{"id":16979,"date":"2013-04-22T18:43:41","date_gmt":"2013-04-22T16:43:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16979"},"modified":"2015-08-07T10:04:10","modified_gmt":"2015-08-07T08:04:10","slug":"deutschland-ohne-alternative-selbst-linke-sozis-sehen-sie-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16979","title":{"rendered":"Deutschland ohne Alternative? \u2013 Selbst linke \u201eSozis\u201c sehen sie nicht"},"content":{"rendered":"<p>Diesen schon l&auml;nger skizzierten Beitrag &uuml;ber die notwendige und leicht zu formulierende Alternative zum neoliberal gepr&auml;gten Kurs der Angela Merkel ver&ouml;ffentliche ich unter dem Eindruck eines gestrigen Gespr&auml;chs mit einem sozialdemokratischen Freund. Er ist eng verbunden gewesen mit Ottmar Schreiner und alles andere als ein konservativer Seeheimer. Umso erstaunlicher seine politische Perspektive. Weil diese weit verbreitet ist, nehme ich den Faden auf. Es geht im Kern darum, dass man <strong>selbst<\/strong> in diesen Kreisen die M&ouml;glichkeit einer rot-gr&uuml;n-roten Koalition nicht sehen und lieber eine gro&szlig;e Koalition eingehen will.<br>\nEs w&auml;re nicht nur notwendig, sondern auch leicht, eine andere, wirkliche Alternative zu formulieren. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nIm Folgenden begr&uuml;nde ich zun&auml;chst, I. warum eine Mehrheit f&uuml;r Rot-Gr&uuml;n mit hoher Wahrscheinlichkeit ein unrealistischer Traum bleibt. Dann beschreibe ich, II. dass man mit der notwendigen grunds&auml;tzlichen Alternative zur neoliberal gepr&auml;gten Politik von Schwarz-Gelb nicht nur eine bessere Politik sondern auch bessere Chancen h&auml;tte. Und dann folgen III. ein paar Anmerkungen zu den seltsamen Koalitionsvorstellungen erstaunlich vieler Sozialdemokraten.<\/p><p><strong>I. Der Traum von der Rot-Gr&uuml;nen-Mehrheit wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Illusion bleiben<\/strong><\/p><p>Alles deutet darauf hin, dass die Bundestagswahl am 22. September dieses Jahres mit einem Debakel f&uuml;r die SPD und f&uuml;r all jene endet, die von der Einsicht ausgehen, Demokratie funktioniere nur, wenn die Regierenden mit der Drohung der Abl&ouml;sung rechnen m&uuml;ssen. Nur dann sind sie einigerma&szlig;en gezwungen, sich um vern&uuml;nftige Entscheidungen zu bem&uuml;hen.<\/p><p>Auch wenn man wie ich dazu neigt, Umfragen nicht &uuml;berzubewerten, Anhaltspunkte bieten sie. Die folgende &Uuml;bersicht &uuml;ber die Umfragen von sechs Instituten aus den letzten Tagen zeigt Werte f&uuml;r die SPD zwischen 22 % (Forsa) und 28% (Allensbach). Im Schnitt der letzten verf&uuml;gbaren Umfragen liegt sie bei 25,6%. Nach meiner Erfahrung mit Wahlk&auml;mpfen und in Anbetracht der jetzigen Konstellation mit abnehmender Tendenz. <\/p><p><strong>Tabelle mit den aktuellen Ergebnissen der Meinungsforschung:<\/strong><\/p><p><em>Wenn am n&auml;chsten Sonntag Bundestagswahl w&auml;re &hellip;<\/em><\/p><table>\n<tr>\n<th>Institut<\/th>\n<th>Allens-<br>bach<\/th>\n<th>Emnid<\/th>\n<th>Forsa<\/th>\n<th>Forsch&rsquo;gr. Wahlen<\/th>\n<th>GMS<\/th>\n<th>Infratest dimap<\/th>\n<th>Bundes-<br>tagswahl<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td colspan=\"8\">\n<em>F&uuml;r fr&uuml;here bzw. nach Ost\/West aufgeschl&uuml;sselte Daten auf den Namen des jeweiligen Instituts klicken. Die <span style=\"background: yellow\">Kennzeichnung<\/span> als aktuelle Umfrage bezieht sich auf den Eintrag in diese &Uuml;bersicht, angegeben ist immer das Datum der ersten Ver&ouml;ffentlichung.<\/em>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>Ver-<br>&ouml;ffentl.<\/strong><\/td>\n<td><strong>17.04.<br>2013<\/strong><\/td>\n<td><strong><span style=\"background: yellow\">21.04.<br>2013<\/span><\/strong><\/td>\n<td><strong>17.04.<br>2013<\/strong><\/td>\n<td><strong>12.04.<br>2013<\/strong><\/td>\n<td><strong>16.04.<br>2013<\/strong><\/td>\n<td><strong><span style=\"background: yellow\">21.04.<br>2013<\/span><\/strong><\/td>\n<td><strong>27.09.<br>2009<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>CDU\/CSU<\/strong><\/td>\n<td>38,5 %<\/td>\n<td>39 %<\/td>\n<td>42 %<\/td>\n<td>42 %<\/td>\n<td>42 %<\/td>\n<td>41 %<\/td>\n<td>33,8 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>SPD<\/strong><\/td>\n<td>28,0 %<\/td>\n<td>26 %<\/td>\n<td>22 %<\/td>\n<td>27 %<\/td>\n<td>24 %<\/td>\n<td>27 %<\/td>\n<td>23,0 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>GR&Uuml;NE<\/strong><\/td>\n<td>15,0 %<\/td>\n<td>14 %<\/td>\n<td>15 %<\/td>\n<td>14 %<\/td>\n<td>13 %<\/td>\n<td>14 %<\/td>\n<td>10,7 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>FDP<\/strong><\/td>\n<td>5 %<\/td>\n<td>5 %<\/td>\n<td>5 %<\/td>\n<td>4 %<\/td>\n<td>6 %<\/td>\n<td>4 %<\/td>\n<td>14,6 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>DIE LINKE<\/strong><\/td>\n<td>7 %<\/td>\n<td>8 %<\/td>\n<td>8 %<\/td>\n<td>6 %<\/td>\n<td>8 %<\/td>\n<td>7 %<\/td>\n<td>11,9 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>PIRATEN<\/strong><\/td>\n<td>3 %<\/td>\n<td>4 %<\/td>\n<td>3 %<\/td>\n<td>&ndash;<\/td>\n<td>2 %<\/td>\n<td>&ndash;<\/td>\n<td>2,0 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>Sonstige<\/strong><\/td>\n<td>3,5 %<\/td>\n<td>4 %<\/td>\n<td>5 %<\/td>\n<td>7 %<\/td>\n<td>5 %<\/td>\n<td>7 %<\/td>\n<td>4,0 %<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wahlrecht.de\/umfragen\/index.htm\">wahlrecht.de<\/a><\/p><p><strong>Berechnungen f&uuml;r Koalitionen (AM):<\/strong><\/p><table>\n<tr>\n<th>Institut<\/th>\n<th>Allens-<br>bach<\/th>\n<th>Emnid<\/th>\n<th>Forsa<\/th>\n<th>Forsch&rsquo;gr. Wahlen<\/th>\n<th>GMS<\/th>\n<th>Infratest dimap<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>CDU\/CSU + FDP<\/td>\n<td>43,5 %<\/td>\n<td>44 %<\/td>\n<td><strong>47 %<\/strong><\/td>\n<td>46 %<\/td>\n<td><strong>48 %<\/strong><\/td>\n<td>45 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Rot + Gr&uuml;n<\/td>\n<td>43 %<\/td>\n<td>40 %<\/td>\n<td>37 %<\/td>\n<td>41 %<\/td>\n<td>37 %<\/td>\n<td>41 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Rot + Gr&uuml;n + Rot<\/td>\n<td><strong>50 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>48 %<\/strong><\/td>\n<td>45 %<\/td>\n<td><strong>47 %<\/strong><\/td>\n<td>45 %<\/td>\n<td><strong>48 %<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Schwarz + Gr&uuml;n<\/td>\n<td><strong>53,5 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>53 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>57 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>56 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>55 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>55 %<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Die Gro&szlig;e Koalition<\/td>\n<td><strong>66,5 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>65 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>64 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>69 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>66 %<\/strong><\/td>\n<td><strong>68 %<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p>&nbsp;<\/p><p>Die Tabelle der Umfrageergebnisse zeigt weiter:<\/p><ul>\n<li>Rot-Gr&uuml;n ist bei allen Instituten meilenweit von einer Mehrheit entfernt. Nur bei Allensbach kommt das Ergebnis f&uuml;r Rot-Gr&uuml;n (43 %) an das Ergebnis von Schwarz-Gelb (43,5 %) heran.<\/li>\n<li>F&uuml;r Schwarz-Gelb reicht es bei zwei Instituten zu einer Mehrheit auch gegen&uuml;ber der Dreierkonstellation von Rot-Gr&uuml;n-Rot.<\/li>\n<li>F&uuml;r Rot-Gr&uuml;n-Rot w&uuml;rde es nach den Ergebnissen von vier Instituten zur Regierungsbildung reichen.<\/li>\n<li>Schwarz-Gr&uuml;n h&auml;tte nach den jetzt vorliegenden Umfragen bei allen Instituten eine satte Mehrheit.<\/li>\n<li>Die gro&szlig;e Koalition sowieso.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Die sich damit abzeichnende Wahlniederlage der SPD hat verschiedene Ursachen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Die SPD hat mit Peer Steinbr&uuml;ck einen in vieler Hinsicht falschen Kandidaten nominiert.<\/strong> Er ist nicht telegen, er kommt nicht bei Frauen an. Seine wirtschaftspolitische Kompetenz ist anders als behauptet ziemlich niedrig. Er hat wenig Ahnung von Makro&ouml;konomie, er verb&uuml;rgt eher die Ansammlung aller falschen Vorurteile zu diesem wichtigen Teil der Wirtschaftspolitik. Er ist mit der Finanzwirtschaft &auml;hnlich verbandelt wie Angela Merkel und alles andere als unabh&auml;ngig. Er ist in diesem Bereich unglaubw&uuml;rdig, weil er die &Ouml;ffnung des &bdquo;Finanzplatzes Deutschland&ldquo; f&uuml;r Spekulanten verbal und tats&auml;chlich betrieben hat. Steinbr&uuml;ck ist kein guter Wahlk&auml;mpfer. Das zeigen auch die vielen Fehler, die er in den wenigen Monaten seit seiner Nominierung schon gemacht hat.<\/li>\n<li><strong>Es gibt kein Wechselklima.<\/strong> Das liegt am Kandidaten, aber vor allem auch daran, dass die SPD keine grunds&auml;tzliche Alternative zur herrschenden Linie formuliert hat. Warum sollten die Menschen die Pferde wechseln, wenn die neuen Pferde den Karren in die gleiche Richtung ziehen? Dabei w&auml;re es nicht nur zum Zweck des Wahlgewinns, sondern auch zum Wohle der Demokratie und Europas dringend notwendig, eine Alternative zu bieten.<\/li>\n<li><strong>Die SPD kann nicht sagen, wie sie die Macht und die Mehrheit f&uuml;r eine Kanzleralternative erreichen will.<\/strong> Selbst wenn es, anders als in zwei der zitierten Umfragen ermittelt, eine Mehrheit f&uuml;r Schwarz-Gelb nicht geben w&uuml;rde, von einer Mehrheit von Rot-Gr&uuml;n k&ouml;nnen nur Tr&auml;umer tr&auml;umen. Rot-Gr&uuml;n ist meilenweit von einer Mehrheit entfernt. Die Umfragen zeigen zugleich, dass SPD und die Gr&uuml;nen nur zusammen mit der Linkspartei eine Mehrheit h&auml;tten. Diese Machtoption hat die SPD-F&uuml;hrung bisher wegen innerer Verstocktheit oder aus Angst vor den Medien und einer neu aufgelegten Rote-Socken-Kampagne der Union abgelehnt oder verschwiegen, jedenfalls bezieht sie sich nicht darauf und kann damit weder ihren treuen Anh&auml;ngern noch den potentiellen Wechselw&auml;hlern und vor allem nicht den vielen und anwachsenden Nichtw&auml;hlern sagen, wie sie die Macht erreichen will.<br>\nDie wahrscheinlichste Macht-Konstellation nach dem 22. September ist deshalb aus heutiger Sicht eine Mehrheit von Schwarz-Gelb oder &ndash; auf Bundesebene neu &ndash;  eine neue Mehrheit von Schwarz-Gr&uuml;n. Und dann gibt es noch die gro&szlig;e Koalition als Option. Sie ist aus meiner Sicht unwahrscheinlich, weil es bei Schwarz und Gr&uuml;n im Hintergrund starke Bataillone gibt, die dieses B&uuml;ndnis testen wollen.<\/li>\n<\/ul><p>Ohne Alternative zu sein ist angesichts der immer schlechter werdenden politischen Entscheidungen misslich. Es drohen uns wirkliche Gefahren: die weitere Spaltung unserer Gesellschaft, der weitere Ruin unseres Rufes bei unseren Nachbarn, eine mutwillig der Erosion preisgegebene W&auml;hrung und damit die Besch&auml;digung der europ&auml;ischen Idee.<\/p><p>Daher m&uuml;ssen der jetzige Zustand und die herrschende Aussichtslosigkeit im Blick auf den 22. September nicht nur die Sozialdemokratie bedr&uuml;cken, sondern alle, die an besseren politischen Entscheidungen interessiert sind.<\/p><p><strong>II. F&uuml;r die SPD ist eine grunds&auml;tzlich andere Linie die einzige Chance, das Blatt  &uuml;berhaupt noch zu wenden.<\/strong><\/p><p>In der Schlussphase der Regierungszeit vor einem Wahltermin legen in der Regel die Regierungsparteien zu. Polemisch k&ouml;nnte ich anf&uuml;gen, Ausnahmen best&auml;tigten die Regel: Die sozialdemokratischen Ministerpr&auml;sidenten Steinbr&uuml;ck und Eichel haben in der Schlussphase der Wahlk&auml;mpfe 2005 und 1999 ihre &Auml;mter verloren. Vor allem gewinnen Regierungsparteien dann, wenn die Oppositionsparteien keine wirkliche Alternative bieten.<br>\nWir B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger brauchen aus sachlichen Gr&uuml;nden und die SPD braucht aus Wahlkampfgr&uuml;nden eine wirkliche Alternative. Eine grunds&auml;tzlich andere Linie. Eine grunds&auml;tzlich andere Idee von der Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft. Der Bedarf daf&uuml;r ist mit H&auml;nden zu greifen, nachdem die neoliberale Ideologie weltweit erkennbar gescheitert ist. Die Chance zur grunds&auml;tzlichen Auseinandersetzung liegt sozusagen auf der Stra&szlig;e: <\/p><p>Es ist an der Zeit, sich mit der neoliberalen Ideologie auseinander zusetzen.<br>\nEs ist an der Zeit, eine andere Werteorientierung zu beschreiben und zu empfehlen. Es ist an der Zeit, sich &uuml;berhaupt wieder an Werten zu orientieren. Diese Einsicht verbindet sozial und fortschrittlich denkende Menschen mit Wertkonservativen.<br>\nJeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied. Der Markt regelt alles. Entstaatlichung. De-Regulierung. Egoismus. &ndash; Mit diesen wertlosen Werten, mit diesen unmenschlichen Grundregeln und Vorstellungen ist kein Staat mehr zu machen.<\/p><p>Positiv formuliert h&auml;tte die neue Linie, die neue Weltanschauung, die neue Vorstellung von der Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft folgende S&auml;ulen:<\/p><ul>\n<li>Wettbewerb und Marktwirtschaft sind vern&uuml;nftige Prinzipien zur Organisation der wirtschaftlichen Vorg&auml;nge. Aber es bedarf der gesellschaftlichen Rahmensetzungen. Es bedarf der Korrektur von Marktversagen. Es bedarf des sozialen Ausgleichs. Und es bedarf dringend der Aufmerksamkeit zum Schutz von Wettbewerb und gegen die grassierende Tendenz zur Machtballung auch in der Wirtschaft.<\/li>\n<li>&bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; war eine in den f&uuml;nfziger Jahren des letzten Jahrhunderts gel&auml;ufige Parole. Sie war dem Titel eines Buches von Ludwig Erhard entliehen. Der Gedanke steht diametral zu der heutigen Praxis. Heute versuchen die Gut-verdienenden ihren Reichtum auf der Verarmung der Schlecht-verdienenden und der Arbeitslosen aufzubauen. Der Aufbau eines Niedriglohnsektors, dessen sich der fr&uuml;here Bundeskanzler Schr&ouml;der und sein Wirtschaftsminister Clement r&uuml;hmten, h&auml;tte in den f&uuml;nfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht nur den Protest der Sozialdemokraten, sondern auch Kopfsch&uuml;tteln bei einem weiten Kreis der Medien und sogar bei Unternehmern ausgel&ouml;st. Wie kann man nur auf die Idee kommen, den Wohlstand eines Landes auf den niedrigen Einkommen eines gro&szlig;en Teils der Gesellschaft aufzubauen?!<br>\nWenn diese Vorstellungen glaubw&uuml;rdig sein sollten, dann m&uuml;sste sich die SPD glaubw&uuml;rdig von der Agenda 2010 verabschieden. Sie tut es zur Zeit oft halbherzig. F&uuml;hrende Sozialdemokraten beklagen wortreich, dass Familienv&auml;ter und M&uuml;tter ihre Familien nicht mehr ern&auml;hren k&ouml;nnten, ohne zur Kernarbeit noch weitere Jobs anzunehmen. Sie verschweigen aber zugleich, dass Gerhard Schr&ouml;der und seine Koalition den Niedriglohnsektor samt Leiharbeit und Minijobs wesentlich ausgebaut haben. So gewinnt man nicht die notwendige Glaubw&uuml;rdigkeit.<\/li>\n<li>Soziale Sicherheit ist nicht nur aus menschlichen Gr&uuml;nden ein gutes Prinzip der Absicherung gegen die Risiken des Altwerdens, des Krankwerdens, des Pflegebed&uuml;rftigwerdens. Soziale Sicherheit ist die Basis von Produktivit&auml;t und Kreativit&auml;t. Das wissen auch vern&uuml;nftige Unternehmer. Wer gesichert ist, wer keine wirtschaftlichen Sorgen hat, hat den Kopf frei.<\/li>\n<li>Solidarit&auml;t statt Egoismus w&auml;re eine zeitgem&auml;&szlig;e Parole des neuen Aufbruchs.<\/li>\n<li>Genauso wie die neue Verankerung des alten Versprechens von Willy Brandt: &bdquo;Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein.&ldquo; Der Ruf unseres Landes ist von Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble und den ihnen h&ouml;rigen Medien massiv besch&auml;digt worden. Welch ein gro&szlig;es Thema f&uuml;r eine intakte Sozialdemokratie!<\/li>\n<li>Ein wichtiger Programmpunkt w&auml;re der Kampf gegen die politische Korruption.<\/li>\n<li>Und gegen Steueroasen und Steuerhinterziehung sowieso.<\/li>\n<li>Dazu geh&ouml;rt die R&uuml;ckkehr zu einer vern&uuml;nftigen und sozialen Balance zwischen &ouml;ffentlicher T&auml;tigkeit und privater T&auml;tigkeit. Die neoliberal eingef&auml;rbte Parole von der Entstaatlichung muss ersetzt werden durch die aufkl&auml;renden Feststellung: Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten. Alleine mit dieser Thematik k&ouml;nnte man eine gro&szlig;e Dynamik entwickeln und die politische Auseinandersetzung regionalisieren. Denn es ginge dabei auch darum, den sozialen Wohnungsbau wieder hoff&auml;hig zu machen und auszubauen; es ginge darum, privatisierte Kliniken und Wasserwerke in &ouml;ffentliche Verantwortung zur&uuml;ckzuholen; es ginge darum, den Einfluss privater Interessen auf Schulen und Bildung zu stoppen. Und selbstverst&auml;ndlich w&auml;re es wichtig, daf&uuml;r zu sorgen, &ouml;ffentliche Leistungen effizient zu erstellen.<\/li>\n<\/ul><p>Ein roter Faden und eine Grundidee der grunds&auml;tzlich anderen Linie w&auml;re, das Gute im Menschen anklingen zu lassen und gesellschaftlich zu nutzen. Wir alle haben zwei Seelen in unserer Brust. Wir schauen darauf, dass wir und unser Clan versorgt sind und vorankommen. Aber wir sind alle, oder zumindest fast alle, auch offen f&uuml;r andere Menschen und f&uuml;r das Gemeinwesen. <\/p><p>Wenn man sich die Geschichte unseres Volkes anschaut, dann wird man beobachten k&ouml;nnen, dass die zweite Seele in unserer Brust versch&uuml;ttet werden kann. Wenn Egoismus die zentrale Ideologie einer Gesellschaft ist, wenn Kommerz alles beherrscht, wenn den kleinen Kindern schon eingetrichtert wird, ja auf ihren Vorteil zu achten und sich durchzusetzen, wenn Politiker nicht mehr den Mut haben, die Menschen zu menschlichem und sozialem Verhalten zu animieren, dann stirbt diese Seele ab.<br>\nAber dann, wenn Meinungsf&uuml;hrer in Politik und Gesellschaft dazu ermuntern, auch an andere zu denken, dann &ouml;ffnen sich Menschen. So ist eben das Leben. Wie auch immer, wer die guten Seiten im Menschen anspricht, hat als Politiker eine gro&szlig;e Chance zu gewinnen, nicht nur Sympathien, sondern auch Stimmen bei der Wahl. <\/p><p><strong>III. Anmerkungen zu den seltsamen Koalitionsvorstellungen erstaunlich vieler Sozialdemokraten &ndash; eine Ansammlung von Merkw&uuml;rdigkeiten:<\/strong><\/p><p>Das eingangs erw&auml;hnte Gespr&auml;ch mit einem Sozialdemokraten vom eher fortschrittlichen Fl&uuml;gel macht einfach nur staunen. Bei konservativen Sozialdemokraten vom Schlage der Seeheimer ist man gew&ouml;hnt, dass sie Verschiebungen nach Links ablehnen. Sie waren schon 1969 f&uuml;r die Fortsetzung der gro&szlig;en Koalition und gegen die sozialliberale Koalition. Sie waren prinzipiell gegen Rot-Gr&uuml;n und haben die Stigmatisierung der Gr&uuml;nen zu Beginn von deren Existenz eifrig mitgemacht &ndash; &uuml;brigens ohne zu kapieren, dass die Sozialdemokraten unter der F&uuml;hrung von Helmut Schmidt mit Nachr&uuml;stung, Kernenergie und Polemik gegen die &bdquo;&ouml;kologischen Spinner&ldquo; die eigentlichen Geburtshelfer der Gr&uuml;nen waren. Sie haben nicht gemerkt, dass sie mit der Stigmatisierung von Gr&uuml;n die Macht der Konservativen gefestigt haben, so wie sie heute mit der Stigmatisierung der Linken wiederum den konservativen Parteien und Medien in die H&auml;nde spielen.<\/p><p>Dass auch eher Linke in der SPD die politische Option zu einer Alternative zu Angela Merkel und R&ouml;sler ablehnen und so nicht die Chance f&uuml;r eine eigene Kanzlerschaft ergreifen, ist erstaunlich. Beim Versuch, dies zu erkl&auml;ren, st&ouml;&szlig;t man teils auf die Beobachtung, dass auch diese Kreise im Einflussbereich der Medien und der konservativen Meinungsmacher sind, teils st&ouml;&szlig;t man einfach auf kindisches Denken und Gebaren. Die Etikettierung der Linkspartei als zerrissen, nicht verl&auml;sslich, ideologisch usw. verf&auml;ngt auch in diesen Kreisen. Ansonsten macht man seine Ablehnung am angeblichen Verhalten von Oskar Lafontaine fest. Er habe hingeschmissen, er sei untreu und generell sei die Zusammenarbeit mit einem ehemaligen SPD-Vorsitzenden nicht zumutbar. Kindisch, zumal es um ihn gar nicht geht.<br>\nDass die Linkspartei &uuml;ber ein Potential von fachlich qualifizierten Personen verf&uuml;gt, dass sie in den Debatten um die Finanzkrise und Milit&auml;reins&auml;tze sich positiv von Sozialdemokraten und anderen abhoben, wird vermutlich als Bedrohung gesehen. Man t&auml;te gut daran, dies als Bereicherung zu begreifen.<br>\nDie Neigung, eine Koalition mit der Union positiv zu bewerten, kann man nur verstehen, wenn man in Rechnung stellt, dass auch diese Sozialdemokraten ein Opfer der allgemeinen Propaganda von der angeblichen Sozialdemokratisierung der Union und speziell Angela Merkels geworden sind. Schon die Nominierung und Wahl Joachim Gaucks zum Bundespr&auml;sidenten war ein deutliches Zeichen, dass die Sozialdemokratie heute in entscheidenden, auch personellen Fragen auf Medienkampagnen herein f&auml;llt und nur noch &uuml;ber wenig eigene Denksubstanz verf&uuml;gt.<br>\nAuch die Neigung mancher Sozialdemokraten, eher mit der heutigen FDP zusammen zu gehen als mit der Linkspartei, spricht f&uuml;r Abh&auml;ngigkeit von Meinungsmache. Im konkreten Fall kommt noch hinzu, dass Sozialdemokraten offensichtlich Angst vor den M&auml;rkten haben und schon deshalb auf Anlehnung an wirtschaftsnahe Parteien zur&uuml;ckgreifen.<\/p><p>Allesamt keine sch&ouml;nen Aussichten. Es ginge auch anders und w&uuml;rde Spa&szlig; machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen schon l&auml;nger skizzierten Beitrag &uuml;ber die notwendige und leicht zu formulierende Alternative zum neoliberal gepr&auml;gten Kurs der Angela Merkel ver&ouml;ffentliche ich unter dem Eindruck eines gestrigen Gespr&auml;chs mit einem sozialdemokratischen Freund. Er ist eng verbunden gewesen mit Ottmar Schreiner und alles andere als ein konservativer Seeheimer. Umso erstaunlicher seine politische Perspektive. Weil diese weit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16979\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,191,190],"tags":[718,974],"class_list":["post-16979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-spd","category-wahlen","tag-bundestagswahl","tag-rot-gruen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16979"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16979\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16997,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16979\/revisions\/16997"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}