{"id":16927,"date":"2013-04-18T13:41:51","date_gmt":"2013-04-18T11:41:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16927"},"modified":"2015-08-07T09:41:31","modified_gmt":"2015-08-07T07:41:31","slug":"der-nordkorea-konflikt-aus-sicht-der-welthungerhilfe-es-geht-um-die-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16927","title":{"rendered":"Der Nordkorea-Konflikt aus Sicht der Welthungerhilfe: Es geht um die Menschen"},"content":{"rendered":"<p>Kein Tag vergeht an dem nicht eine Meldung &uuml;ber den aktuellen Nordkorea-Konflikt ver&ouml;ffentlicht wird. Die Bandbreite reicht von Meldungen &uuml;ber die martialische Kriegsrhetorik, Spekulationen hinsichtlich innenpolitischer Machtkonstellationen bis hin zu Berichten einer angeblichen Hungersnot. Zu wenig wissen die Menschen hier in Europa &uuml;ber dieses Land, in das es kaum Einblicke gibt und das sich selbst seit Jahrzehnten abschirmt. Von <strong>Dirk Reber<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16927#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDie Welthungerhilfe arbeitet als eine der wenigen europ&auml;ischen Hilfsorganisationen seit &uuml;ber 15 Jahren in Nordkorea: Wir leben vor Ort und haben Kontakt zu den Menschen. Seit dem Beginn unserer Arbeit im Jahre 1997 haben wir in Nordkorea sehr viele Einblicke bekommen und zahlreiche Ver&auml;nderungen wahrgenommen. Wir sind auch gegenw&auml;rtig vor Ort, wurden nicht aufgefordert das Land zu verlassen, haben tagt&auml;glich Kontakt zu unseren Mitarbeitern in Pyongyang, haben unsere Projektaktivit&auml;ten nicht eingestellt und sehen auch keinerlei Belege oder Anzeichen einer gegenw&auml;rtigen oder aufkommenden Hungersnot. <\/p><p><strong>Nahrungsmittel wichtiger als politische Ideologie<\/strong><\/p><p>Bedingt durch die naturr&auml;umlichen Bedingungen k&ouml;nnen nur ca. 20 Prozent der Fl&auml;che Nordkoreas landwirtschaftlich genutzt werden. Die Landwirtschaft wiederum ist konfrontiert mit sehr schwierigen Bedingungen, eiskalten Wintern von Dezember bis Februar und starkem Monsumregen von Juli bis September. Dazu kommt eine mangelnde staatliche Leistungsf&auml;higkeit, es fehlt an D&uuml;nger, modernen Maschinen und Ersatzteilen, sowie an Treibstoff und Strom. Dennoch ist die Hungersnot der 90er Jahre schon seit vielen Jahren &uuml;berwunden und die Nothilfe ist inzwischen von Selbsthilfeprojekten abgel&ouml;st worden. In Zusammenarbeit mit den l&auml;ndlichen Genossenschaften und zust&auml;ndigen Fachministerien wurden seitens der Welthungerhilfe in den vergangen Jahren zahlreiche Gew&auml;chsh&auml;user gebaut, neue Anbaumethoden eingef&uuml;hrt, die Saatgutverarbeitung optimiert, Obstplantagen errichtet, und Trinkwassersysteme modernisiert. Die Ern&auml;hrungssicherung konnte in den Projektregionen stabilisiert werden, dennoch fehlt es nach wie vor an einer fl&auml;chendenkenden Versorgung mit hochwertigen Nahrungsmitteln (reichhaltiges Gem&uuml;se und Obst, Fisch und Fleisch), so dass vor allem Kleinkinder von einer chronischen Fehlern&auml;hrung betroffen sind. Zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt ist die Fragilit&auml;t der Grundversorgung besonders sp&uuml;rbar. Ende April ist der Beginn der Mangelperiode, weil die Vorr&auml;te der letzten Ernte aufgebraucht sind und die n&auml;chste Ernte erst ab Oktober zur Verf&uuml;gung steht. Die Menschen in Nordkorea haben daher momentan andere Sorgen als den bestehenden Konflikt oder milit&auml;rische Mobilmachung: die Beschaffung von Nahrungsmitteln f&uuml;r die Sicherung der Existenz der eigenen Familie.<\/p><p><strong>Ver&auml;nderungen geschehen langsam und im Kleinen<\/strong><\/p><p>Das Wirtschaftssystem Nordkoreas, basierend auf der Staatsphilosophie &bdquo;Juche&ldquo;, ist planwirtschaftlich ausgerichtet und wird im Allgemeinen verantwortlich gemacht f&uuml;r die chronischen M&auml;ngel in allen Lebensbereichen. Grunds&auml;tzlich fehlt es zwar an entscheidenden makro&ouml;konomischen Reformen zur Modernisierung des Wirtschaftssystems und die damit einhergehende Verbesserung der Versorgung der Bev&ouml;lkerung, dennoch haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche kleine Ver&auml;nderungen ergeben, die in den gro&szlig;en Schlagzeilen untergehen. Im Sommer 2002 wurden erste wirtschaftliche Reformen durchgef&uuml;hrt, die l&auml;ndlichen Genossenschaften stellen seitdem ihre Betriebspl&auml;ne mit mehr Eigenverantwortung auf, d.h. sie k&ouml;nnen freier entscheiden, was sie anbauen, und den &Uuml;berschuss selbst vermarkten. Verbunden mit dem Engagement der internationalen Gemeinschaft sind die Wirkungen der Reformen seit einigen Jahren deutlich sp&uuml;rbar, die Ern&auml;hrungssituation der l&auml;ndlichen Bev&ouml;lkerung hat sich erheblich  verbessert. Aber ohne weitere Reformen im Bereich der Landwirtschaft st&ouml;&szlig;t die Wirkung der Arbeit an ihre Grenzen. Die Verbesserung in den vor- und nachgelagerten Bereichen ist hier dringend notwendig: Zugang zu Land, Verlagerung der Entscheidungskompetenzen auf die Einzelbetriebe, Verbesserung der Bereitstellung von landwirtschaftlichen Inputs und Dienstleistungen, und Schaffung von formellen Handelsstrukturen. Erste zaghafte Ans&auml;tze, Senkung der staatlichen Abgabenquote und Einf&uuml;hrung von Anreizmechanismen, sind seit 2012 in Planung und werden in ausgew&auml;hlten Genossenschaften testweise angewendet.<\/p><p>Inzwischen k&ouml;nnen die Bauernfamilien auf kleinen Parzellen Nutzpflanzen &bdquo;privat&ldquo; anbauen, entweder zum Selbstverzehr oder zum Verkauf auf den immer zahlreicher werdenden und nicht mehr wegzudenkenden M&auml;rkten. Die Versorgung der Bev&ouml;lkerung l&auml;uft zunehmend &uuml;ber den &bdquo;informellen&ldquo; und Schwarzmarkt-Handel, das staatliche Versorgungssystem funktioniert nur noch rudiment&auml;r. Neben Nahrungsmitteln werden auch Konsumg&uuml;ter chinesischer Herkunft seitens der stetig anwachsenden Mittelschicht in &bdquo;harter&ldquo; W&auml;hrung nachgefragt. In den gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten entstehen Superm&auml;rkte, Restaurants und Karaoke-Bars. Mobiltelefone, die lange verboten waren, verbreiten sich in Windeseile. <\/p><p>Die zunehmende Privatbewirtschaftung birgt mangels staatlicher Rahmenplanung aber auch Schattenseiten. Immer mehr Bauern und Kleinst&auml;dter nutzen Bergh&auml;nge, um sich zus&auml;tzliche Einkommensquellen zu verschaffen. Viele H&uuml;gel sind bereits vollkommen kahl und schutzlos der Erosion preisgegeben. Die starken Regenf&auml;lle im Sommer l&ouml;sen regelm&auml;&szlig;ig gro&szlig;e Hangabrutschungen aus und gef&auml;hrden viele Menschen bzw. ihre Existenzgrundlagen. Deshalb intensiviert die Welthungerhilfe gegenw&auml;rtig zunehmend Wiederaufforstungsprojekte, in denen Katastrophenvorsorge mit einer landwirtschaftlichen Nutzung verbunden ist und in denen die Bauern und Kleinst&auml;dter auch mitreden und mitentscheiden k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Der Schl&uuml;ssel: Ann&auml;herung und Vertrauensbildung<\/strong><\/p><p>Kritiker in Europa werfen uns oft vor, unsere Arbeit diene nicht allein den Menschen, sondern gezwungenerma&szlig;en auch dem Systemerhalt. Tats&auml;chlich befinden wir uns in einem st&auml;ndigen Dilemma zwischen unserem eigenen Anspruch und den fast immer politisch gepr&auml;gten Realit&auml;ten in Nordkorea, wo wir mit einer Regierung konfrontiert sind, f&uuml;r die das Handeln gem&auml;&szlig; ihrer eigenen Ideologie an erster Stelle steht. Als nicht-staatliche und politisch neutrale Hilfsorganisation handeln wir jedoch nach strikt humanit&auml;ren Richtlinien. Das bedeutet: Unabh&auml;ngig von den politischen Gegebenheiten eines Landes und seines Ansehens in der Welt ist es unsere Aufgabe, die Menschen darin zu unterst&uuml;tzen, ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, frei von Hunger und Armut, wahrzunehmen.<\/p><p>Das machen wir in vielen L&auml;ndern dieser Welt, und dazu geh&ouml;rt auch Nordkorea. Im Gegensatz zu anderen L&auml;nden ist hier dennoch manches anders. Trotz chronischer Notlage in s&auml;mtlichen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens haben wir es in Nordkorea mit willensstarken und intakten staatliche Strukturen zu tun. Vieles verl&auml;uft sehr b&uuml;rokratisch, nicht zuletzt durch die restriktive Kommunikationspolitik. Wir k&ouml;nnen unsere koreanischen Mitarbeiter nicht frei aussuchen und m&uuml;ssen unsere Projektbesuche vorher anmelden. Preise f&uuml;r Geh&auml;lter, Mieten und Telefonate werden uns vorgegeben und sind sehr teuer. Alle Ausl&auml;nder wohnen in den diplomatischen Vierteln Pyongyangs. Der freizeitliche Kontakt zu uns Ausl&auml;ndern ist f&uuml;r die Koreaner stark eingeschr&auml;nkt.<\/p><p>Dennoch ist die Anwesenheit der Hilfsorganisationen nicht ohne Folgen geblieben. Seit &uuml;ber f&uuml;nfzehn Jahren arbeiten Nordkoreaner und Ausl&auml;nder zusammen, bauen gegenseitige Vorurteile ab. Nordkoreaner haben erkannt, dass Ausl&auml;nder nicht amerikanische Spione sind, und Ausl&auml;nder haben erkannt, dass Nordkoreaner nicht alle im Stechschritt marschierende Roboter sind. Statt Zuteilung und Verordnung erleben wir gemeinsames Planen und Durchf&uuml;hren. Unabh&auml;ngig von politischen Ideologien begegnen wir uns mit Respekt und Engagement. Die Kommunikation verl&auml;uft horizontal und nicht vertikal. In unserem B&uuml;ro in Pyongyang und in unseren Projektgebieten auf dem Land l&ouml;sen wir anfallende Probleme gemeinsam.<\/p><p>Organisationen wie die Welthungerhilfe sind eines der wenigen Fenster, das die Nordkoreaner zur Au&szlig;enwelt haben. Neben Studienreisen und Langzeitpraktika sehen sie durch die Zusammenarbeit wie &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; funktioniert. Dadurch wurde etwas geschaffen, was in der ganzen Bandbreite des Nordkorea-Konfliktes untergeht: gegenseitiges Vertrauen.<\/p><p><em>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16927#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dirk Reber, seit 2003 Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Bonn, kennt Nordkorea durch einen zweij&auml;hrigen Aufenthalt und regelm&auml;&szlig;ige Besuche<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Tag vergeht an dem nicht eine Meldung &uuml;ber den aktuellen Nordkorea-Konflikt ver&ouml;ffentlicht wird. 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Zu wenig wissen die Menschen hier in Europa &uuml;ber dieses Land, in das es kaum Einblicke gibt und das sich selbst<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16927\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,160,176],"tags":[1487,849,1485,1486],"class_list":["post-16927","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","category-markt-und-staat","category-umweltpolitik","tag-entwicklungshilfe","tag-nahrungsmittel","tag-nordkorea","tag-welthungerhilfe"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16927","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16927"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16927\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27075,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16927\/revisions\/27075"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16927"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16927"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16927"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}