrt w&uuml;rde, waren die Verlage bereit.<\/p><p>Selbst wenn sie es gewesen w&auml;ren, h&auml;tte es nicht eingef&uuml;hrt werden sollen. Nicht nur, weil &bdquo;das Leistungsschutzrecht (&hellip;) eine Subvention f&uuml;r Verlage (w&auml;re), die so tut, als sei sie keine Subvention f&uuml;r Verlage&ldquo;, wie Sascha Lobo es treffend beschrieben hat. Sondern aus folgenden Gr&uuml;nden:<\/p><ul>\n<li>Es wird auf Jahre hinaus eine enorme Rechtsunsicherheit f&uuml;r Suchmaschinen und &auml;hnliche Angebote schaffen, die Lesern &ndash; also uns &ndash; dabei helfen, Inhalte im Netz zu finden. Kurz vor Verabschiedung des Gesetzes hat die Bundesregierung auf eine Anfrage der Partei Die Linke sinngem&auml;&szlig; geantwortet, dass Gerichte kl&auml;ren werden, wen das Leistungsschutzrecht betrifft &ndash; weil es das Gesetz nicht tut. Ein Offenbarungseid des Gesetzgebers.<\/li>\n<li>Es wird neue Ideen daf&uuml;r, wie man Inhalte im Netz f&uuml;r Leser bequem und n&uuml;tzlich erschlie&szlig;en kann, im Keim ersticken. Denn Firmen, die solche Ideen in die Tat umsetzen w&uuml;rden, werden zum einen eine Art Steuer auf ihr Gesch&auml;ftsmodell zahlen m&uuml;ssen. Zum anderen m&uuml;ssen sie aber erst einmal einige hundert teure Juristen-Stunden bezahlen, um herauszufinden, was sie &uuml;berhaupt noch tun d&uuml;rfen.<\/li>\n<li>Es bringt Urhebern &ndash; in diesem Fall den Journalisten &ndash; nichts. Gar nichts.<\/li>\n<\/ul><p>Warum gibt es dann diesen Gesetzesentwurf &uuml;berhaupt? Weil es viele deutsche Zeitungsverlage gibt, die in der Politik einen enormen Einfluss haben &ndash; und nahezu kein deutsches Internetunternehmen von Weltrang. Beim legend&auml;ren Abendessen zu Ehren des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann im Kanzleramt waren 26 Personen zu Gast. Wer das war, wissen wir nur, weil Aktivisten die Herausgabe der G&auml;steliste erklagt und gegen den Willen des Kanzleramts ver&ouml;ffentlicht hatten.<\/p><p>Sie ist &uuml;beraus aufschlussreich: In dem exklusiven Zirkel von 26 Geladenen kamen allein drei aus dem Axel-Springer-Verlag, in dem das Leistungsschutzrecht erdacht wurde: Verlegerin Friede Springer, Vorstandschef Mathias D&ouml;pfner und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Dazu Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, die ebenfalls f&uuml;r das Gesetz eintritt. Und ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt, dass der Staatsminister im Kanzleramt, Eckart von Klaeden, der Bruder ist von Dietrich von Klaeden. Der ist beim Axel-Springer-Verlag Leiter der Regierungsbeziehungen f&uuml;r Deutschland und einer der Chef-Lobbyisten des Verlags f&uuml;r das Leistungsschutzrecht.<\/p><p>Der einzig Eingeladene aus der Computerbranche war Henning Kagermann, ehemaliger Vorstandssprecher des Softwareunternehmens SAP. Aber der hatte abgesagt. Suchte man auf der Liste Lars Hinrichs, den Gr&uuml;nder von politik-digital.de und dem Social Network XING, oder einen der Samwer-Br&uuml;der, Investoren bei den Lokalisten, StudiVZ und Facebook &ndash; Fehlanzeige.<\/p><p>Aber es ist nicht so, dass die Bundesregierung zur Kritik &uuml;berhaupt einladen m&uuml;sste. Im Laufe von vier Jahren Debatten haben sich gegen die Einf&uuml;hrung des Gesetzes &ouml;ffentlich ausgesprochen: Der Bund Deutscher Industrie, 16 der prominentesten deutschen Urheberrechtsexperten unter F&uuml;hrung des Max-Planck-Instituts f&uuml;r Immaterialg&uuml;ter- und Wettbewerbsrecht, der Verband der deutschen Internetwirtschaft, die Deutsche Vereinigung f&uuml;r gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht, der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), der Deutsche Journalistenverband (DJV), Freischreiber &ndash; der Verband freiberuflicher Journalisten, der Zentralverband des deutschen Handwerks und und und. Die Liste lie&szlig;e sich fortf&uuml;hren. F&uuml;r das Leistungsschutzrecht haben sich ausgesprochen: &Uuml;berraschung! &ndash; der Bundesverband der Zeitungsverleger, der Verband deutscher Zeitschriftenverleger und Juristen, die von einem der beiden bezahlt werden.<\/p><p>Ein so v&ouml;llig misslungenes Gesetz zu schaffen, ist skandal&ouml;s und peinlich. Skandal&ouml;s, weil er ein bedingungsloser Kotau der Bundesregierung vor der Macht der gro&szlig;en Presseverlage ist. Peinlich, weil er Ausdruck davon ist, dass die zust&auml;ndigen Politiker im Jahr 2013 nicht im geringsten verstanden haben, welche Chancen das Internet bietet.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/5b943cdf14c143bf85fa13c091a0a77e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Matthias Spielkamp ist Redaktionsleiter bei &ldquo;iRights.info &ndash; Urheberrecht in der digitalen Welt&rdquo;, das mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Er war Sachverst&auml;ndiger in verschiedenen der Internet-Enquete und anderen Bundestagsassch&uuml;ssen und ist Vorstandsmitglied bei Reporter ohne Grenzen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlage sind &bdquo;schutzlos im Internet&ldquo;, so Hubert Burda, Chef eines Konzerns mit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Ins gleiche Horn st&ouml;&szlig;t der Axel-Springer-Verlag &ndash; Umsatz 2011: 3,19 Milliarden Euro, knapp eine Milliarde davon aus dem Gesch&auml;ftsbereich Digitale Medien. 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