{"id":173,"date":"2005-03-23T16:35:15","date_gmt":"2005-03-23T15:35:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=173"},"modified":"2016-03-17T08:22:25","modified_gmt":"2016-03-17T07:22:25","slug":"wie-mit-der-osterweiterung-der-eu-die-steuerverfassung-in-deutschland-ausgehebelt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=173","title":{"rendered":"Wie mit der Osterweiterung der EU die Steuerverfassung in Deutschland ausgehebelt wird"},"content":{"rendered":"<p>Ein Leser der NachDenkSeiten.<br>\n<!--more--><br>\nAuffallend ist bei der Erweiterung der Europ&auml;ischen Union nach Osten der totale Verzicht auf jedwede Theorie, die widerspruchslose Hinnahme einer politischen Faktizit&auml;t. Vor der europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion, der Vereinigung weitgehend homogener Staaten in einer europ&auml;ischen W&auml;hrung, gab es im Jahre 1998 einen Dogmen- und Methodenstreit auf h&ouml;chstem Niveau, der zuletzt sogar vor dem Bundesverfassungsgericht ausgetragen wurden und an dem sich auch und vor allem mit unterschiedlichen Fronten die Wirtschaftswissenschaft beteiligte: Die Gegner der W&auml;hrungsunion wollten, dass die Gemeinschaft erst vollendet werden d&uuml;rfe nach einer langen Periode der Konvergenz, nach der erfolgreichen Angleichung der unterschiedlichen nationalen Systeme, als Abschluss und &bdquo;Kr&ouml;nung&ldquo; einer europ&auml;ischen Evolution.<\/p><p>Ohne sanften Strukturausgleich &uuml;ber die Wechselkurse bleibe, so war die herrschende Meinung, f&uuml;r die jeweiligen Volkswirtschaften mit ihren unterschiedlichen Kapitalausstattungen und Produktivit&auml;ten nur die direkte und brutale Anpassung &uuml;ber den Kosten- und Preiswettbewerb. Es m&uuml;sse mit verst&auml;rktem Zuzug aus den Billiglohnl&auml;ndern des gemeinsamen Binnenmarktes und demzufolge auch mit verst&auml;rktem Druck auf die nationalen Tarif- und Sozialsysteme gerechnet werden. Die Finanzlage der sozialen Ausgleichssysteme werde sich noch prek&auml;rer gestalten, denn mit dem wachsenden &Uuml;berangebot von Arbeitskr&auml;ften am deutschen Arbeitsmarkt w&uuml;rde die Arbeitslosigkeit noch einmal kr&auml;ftig zunehmen, die Arbeitgeber w&uuml;rden von Lohnkosten entlastet. Die Position der Gro&szlig;unternehmen und Arbeitgeberverb&auml;nde in der Tarifpolitik w&uuml;rde gest&auml;rkt. Die Euro-Begeisterung von Gewerkschaften und linken Parteien sei unverst&auml;ndlich. Der Sozialstaat, in einer 120j&auml;hrigen &Auml;ra in Deutschland aufgebaut, werde zu Bruch gehen. Der Arbeitsmarkt m&uuml;sse die volle Last des fehlenden Wechselkursausgleichs im Binnenmarkt &uuml;bernehmen. Und die politische Klasse werde, als w&auml;re sie ohnm&auml;chtig, den Abbau der Arbeitspl&auml;tze beobachten und mit dem Hinweis auf einen Strukturwandel und auf die Globalisierung rechtfertigen, die keine Naturgewalten, sondern politisch zu verantworten seien.<\/p><p>Diese skeptischen Prognosen aus dem Jahr 1998 waren eine richtige Beschreibung der Zukunft der W&auml;hrungsunion, wie im Jahr 2004 zu konstatieren ist. Die Strukturunterschiede zu den &ouml;stlichen Nachbarl&auml;ndern, die der Union beigetreten sind oder noch ihre Mitglieder werden, sind viel dramatischer, und wenn diese L&auml;nder auch noch einige Jahre auf den Euro warten m&uuml;ssen, so werden die Wechselkurse faktisch schon jetzt weitgehend fixiert. Die wechselseitigen Anpassungsprobleme werden also noch gewaltiger werden, aber diskutiert werden sie nicht mehr. Eine Alternative wird nicht einmal in der Theorie angedacht. Der herrschende Neoliberalismus ist von Grund auf fatalistisch, er theoretisiert nicht, sondern predigt und postuliert. Und die Politiker starren gel&auml;hmt wie die Kaninchen auf die Schlange der von ihnen zumindest f&uuml;r Europa gewollten und erweiterten Globalisierung.<\/p><p>Die neuen Mitgliedsl&auml;nder sind in der EU noch nicht warm geworden, und schon befindet sich die Gemeinschaft in der erbitterten Konkurrenz der Steuersysteme. Da die Harmonisierung der direkten Steuern nicht zum Programm der Europ&auml;ischen Union geh&ouml;rt, wird dieser Wettbewerb zur Verdr&auml;ngung der Einkommen- und K&ouml;rperschaftsteuer durch die indirekten Steuern, vor allem durch die Mehrwertsteuer f&uuml;hren. Die Produzenten werden weitgehend von ihren klassischen Steuern entlastet, die Finanzierung des Staates wird den Konsumenten bzw. den Arbeitnehmern aufgeb&uuml;rdet. Diesen geschichtlichen Prozess hat in bemerkenswerter Offenheit der &bdquo;Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung&ldquo; in seinem Jahresgutachten 2003\/2004 beschrieben und dokumentiert, dass n&auml;mlich Begriffe wie Steuersystematik und Verteilungsgerechtigkeit nur noch eine S&auml;ttigungsbeilage f&uuml;r das naive Volk sind, ganz ohne einen sittlichen N&auml;hrwert. Aus der Politik h&ouml;rt man schon die ersten, noch etwas versch&auml;mten, aber schon zustimmenden Echos auf diese Analyse.<\/p><p>Die Sachverst&auml;ndigen konstatieren: Die synthetische Einkommensteuer gew&auml;hrleistet zwar eine horizontale Steuergerechtigkeit, weil sie gleiche Einkommen unabh&auml;ngig von ihrer Herkunft gleich besteuert. Doch fehlt ihr die Effizienz, und darunter versteht der Rat die politische Lenkung der Kapital- und Investitionsstr&ouml;me hin zum eigenen Standort. Diese Effizienz kann nur leisten eine Schedulensteuer, die Einkunftsarten je nach ihrer vermuteten oder erw&uuml;nschten volkswirtschaftlichen Funktionalit&auml;t und ihrer internationalen Freiz&uuml;gigkeit unterschiedlich belastet.<\/p><p>Im Vordergrund einer jeden Steuerreform habe also die &bdquo;Verbesserung der Standortqualit&auml;t&ldquo; zu stehen, die &bdquo;Forderungen nach Steuergerechtigkeit sind nachrangig&ldquo; geworden! Jeder Staat habe die Pflicht, durch niedrige Steuers&auml;tze mobiles Kapital oder mobile Unternehmen anzulocken. Dadurch komme es zu einem Steuerwettlauf nach unten mit dem Ergebnis, dass aus der Besteuerung international mobiler Faktoren nur noch ein geringes Aufkommen resultiert. Deshalb m&uuml;sse sich die Steuerpolitik l&ouml;sen vom Ideal der synthetischen, d.h. der gerechten Einkommensbesteuerung, &bdquo;Arbeitseinkommen&ldquo; und &bdquo;Kapitaleinkommen&ldquo; seien k&uuml;nftig getrennt und unterschiedlich zu besteuern. Die jetzige Einkommensteuer sei abzul&ouml;sen durch eine &bdquo;duale Einkommensteuer&ldquo;: Kapitaleinkommen, das sind Unternehmensgewinne, Dividenden, Zinsen, Eink&uuml;nfte aus Vermietung und Verpachtung sowie private Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne seien in einer Einkunftsart zusammenzufassen und einem niedrigen Proportionaltarif zu unterwerfen. Die Arbeitseinkommen aber, also die L&ouml;hne, auch die kalkulatorischen Unternehmerl&ouml;hne, Pensionen, die gesetzliche Altersrenten und die staatlichen Transferzahlungen seien progressiv und wesentlich h&ouml;her zu besteuern. Die K&ouml;rperschaftsteuer sei zu integrieren in die Kapitaleinkommensteuer. Der K&ouml;rperschaftsteuersatz und der proportionale Satz der Kapitaleinkommensteuer seien dann also identisch, die Doppelbesteuerung von Aussch&uuml;ttungen sowie von Gewinnen aus der Ver&auml;u&szlig;erung von Anteilen an Kapitalgesellschaft solle vollst&auml;ndig vermieden werden. Begr&uuml;ndung: Kapitaleinkommen seien international wesentlich mobiler als Arbeitseinkommen. Deshalb sei das international mobile Kapital schonender zu besteuern als die immobilen Produktionsfaktoren wie die Arbeit. &bdquo;Andernfalls w&auml;re ein weiterer Kapitalabfluss zu Lasten des nationalen Steueraufkommens, der heimischen Investitionen und der Arbeitspl&auml;tze zu bef&uuml;rchten, der ein Land zu einer noch h&ouml;heren Besteuerung des Arbeitseinkommens zwingen kann, soweit dies zur Deckung seines Finanzbedarfes erforderlich ist.&ldquo; Bei einer solchen Systemumstellung seien &bdquo;begrenzte Verletzungen der Neutralit&auml;t und Gleichm&auml;&szlig;igkeit der Besteuerung hinzunehmen.&ldquo;<\/p><p>Der Sachverst&auml;ndigenrat nennt als Vorbilder eines solchen dualen Systems die nordischen L&auml;nder Finnland, Norwegen und Schweden. In Finnland werden ab dem Jahr 2003 die Arbeitseinkommen progressiv mit 29 bis 52 Prozent besteuert, Kapitaleinkommen und K&ouml;rperschaften proportional mit 29 Prozent; in Norwegen m&uuml;ssen von Arbeitseinkommen 28 bis 55,3 Prozent abgef&uuml;hrt werden, die Bezieher von Kapitaleinkommen und die Kapitalgesellschaften zahlen 28 Prozent. Schweden: Arbeitseinkommen 31 bis 56 Prozent, Kapitaleinkommen 30 Prozent, K&ouml;rperschaftsteuer 28 Prozent. In diesem Reformkonzept des Sachverst&auml;ndigenrates ist also aus der ehemals liberalen Vorstellung, dass der Staat die Wirtschaft nicht &uuml;ber die Steuern zu lenken hat, dass allein die steuerliche Leistungsf&auml;higkeit von B&uuml;rgern und Unternehmen der Ma&szlig;stab f&uuml;r eine gerechte Besteuerung ist, ein Lenkungsmechanismus geworden, in dem die Einkunftsarten nach ihrer jeweiligen oder vermeintlichen N&uuml;tzlichkeit f&uuml;r die Volkswirtschaft evaluiert werden. Es bleibt das Geheimnis der Sachverst&auml;ndigen, wie sie, die sie doch alle stolz sind auf ihren liberalen Taufschein, dieses System noch vereinbaren k&ouml;nnen mit ihrer marktwirtschaftlichen Konfession. Sie werden jedoch ihre J&uuml;nger finden.<\/p><p>Den Augenschein f&uuml;r die Intensit&auml;t dieser Entwicklung liefert vor allem die Slowakei nach ihrem EU-Beitritt. Dort zahlen Schuster, Schneider und Konzerne, Million&auml;re und der kleine Mann ab 1.1.2004 ohne Unterscheidung von Einkunftsart und Einkommensh&ouml;he linear 1 Prozent Einkommensteuer. Daf&uuml;r wird die Umsatzsteuer, die nur die Arbeitnehmer und die Verbraucher trifft, von 10 auf 19 Prozent erh&ouml;ht. Andere osteurop&auml;ische L&auml;nder, die zum 1. Mai 2004 der EU beigetreten sind, haben ihre Steuersysteme &auml;hnlich umgebaut, und das ausdr&uuml;cklich auch in der Absicht des Wettbewerbs mit den klassischen Steuersystemen der alten Mitgliedsl&auml;nder. Die ehemals kommunistischen Beitrittsl&auml;nder sind zum Neoliberalismus konvertiert und finanzieren sich vorwiegend aus einer indirekten Besteuerung nur des gemeinen Volkes, und selbstverst&auml;ndlich auch aus den Subventionen der alten EU-L&auml;nder, denen sie das Kapital abwerben. Da die Voraussetzung einer Harmonisierung der direkten Steuern die Einstimmigkeit aller Mitgliedsl&auml;nder ist, kann dieser unfaire Wettbewerb auch nicht durch eine Br&uuml;sseler Entscheidung bek&auml;mpft werden.<\/p><p>Nach dem Verfassungsrecht der klassischen Industriel&auml;nder ist die steuerliche Leistungsf&auml;higkeit der alleinige Ma&szlig;stab f&uuml;r Steuergerechtigkeit. Nach der st&auml;ndigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes sind die Steuerlasten auf die Steuerpflichtigen im Verh&auml;ltnis ihrer wirtschaftlichen Leistungsf&auml;higkeit zu verteilen, ein Grundsatz, den &uuml;brigens Adam Smith schon im Jahre 1776 im &bdquo;Wohlstand der Nationen&ldquo; aufgestellt hat. Insofern ist die niedrige Linearbesteuerung in den Beitrittsl&auml;ndern in Verbindung mit einer drakonischen Umsatzsteuer, die in Polen schon 22 Prozent betr&auml;gt, aus deutscher Sicht auch verfassungswidrig. <\/p><p>Right or wrong, die Macht des Faktischen wird also auch in Deutschland zu einer Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer f&uuml;hren! <\/p><p><strong>Anmerkung der Redaktion:<\/strong><br>\nNach unserer Einsch&auml;tzung ist diese &bdquo;Macht des Faktischen&ldquo; mehr als die &bdquo;widerspruchslose Hinnahme der politischen Faktizit&auml;t&ldquo; ist. Es ist politisch gewollt oder zumindest billigend in Kauf genommen. Der Autor beschreibt selbst, wie etwa 1998 &uuml;ber die europ&auml;ische W&auml;hrungsunion ein &bdquo;Dogmen- und Methodenstreit auf h&ouml;chstem Niveau&ldquo; stattgefunden hat und wie schon damals gewarnt wurde, dass das, was heute konstatiert werden muss, &bdquo;keine Naturgewalten&ldquo; bewirkt h&auml;tten, sondern &bdquo;politisch zu verantworten&ldquo; sei. Er belegt auch eindrucksvoll, wie etwa der Sachverst&auml;ndigenrat seine &bdquo;marktwirtschaftliche Konfession&ldquo; bedenkenlos preisgibt und wie in seinen Gutachten &bdquo;Begriffe wie Steuersystematik und Verteilungsgerechtigkeit nur eine S&auml;ttigungsbeilage f&uuml;r das naive Volk&ldquo; werden, wenn es darum gehe, den Interessen der international mobilen Kapitaleinkommen Rechnung zu tragen.<br>\nSchlimm ist, dass die Politik daraus keine Lehren zieht und nach dem Unternehmenssteuersenkungswettlauf mit der Bolkestein-Dienstleistungsrichtlinie auch noch dem Lohn- und Sozialdumping T&uuml;r und Tor &ouml;ffnen will. Daran werden auch die j&uuml;ngsten Modifizierungen durch den Rat der Europ&auml;ischen Union nicht viel &auml;ndern.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Leser der NachDenkSeiten. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,137],"tags":[427,443,449,1207],"class_list":["post-173","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-steuern-und-abgaben","tag-einkommensteuer","tag-standortwettbewerb","tag-umsatzsteuer","tag-unternehmenssteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=173"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32199,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/173\/revisions\/32199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}